Europa aus dem All. Aufgenommen vom Satelliten "Envisat"

20.1.2010 | Von:
Emine Demirbüken-Wegner

Das heutige Europa gründet auf vielem

Standpunkt Emine Demirbüken-Wegner

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, eine parlamentarische Demokratie, die soziale Marktwirtschaft und außerdem die Verantwortung des Menschen für seinen Nächsten und die Umwelt: Für die in der Türkei geborene Emine Demirbüken-Wegner sind sie die Grundlagen der europäischen Werteordnung.

Emine Demirbüken-WegnerEmine Demirbüken-Wegner (© Emine Demirbüken-Wegner)
Meine erste Begegnung mit Europa fand mit meinem ersten Atemzug statt. Ich bin in Europa geboren. Diesen Umstand verdanke ich dem Zufall. Meine Eltern stammen aus dem Teil der Türkei, der an Syrien grenzt. In diesem Sinne entspricht meine Herkunft dem allgemeinen (Vor)Urteil über das Gastarbeiterkind aus der tiefsten anatolischen "Ecke" der Türkei. Meine Eltern waren Teil der modernen europäischen Völkerwanderung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Mensch folgt dem Angebot an Arbeit. Das hieß für meinen Papa: Auf nach Istanbul! Er nahm später eine Wohnung im westlichen, europäischen Teil. Meine Mutter zog nach. Meine Geburt fand in einem in der Nähe befindlichen Krankenhaus statt. Also: Ich bin geborene Europäerin!

Meine zweite Begegnung mit Europa folgte knappe sieben Jahre später. Mein Vater beschloss, dem Arbeitsangebot in Deutschland zu folgen. Zunächst Stuttgart, dann Berlin. Dort etabliert holte er die Familie nach. Wir waren damals zu viert: mein Vater, meine Mutter, mein fünf Jahre jüngerer Bruder und ich. Wir zogen in ein schon damals vorhandenes "Ghetto". Zwar gab es noch nicht den tollen Begriff der "Parallelgesellschaft". Aber der Aufgang unseres Miethauses war bereits rein türkisch, die sonstige Nachbarschaft auch. Europa, oder soll ich besser sagen: Deutschland präsentierte sich mir als Schocksituation. Der Schulpflicht folgend landete ich in einer Grundschulklasse, in der ich das einzige Gastarbeiterkind war. Ein Segen für meine Sprachstandsentwicklung. Ein Schock für eine 7-Jährige. Ich verstand nichts, lernte dann aber doch schnell.

Die dritte Begegnung mit Europa folgte ziemlich schnell, und sie wiederholte sich etliche Mal. Es war die Begegnung mit der allseits vorhandenen, vielfach verfluchten und doch wohl unumgänglichen Bürokratie. Behördengänge meiner Eltern und der Bekannten hatte ich zu begleiten. Schließlich brauchten sie einen Dolmetscher. So lernte ich schon im einstelligen Lebensalter solch kindgerechte Vokabeln wie Wartenummer, Formular, Antrag, Vorgang, Bescheid, Widerspruch und, und, und. Das war nun wirklich Europa, wie ich rückblickend aus fast 20 Jahren Verwendung im öffentlichen Dienst des Landes Berlin zu bestätigen weiß. Warum ich das erzähle? Meine sicherlich nicht einzigartige Einwanderungsgeschichte zeigt, dass das heutige Europa bzw. die heutige EU in den Köpfen vieler ihrer Bewohner auf vielem gründet. Allerdings nicht auf einem Motiv, das allein "Werteordnung" nach traditionellen Verständnis heißt. Deshalb will ich im Folgenden - mich betreffend - das oben genannte Thema auf drei Aspekte konzentrieren
  • Ethische Werte
  • Wirtschaftsraum
  • Grenzen einer EU

Ethische Werte

Der Wanderungsgeschichte meiner Familie zum Trotz wurden doch viele heimisch-traditionelle, ethische Werte uns Kindern durch die Eltern und andere Anverwandte mitgegeben: Die Familie ist uns heilig. Du sollst Vater und Mutter ehren. Du sollst nicht lügen. Du sollst nicht töten. Du sollst nicht reden wider Deinen Nächsten... . Das finde ich auch in Europa vor. Es ist die Entstehungsgeschichte, es sind die Hintergründe und die Motive der Römischen Verträge von 1957. Dazu gehören der Kalte Krieg, die Ost-West-Konfrontation in Europa, die ersten Versuche zur Liberalisierung des Waren-, Wirtschafts- und Zahlungsverkehrs in Westeuropa. All dies geschah vor dem Hintergrund der schrecklichen Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges. Die damals politisch Verantwortlichen waren darin motiviert, dass es kein zweites Mal die Möglichkeit geben sollte, dass gemeinhin als zivilisiert eingestufte, zudem mit überwiegend der gleichen ethischen Grundüberzeugung ausgestattete Völker sich in eine Konfrontation der damals jüngst erlebten Art begeben dürften. Und so verwundert es nicht, wenn bis in die jüngste Vertragsvergangenheit hinein sich in den jeweiligen Präambeln der Bezug auf diese Werte wieder findet, nach denen auch ich erzogen worden bin.

Neben diesen Werterahmen verbindet sich Europa für mich mit einigen politisch-ethischen Werten, deren Erreichen und Erhalten das Leben vieler Menschen gekostet hat. Zu den Grundlagen der europäischen Werteordnung zählen für mich heute
  • die Motive der Französischen Revolution: Freiheit – Gleichheit - Brüderlichkeit
  • das System einer funktionierenden parlamentarischen Demokratie: die Trennung von Legislative, Exekutive und Judikative
  • die Wirtschaftsordnung einer sozialen Marktwirtschaft
  • die Verantwortung des Menschen für seinen Nächsten und seine Umwelt.