Europa aus dem All. Aufgenommen vom Satelliten "Envisat"

12.7.2010 | Von:
Brigitte Behrens

Wir haben unser ökologisches Konto überzogen - und Europa schaut zu

Standpunkt Brigitte Behrens

Europa ist in der Klimapolitik zerstritten, sagt Brigitte Behrens. Zwar beanspruche die EU eine Vorreiterrolle für sich, ihre Ziele seien jedoch mickrig. Das 20-Prozent-Ziel müsse durch ein 40-Prozent-Ziel ersetzt werden, erst dann würde die EU ihrem Anspruch gerecht.

Brigitte BehrensBrigitte Behrens (© Brigitte Behrens)
"Du hast nur eine Erde!" - 2007 erinnerte Greenpeace mit diesem Motto an die Begrenzung unserer Lebensgrundlagen. Wir druckten es auf Banner, entwarfen Aufkleber und unter allen Emails, die Greenpeace-Kolleginnen und -Kollegen nach draußen schicken, steht "Du hast nur eine Erde!" Es gibt sicherlich originellere Sprüche. Aber Greenpeace kommt es nicht auf den Unterhaltungswert an. "Du hast nur eine Erde!" trifft den Nagel auf den Kopf: Weltweit leben die Menschen inzwischen so, als hätten sie 1,4 Erden - mit steigender Tendenz.

Die Berechnung unserer Gier nach immer mehr wurde 1994 von Mathias Wackernagel und William E. Rees vorgestellt. 2003 gründete Wackernagel das Global Footprint Network. Dieses Netzwerk berechnet jedes Jahr den "ökologischen Fußabdruck" der Menschheit, ein Wert, der sich aus dem Bedarf an Acker- und Weideland, Wald, Fischereigewässern und CO2-Senken ermitteln lässt. Vergleichen wir diesen Fußabdruck mit der weltweit vorhandenen Biokapazität, also der Fähigkeit der Ökosysteme, Ressourcen zu erneuern und Abfälle aufzunehmen, ergibt sich das Datum des Earth Overshoot Day, also des Tages im Jahr, an dem das ökologische Konto leer geräumt ist.

Mit stetigem Anwachsen des Weltverbrauches rutscht dieser Tag im Kalender jedes Jahr weiter nach vorne. Laut Global Footprint Network war 1987 das erste Jahr, in dem die Menschheit weltweit über ihre Verhältnisse lebte. Tag der ökologischen Überschuldung war damals der 19. Dezember. Nur zehn Jahre später verbrauchte die Menschheit 15 Prozent mehr Ressourcen, der Tag der Ökologischen Überschuldung wanderte in den November. 2006 lag er im Oktober, 2008 fiel er schon auf den 23. September. Kurzum: Jedes Jahr verbrauchen wir mehr als das, was uns unsere Erde bietet. 2009 war der ökologische Schuldentag am 25. September. Das lag allein an der Wirtschaftskrise. Unternehmen überall melden Pleiten, es wurde weniger Energie verbraucht. Und trotzdem waren wir nur zwei Tage "sparsamer" als im Jahr zuvor. Unser Lebensstil entsprach auch 2009 dem Verbrauch von rund 1,4 Erden pro Jahr. Oder um es ein wenig kleiner als in Erden auszudrücken: Jede Person beansprucht für ihre Lebensweise 2,2 Hektar Land, nur 1,8 Hektar stehen jedoch zur Verfügung. Die Chinesen nutzen 1,6 Hektar, die Inder 0,7, die Europäer dagegen 4,7. Mit dem Ökologischen Fußabdruck und Schuldentag geht also auch eine große Ungerechtigkeit einher - die USA sind mit 9,7 Hektar die Spitzenreiter der Ressourcen-Verschwendung.

Wir verbrauchen zu viel - und viele haben zu wenig

Unser Kollege Wolfgang Pekny, der als Zukunftsstratege für Greenpeace Österreich arbeitet, hat die Plattform Footprint Österreich gegründet. Sie ist eine von weltweit 75 Partnern des Global Footprint Networks. Pekny betont die Bedeutung des Footprint-Konzepts: "Heute beanspruchen wir in neun Monaten, was die Erde in einem Jahr regenerieren kann, eine Übernutzung um 25 %, die sich zu einer dramatischen Verschuldung summiert." Trotzdem leben drei Viertel der Menschheit noch in äußerst bescheidenen, oft menschenunwürdigen Verhältnissen. Diese Milliarden brauchen dringend mehr Ressourcen. Umgekehrt müssen die wohlhabenden Länder in Zukunft mit deutlich weniger auskommen. "Notwendig ist ein globaler Paradigmenwechsel. Wirtschaftskonzepte, die unbegrenzte Ressourcen voraussetzen, werden einer begrenzten Welt längst nicht mehr gerecht. Es braucht das Konzept einer fairen, der Kleinheit des Planeten angepassten Global-Ökonomie an Stelle der Summe einzelner, auf Wachstum ausgerichteter Volkswirtschaften", so Pekny.

Der Raubbau an unserer Natur ist längst sichtbar: Pflanzen sterben aus, Fischbestände kollabieren. Der Treibhauseffekt schreitet voran, weil wir mehr Treibhausgase ausstoßen als Wälder und Meere aufnehmen können. An den Folgen des Klimawandels leiden vor allen Dingen die armen Länder. Sie sind am ehesten betroffen und haben gleichzeitig geringe Chancen, geeignete Schutzmaßnahmen zu treffen. Bangladesch wird durch die vom Klimawandel bedingten Überschwemmungen große Teile seines Landes verlieren. Andere Länder wie die Malediven verschwinden vollständig: Der weltweite CO2-Ausstoß, der sogenannte Carbon Footprint, hat mit 50 Prozent den größten Anteil an der ökologischen Überschuldung. Deshalb ist der weltweite Klimawandel zur schwierigsten Herausforderung für die Menschheit geworden und das sicherste Anzeichen, dass wir uns im globalen Overshoot befinden. Entscheidend für das Ende der Übernutzung unserer Erde ist daher die Reduktion des CO2-Ausstoßes. Greenpeace kämpft seit Jahren gegen den Klimawandel - mit Kampagnen, Szenarien, Lösungen und mit Lobby-Arbeit. Wir wissen, dass die USA pro Kopf die größten CO2-Sünder sind, aber auch Europa darf sich im Kampf um den Klimawandel nicht zurücklehnen.