Europa aus dem All. Aufgenommen vom Satelliten "Envisat"
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20.1.2010 | Von:
Bernd Posselt

Griechische Philosophie, römisches Recht und Christentum

Standpunkt Bernd Posselt

Bernd Posselt sieht wie Theodor Heuss griechische Philosophie, römisches Recht und besonders das Christentum als die tragenden Säulen Europas. Das Christentum sei die lebensspendenste unter den Wurzeln Europas.
Bernd PosseltBernd Posselt (© Bernd Posselt)
Basiert die Europäische Union auf jahrtausendelang gewachsenen Strukturen und Ideen, oder ist sie ein künstliches Gebilde, das man beliebig verändern und ausdehnen kann? Die Gründerväter der europäischen Einigung nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg sprachen stets davon, dass Europa keine Neuerfindung, sondern eine Wiederentdeckung sei. Im Klartext: Nach dem jahrhundertelangen Irrweg der Nationalstaatlichkeit, der in die Katastrophe der beiden Weltkriege, in denen sich Europa selbst zerfleischte, gemündet war, galt es, die viel älteren Gemeinsamkeiten wieder aus dem Schutt des Nationalismus auszugraben.

Auch heute, in einem krisenhaften Moment der europäischen Entwicklung, sind es nicht nur Sonntagsredner, die sich mit der europäischen Identität befassen. Es ist das bleibende Verdienst des früheren österreichischen Bundeskanzlers Wolfgang Schüssel, dass er nach der Ablehnung des Verfassungsvertrages durch Referenden in Frankreich und in den Niederlanden sowie den irreführenden Vorschlägen einer britischen Ratspräsidentschaft, die mit Tony Blair an der Spitze eine Art verschönerte Freihandelszone anstrebte, die EU wieder auf den richtigen Kurs brachte, indem er die Frage nach dem Sinn und den geistigen Grundlagen der Integration aufwarf.

Dabei nahm Schüssel in fast jeder seiner Reden als EU-Ratspräsident Bezug auf den Paneuropa-Gründer Richard Graf Coudenhove-Kalergi. Für diesen - halb Japaner, halb Europäer - war Europa stets eine gewachsene kulturelle und geistige Einheit, die nur noch eines politischen Überbaues bedurfte. Klassisch ist die Formel, die der erste deutsche Bundespräsident Theodor Heuss - kein konservativer Katholik, sondern ein liberaler Protestant - wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg gern verwendete: Europa sei auf drei Hügeln gebaut, nämlich der Akropolis für die griechische Philosophie, dem Kapitol für das römische Recht und Golgotha für das Christentum.

Dies hat noch heute seine Richtigkeit, und umso desintegrierender wirkt auf Europa die nahezu hysterische Furcht, mit der die meisten Staats- und Regierungschefs der EU oder auch die bisherige Identitätsbeauftragte der EU-Kommission, Margot Wallström mit ihrem reichhaltigen Werbeetat, sich weigern, diese Tatsachen auch nur zu erwähnen. Stattdessen flüchten sich viele Machthaber in Formeln wie "Europa ist Vielfalt" oder "Europa ist Toleranz". Doch Asien und Afrika sind wesentlich vielfältiger, will sagen kulturell zerrissener, während Europa als Halbinsel Eurasiens nur dadurch zum Kontinent wurde, dass es gemeinsame geistige Grundlagen entwickelte. Europa besteht anders als seine Nachbarkontinente nicht aus mehreren Kulturen, sondern aus den bunten nationalen und regionalen Facetten der europäischen Kultur. Und was soll Toleranz sein, wenn man keinen eigenen Standpunkt kennt? Wirklich tolerant kann nur sein, wer auf dem Boden der eigenen Vorstellungen den anderen akzeptiert.

Der Toleranzgedanke ist daher wichtig, ja eine Überlebensfrage, kann aber die eigene Substanz keinesfalls ersetzen. Im schwedischen Stockholm wie im mazedonischen Ohrid, im portugiesischen Coimbra wie im ukrainischen Kiew ist mit Händen zu greifen, dass die lebensspendendste unter den Wurzeln Europas stets das Christentum war, auch wenn es keine exklusiv europäische Religion ist und man Europäer sein kann, ohne Christ zu sein. Ohne Christentum gäbe es auch keinen Liberalismus, Sozialismus oder Laizismus, die Europa ebenfalls geprägt haben. Europas Kultur wurde jahrhundertelang über die Grenzen unseres Erdteiles hinweg exportiert - etwa in die beiden Amerikas, nach Australien und Neuseeland oder in den asiatischen Teil Russlands. Dennoch gibt es nach wie vor spezifisch Europäisches. Dazu zählt die seit der Völkerwanderung entwickelte politische und kulturelle Balance zwischen Germanen, Romanen und Slawen, die gemeinsam mit kleineren Völkerschaften wie Ungarn, Finnen, Albanern oder Basken die europäische "Nation der Nationen" bilden. Ihre Identität wurde geformt wie die Identitäten fast aller Gemeinschaften: Durch gemeinsame Wurzeln, Erfahrungen und Erlebnisse, durch gemeinsame Aufgaben in der Gegenwart, aber auch durch gemeinsame Überzeugungen und Zukunftsvisionen.

Zum gemeinsamen Gedächtnis tragen vor allem Kultur und Geschichtsschreibung bei. Seit die Spätantike griechisch-römisches Erbe und Christentum verschmolz und seit Merowinger, Karolinger, benediktinisches Mönchtum und Kirche diese Traditionen auf den ganzen Kontinent übertrugen, haben die meisten Europäer, wenn auch in unterschiedlicher Dichte und unterschiedlichen Mischungsverhältnissen, dieselben geistesgeschichtlichen Strömungen durchlaufen. Dasselbe gilt für Musik- und Architekturepochen. Freilich gibt es Ausnahmen, etwa auf dem Balkan, den die Türkenherrschaft jahrhundertelang zumindest teilweise vom restlichen Europa isolierte, oder Ausdünnungen an den Peripherien.

Zum kollektiven Gedächtnis der Europäer gehören auch die Katastrophen und Kriege: Der Vorstoß der Araber bis Tours und Poitiers, den erst Karl Martell, der Großvater Karls des Großen, zurückschlug, was die Europäer sich erstmals als Gemeinschaft empfinden ließ; der selbstmörderische Dreißigjährige Krieg und der Spanische Erbfolgekrieg, in die fast alle Europäer verwickelt waren; die Bedrohung durch die Türkenkriege, die europaweite Auseinandersetzung mit den bonapartistischen Truppen oder der Erste und der Zweite Weltkrieg. Am Beispiel der angeblichen deutsch-französischen Erbfeindschaft und ihrer Überwindung durch Versöhnung wird deutlich, dass gerade auch Kriege, die Europäer gegeneinander geführt haben, in der Erinnerung der Heutigen zusammenführen, weil die Beseitigung der Konflikte von gestern zum entscheidenden Kitt für heute und morgen geworden ist.

Deshalb sind Versöhnung und Völkerverständigung, die manche, zumindest was die europäische Einigung betrifft, vorschnell als Begriffe von gestern abstempeln wollen, in Wirklichkeit der unverzichtbare Gründungsmythos des heutigen und auch des zukünftigen Europa. Was zwischen Deutschland und Frankreich gelungen ist, muss zum Beispiel zwischen Deutschen und Tschechen, Deutschen und Polen, Ungarn und Slowaken, Serben und Albanern, Griechen und Mazedoniern, um nur diese Beispiele herauszugreifen, noch verwirklicht werden. Doch auch der Zusammenhalt zwischen West- und Ostfranken, wie Charles de Gaulle in Anlehnung an den gemeinsamen Herrscher Karl den Großen Franzosen und Deutsche nannte, bedarf ständig der Pflege und Erneuerung.
Die ehemalige österreichische Außenministerin Ursula Plassnik hat mit Recht darauf verwiesen, dass für unsere Zeit die Integration Südosteuropas genauso eine gewaltige Herausforderung bilde wie seinerzeit die deutsch-französische Versöhnung für Konrad Adenauer und Robert Schuman, an denen wir uns heute orientieren könnten. Papst Johannes Paul II. hat darüber hinaus durch sein Lebenswerk deutlich gemacht, dass das, was im Inneren Europas mit der Versöhnung seiner Völker geschieht, im Weltmaßstab als Verständigung zwischen den Kulturen und Religionen betrieben werden muss um den sogenannten Clash of Civilizations zu vermeiden.

Doch gerade diese Aufgabenstellung ist nicht zu meistern, wenn Europa nur Träger gemeinsamer Traditionen ist, die langsam verblassen, und nicht immer wieder erneuert wird von einer lebendigen Kultur und einem lebendigen Glauben. Die Frage nach den geistigen Grundlagen europäischer Gegenwarts- und Zukunftsbewältigung wird in den europäischen Institutionen vielfach mit der Floskel von der "Wertegemeinschaft" beantwortet. Je öfter man sie wiederholt, desto mehr droht sie zur Mogelpackung zu verkommen, denn so gut wie niemals wird geklärt, um welche Werte es sich eigentlich handelt. Genügen hier ein libertärer Freiheitsbegriff oder die ideologisch vor allem von Sozialisten aller Schattierungen instrumentalisierten Worte "Nichtdiskriminierung" und "Antifaschismus"?

Europa muss sich positiv definieren, wenn es Zukunft haben will. Sein entscheidender Wert ist der Personalismus, d.h. die unantastbare Würde des Menschen, wie sie an der Spitze sowohl des deutschen Grundgesetzes als auch der EU-Grundrechtecharta steht. Personalismus unterscheidet sich vom Individualismus, weil er nicht nur den Einzelnen sieht, sondern auch den Menschen als Gemeinschaftswesen. Als Geschöpf Gottes ist er nicht nur mit unveräußerlichen Rechten ausgestattet, sondern besitzt auch Pflichten - gegenüber Gott, gegenüber dem Nächsten und gegenüber den natürlichen Gemeinschaften wie Familie etc.. Sowohl schrankenloser Individualismus als auch freiheitsfeindlicher Kollektivismus drohen heute, wie schon im 20. Jahrhundert, den personalistischen Kern des Europäertums, der allein auf Dauer Freiheit garantieren kann, zu zerstören.

Der Gedanke eines übernationalen Rechts, das für alle Bürger und Völker gleichermaßen gilt, hält Europa in besonderer Weise zusammen. Deshalb war es ein entscheidender Schritt vom Staatenbund zu einer echten supranationalen Gemeinschaft, dass die EU unmittelbar Recht setzt, das doppelt legitimiert wird: durch eine Staatenkammer namens Rat, in der die Regierungen der Mitgliedstaaten sitzen, und durch das direkt gewählte Europäische Parlament. Letzteres ist beim Mitentscheidungsverfahren mit dem Rat gleichberechtigt und hat sogar das letzte Wort, weshalb zu den wichtigsten Punkten des ursprünglichen Verfassungs- und jetzigen Lissabonner Vertrages gehört, dass künftig nicht nur wie bisher 60 Prozent der EU-Gesetzgebung diesem Verfahren unterliegen sollen, sondern 90 Prozent.

Zu den Fehlern des jetzigen EU-Reformvertrages - der ansonsten für die EU nicht nur gut, sondern überlebensnotwendig ist - gehört die Tatsache, dass darin, anders als zuvor im Verfassungsvertrag, die europäischen Symbole nicht mehr verankert sind. Sie existieren zwar weiter, doch es wurde durch diesen Streichungsvorgang der Staats- und Regierungschefs deutlich, dass sie die emotionale Seite der europäischen Einigung sträflich unterschätzen. Dabei kann Europa stolz sein auf seine Fahne, seine Hymne, seinen Feiertag, aber auch auf seine potentielle Hauptstadt. Die Fahne mit den zwölf Sternen auf blauem Grund ist nicht nur schön, sondern in der Sprache der Antike und auch der Bibel Sinnbild der Vollkommenheit. Das Jahr hat zwölf Monate, der Tag zweimal zwölf Stunden, das Volk Israel bestand dem Alten Testament zufolge aus zwölf Stämmen, das himmlische Jerusalem hatte zwölf Tore und die Muttergottes zwölf Sterne um ihr Haupt.

Die Hymne, Beethovens Vertonung der "Ode an die Freude", hatte nie eine blutrünstige Bedeutung wie die meisten Nationalhymnen. Coudenhove-Kalergi, der sie schon beim ersten Paneuropa-Kongress 1926 vorschlug, begründete dies damit, dass die Musik dieses großen Komponisten Sprachgrenzen überwinde und Völker verbinde. Hinzu kommt der noch nicht zur offiziellen Hymne gehörende, aber menschen- und völkerversöhnende Text Schillers. Der neunte Mai als Europa-Feiertag erinnert wiederum an die berühmte Erklärung Robert Schumans, der die Kohle- und Stahlgemeinschaft schuf, mit der Rohstoffkriege in Europa endlich unmöglich gemacht werden sollten. Sollte es außerdem noch gelingen, den Sitz und wichtigsten Arbeitsort des Europäischen Parlamentes, Straßburg, eines Tages zur Europahauptstadt zu machen, könnte auch dies wesentlich zum Zusammenhalt der EU beitragen. Straßburg ist keine nationale Metropole wie Brüssel oder Luxemburg und steht außerdem für Versöhnung, für Menschenrechte und für über ein halbes Jahrhundert europäischer Demokratie, die aus alten Wurzeln gewachsen ist, die das Straßburger Münster symbolisiert.
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