Europa aus dem All. Aufgenommen vom Satelliten "Envisat"

12.7.2010 | Von:
Prof. Dr. Wolfgang Sachs

Ressourcenkonflikte. Kleine Topografie der Entzündlichkeit der Welt

Standpunkt Wolfgang Sachs

Laut Wolfgang Sachs verstärken Umwelt-Konflikte die vorhandenen Ungerechtigkeiten. Klimawandel und Ressourcenknappheit träfen vor allem die Armen in den armen Ländern: als unsichtbare Hand hinter wirtschaftlichem Niedergang, sozialer Erosion und Vertreibung.

Prof. Dr. Wolfgang SachsProf. Dr. Wolfgang Sachs (© Wolfgang Sachs)
Die Ressourcen- und Umweltkonflikte des 21. Jahrhunderts lassen eine spezifische Signatur erkennen: Sie sind geprägt vom Gegensatz zwischen unbegrenzter Nachfrage nach Naturgütern einerseits und endlichem globalen Umweltraum andererseits. Gewiss, seit urdenklichen Zeiten treiben Ressourcenkonflikte die Menschen um – etwa der Streit zwischen Anrainern eines Wasserlaufs im Mittelalter oder das Gerangel europäischer Nationen um die Bodenschätze Afrikas zu Bismarcks Zeiten. Doch mit der Universalisierung von Entwicklungserwartungen auf der eine Seite und der global sichtbaren Begrenztheit der Biosphäre auf der anderen nehmen sie einen neuartigen Charakter an: Sie verweisen auf den Grundkonflikt zwischen ökonomischer Expansion und ökologischer Begrenzung.

Dieser Konflikt äußert sich beileibe nicht nur in Naturkrisen, sondern auch in Sozialkrisen. Denn zwischen Begehr und Knappheit tritt die Rivalität. Noch immer stimmt die Daumenregel, dass 25 % der Weltbevölkerung 75 % der Weltressourcen verbrauchen. Die wahre Frage ist nicht mehr, ob es genügend Ressourcen geben wird oder nicht, sondern an wen und wofür sie verteilt werden, wenn sie knapp sind. Wem gehören die Ölvorräte, die Flüsse, die Wälder, die Atmosphäre? Wer hat welches Recht auf die lebensdienlichen Leistungen der Biosphäre? Das sind die Fragen, welche hinter vielen Ressourcen- und Umweltkonflikten stehen.

Dabei lauert in allen solchen Konflikten die Gefahr, dass überkommene Ungerechtigkeiten potenziert werden. Denn Rivalitäten unter Bedingungen der Endlichkeit sind ganz besonders dazu angetan, in weiterer sozialer Polarisierung zu enden. Es greifen sich die Mächtigen, was an Naturressourcen übrig sind, und die Machtlosen haben das Nachsehen. An der Zapfsäule wird für den Pendler das Benzin teurer, Wasserquellen versiegen in Trockengebieten, die Preise für Getreideimporte schnellen in die Höhe, Fischer kehren mit leeren Netzen zurück. Je mehr die Grenzen der Tragefähigkeit von Ökosystemen erreicht werden, umso eher sind die Schwächeren unter Druck: Ökologische Grenzen, lange bevor sie endgültig überschritten sind, werfen ihre sozio-ökonomischen Schatten voraus. Sei es auf internationaler oder subnationaler Ebene, in jedem Fall tragen, wenn legitime Formen der Konfliktregelung fehlen, Ressourcenkonflikte zur sozialen Destabilisierung bei. Es wachsen vielerorts Konfliktpotentiale heran, welche die Welt entzündlicher machen.

Verteilungskonflikte

Erdöl ist der Lebenssaft der Industriegesellschaft. Industrie und Arbeitsplätze basieren in weiten Teilen auf der Nutzung oder Verarbeitung von Rohöl; Verkehr und Mobilität sind auf raffinierte Ölprodukte angewiesen; und ebenso sind es Plastik, Medikamente, Dünger, Baustoffe, Farben, Textilien und vieles mehr. Öl prägt wie kein anderer Stoff die Lebensstile in aller Welt. Die Aneignung und Verteilung von Ressourcen wie Öl zwischen den Nationen ist deshalb ein Konfliktfeld ersten Ranges.

Denn der Zugang zu Öl und Gas war aus geologischen Gründen immer schon knapp: Konzentrierte Vorkommen gibt es nur an relativ wenigen Stellen der Erdkruste. Davon wird die Geopolitik besonders der USA seit dem frühen 20. Jahrhundert bis zum Irakkrieg unserer Tage geprägt. Aber neuerdings tritt zur geografischen die geologische Knappheit: Die Endlichkeit der Ressource ist absehbar. Die jährliche Förderung ist inzwischen bedeutend größer als die Menge der Neufunde. Für jedes neu entdeckte Barrel Rohöl werden etwa vier Barrel entnommen. Viel spricht dafür, dass der Punkt der maximalen Ölfördermenge im Zeitraum zwischen 2008 und 2015 erreicht werden wird. Damit ist nicht das Ende des Öls, aber das Ende des leichten und billigen Zugangs erreicht.

Obendrein schwillt seit einiger Zeit die Nachfrage nach Öl besonders in den neuen Verbraucherländern an, allen voran in China, Indien und Brasilien. Besonders die Schwellenländer Asiens, wo insgesamt nur relativ geringe Gas- und Ölvorkommen liegen, sind dabei, in die Konkurrenz ums Öl einzusteigen. China hat gegenwärtig bereits die Position des weltweit zweitgrößten Importeurs an Öl erreicht, und selbst Länder wie Malaysia, Vietnam oder Indonesien, die heute noch Exporteure sind, werden sich binnen eines Jahrzehnts zu Netto-Importeuren wandeln. Die aufsteigenden Länder pochen auf ihre Ansprüche, die Altnutzer wollen nicht lassen, und gleichzeitig schwinden die Vorkommen: ein Bilderbuchszenario für die Rivalitätskämpfe der nächsten Jahrzehnte.

Das Nachsehen werden jene Länder haben, die weder über Öl noch über Geld verfügen. Nirgends bewahrheitet sich die afrikanische Spruchweisheit, dass, wo Elefanten kämpfen, zuerst das Gras zertrampelt wird, so wie beim Kampf um Öl. Schon heute müssen importabhängige arme Staaten einen größeren Anteil ihrer Devisen ausgeben, um sich Öl für vitale Bedürfnisse zu beschaffen. Stromabschaltungen, höhere Preise für Transport, Kochgas, Nahrung sind die Folge, und die Armen die unmittelbar Leidtragenden. Die Verluste müssen Länder wie Mali, oder Zambia, Bangladesch oder Kambodscha tragen, den Gewinn aber können neben den Ölfirmen die Öl exportierenden Länder einstreichen, also der Nahe Osten, Venezuela und Russland. Die nationale Rivalität um knappe Ressourcen sendet Wellen der Verarmung durch die Welt.