Europa aus dem All. Aufgenommen vom Satelliten "Envisat"

20.1.2010 | Von:
Bernd Posselt

Griechische Philosophie, römisches Recht und Christentum

Standpunkt Bernd Posselt

Die ehemalige österreichische Außenministerin Ursula Plassnik hat mit Recht darauf verwiesen, dass für unsere Zeit die Integration Südosteuropas genauso eine gewaltige Herausforderung bilde wie seinerzeit die deutsch-französische Versöhnung für Konrad Adenauer und Robert Schuman, an denen wir uns heute orientieren könnten. Papst Johannes Paul II. hat darüber hinaus durch sein Lebenswerk deutlich gemacht, dass das, was im Inneren Europas mit der Versöhnung seiner Völker geschieht, im Weltmaßstab als Verständigung zwischen den Kulturen und Religionen betrieben werden muss um den sogenannten Clash of Civilizations zu vermeiden.

Doch gerade diese Aufgabenstellung ist nicht zu meistern, wenn Europa nur Träger gemeinsamer Traditionen ist, die langsam verblassen, und nicht immer wieder erneuert wird von einer lebendigen Kultur und einem lebendigen Glauben. Die Frage nach den geistigen Grundlagen europäischer Gegenwarts- und Zukunftsbewältigung wird in den europäischen Institutionen vielfach mit der Floskel von der "Wertegemeinschaft" beantwortet. Je öfter man sie wiederholt, desto mehr droht sie zur Mogelpackung zu verkommen, denn so gut wie niemals wird geklärt, um welche Werte es sich eigentlich handelt. Genügen hier ein libertärer Freiheitsbegriff oder die ideologisch vor allem von Sozialisten aller Schattierungen instrumentalisierten Worte "Nichtdiskriminierung" und "Antifaschismus"?

Europa muss sich positiv definieren, wenn es Zukunft haben will. Sein entscheidender Wert ist der Personalismus, d.h. die unantastbare Würde des Menschen, wie sie an der Spitze sowohl des deutschen Grundgesetzes als auch der EU-Grundrechtecharta steht. Personalismus unterscheidet sich vom Individualismus, weil er nicht nur den Einzelnen sieht, sondern auch den Menschen als Gemeinschaftswesen. Als Geschöpf Gottes ist er nicht nur mit unveräußerlichen Rechten ausgestattet, sondern besitzt auch Pflichten - gegenüber Gott, gegenüber dem Nächsten und gegenüber den natürlichen Gemeinschaften wie Familie etc.. Sowohl schrankenloser Individualismus als auch freiheitsfeindlicher Kollektivismus drohen heute, wie schon im 20. Jahrhundert, den personalistischen Kern des Europäertums, der allein auf Dauer Freiheit garantieren kann, zu zerstören.

Der Gedanke eines übernationalen Rechts, das für alle Bürger und Völker gleichermaßen gilt, hält Europa in besonderer Weise zusammen. Deshalb war es ein entscheidender Schritt vom Staatenbund zu einer echten supranationalen Gemeinschaft, dass die EU unmittelbar Recht setzt, das doppelt legitimiert wird: durch eine Staatenkammer namens Rat, in der die Regierungen der Mitgliedstaaten sitzen, und durch das direkt gewählte Europäische Parlament. Letzteres ist beim Mitentscheidungsverfahren mit dem Rat gleichberechtigt und hat sogar das letzte Wort, weshalb zu den wichtigsten Punkten des ursprünglichen Verfassungs- und jetzigen Lissabonner Vertrages gehört, dass künftig nicht nur wie bisher 60 Prozent der EU-Gesetzgebung diesem Verfahren unterliegen sollen, sondern 90 Prozent.

Zu den Fehlern des jetzigen EU-Reformvertrages - der ansonsten für die EU nicht nur gut, sondern überlebensnotwendig ist - gehört die Tatsache, dass darin, anders als zuvor im Verfassungsvertrag, die europäischen Symbole nicht mehr verankert sind. Sie existieren zwar weiter, doch es wurde durch diesen Streichungsvorgang der Staats- und Regierungschefs deutlich, dass sie die emotionale Seite der europäischen Einigung sträflich unterschätzen. Dabei kann Europa stolz sein auf seine Fahne, seine Hymne, seinen Feiertag, aber auch auf seine potentielle Hauptstadt. Die Fahne mit den zwölf Sternen auf blauem Grund ist nicht nur schön, sondern in der Sprache der Antike und auch der Bibel Sinnbild der Vollkommenheit. Das Jahr hat zwölf Monate, der Tag zweimal zwölf Stunden, das Volk Israel bestand dem Alten Testament zufolge aus zwölf Stämmen, das himmlische Jerusalem hatte zwölf Tore und die Muttergottes zwölf Sterne um ihr Haupt.

Die Hymne, Beethovens Vertonung der "Ode an die Freude", hatte nie eine blutrünstige Bedeutung wie die meisten Nationalhymnen. Coudenhove-Kalergi, der sie schon beim ersten Paneuropa-Kongress 1926 vorschlug, begründete dies damit, dass die Musik dieses großen Komponisten Sprachgrenzen überwinde und Völker verbinde. Hinzu kommt der noch nicht zur offiziellen Hymne gehörende, aber menschen- und völkerversöhnende Text Schillers. Der neunte Mai als Europa-Feiertag erinnert wiederum an die berühmte Erklärung Robert Schumans, der die Kohle- und Stahlgemeinschaft schuf, mit der Rohstoffkriege in Europa endlich unmöglich gemacht werden sollten. Sollte es außerdem noch gelingen, den Sitz und wichtigsten Arbeitsort des Europäischen Parlamentes, Straßburg, eines Tages zur Europahauptstadt zu machen, könnte auch dies wesentlich zum Zusammenhalt der EU beitragen. Straßburg ist keine nationale Metropole wie Brüssel oder Luxemburg und steht außerdem für Versöhnung, für Menschenrechte und für über ein halbes Jahrhundert europäischer Demokratie, die aus alten Wurzeln gewachsen ist, die das Straßburger Münster symbolisiert.