Europa aus dem All. Aufgenommen vom Satelliten "Envisat"

22.4.2010 | Von:
Prof. Dr. Dr. h.c. mult. August-Wilhelm Scheer

Zuwanderung: Ein strategischer Baustein für mehr Innovationskraft!

Standpunkt August-Wilhelm Scheer

Zuwanderung ist für Deutschland eine noch ungenutzte Chance, sagt August-Wilhelm Scheer. Für zukünftige Innovationen muss die Politik Zuwanderungs-Hemmmnisse für Hochqualifizierte abbauen und aktiv für Deutschland als Einwanderungsland werben.

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. August-Wilhelm ScheerProf. Dr. Dr. h.c. mult. August-Wilhelm Scheer (© August-Wilhelm Scheer)
Seit Jahren ist bekannt: Deutschland steuert unwiderruflich in demografisch bedingte Engpässe am Arbeitsmarkt. Mit verheerenden Folgen für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit gerade in Hightech-Bereichen.

Seit Jahren werden die Zeichen der Zeit nicht erkannt: Deutschland leistet sich ein Einwanderungsrecht, dessen Hauptfunktion es noch immer zu sein scheint, Migration als Ausnahmetatbestand möglichst eng zu reglementieren.

Die Informations- und Telekommunikationsbranche plädiert seit langem für eine Öffnung des Arbeitsmarktes. Wie passt das in das derzeitige politische und konjunkturelle Umfeld?

Deutschland erholt sich zurzeit von einem konjunkturellen Einbruch, der fast präzedenzlos in der Geschichte der Bundesrepublik war. Die Stützung des Finanzsektors sowie die Abwehr sozialer Folgen der Krise haben die öffentlichen Haushalte an die Grenze ihrer Belastbarkeit geführt. Ein sprunghafter Anstieg der Arbeitslosigkeit konnte nur durch die beispiellose Ausweitung der Kurzarbeit verhindert werden. Ein Arbeitsmarkt mit unausgelasteten Potentialen scheint mit dem Ruf nach mehr Zuwanderung jedoch kaum vereinbar zu sein.

Stabiler Arbeitsmarkt auch in der Krise

Eine detaillierte Analyse zeigt: Wichtige Branchen-Arbeitsmärkte sind mittelfristig, zum Teil jedoch bereits in der Krise, keineswegs so entspannt wie das allgemeine Bild suggeriert. Beispiel Informations- und Telekommunikationstechnologie (ITK): Vor dem Ausbruch der Krise im Herbst 2008 wurden rund 45.000 offene Stellen für IT-Spezialisten gezählt. Ein Jahr später, auf dem Höhepunkt der Krise, waren es immer noch 20.000. Die Beschäftigtenzahl in der Hightech-Branche ITK ist im Jahresvergleich 2008/2009 mit rund 830.000 Personen konstant geblieben. Selbst unter schwierigsten konjunkturellen Bedingungen werden in der Branche Fachkräfte gesucht. "Strukturell" bedingter Fachkräftemangel ist das Stichwort.

Besonders hoch ist der Bedarf an Hochschulabsolventen und berufserfahrenen Professionals. Studien zeigen, dass insbesondere in den Bereichen IT-Beratung, Softwareentwicklung und IT-Projektmanagement schon in wenigen Jahren eklatante Lücken zu verzeichnen sein werden. Die inländischen Personalressourcen reichen nicht aus, um die Entwicklung und den Einsatz von IT hierzulande optimal zu gestalten.

Die demografische Entwicklung verschärft die Lage. Jahr für Jahr treten maximal 16.000 bis 18.000 Informatiker und Informatikerinnen in den Arbeitsmarkt ein. Benötigt werden je nach konjunkturellem Umfeld 20.000 bis 25.0000. Die Informatik ist eine junge Disziplin, die sich erst in den 1970er-Jahren an den Hochschulen etablierte. Erst allmählich scheiden altersbedingt Informatiker in nennenswerter Anzahl aus. Der Ersatzbedarf steigt. Schon bald wird die ITK-Branche vor der Situation stehen, die in den Ingenieurwissenschaften schon heute Realität ist: dass der Nachwuchs von den Hochschulen nicht mehr ausreicht, um den Ersatzbedarf zu decken - geschweige denn eine Expansion in neue Technologiefelder personell absichern zu können.

Zuwanderung unterstützt Technologietransfer

Zuwanderung ist ein sinnvolles Instrument, um Engpässe am Arbeitsmarkt abfedern zu können. Es geht aber auch um qualitative Ziele. Hightech-Branchen, für die internationale Technologietrends entscheidende Bedeutung haben, benötigen ausländische Experten für den Ideen- und Know-how-Transfer.

Zuwanderung ist eine noch weitgehend ungenutzte Chance gerade für Deutschland, das 2008 erstmals einen negativen Wanderungssaldo ausweisen musste. Deutschland, so muss nüchtern Bilanz gezogen werden, ist bestenfalls "zweite Wahl" gegenüber den USA und anderen englischsprachigen Ländern.

Gerade einmal knapp 4.000 IT-Spezialisten sind 2008 nach Deutschland gekommen - fast ausnahmslos auf der Basis einer befristeten Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung. Damit wurde endlich das Niveau wieder erreicht, das im Rahmen der sogenannten Green-Card-Regelung der Jahre 2001 bis 2004 bereits zu beobachten war. Mit dem Inkrafttreten des neuen Zuwanderungsgesetzes waren die Zahlen zunächst auf 2.500 pro Jahr erheblich zurückgegangen. Erst die Bereitschaft der Bundesregierung, sukzessive Hürden für die Einwanderung hoch qualifizierter Fachkräfte zu reduzieren, trug zu diesem immer noch bescheidenen Ergebnis bei.

Agenda für eine aktive Zuwanderungspolitik

Was muss getan werden, um Zuwanderung gezielt fördern und von dem Know-how hervorragend qualifizierter Migranten profitieren zu können?

1. Hemmnisse abbauen
Die Große Koalition hat einige Änderungen am Zuwanderungsgesetz auf den Weg gebracht, die gerade für Professionals der Bereiche Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) Erleichterungen gebracht haben. Dies betrifft vor allem niedrigere Einkommensschwellen für Hochqualifizierte. Dieser Weg sollte konsequent fortgesetzt werden. In einigen Bereichen, die einem strukturell bedingten Fachkräftemangel unterliegen, kann man generell auf Vorrangprüfungen verzichten. Einkommensschwellen sollten generell nicht das Niveau überschreiten, das attraktiven Einstiegsgehältern für hiesige Absolventen entspricht: also nicht, wie seit einem Jahr gültig, 65.000 Euro Jahreseinkommen, sondern ca. 40.000 Euro.

2. Effiziente Steuerung erleichtern
Ein wichtiges Instrument zur systematischen Steuerung der Zuwanderung, die bisher zu einem viel zu geringen Teil aus dem Zuzug von Hochqualifizierten besteht, ist ein Punktesystem. Es erlaubt eine Auswahl von Einwanderungswilligen nach rationalen Kriterien, die kontinuierlich weiter entwickelt werden können. Der Koalitionsvertrag sieht die Erarbeitung eines entsprechenden Instruments grundsätzlich vor. Ein Punktesystem ist nach Auffassung des Bundesverbandes Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (BITKOM) kein Automatismus. Es ist ein Instrument, das nicht nur angebotsseitig ausgerichtet ist. Das Erreichen eines bestimmten Punktwerts konstituiert also kein autonom geltendes Recht auf Zuwanderung. Wie viele Zuwanderer gebraucht werden, bestimmt das aufnehmende Land. Nur die Auswahl wird über das Punktesystem rational geregelt.

3. Sachverstand der Industrie nutzen
Ein Punktesystem muss in Zusammenhang mit einer konkreten Bedarfsdefinition stehen. Diese sollte nach einem klar strukturierten Verfahren erarbeitet werden, an dem die Wirtschaft angemessen beteiligt ist. Heute bereits bestehende Gremien wie etwa die "Allianz zur Deckung des Fachkräftebedarfs" beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales haben nur beratenden Charakter. Wir brauchen ein von Politik und Verwaltung einerseits und Wirtschaft als dem Bedarfsträger für ausländische Spezialisten andererseits paritätisch besetztes Gremium, das zudem auf die Expertise von Wissenschaftlern zurückgreifen kann. Wir sind überzeugt, dass die Wirtschaft an vielen Stellen auch aktuellere Bedarfszahlen ermitteln kann als die amtliche Statistik. Beide Seiten würden von einem entsprechenden Verfahren daher profitieren.

4. Deutschland als Zuwanderungsland bewerben
Marketing-Anstrengungen für Deutschland als Einwanderungsland wurden bisher praktisch nicht betrieben. Graduelle Erleichterungen für Immigranten auf dem bisher beschrittenen Weg werden im Ausland jedoch kaum wahrgenommen. Die Bundesrepublik wird Wohlstandsgewinne durch qualifizierte Zuwanderung nur dann realisieren können, wenn eine aktive Werbung für das Migrationsland Deutschland betrieben wird. Daran müssen sich Wirtschaft, Hochschulen, Auslandshandels-Kammern, Konsulate und Botschaften gleichermaßen beteiligen.

Deutschland braucht eine zentrale Informationsplattform, die rechtliche und praktische Informationen für Einwanderungswillige zusammenfasst und damit eine einfache Orientierung ermöglicht. Hier sollten auch erfolgreiche Fallbeispiele aufgezeigt werden und ein intensiver Kontakt zu besonders wichtigen Zielländern etabliert werden. Der BITKOM schlägt dafür ein Portal z.B. unter dem Namen "Work in Germany.info" vor.

Sämtliche Maßnahmen können nur dann greifen und die gewünschten Erfolge erzielen, wenn Politik und Gesellschaft erkennen, dass eine intelligent gesteuerte Zuwanderung eine große Chance darstellt. Diese Überzeugung muss auch das Leitbild der Gesetzgebung wie der administrativen Umsetzung sein. Politik und Wirtschaft müssen eine Allianz für eine aktiv betriebene Zuwanderungspolitik eingehen.