Europa aus dem All. Aufgenommen vom Satelliten "Envisat"

13.9.2010 | Von:
Prof. Dr. Peter J. Weber

Die EU vor dem sprachlichen Abgrund

Standpunkt Peter J. Weber

Nach Peter J. Weber deutet die immer stärker werdende Hervorhebung sprachlicher Besonderheiten in der EU auf tiefer gehende Verschiedenheiten hin. Ein wirtschaftlicher Kollaps wäre untrennbar mit einem sprachlichen Kollaps verbunden.

Prof. Dr. Peter J. WeberProf. Dr. Peter J. Weber (© Peter J. Weber)
Seitdem die Finanzkrise zu einer weltweiten Wirtschaftskrise geworden ist, werden auch diejenigen Stimmen lauter, die von einem wirtschaftlichen Kollaps der Europäischen Union sprechen. Denn es hat sich gezeigt, dass eine reine Währungsunion ohne gemeinsame Wirtschaftspolitik die in ihren Wirtschaftsstrukturen so ungleiche Europäische Union nicht nachhaltig verbinden kann. Und so mehren sich selbst in seriösen Berichterstattungen verkürzende Aussagen, dass Südeuropa wirtschaftlich eben anders funktioniert als Nordeuropa und die letzteren eher stabilitäts- und die anderen eher inflationsorientiert handeln (vgl. Wirtschaftswoche Nr. 20, 17.5.2010).

Dies ist nichts anderes als die Bestätigung des berühmten Europakonstrukteurs Robert Schuman, der betonte, dass er mit der Kultur beginnen würde, wenn er Europa nochmals aufzubauen hätte (Schumann 1986). Wenn also nicht einmal ein Konsens in dem von Zweckorientiertheit geprägten ökonomischem Feld zu finden ist, dann deuten die Hervorhebungen sprachlich-kultureller Besonderheiten in der Diskussion um Euro, Stabilitätspakt usw. auf tiefer gehende Verschiedenheiten in der EU hin, die durch wirtschaftlichen Aufschwung und das gemeinsame Projekt EU in Nichtkrisenzeiten der vergangenen 50 Jahre stärker kaschiert wurden als bisher angenommen.

Der europäische Sprachenpluralismus ergibt sich nicht nur aus 23 offiziellen Amts- und Arbeitssprachen, sondern auch aus ungefähr 90 Regional- oder Minderheitensprachen, die durch die Charta der Regional- oder Minderheitensprachen vom 5.11.1992 von der EU anerkannt sind (vgl. http://conventions.coe.int). Die These dieses Beitrages lautet, dass ein drohender wirtschaftlicher Kollaps untrennbar mit dem sprachlichen Kollaps der Europäischen Union verbunden ist, in der Sprachen und Kulturen immer mehr zu Symbolen von wirtschaftlichen und politischen Konflikten gemacht werden und damit letztlich nicht nur die Wirtschafts- und Währungsunion nach Art. 2 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV), sondern auch das gesamte, einmalige Projekt eines supranationalen Europas der Bürger (vgl. Art. 20 AEUV zur Unionsbürgerschaft) gefährdet.

Programmatisch hat nun diese EU mit dem Motto "In Vielfalt geeint" zu leben, das sich in der historischen und aktuellen Realität nur dann leben lässt, wenn eben diese sprachliche und kulturelle Vielfalt auch im Hinblick auf die Einheit gestaltet wird. Die historische und aktuelle sprachliche Situation in Europa wird in diesem Zusammenhang oftmals mit dem Bild des "Turms zu Babel" in Verbindung gebracht, um auf die Vielfalt der Sprachen und Kulturen hinzuweisen. Das Bild kann in zweierlei Hinsicht gedeutet werden: Einerseits kann Vielfalt in positiver Auslegung für die Bereicherung durch die sprachliche Vielfalt stehen, andererseits wird es in negativer Auslegung nach der mythisch-biblischen Erzählung im Buch Genesis 11,1-9, als Ausdruck der sprachlichen Verwirrung gesehen, nach der der Mensch von Gott für seinen Machbarkeitswahn gestraft wurde, sich ein Zeichen zu setzen und die Völker zu vereinen.

Die (sprachliche) Geschichte (nicht nur) Europas pendelt denn zwischen Vereinheitlichung und Zersplitterung. Die Römer schufen das erste Weltreich Europas, nicht nur wegen der militärischen und administrativen Überlegenheit, sondern auch weil ihr Latein alle Funktionen eines Europa umfassenden Kommunikationsmittels hatte. Mit dem Zerfall Roms und der Vermischung der Völker entstand ein vielfältiges Sprachengemisch der einfachen Völker, deren Sprachen auch Volkssprachen genannt werden. Diese Sprachen hatten im Mittelalter eine nur regionale Reichweite, weswegen es auch so viele Regionalsprachen im Gegensatz zu der Verkehrssprache (Lingua Franca) Latein gab (Weber 2009).

Der Durchbruch für das gemeine Volk und seine Sprachen kam mit der Erfindung des Buchdrucks in Mainz. Nun wurde die Vervielfältigung von Texten auch in den Volkssprachen möglich. Im Prolog der im Jahre 1492 erschienenen Grammatik zur lateinischen und spanischen Sprache, der ersten Grammatik dieser Art, steht unmissverständlich, dass die Sprache vom Reich, also einem umrissenen Territorium begleitet wurde (vgl. Bossong 1990). Und so kam es, dass unsere heutigen Staatssprachen erst durch die Nationalstaaten zu allgemeingültigen Sprachen wurden und umgekehrt die Nationalstaaten durch die Standardisierung von Sprachen - insbesondere durch die Schulen - zu einheitlichen Gebilden. Erst so wurde die Französische Revolution von 1789 sprachlich möglich, auf deren Grundlage sich ein Nationalstaatsmodell entwickelte, das sich zunächst im alten Europa und dann weltweit verbreiten konnte.