Europa aus dem All. Aufgenommen vom Satelliten "Envisat"

12.7.2010 | Von:
Prof. Dr. Eckart D. Stratenschulte

Klima- und Umweltschutz in Europa

Einleitung

Mit "3 x 20 Prozent" möchte die EU bis 2020 ihren Ausstoß an Treibhausgasen und ihren Energieverbrauch senken, sowie den Anteil der erneuerbaren Energien steigern. Klima- und Umweltpolitik wird intensiv diskutiert, ebenso die Rolle der EU in diesem Politikfeld.

Die Schornsteine der Müllverbrennungsanlage von Ivry-sur-Seine.Die EU will den Ausstoß von Treibhausgasen um 20 Prozent reduzieren, um den Anstieg der Erdtemperatur bis 2050 auf zwei Grad zu begrenzen. (© AP)

Der Winter 2009/2010 war lang und kalt. "Wo bleibt die globale Erwärmung?", fragten sich viele halb spöttisch, halb kritisch. Ist die Erhaltung des Klimas die wichtigste Herausforderung, wie die EU-Staats- und Regierungschefs das im Jahr 2007 gesehen haben, als sie beschlossen: "Die Problematik des Klimawandels muss dringend wirksam angegangen werden."? Damals hat die EU sich selbst zum Vorkämpfer gegen den Klimawandel ernannt und als Ziel festgelegt, dafür Sorge zu tragen, dass die Erdtemperatur bis 2050 um nicht mehr als zwei Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter ansteigt. Der Europäische Rat, also die Versammlung der EU-Staats- und Regierungschefs, fasste daraufhin den "3 x 20"-Beschluss: Bis zum Jahr 2020 soll der Ausstoß von Treibhausgasen um 20 Prozent (gegenüber 1990) gesenkt werden, der Energieverbrauch um 20 Prozent gedrosselt sein und die erneuerbaren Energien sollen einen Anteil von 20 Prozent am EU-Energiemix ausmachen. Wenn andere Staaten, die bedeutende Umweltverschmutzer sind, ebenfalls entsprechende Maßnahmen ergreifen, will die EU die Treibhausgase sogar um 30 Prozent reduzieren.

Mittlerweile ist viel Zeit vergangen, aber wenig geschehen. Der EU-Beschluss hatte zwar festgelegt, was die EU als Ganze durchführen will, aber nicht, welcher Anteil auf welches Land entfällt. Darüber wurde und wird heftig gestritten. Seit 2008 hat die Finanz- und Wirtschaftskrise ökologische Fragen in den Hintergrund gedrängt, das Credo lautet vielmehr "Wachstum, Wachstum, Wachstum!".

Das kann aber, sagt die Geschäftsführerin von Greenpeace, Brigitte Behrens in ihrem Beitrag, nicht funktionieren, weil wir jetzt schon von unserem ökologischen Konto mehr abheben als darauf eingeht. Sie bezieht sich dabei auf das Konzept des "ökologischen Fußabdrucks", der den Natur-Ressourcenverbrauch mit der Neuentstehung von Natur vergleicht und zu dem Ergebnis kommt, dass wir mittlerweile bereits im September eines Jahres verbraucht haben, was für das ganze Jahr reichen müsste. Klimaschutz ist daher eine Überlebungsnotwendigkeit, denn auf die Dauer kann man von keinem Konto - auch dem der Natur - nicht mehr abheben als drauf kommt. Mit der EU setzt Brigitte Behrens sich kritisch auseinander: "Merkwürdig ist, dass die Europäische Union klimapolitisch die Rolle des Weltmeisters beansprucht. Stolz verweisen die Regierungschefs auf die Vorreiterrolle der Union bei den Klimazielen und erneuerbaren Energien. Dabei sind die Ziele mickrig." Sie fordert, die Emissionen bis 2050 um 80 Prozent zu senken und verweist auf einen Plan ihrer Organisation, der den Weg dazu weist.

Dieser Einschätzung der EU widerspricht die Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments Dagmar Roth-Behrendt auf ihrer Internetseite in Teilen. Sie sieht die EU durchaus als Vorreiter gefordert und verweist auf die Verantwortung der anderen Staaten dieser Erde: "Die Klimakonferenz von Kopenhagen im Dezember 2009 hat gezeigt, dass die Schwellen- und Entwicklungsländer bei der Bekämpfung der globalen Erwärmung eine immer wichtigere Rolle spielen. Aber auch andere große Industriestaaten wie die Vereinigten Staaten, Japan, Australien, China und Russland müssen sich ernsthaft mit Klima- und Umweltschutz auseinandersetzen, damit die Lebensgrundlagen für inzwischen über 6 Milliarden Menschen erhalten werden können. Die Europäische Union wird dabei auch in Zukunft eine Vorreiterrolle spielen wollen und es wird sich zeigen, ob die 27 Mitgliedsstaaten diesem Anspruch gerecht werden können."

Der Klimawandel wird bei uns oft mit dem möglichen Aussterben des Eisbären ins Bild gesetzt. Dabei wird geschickt mit dem Image des Eisbären als kuscheligem Tier gespielt. Tatsächlich ist er das gefährlichste Raubtier der Welt und 99,9 Prozent der Weltbevölkerung haben - außer vielleicht als Zoobesucher - keinen Kontakt zu Eisbären. Was ist eigentlich so schlimm daran, wenn die Temperatur ansteigt, selbst wenn der Eisbär den Weg vieler Tier- und Pflanzenarten vor ihm gehen und aussterben sollte?

Auf diese Frage geht der Klimaforscher Prof. Wolfgang Sachs in seinem Beitrag ein. Er stellt den Zusammenhang zwischen Naturkrisen und Sozialkrisen her und weist darauf hin, dass ökologische Grenzen lange, bevor sie überschritten werden, ihre sozio-ökonomischen Schatten voraus werfen. Die Klimaveränderungen schaffen nämlich auch einen anderen, für viele einen schlechteren Zugang zu natürlichen Ressourcen wie zum Beispiel Wasser. Die Auflösung des Permafrosts, das Abschmelzen der Gletscher, Stürme, Überschwemmungen und Missernten haben große soziale Folgen. Sie treffen vor allem die Armen: die armen Länder genauso wie die Armen in den Ländern, vor allem die Armen in den armen Ländern. "So wird der Klimawandel nicht selten zur unsichtbaren Hand hinter wirtschaftlichem Niedergang, sozialer Erosion und Vertreibung werden.", schreibt der Professor aus Wuppertal. Und er fährt fort: "Damit stellt der Klimawandel einen Angriff auf die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Menschenrechte großer Bevölkerungsgruppen dar." Dass damit diejenigen am meisten von den Folgen des Klimawandels betroffen werden, die am wenigsten oder gar nichts dazu beigetragen haben, ist eine böse Ironie.