Europa aus dem All. Aufgenommen vom Satelliten "Envisat"
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13.9.2010 | Von:
Prof. Dr. Eckart D. Stratenschulte

Sprachenvielfalt in Europa

Einleitung

Wie kann man mit der europäischen Vielsprachigkeit umgehen? Schon im 19. Jahrhundert haben sich Menschen darüber Gedanken gemacht. Soll die EU auf eine einheitliche Sprache setzen, oder weiterhin deren Vielfalt propagieren?

Das Europäische Parlament ist der weltweit größte Arbeitgeber für Übersetzer und Dolmetscher. Foto: Europäisches Parlament - Referat Audiovisuelle Medien.Das Europäische Parlament ist der weltweit größte Arbeitgeber für Übersetzer und Dolmetscher. Foto: Europäisches Parlament - Referat Audiovisuelle Medien. (© Europäisches Parlament - Referat Audiovisuelle Medien)

Europa ist ein recht kleiner Kontinent, wenn man ein paar Stunden fährt, ist man in einem anderen Land. Das merkt man in aller Regel auch daran, dass dort eine andere Sprache gesprochen wird. Deutschland hat neun direkte Anrainerstaaten und wer sich in allen Nachbarländern unmittelbar verständigen können will, muss schon ein ziemliches Genie sein und so unterschiedliche Sprachen wie Polnisch, Tschechisch, Französisch und Dänisch beherrschen. Wer hingegen von der Nordspitze Kanadas bis nach Feuerland im Süden Lateinamerikas reist, muss lediglich Englisch und Spanisch sprechen (dabei allerdings einen Bogen um Brasilien machen, in dem Portugiesisch geredet wird). Da die meisten Menschen bei uns keine bis zwei Fremdsprachen sprechen, ist man in Europa oft darauf angewiesen, sich "mit Händen und Füßen" zu verständigen. Diese Körpersprache gibt es auch und in verschiedenen Situationen, vom Flirt bis zur Suche nach einem Hotel, kann sie sehr nützlich sein - aber für komplexe Situationen ist sie nicht ausreichend.

Schon im 19. Jahrhundert haben sich Menschen darüber Gedanken gemacht, wie man mit der Vielsprachigkeit in Europa umgehen könne. Durch die Unabhängigkeitsbewegungen, die zu neuen Nationalstaaten mit neuen - identitätsbildenden - Nationalsprachen führten, wurde die sprachliche Vielfalt ja deutlich größer. Zwar gab es die Sprachen, die nun den neuen Staaten als Kommunikationsmittel und ideologischer Kristallisationspunkt galten, bereits vorher, aber ihre Bedeutung nahm zu und die der "linguae francae", also der Universalsprachen, reduzierte sich entsprechend. Der polnische Augenarzt Ludwik Lejzer Zamenhof entwickelte eine Kunstsprache, die er 1887 in einer Publikation vorstellte: das Esperanto. Die Idee war, eine Sprache zu schaffen, die einfach aufgebaut war und eine große Regelmäßigkeit aufwies. Obwohl die Idee bis heute Anhänger hat und es in vielen Ländern Esperanto-Clubs gibt (in Deutschland: Deutscher Esperanto-Bund), hat sich ein solches Konzept einer konstruierten Sprache nicht durchgesetzt. Zwar würde eine neue Sprache keine der bisher genutzten Idiome bevorzugen oder benachteiligen und so zu einem gleichberechtigten Kontakt zwischen den Völkern beitragen, woraus die Esperanto-Vertreter auch den humanistischen Anspruch ihres Vorhabens ableiten, aber Sprache ist offensichtlich mehr als die Verbalisierung von Piktogrammen.

Auf die Bedeutung der Sprache als Ausdruck der Verschiedenheit des Denkens weist, Wilhelm von Humboldt zitierend, Jutta Limbach hin. Die Jura-Professorin war nach ihrer politischen Karriere (als Justizsenatorin in Berlin) und der Übernahme des höchsten Richteramtes als Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts sechs Jahre lang die Präsidentin des Goethe-Instituts, dessen Aufgabe es ist, die deutsche Sprache und Kultur ins Ausland zu tragen. Mehrsprachigkeit, davon ist Limbach überzeugt, bringt intellektuellen Gewinn, fördert "die Lust, sich auf die Welt einzulassen" sowie die Offenheit für andere Geisteswelten.

Auch Krista Segermann, emeritierte Romanistik-Professorin aus Jena betont, dass die Sprachenvielfalt sich positiv auf das interkulturelle Verstehen und die Verständigungsbereitschaft der Menschen auswirkt. Jede Sprache drücke eine bestimmte Kultur aus, weshalb eine Einheitssprache die "sprachlich-kulturelle Verstehensfunktion" nicht erfüllen könne. Krista Segermann plädiert daher für eine aktive Umsetzung der europäischen Mehrsprachigkeit, die nur erreicht werden könne, wenn man sich von bisherigen Mustern des Sprachenlernens in der Schule verabschiede.

Was bedeutet das für die Europäische Union? Diese funktioniert zurzeit in 23 Amtssprachen. Darin sieht auch Jutta Limbach ein Problem, weswegen sie sich für ein "institutionelles Sprachenregime" ausspricht. Damit ist gemeint, dass die Europäischen Union sich einigen müsse, einige wenige Sprachen - aber mehr als eine - zur Grundlage ihrer Arbeit zu machen. Dass eine solche Übereinkunft nicht leicht wird zu erzielen sein, deutet Jutta Limbach an. Die Sprache, die mehr als alle anderen als Muttersprache in der Europäischen Union benutzt wird, ist Deutsch; die Sprache, die die meisten in der EU mehr oder weniger gut beherrschen, ist sicherlich Englisch. Spanien und Frankreich können für sich in Anspruch nehmen, dass ihre Sprachen in erheblichen Teilen der Welt als Mutter- oder Amtssprache fungieren. Damit hätte man schon vier Sprachen, für die es gute Gründe gäbe, sie in ein institutionelles Sprachenregime einzubeziehen.

Der Schriftsteller und Journalist Florian Rötzer geht an die Frage der Praktikabilität radikal heran, indem er sagt, dass die Vielsprachigkeit in Europa rückwärts gewandt sei und die europäische Integration behindere. Er sieht die einzige Möglichkeit darin, Englisch zur alleinigen Verkehrs- und Amtssprache in der EU zu machen. Damit sollen die Nationalsprachen natürlich nicht aufgehoben werden, in Karlsruhe und Chemnitz wird man auch nach Rötzers Vorstellung seine Brötchen weiterhin auf Deutsch kaufen. Für das Miteinander in der Europäischen Union soll allerdings nur noch eine Sprache, eben das Englische, von Bedeutung sein. Die gegenwärtige Polyphonie behindere auch die wirtschaftliche Entwicklung. Florian Rötzer stellt die These auf: Je weniger Sprachen in einem Land gesprochen werden, desto entwickelter ist das Land und desto höher ist sein Pro-Kopf-Einkommen.
Auch Peter J. Weber, Professor für Internationale Wirtschaftskommunikation in München, sieht die Europäische Union vor dem sprachlichen Kollaps. Er weist, ähnlich wie Florian Rötzer, darauf hin, dass die europäische Vielsprachigkeit sich ja nicht in den 23 Amtssprachen erschöpfe, sondern es viele weitere Sprache in Europa gebe. Für einige von ihnen würden nun Ansprüche auf Gleichwertigkeit in der Benutzung erhoben. In diesem Zusammenhang deutet Weber auf die Entwicklung des Katalanischen. Man könnte noch andere Beispiele der sprachlichen Differenzierung nennen, beispielsweise die Auseinanderentwicklung des Serbischen, Kroatischen und Bosnischen im Zusammenhang mit dem Zerfall Jugoslawiens in den 1990er-Jahren. Diese europäische Kleinstaaterei, daran besteht für Peter J. Weber kein Zweifel, führe Europa in die Sackgasse und sei gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten unpassend.

Sprache dient auch dem Zusammenhalt, sie ist in den meisten Staaten ein wichtiges Identifikationssymbol: Wir sind Deutsche, weil wir Deutsch sprechen - das ist eine unserer Gemeinsamkeiten.

Wie aber ist es dann um die europäische Identität bestellt? Hier wird oftmals genau gegenteilig argumentiert: Während wir im nationalen Rahmen sagen, dass (auch) die Sprache uns zusammenhält, hört man im europäischen Kontext den Slogan "Einheit in Vielfalt". Verbunden wird dieses Motto mit der Erklärung, unser europäischer Reichtum läge nicht zuletzt in der sprachlichen und kulturellen Vielfalt. Ist also Vielsprachigkeit genauso ein identitätsstiftendes Merkmal wie die Einsprachigkeit in den meisten Nationalstaaten?

In diesem Zusammenhang weist der Publizist Günter Buchstab, der bis 2009 die Wissenschaftlichen Dienste der Konrad-Adenauer-Stiftung geleitet hat, auf die Bedeutung von Symbolen hin. Sie sind eine Art non-verbaler Sprache und können von daher - als Flagge oder als Hymne oder auch als Währung - die nationalen Grenzen leicht überwinden und Menschen zusammenführen. Europäische Symbole können nach Buchstabs Auffassung den europäischen Einigungsprozess unterstützen, allerdings den Willen zur Einigung nicht ersetzen.

Die Europäische Union bekennt sich zur großen Zahl ihrer Amtssprachen und will auch weiterhin das Prinzip beibehalten, jedem Land freizustellen, "seine" Sprache mit in die EU zu bringen. Bislang haben lediglich Österreich, Zypern, Belgien und Luxemburg darauf verzichtet, eigene Sprachen zu Amtsprachen zu machen. Während in Österreich Deutsch, in der Republik Zypern Griechisch und in Belgien Niederländisch und Französisch gesprochen wird, gibt es in Luxemburg durchaus eine eigene Sprache, das Luxemburgisch. Allerdings haben die Luxemburger, die Französisch und Deutsch sprechen, darauf verzichtet, ihre Regional- zur europäischen Amtssprache zu machen. Auch die Iren bestanden bei ihrem Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft 1973 nicht auf dem Gälischen, das im Land selbst nur von einer kleinen Minderheit für die tägliche Kommunikation genutzt wird. Erst als 2004 die Malteser ihre Sprache unbedingt repräsentiert sehen wollten, obwohl auf der Mittelmeerinsel das Englische gleichberechtigte Amtssprache und weithin Verkehrssprache ist, setzten auch die Iren ihre Ansprüche durch. Das "Ende der Fahnenstange" ist damit noch nicht erreicht. Sollten Kroatien und Island in absehbarer Zukunft beitreten, wird die EU in 25 Amtssprachen abfahren - und wenn die Beitrittszusagen für die restlichen Balkanstaaten sich erfüllen (Albanien, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien, Montenegro, Serbien), wären wir bei 30 Sprachen, in die jedes Dokument übersetzt werden müsste. Allein die drei großen europäischen Institutionen, die Kommission, der Rat und das Europäische Parlament, beschäftigen rund 5.000 Personen im Übersetzungs- und Dolmetschdienst. Die Kosten für dieses Sprachenregime liegen bei rund einer Milliarde Euro pro Jahr. Das ist viel Geld, aber andererseits sind es auch nur zwei Euro pro Bürger.

Dass die Kosten nicht deutlich höher liegen, hat damit zu tun, dass tatsächlich keineswegs mehr alle Dokumente und Publikationen in alle Sprachen übersetzt werden. Viele Schriftstücke und Internetpublikationen gibt es nur auf Englisch und Französisch. Selbst Deutsch, offiziell die dritte Arbeitssprache der Europäischen Institutionen, ist nicht annähernd gleichberechtigt vertreten.

Daran, dass es gelingen könnte, sich innerhalb der EU auf zwei oder drei Amtssprachen zu einigen, darf gezweifelt werden. Ein Votum für die Arbeitssprachen, also Englisch, Französisch und Deutsch, dürfte am Widerstand der Italiener, Spanier und sicherlich auch Polen scheitern - und jeder anderen Konstellation ginge es ähnlich. So ist das Wahrscheinlichste, dass die EU sich weiterhin zur Vielsprachigkeit bekennt - und durch die Hintertür das Englische immer stärker die dominante Sprache werden wird.

Unabhängig von der Regelung der europäischen Administration bleibt allerdings die Frage, wie wir uns zur Vielsprachigkeit in Europa verhalten. Sowohl Jutta Limbach als auch Krista Segermann plädieren sehr stark dafür, sich beim Spracherwerb nicht auf eine Fremdsprache - das wäre ja dann wohl das Englische - zu beschränken, sondern durch die Fähigkeit zur Kommunikation auch die Türen zu anderen Kulturen aufzustoßen. Zwei Sprachen neben seiner Muttersprache sollten eine gebildete Europäerin und ein gebildeter Europäer schon beherrschen. Diese Forderung ist nicht neu und auch nicht immer einfach zu realisieren. Gerade unsere Nachbarn aus Luxemburg oder den Niederlanden zeigen jedoch durch ihr eigenes Beispiel, dass eine solche Sprachbeherrschung keineswegs unmöglich ist.

Literatur

Ulrich Ammon: Sprechen Sie Europäisch?, in: Kulturreport - Fortschritt Europa, hrsg. vom Institut für Auslandsbeziehungen, Stuttgart 2007, S. 178-184.

Georg Bossong: Sprachwissenschaft und Sprachphilosophie in der Romania - von den Anfängen bis August Wilhelm Schlegel, Tübingen 1990.

Europäische Kommission: Eine lohnende Herausforderung - Wie die Mehrsprachigkeit zur Konsolidierung Europas beitragen kann, Vorschläge der von der Europäischen Kommission eingerichteten Intellektuellengruppe für den interkulturellen Dialog, Brüssel 2008.

Markus Göldner: Politische Symbole der europäischen Integration: Fahne, Hymne, Hauptstadt, Pass, Briefmarke, Auszeichnungen, Frankfurt a.M. 1988.

Goethe-Institut, Sprache ohne Grenzen, München 2010.

François Grin et. al.: The Economics of the Multilingual Workplace. New York 2010.

Wilhelm von Humboldt: Schriften zur Sprache, Reclam, Stuttgart 1973, insbes. S. 21 ff.

Peter A. Kraus, Europäische Öffentlichkeit und Sprachpolitik, Frankfurt/Main 2004.

Jutta Limbach, Hat Deutsch eine Zukunft? Unsere Sprache in der globalisierten Welt, München 2008.

Robert Robertson: Glokalisierung. Homogenität und Heterogenität in Raum und Zeit. In: Ulrich Beck: Perspektiven der Weltgesellschaft, Frankfurt am Main 1998

Robert Schuman: Mémoires. Paris 1986.

Peter J. Weber: Die multilinguale und multikulturelle Gesellschaft: eine Utopie? Aspekte einer empirischen Komponentenanalyse zur sprachlichen Identität in Belgien, Bonn 1996.

Peter J. Weber: Kampf der Sprachen. Die Europäische Union vor der sprachlichen Zerreißprobe, Hamburg 2009.



Internet

bpb.de (Server der Bundeszentrale für politische Bildung mit umfangreichen Informationen, Folien, Unterrichtseinheiten und Publikationsangeboten über Europa)

europa.eu (Server der Europäischen Union mit vielen Informationen in allen Amtssprachen)

europarl.de (Server der Vertretung des Europäischen Parlaments in Deutschland)

auswaertiges-amt.de (Europa-Seite des Auswärtigen Amtes)

cafebabel.de (mehrsprachige kostenlose Internetzeitschrift, die sich speziell an ein jüngeres Publikum richtet)

euractiv.de (unabhängiger kostenloser Informationsdienst über die Entwicklungen in der Europäischen Union) deutscheakademie.de (Internetseite der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung)

esperanto.de (Internetseite des Deutschen Esperanto-Bundes)
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