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Sprachenvielfalt in Europa

Standpunkt Jutta Limbach


13.9.2010
Sprache ist nicht nur ein Kommunikationsmittel sondern auch das vielfältige kulturelle Erbe der Menschheit, meint Jutta Limbach. Europa solle kein Schmelztiegel sein und den Reichtum seiner kulturellen und sprachlichen Vielfalt bewahren.

Prof. Dr. Jutta LimbachProf. Dr. Jutta Limbach (© Jutta Limbach)
Europa ist ein sprachenfreudiger Kontinent. Zu den Werten Europas gehören seit jeher die Vielfalt seiner Kulturen und die Vielzahl seiner Sprachen. Die Sprachen dienen nicht nur als Kommunikationsmittel. In Schrift gekleidet bezeugen sie das kulturelle Erbe der Menschheit. Die Vielfalt der europäischen Kulturen spiegelt sich in den Sprachen wider. Diese geben Auskunft darüber, was die jeweilige Sprachgemeinschaft gesellschaftlich, politisch und kulturell bewegt. Viele Städte Europas verdienen die Auszeichnung als Weltliteraturstadt, die jüngst die Stadt Dublin erhalten hat, weil sie neben James Joyce noch viele große Autoren zu ihren Söhnen zählt. Die zehn Finger reichen nicht, wenn es gilt, diese Liste um andere europäische Städte fortzuschreiben.

Die Sprache ist ein Politikum. Das veranschaulicht nicht nur der Sprachenstreit in einigen Staaten Europas, wie in Belgien und Spanien. In der Europäischen Union hofft man einen solchen Konflikt zu vermeiden. Im Prozess der europäischen Integration ist die Sprachenvielfalt Europas stets hoch gehalten worden. Bis in den jüngsten, den Vertrag von Lissabon hinein sind die Mitgliedstaaten dem Versprechen treu geblieben, dass die Europäischen Gemeinschaften und nunmehr die Europäische Union den Reichtum ihrer kulturellen und sprachlichen Vielfalt zu wahren hat. Die Europäische Union soll kein Schmelztiegel sein. Mehr und mehr setzt sich die Einsicht durch, dass kulturelle Vielfalt die Entwicklung der Menschheit fördert. Die europäische Integration sollte ein beispielhaftes Projekt sein, mit dem unter Beweis gestellt wird, dass sich wirtschaftspolitische Einheit und kulturelle Vielfalt klug harmonisieren lassen.

Bis zum heutigen Tag sind alle offiziellen Sprachen der Mitgliedstaaten gleichberechtigt. Aber nur im Europäischen Parlament sind tatsächlich alle Sprachen zugelassen. Im Gerichtshof der Europäischen Union wird Französisch gesprochen. Die Europäische Kommission hat die englische, französische und deutsche Sprache als interne Arbeitssprachen gewählt. Die deutsche Sprache spielt allerdings im Brüsseler Alltag kaum eine Rolle. Das erklärt nicht nur die Tatsache, dass diese erst seit 1993 dieses Privileg genießt. Hier hat es die deutsche Politik und das deutschsprachige Brüsseler Personal an Eifer und Einfallsreichtum fehlen lassen. Ob durch den jüngst erwachten Eifer Boden wettgemacht werden kann, wird die Zukunft lehren.

Die auf die Integration der verschiedenen Kulturen bedachte Europäische Union muss Strategien entwickeln, die deren friedliches Zusammenwirken fördern, ohne die kulturellen Eigenarten der Mitgliedstaaten und Regionen einzuebnen. Die Union hat sich dem Bildungsziel der Mehrsprachigkeit verschrieben. Manchem erscheint dieses Postulat als ein störendes nationalistisches Relikt. Auf Einfachheit, Schnelligkeit und Sparsamkeit bedacht, plädieren sie für den Gebrauch des Englischen als Verkehrssprache. Wer wollte den Wert dieser Lingua franca leugnen. Ob auf Reisen oder auf internationalen Konferenzen kommt uns zustatten, dass wir in der englischen eine weltweit gesprochene Sprache besitzen, die uns allerorten eine Verständigung ermöglicht. Gleichwohl gilt es, eine sprachliche Monokultur abzuwehren. Bringt sie doch allzu leicht Einfältigkeit mit sich. Wenn in der Europäischen Union nur noch Englisch gesprochen würde, verkämen alle übrigen Sprachen zu Freizeitsprachen, die mangels einer fortgeschriebenen wirtschaftspolitischen Terminologie modernen Ansprüchen nicht mehr gerecht würde. Dagegen verspricht Mehrsprachigkeit intellektuellen Reichtum, weil sie mit anderen, fremden Ideen vertraut macht.

Die Sprache ist, so hat es Wilhelm von Humboldt gesagt, auch Ausdruck der Verschiedenheit des Denkens. Vermutlich, so meint er, ist "der eigentliche Grund der Vielheit der Sprachen das innere Bedürfnis des menschlichen Geistes, eine Mannigfaltigkeit intellektueller Formen hervorzubringen ...". In mehreren Zungen reden zu können, bereichert die Ansicht von Welt und Wirklichkeit. Fremde Wörter sind gleichsam Fenster in eine andere Welt. Zudem regt das Erlernen fremder Sprachen den Menschen an, über die Eigenheiten der eigenen Sprache nachzudenken. Wie hat es schon Goethe so treffend gesagt, wer fremde Sprachen nicht lernt, kennt seine eigene nicht. Mit der Kenntnis fremder Sprachen wachsen die Lust, sich auf die Welt einzulassen, und die Offenheit für andere Geisteswelten.

Kulturelle und sprachliche Vielfalt bringen nicht nur intellektuellen Gewinn. Sie erzeugen auch Spannungen, wie uns ein Blick in die Nachbarschaft zeigt. Diese Einsicht verlangt ein intensives Nachdenken darüber, wie die positive Wirksamkeit von Mehrsprachigkeit bestärkt werden kann. Dabei sollten wir uns von der Zuversicht leiten lassen, dass eine bewusst gelebte kulturelle Vielfalt als ein mächtiges Gegengift gegen nationalistische Überheblichkeit wirken kann, die wiederholt zu zerstörerischen Kriegen geführt hat. Die von dem damaligen Kommissar für Mehrsprachigkeit einberufene Intellektuellengruppe hat - dieser Hoffnung folgend - vorgeschlagen, dass jeder Europäer und jede Europäerin neben der Verkehrssprache Englisch eine Fremdsprache mit großem Ehrgeiz und Arbeitsfreude erlernen sollten. Die Wahl einer persönlichen Adoptivsprache sollte von persönlichen Beweggründen geleitet werden: von der Familiengeschichte oder der geografischen Nachbarschaft, von beruflichen Interessen oder intellektueller Neugier.

Das Erlernen der Adoptivsprache soll mit der Kultur, der Literatur, der Geschichte, der Gesellschaft und den politischen Institutionen des Landes vertraut machen, in dem die jeweilige Sprache gesprochen wird. Wohl wird sich eine große Zahl der Europäer für eine der großen symbolträchtigen Sprachen entscheiden, deren Sprachgemeinschaft eine wichtige Rolle in der Geschichte gespielt hat. Auch der Wunsch, europäische Werke der Weltliteratur in der Originalsprache zu lesen, dürfte die Wahl beeinflussen. Doch jede Sprache - und sei die sie sprechende Sprachgemeinschaft noch so klein - ist Trägerin eines kulturellen Gedächtnisses und einer besonderen Ausdrucksfähigkeit. Darum ist keine verzichtbar. Jede sollte mit Hilfe zweiseitiger Bande bewahrt werden. Ein phantasievoller Umgang mit der Sprachenvielfalt kann, so das Fazit der Intellektuellengruppe, das Selbstverständnis als europäischer Bürger fördern und einen Beitrag zu einem harmonischen Zusammenleben der Kulturen leisten. Der vertiefte Spracherwerb zielt auf die Bildung der Persönlichkeit. Die Bereitschaft und Fähigkeit sollen auf diese Weise entwickelt werden, sich in anderen Regionen und Geisteswelten zurechtzufinden. Hinter dem Konzept der persönlichen Adoptivsprache steht letztlich ein neues Menschenbild. Gemeint ist das Ideal eines weltoffenen Unionsbürgers und einer aufgeschlossenen Unionsbürgerin, die Brücken zwischen der Kultur ihres Herkunftslandes und fremden Kulturen zu bauen wissen.

Das Hohe Lied auf die Mehrsprachigkeit darf uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Vielzahl der Sprachen in der Arbeit der Europäischen Union als beschwerlich erweist. Bedenkt man, dass gegenwärtig 506 Sprachkombinationen abzudecken sind, so wird die Frage nach einem institutionellen Sprachenregime alsbald auf der Tagesordnung stehen. In dieser hoch emotionalen Frage ein kluges Übereinkommen zu erzielen, dürfte die europäische Politik auf das Äußerste herausfordern. Das Bekenntnis der Union zur kulturellen und sprachlichen Vielfalt schließt ein Sprachenregime aus, das die Einsprachigkeit zur Regel macht. Die Sprachenwahl und deren Zahl werden nur in einem offenen Diskussionsprozess entschieden werden können. Bei der Abwehr einer sprachlichen Monokultur kommt Deutschland, Frankreich und auch Spanien eine besondere Rolle zu. Sie sind nicht nur wegen der Bedeutung ihrer Sprachen für die Sprachenvielfalt in Europa, sondern vor allem für den Erhalt der Sprachen kleinerer Staaten verantwortlich. Wie die Sprachen lebendig bleiben, die nicht in den Genuss kommen, Arbeitssprache der Europäischen Union zu sein, wird die Kardinalfrage eines künftigen Sprachenregimes sein. Denn würden diese künftig auf das Gesellige beschränkt werden, ereignete sich ein Kulturverlust, der zu den Zielen der Europäischen Union in einem krassen Widerspruch stünde.

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