Europa aus dem All. Aufgenommen vom Satelliten "Envisat"

12.7.2010 | Von:
Dirk Maxeiner

Klimaschutz als Sinnstiftung

Standpunkt Dirk Maxeiner

Klima-Politik hat sich längst vom Klima gelöst, meint Dirk Maxeiner. Vielmehr diene die Klimakatastrophe der Sinnstiftung für die westliche Politik. Ob die Prognosen auf einem soliden wissenschaftlichen Fundament stehen, rücke dabei in der Hintergrund.

Dirk MaxeinerDirk Maxeiner (© Dirk Maxeiner)

Die Klimarettung wird als die große Erzählung des beginnenden 21. Jahrhunderts in die Geschichte eingehen.

Ich weiß es nicht. Dieser Satz fällt mir schwer, seit er in der Schule meine Versetzung gefährdete. Und doch möchte ich ihn gleich zu Anfang aussprechen. Wie wird das Klima auf der Erde in einhundert oder zweihundert Jahren sein? ICH WEISS ES NICHT. Ich glaube auch nicht, dass ich es wissen kann. Und ganz wichtig: Ich glaube nicht, dass es überhaupt jemand wissen kann. Das ist eine Menge Unglauben auf einmal. Ich weiß. Aber keine Angst, es kommt jetzt keine flott behauptete Abrechnung à la "Die Klimalüge" oder "Der Klimaschwindel." Das wäre ebenfalls eine falsche Gewissheit, nur spiegelverkehrt zum gängigen Katastrophenglauben.

Eine Zivilisation mit 6,6 Milliarden Menschen beeinflusst das Klima auf vielfache Art. Die natürlichen Einflüsse, die in der Vergangenheit oft abrupte Klima-Umschwünge einleiteten, haben jedoch nicht einfach aufgehört zu existieren, nur weil das Flugzeug oder das Auto erfunden wurden. Und doch erliegen viele diesem Trugschluss: Das Klima wird mittlerweile als ein System wahrgenommen, das durch die Ausschaltung anthropogener Einflüsse in einen sanften Ruhezustand versetzt werden könnte. Das ist natürlich barer Unsinn. Das Klima wird sich so oder so weiterhin verändern - aus welchen Gründen auch immer.

Klimakatastrophe als Sinnstiftung

Eine Politik, die nicht einmal die Krankenkassen-Beiträge stabil halten kann, hat derweil die Klima-Stabilisierung zur neuen Utopie erkoren. Der Soziologe Ulrich Beck bezeichnet die Klimapolitik treffend als eine "Sinnressource für die delegitimierte und von Vertrauensverlust gezeichnete Politik." Die drohende Klimakatastrophe wird so zu einem Überzeugungs- und Glaubensystem, das gesellschaftlichen Sinn stiften soll.

Im Sommer 2009 litt Indien unter einem schwachen Monsun. Wie immer wenn eine Dürre das Land heimsucht ist dies die Stunde der Priester und Gottbegnadeten. Im Tempel Sankara Mattham von Mumbai versammelten sich zehn heilige Männer. Sie setzten sich vier Stunden lang bis zum Hals in wassergefüllte Öltonnen, beteten und sangen Mantras, um den Regengott zu erweichen. Und jeder Regentropfen der fortan vom Himmel fiel, stellte die Wirksamkeit des aufopferungsvollen Rituals unter Beweis. Im Vergleich zu den Klimagipfeln der UN-Bürokratie ist die indische Herangehensweise von großer Bescheidenheit. Auf Klimakonferenzen wie der in Kopenhagen im Winter 2009 versammelten sich nicht zehn, sondern fünfzigtausend Teilnehmer, um das Klima zu retten. Sie sprachen nicht vier Stunden, sondern zwölf Tage lang ihre Mantras. Statt in wassergefüllten Öltonnen hielt das Kabinett der Malediven schon im Vorfeld eine Kabinettssitzung im Tauchanzug unter Wasser ab. Ganz nah bei den Göttern war auch eine Gruppe von Bergsteigern, die Klima-Fürbitten an den Wänden des Mount-Everest anbrachten.

In Großbritannien geriet kürzlich der Umweltbeauftragte einer Immobilienfirma mit seinem Chef wegen dessen exzessiver Flugtätigkeit aneinander und wurde gefeuert. Richter Michael Burton gestand ihm zu, nach dem Anti-Diskriminierungs-Paragraphen dagegen zu klagen. Angestellte mit ausgeprägtem Umweltbewusstsein werden durch die Entscheidung rechtlich mit Christen, Juden oder Muslimen gleichgesetzt. Die Klimagemeinde entwickelt sogar anderen Religionen vergleichbare Ess-Tabus. "Für mich gibt es drei Signale, die wir sofort senden sollten", sagt die Chefin der Öko-Internet-Plattform "Utopia": "Weniger Rindfleisch essen, kein Wasser mehr aus Plastikflaschen trinken und keinen Zuchtfisch kaufen".

Mehr und mehr wird der Kohlendioxidausstoß zur moralischen Leitgröße und zum Ordnungsprinzip bis tief hinein in das Privatleben. Chaosforscher und Fußballfans kennen das Phänomen gut. In einem System, in dem scheinbar alles durcheinander geht, bildet sich plötzlich eine Ordnung heraus. Wie von Geisterhand entstehen Strömungen, die sich selbst verstärken und schließlich alles dominieren. Beispielsweise wenn sich gerade noch wild durcheinander gestikulierende Stadioninsassen auf eine innere Stimme hin zu einer koordinierten La-Ola-Welle erheben. Auch in der Politik und den Medien entstehen auf diese mysteriöse Weise Strömungen, die einem ungeheuren Sog entwickeln. Die Klimawelle ist ein gutes Beispiel dafür.

Klimarettung als neue Utopie

Die Idee der Klimarettung wird als eine große Erzählung des beginnenden 21. Jahrhunderts in die Geschichte eingehen. Spätestens seit dem Fall der Mauer mangelt es der Politik des Westens an einer mitreißenden Idee, gleichsam einer neuen Utopie. Und in diese Lücke stößt das moderne Klimamärchen (im metaphorischen Sinne) mit seinen Priestern, Helden und Schurken. Der negativen Utopie der Klimakatastrophe soll mit einer gemeinsamen Anstrengung, nämlich dem Projekt der Weltrettung begegnet werden.

Und die Klima-Politik hat sich längst von ihrem eigentlichen Gegenstand, dem Klima gelöst. Bei den internationalen Klimaverhandlungen geht es im wesentlichen um ökonomische Verteilungskämpfe: innerhalb Europas, zwischen Europa und USA, zwischen den westlichen Industrieländern und den aufstrebenden Schwellenländern wie China und Indien. Eine Kausalkette zwischen dem, was da verhandelt wird, und der Welttemperatur ist vielfach nicht mehr nachvollziehbar. So wurde Russland im Rahmen des Kyoto-Protokolls für den Zusammenbruch seiner Industrie mit vielen Milliarden Tonnen von Kohlendioxid-Emissionsgutschriften belohnt. Die will es nun an europäische Länder verkaufen, die ihre Einsparverpflichtungen nur so einhalten können. Die Russen verkaufen den Europäern also nicht nur ihr Gas, sondern auch die Erlaubnis es zu verbrennen. Faktisch wird nicht weniger Kohlendioxid produziert, aber auf dem Papier stimmt die Rechnung. Der neue Wirtschaftsblock um China und Indien hat erkannt, dass sich mit dem schlechten Gewissen der alten Industrieländer hervorragend Kasse machen lässt. Europa und Amerika sollen jetzt unter dem Banner des Klimaschutzes die Modernisierung ihrer schärfsten Weltmarkt-Konkurrenten finanzieren.

Ob das alles überhaupt auf einem soliden wissenschaftlichen Fundament steht, interessiert im Prinzip niemanden mehr. Lediglich die Wissenschaft beginnt sich Sorgen um ihre Reputation zu machen. Eine alte Meteorologen-Weisheit lautet: "Kaum glaubst du einen Trend festmachen zu können, dreht er sich um." Möglicherweise wird das auch diesmal so sein. Die Welttemperatur steigt nun seit fast zehn Jahren nicht mehr an und weigert sich den Prognosen zu folgen. Die Fachleute sprechen euphemistisch von einer "Seitwärtsbewegung". Selbst die für ihre engagierte Klimaschutz-Berichterstattung bekannte BBC fragte unlängst verunsichert: "What happened to global warming?".