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Europäische Werte und Identität

Eine Auswahl von eurotopics.net

4.2.2010
Ist das Europa von heute eine Reliquie der Vergangenheit? Konzentrieren sich die Europäer zu sehr darauf, wer sie sind, anstatt darauf, was sie mit anderen zusammen erreichen wollen? Und wie vielfältig ist die europäische Gesellschaft heute? Stimmen aus der europäischen Presse.

euro|topics: 28 Länder - 300 Medien - 1 Presseschaueuro|topics: 28 Länder - 300 Medien - 1 Presseschau (© bpb)
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Guy Verhofstadt über die Anbetung der nationalen Identität
De Standaard - Belgien; Mittwoch, 24. Februar 2010

Mit einem kritischen Beitrag zur Identitätsdebatte in Frankreich hat Guy Verhofstadt heftige Reaktionen ausgelöst. Der liberale Politiker, Mitglied des Europäischen Parlaments und ehemaliger belgischer Ministerpräsident, hält an seiner Ablehnung der französischen Debatte fest und schreibt in der Tageszeitung De Standaard: "'Identität' ist ein Begriff, auf dem unmöglich eine friedliebende und wohlhabende Gesellschaft aufgebaut werden kann. Allgemeiner gesagt, ist 'Identität' ein Symptom unserer Unfähigkeit, die Welt so zu akzeptieren, wie sie ist. Die Zukunft von Europa liegt keineswegs in einer Suche nach nationaler Identität. Und sicherlich liegt sie nicht in der Summe nationaler Identitäten. Das Europa von heute, 'l'Europe des Nations', ist eine Reliquie der Vergangenheit. Es ist ein Europa, das unfähig ist, Probleme zu lösen. Und es ist ein Europa, das kaum noch eine bedeutende Rolle in der multipolaren Welt des 21. Jahrhunderts spielen wird. Kurz: Die Zukunft von Europa und der Europäischen Union wird postnational sein, oder sie wird nicht sein."

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Dominique Moïsi über die Angst Europas vor dem Anderen
Heti Világgazdaság - Ungarn; Donnerstag, 4. Februar 2010

Über das Wechselspiel von Angst und Identität schreibt Dominique Moïsi, Professor für Politikwissenschaften an der Harvard University, in der linksliberalen Wochenzeitung Heti Világgazdaság: "Mehr denn je wird Angst zur beherrschenden Kraft in der europäischen Politik der vergangenen Jahrzehnte. Und es handelt sich nicht um eine abstrakte, undefinierte Angst. Es geht vor allem um die Angst vor den nichteuropäischen 'Anderen', die von einer wachsenden Zahl 'weißer' Europäer als Bedrohung ihrer Identität und Lebensart, ja sogar ihrer Sicherheit und ihrer Arbeitsplätze wahrgenommen werden. Im Zentrum dieser Debatten steht das Thema Islam und Einwanderung. ... Die Globalisierung und die mit ihr einhergehende Orientierungslosigkeit löst in vielen Menschen eine nervöse Suche nach ihrem Selbstwert aus. Je weniger die Menschen von ihrer Zukunft überzeugt sind, desto stärker tendieren sie dazu, sich in negativer, defensiver Weise auf ihre Identität zu konzentrieren. Wenn jemandem das Vertrauen in die eigene Fähigkeit fehlt, die Herausforderungen der Moderne zu meistern, zieht er sich in sich selbst zurück und konzentriert sich darauf, wer er ist, anstatt darauf, was er mit anderen zusammen erreichen will."

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Ferenc Mádl über den moralischen Verfall in der Konsumgesellschaft
Nagyítás - Ungarn; Donnerstag, 17. Dezember 2009

Angesichts der globalen Krise fordert der ehemalige ungarische Präsident Ferenc Mádl in der konservativ-intellektuellen Wochenzeitung Nagyítás die Besinnung auf die christlichen Werte: "In den vergangenen Jahrzehnten konnten wir die langsame Erosion der traditionellen europäischen Werte beobachten. ... Nährboden des moralischen Niedergangs ist die Konsumgesellschaft, oder mit anderen Worten: die Wohlstandsgesellschaft - wo die Moral leider nur eine bescheidene Rolle inne hat. Die westliche Zivilisation als Ganzes ist in die Krise geraten, wobei weniger die wirtschaftliche Misere Sorgen bereitet, sondern vielmehr der Umstand, dass innerhalb kurzer Zeit ein Gesellschaftssystem entstanden ist, das nicht aufrechtzuerhalten ist. ... Die allgemeine Verlotterung erfasst nicht nur die einzelnen Menschen und Gemeinschaften, sondern auch Politik, Kultur und Wirtschaft. ... Es ist höchste Zeit für Veränderungen. Ich bin der Meinung, dass die Revitalisierung jener christlichen Grundsätze, die zweitausend Jahre lang gut funktioniert haben, eine Lösung für unsere zivilisatorischen Probleme wäre. ... Das Gedankengut in den Zehn Geboten und den überkommenen moralischen Werten Europas wäre dazu geeignet, unsere Welt wieder aufzurichten."

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Imre Kertész über ein starkes und offenes Europa
Litera - Ungarn; Montag, 9. November 2009

Europa trägt schwer an seiner Geschichte, schreibt der Literaturnobelpreisträger Imre Kertész auf dem Kulturportal Litera. Doch das Europa der Zukunft werde stark sein, selbstbewusst und offen: "In einem höheren Sinn ist das Glück des Menschen jenseits seiner geschichtlichen Existenz zu suchen. Gleichwohl dürfen wir die historischen Erfahrungen nicht umgehen. Im Gegenteil: Die Erfahrungen der Vergangenheit müssen neu durchlebt und einverleibt werden. Nennen wir das eine tragische Identifizierung mit der Geschichte. Den Menschen kann allein das Wissen über die Geschichte hinausheben. ... Jene Zivilisation, die ihre Werte nicht klar und deutlich definiert, oder die ihre Werte gar im Stich lässt, ist dem Untergang geweiht. ... Wir sind allein geblieben, bar jeglicher himmlischer oder irdischer Richtschnur. Wir müssen unsere Werte Tag für Tag neu schaffen ... und zum Fundament einer neuen europäischen Kultur erheben. Wenn ich an das zukünftige Europa denke, sehe ich ein starkes, selbstbewusstes Europa, das stets für Verhandlungen offen ist, das aber nie faule Kompromisse eingeht. Vergessen wir nicht, dass Europa durch einen heroischen Entschluss entstanden ist: Athen hatte sich entschlossen, den Persern die Stirn zu bieten."

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Marc Schlammes über das heutige Europa
Luxemburger Wort - Luxemburg; Dienstag, 18. August 2009

Zwanzig Jahre nach der politischen Wende blickt Marc Schlammes in der Tageszeitung Luxemburger Wort auf das heutige Europa: "Nun prägen Schnelllebigkeit und Selbstverständlichkeit das Alltagsgeschehen. Das bekommt auch die jüngste europäische Entwicklung zu spüren. Vom Wind des Wandels, der den Kontintent so wohltuend umwehte, ist nichts mehr zu spüren, und eine EU mit 27 Mitgliedsländern eine Selbstverständlichkeit. Normalität. Wer ist sich heute noch des Kraftaktes bewusst, der den Menschen in Mittel- und Osteuropa innerhalb kürzester Zeit zugemutet wurde, damit sie Prinzipien und Praktiken der sozialen Marktwirtschaft und des Rechtsstaates verinnerlichten? Freiheit und Frieden statt Kommunismus und Krieg. Wachstum und Wohlstand statt Planwirtschaft und Produktknappheit. ... Mit einem neu gewählten Europaparlament und einer neu zu besetzenden Europäischen Kommission bietet sich nun die Chance, der EU als Schicksalsgemeinschaft neues Leben einzuhauchen. Damit sich die Bürger zwischen den Balearen und dem Baltikum wieder den ur-europäischen Werten verbunden fühlen. Eine Verbundenheit, die die Politik vorleben muss. Ohne Brüssel als Bühne oder als Basar für Eigeninszenierungen bzw. Eigeninteressen zu missbrauchen. Die Europäische Union muss als Ideal neu wahrgenommen werden. Ein Ideal, die schon 1989 Millionen von Menschen beflügelte."

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Olivier Landini über die europäische Identität
Le Quotidien - Luxemburg; Freitag, 5. Juni 2009

Olivier Landini setzt sich in der Tageszeitung Le Quotidien mit der Identität Europas, ihren möglichen Ursprüngen und Grundlagen auseinander: "Ist sie [die Grundlage der europäischen Identität] eine Religion, wie ein guter Teil der Gegner zum EU-Beitritt der Türkei es behauptet? Die christlichen Wurzeln beinahe aller europäischen Länder sind tatsächlich unbestreitbar. Aber sind diese Wurzeln und die darauf bezogenen Werte heutzutage noch wirklich fruchtbar? Sind sie noch für alle akzeptabel? Können die 500 Millionen Europäer von heute darin noch ein Einheitsprinzip erkennen? Ja, werden die Kirchgänger im Chor antworten. Aber was soll man mit den anderen machen? Den Millionen von Laizisten, Atheisten, aber auch Muslimen, Juden, Buddhisten und anderen Gläubigen aller Art? Kann man sagen, dass sie nicht da waren? ... Ja, Europa verfügt über ein christliches Erbe, aber die europäische Gesellschaft ist heute vielfältig. Die Invasionen, Bewegungen, Migration, Einflüsse, die der alte Kontinent erlebte, sind zahlreich. Und die Geschichte Europas ist davon geprägt."

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Land ohne europäische Werte?
Revista 22 - Rumänien; Mittwoch, 24. September 2008

Die Wochenzeitung Revista 22 vermisst europäische Kultur und Werte in Rumänien. "Vielleicht haben sich einige der Illusion hingegeben, dass nach unserer EU-Integration auf dem Papier am 1. Januar 2007 Rumänien wie durch ein Wunder zu einem authentischen europäischen Land würde, dass vom europäischen Geist und europäischen Werten berauscht ist. Das Wunder hat sich nicht erfüllt: Selbst heute fühlen wir uns nicht so, als lebten wir in einem Land europäischer Kultur. ... In Frankreich, Deutschland, Großbritannien ... werden Kulturereignisse in das Gesellschaftsleben integriert, für das Theater findet man nur schwerlich Eintrittskarten und für die großen Ausstellungen muss man im Voraus buchen. ... Jeder, der europäische Museen besucht, kann Schüler sehen, die von ihren Lehrern begleitet werden, die ihnen beibringen, wie man Kunstwerke verstehen und wertschätzen kann. In Rumänien sind diese Fertigkeiten und Kulturinitiativen isoliert, oder werden mit europäischen Mitteln finanziert. ... Weder im Fernsehen, nicht einmal in Kultursendungen, erst recht nicht in Zeitungen werden Werte und kulturelle Ereignisse dem großen Publikum vermittelt. Auch ermutigen sie zu keiner europäischen Reflexion, welche Richtung Rumänien eigentlich einschlägt. Im Einklang mit den Massenmedien fördern die rumänischen Parlamentarier die Verachtung der europäischen Werte."

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Jean-François Mattéi über die Überlegenheit europäischer Kultur
Le Point - Frankreich; Donnerstag, 10. April 2008

Der französische Philosoph Jean-François Mattéi hat sich mit Elisabeth Lévy über die europäische Identität und Geschichte unterhalten: "Jede Gesellschaft definiert sich durch den Blick auf die Welt. Aber Azteken und Indianer betrachteten die Welt anders als Europäer. Die europäische Zivilisation bevorzugt den Blick, auf griechisch: 'theoria'. Durch seinen theoretischen Blick hat Europa die Welt erobern können, und aus diesem Blick sind die Werke hervorgegangen, die Europas Vormachtstellung gesichert haben... Der europäische Blick hat immer das Ideale angestrebt: eine wissenschaftliche Idealität mit seiner Idee des Wahren, eine ethische und praktische Idealität mit seiner Idee des Guten, ein ästhetisches ideal mit seiner Idee des Schönen... Für mich macht das nicht nur eine Besonderheit, sondern die Überlegenheit der europäischen Kultur aus. Die anderen Kulturen haben Zeichen, Bilder, Wörter, aber die Europäer die Idee."

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