Europa aus dem All. Aufgenommen vom Satelliten "Envisat"

20.1.2010 | Von:
Dr. Klaus Buchenau

Den europäischen Wertekatalog gibt es nicht!

Standpunkt Klaus Buchenau

Ist die Betonung gemeinsamer Werte für Europa überhaupt sinnvoll? Anstatt sich in theoretischen Diskussionen über Werte zu verzetteln, sollte man sich lieber auf Tugenden konzentrieren, die das Zusammenleben angenehmer machen, sagt Klaus Buchenau.

Dr. Klaus BuchenauDr. Klaus Buchenau (© Klaus Buchenau)
Was hält die Europäische Union zusammen? Diese Frage wird umso häufiger gestellt, je mehr die EU wächst. Dahinter steht die Angst, dass hier Gesellschaften zusammengefügt werden, die zu unterschiedlich sind, um sich auf gemeinsame Ziele festzulegen. Und natürlich auch die Befürchtung, dass ein nur oberflächlich geeintes Europa zur Chimäre verkommt, die weder außen- noch innenpolitisch handlungsfähig wäre.

Hier kommen die Werte ins Spiel. Während es in der Praxis der EU-Erweiterung häufig um trockene Paragraphen, zum Beispiel um die Übernahme des mittlerweile sehr umfangreichen EU-Rechts durch die Bewerberstaaten geht, besinnen sich Politiker immer wieder auf europäische Werte, die uns verbinden und zusammenhalten sollen. Welches diese Werte sind, bleibt dabei meist im Dunkeln, versteckt in Andeutungen und Stichworten.

Der Wunsch nach sozialem Zusammenhalt ist verständlich und zutiefst menschlich. Die Frage ist aber, ob wir Europäer wirklich einen Zusammenhalt herstellen können, indem wir gemeinsame Werte postulieren. Um das zu bejahen, müssten wir diese Werte benennen können. Einigkeit müsste auch in der Frage herrschen, was Werte überhaupt sind. Aber schon hier gibt es ein Problem. Selbst Werteforscher, die sich als Wissenschaftler um klare Definitionen bemühen müssen, sind sich nicht einig: Steigt eine Vorstellung vom Wünschenswerten erst dann zum Wert auf, wenn sie verbindlich wird und unser reales Handeln beeinflusst?Können Werte auch in völligem Gegensatz zu unserem realen Handeln stehen? Im ersten Fall hätten wir es mit einem "Geltungswert", im zweiten mit einem moralischen Postulat zu tun.

Unklar ist auch, ob Werte in einem engen Sinne konkrete, gemeinschaftlich geteilte Vorstellungen vom Guten wie zum Beispiel Nächstenliebe oder Solidarität sind, oder ob damit auch Verfahrensregeln gemeint sein können, die uns einen systemischen Rahmen vorgeben, ohne per se emotional besetzt zu sein (wie etwa Demokratie und Menschenrechte). Hinter diesem Gegensatz steht weitaus mehr als ein Gedankenspiel, denn beide Wertverständnisse haben ihre historisch-geographischen Hochburgen in Europa. Im orthodox geprägten Osteuropa hat das Rechtssystem keine zentrale Stellung erlangen können wie im lateinisch geprägten Raum. Traditionell wurde hier als wahr empfunden, was alle sagen, und nicht das, was mit rationalen Methoden beweisbar ist. Dieser grundlegende Unterschied hat Spuren im Werteverständnis hinterlassen:In orthodoxen Gesellschaften waren gemeinschaftlich geteilte, religiös grundierte Werte bis zum 18./19. Jahrhundert der entscheidende Kitt. Weiter westlich setzte sich dagegen seit der Spätantike schrittweise ein Rechtssystem durch, das nach abstrakten Kriterien zwischen richtig und falsch unterschied.

Dieses System ermöglichte es dem Einzelnen, sich unter Umständen auch gegen das Kollektiv durchzusetzen. Tendenziell förderte es Individualismus und Pluralismus, Werte im Sinne gemeinschaftlicher Vorstellungen vom Guten traten dagegen zurück. Zu praktisch jedem Wert entstand ein Gegenwert - gegen die Pflicht wendete sich die Neigung, gegen die Bindung die Freiheit, gegen den Konservatismus die Progressivität. Blockade und Chaos konnten vermieden werden, weil das Recht zum Schiedsrichter zwischen unterschiedlichen Interessen aufstieg. Werte im engeren Sinne zogen sich in soziale Milieus zurück, gesamtgesellschaftlich wurden sie dagegen von Werten im weiteren Sinne verdrängt. Heute sagen wir zum Beispiel, dass Menschenrechte, eine demokratische Verfassung und eine tolerante Streitkultur zu den Grundwerten gehören, und erheben damit die Verfahrensregeln des Pluralismus in den Rang von Werten.

Auch in Osteuropa ist der religiöse Wertekonsens natürlich längst erschüttert, wenn nicht gar beseitigt. Aber der Übergang auf das westliche Paradigma ist bis heute nicht wirklich vollzogen worden. Aushandlungs- und Schiedsrichterinstitutionen wie Parlamente, moderne Gerichte und so weiter wurden zwar aus dem Westen importiert, diese funktionieren aber oft nicht so wie vorgesehen. Staatliche Behörden sind häufig keine effektiven Regulierer, sondern Bastionen bestimmter politischer und sonstiger Gruppen, die sich hier mit verschiedenen Ressourcen versorgen. Die Folgen sind unterschiedlich. Mal gibt es eine tiefe Sehnsucht nach einem geregelten Gemeinwesen, mal abgrundtiefe Politikverdrossenheit und Distanz zu allen "da oben". Diese Phänomene existieren auch in West- und Mitteleuropa, aber nicht in derselben Häufung.