Europa aus dem All. Aufgenommen vom Satelliten "Envisat"

18.11.2009 | Von:
Maria Jepsen

Europa braucht Barmherzigkeit

Standpunkt Maria Jepsen

Aus der traditionell christlichen Prägung Europas erwachse eine besondere Verantwortung für das europäische Projekt, das von den Kirchen als Friedensprozess begriffen wird. Deshalb gelte es, den Begriff der Barmherzigkeit privat, politisch und geistlich mit Leben zu füllen, sagt die Theologin Maria Jepsen.

Maria JepsenMaria Jepsen (© Maria Jepsen)
Europa ist seit Jahrhunderten religiös und kulturell vorwiegend christlich geprägt. Diese Feststellung macht uns stolz, ist aber auch eine Verpflichtung, der wir uns stellen müssen. Daher haben sich die Christen Europas auf eine Charta verständigt, die das christliche Bild von Europa sowie die Pflichten, die für Christen aus ihrer Verantwortung erwachsen, festlegt. Diese Charta Oecumenica (CO), die am 22. April 2001 in Straßburg von Metropolit Jéremie (Konferenz Europäischer Kirchen, KEK) und Kardinal Vlk (Consilium Conferentiarum Epispocorum Europae, CCEE) unterzeichnet wurde, hat seither für die kirchlichen Ansichten und Aktivitäten auf europäischer Ebene grundlegende Bedeutung.

Die Charta versteht sich als Basistext für die kirchliche Arbeit in Europa. Sie ist eine Sammlung von Leitlinien für die wachsende Zusammenarbeit der Kirchen in Europa, zu deren Beachtung sich die teilnehmenden Kirchen verpflichten. Die KEK, die Konferenz Europäischer Kirchen, vertritt dabei die meisten orthodoxen, reformatorischen, anglikanischen, freikirchlichen und altkatholischen Kirchen in Europa, die CCEE die römisch-katholischen Bischofskonferenzen in Europa. Damit ist die Charta, zumindest ihrem Anspruch nach, eine Willenskundgebung fast aller Christinnen und Christen Europas. Sie legt außerdem Ziele fest, auf deren Verwirklichung die Kirchen bei der Ausgestaltung Europas im Zuge seines politischen Zusammenwachsens achten wollen.

Damit verstehen sich die Kirchen nicht als Außenseiter oder bloße Beobachter des europäischen Prozesses, sondern erheben den Anspruch der Mitgestaltung Europas. Sie tun das in durchaus selbstkritischer Weise:"Durch die Jahrhunderte hindurch hat sich ein religiös und kulturell vorwiegend christlich geprägtes Europa entwickelt. Zugleich ist durch das Versagen der Christen in Europa und über dessen Grenzen hinaus viel Unheil angerichtet worden. Wir bekennen die Mitverantwortung an dieser Schuld und bitten Gott und die Menschen um Vergebung. Unser Glaube hilft uns, aus der Vergangenheit zu lernen und uns dafür einzusetzen, dass der christliche Glaube und die Nächstenliebe Hoffnung ausstrahlen für Moral und Ethik, für Bildung und Kultur, für Politik und Wirtschaft in Europa und in der ganzen Welt." (CO III,7)

Eines der wesentlichen Ziele wird bereits im Vorwort der Charta beschrieben:"Auf unserem europäischen Kontinent zwischen Atlantik und Ural, zwischen Nordkap und Mittelmeer, der heute mehr denn je durch eine plurale Kultur geprägt wird, wollen wir mit dem Evangelium für die Würde der menschlichen Person als Gottes Ebenbild eintreten und als Kirchen gemeinsam dazu beitragen, Völker und Kulturen zu versöhnen." Die "wichtigste Aufgabe der Kirchen in Europa" sei es dabei, "gemeinsam das Evangelium durch Wort und Tat für das Heil aller Menschen zu verkündigen" (CO II,2) und Abstand zu nehmen von "schädlicher Konkurrenz" untereinander. Damit das keine leeren Worte bleiben, wird die Einrichtung ökumenischer Gremien auf allen Ebenen empfohlen. Basisnah gilt es, vor allem auch "die Rechte von Minderheiten zu verteidigen und zu helfen, Missverständnisse und Vorurteile zwischen Mehrheits- und Minderheitskirchen ... abzubauen." (CO II,4)(Für den Ostseeraum etwa arbeiten die Kirchen der anrainenden Staaten inzwischen im Netzwerk Theobalt zusammen für Verständigung und Frieden.)

Bei der politischen Mitgestaltung Europas setzen sich die unterzeichnenden Kirchen "für ein humanes und soziales Europa ein, in dem die Menschenrechte und die Grundwerte des Friedens, der Gerechtigkeit, der Freiheit, der Toleranz, der Partizipation und der Solidarität zur Geltung kommen. Wir betonen die Ehrfurcht vor dem Leben, den Wert von Ehe und Familie, den vorrangigen Einsatz für die Armen, die Bereitschaft zur Vergebung und in allem die Barmherzigkeit." (CO III,7)Es wird die Gefahr gesehen, dass "Europa sich zu einem integrierten Westen und einen desintegrierten Osten entwickelt. Auch das Nord-Süd-Gefälle ist zu beachten. Zugleich ist jeder Eurozentrismus zu vermeiden und die Verantwortung Europas für die ganze Menschheit zu stärken, besonders für die Armen in der ganzen Welt." (CO III,7) Ausdrücklich wird die "Vielfalt der regionalen, nationalen, kulturellen und religiösen Traditionen" als Reichtum betrachtet (CO III,8) Hier setzt sich die Charta vor allem für "gewaltfreie Konfliktlösungen" ein. Man will dazu beitragen, "dass Migrantinnen und Migranten, Flüchtlinge und Asylsuchende in Europa menschenwürdig aufgenommen werden", verpflichtet sich, jedem Nationalismus entgegenzutreten, der zur "Unterdrückung anderer Völker und nationaler Minderheiten führt" und will die "Stellung und Gleichberechtigung der Frauen in allen Lebensbereichen" fördern. (CO III,8).

Gegen die Ausbeutung der Güter der Erde drängt man auf "nachhaltige Lebensbedingungen für die ganze Schöpfung" und verpflichtet sich, "einen Lebensstil weiterzuentwickeln, bei dem wir gegen die Herrschaft von ökonomischen Zwängen und von Konsumzwängen auf verantwortbare und nachhaltige Lebensqualität Wert legen". (CO III,9)Man will die christlich-jüdische Zusammenarbeit fördern und verpflichtet sich, "allen Formen von Antisemitismus und Antijudaismus in Kirche und Gesellschaft entgegenzutreten;" sowie "auf allen Ebenen den Dialog mit unseren jüdischen Geschwistern zu suchen und zu intensivieren." (CO III,10)

"Die Begegnung zwischen Christen und Muslimen sowie den christlich-islamischen Dialog" will man, auch angesichts "massiver Vorbehalte und Vorurteile auf beiden Seiten", intensivieren, das Gespräch über den einen Gott führen und das "Verständnis der Menschenrechte" klären - dies alles unter der Verpflichtung, "den Muslimen mit Wertschätzung zu begegnen," und "bei gemeinsamen Anliegen mit den Muslimen zusammenzuarbeiten." (CO III,11).Die Charta stellt fest: "Die Pluralität von religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen und Lebensformen ist ein Merkmal der Kultur Europas geworden." Daraus folgt die Verpflichtung, "die Religions- und Gewissensfreiheit von Menschen und Gemeinschaften anzuerkennen und dafür einzutreten, dass sie individuell und gemeinschaftlich, privat und öffentlich ihre Religion und Weltanschauung im Rahmen des geltenden Rechtes praktizieren dürfen." (CO III, 12)

Alles in allem begreifen die Kirchen das Projekt Europa als einen langsamen Friedensprozess. Vor dem Hintergrund der Geschichte der beiden Weltkriege und der konfliktreichen europäischen Geschichte wollen sie der Versöhnung dienen, ohne dabei ihre eigenen Überzeugungen zu kaschieren.Die Kirchen wehren sich seit langem in der Armutsfrage gegen eine Verengung des Blicks nur auf Europa oder die eigene Region und betonen die weltweite Verantwortung gerade der reicheren Regionen. Zudem: Das in Sachen Kultur und Religion seit alters gepflegte europäische Überlegenheitsgefühl anderen Kontinenten gegenüber muss revidiert werden.Andrea Riccardi etwa warnt und mahnt: "Der kulturelle Übergang vom Imperialismus zur Interesselosigkeit, der sich in der öffentlichen Meinung Europas allgemein vollzogen zu haben scheint, zwingt uns zu einer Gewissensprüfung." (A.R. Der Präventivfriede, 116f.) Man ist auf dem Weg zu einem Dialog der Kulturen und Religionen, vor Ort und weltweit.Forderte der frühere Präsident der Europäischen Kommission, Jacques Delors: "Europa braucht eine Seele", so bringt die Charta Oecumenica einen alten Begriff ins Gespräch, den es privat, politisch und geistlich mit Leben zu füllen gilt: Barmherzigkeit.