Europa aus dem All. Aufgenommen vom Satelliten "Envisat"

22.11.2010 | Von:
Dr. Hans-Liudger Dienel

Die dunkle Seite der Technik ausmalen

Standpunkt Hans-Liudger Dienel

Möglichst dunkle, böse und extreme Missbräuche neuer, zum Teil futuristischer Technologien: Offene Gesellschaften müssen Gefahren offen diskutieren, meint Hans-Liudger Dienel. Das europäische Projekt FESTOS leiste einen Beitrag dazu.

Dr. Hans-Liudger DienelDr. Hans-Liudger Dienel (© Hans-Liudger Dienel)
In den letzten Jahren haben in vielen europäischen Ländern die für Verbrechensbekämpfung und Terrorabwehr zuständigen nationalen Polizeibehörden technische Arbeitsgruppen eingerichtet. Sie befassen sich mit zukünftigen möglichen Bedrohungslagen, die durch eventuell noch gar nicht vorhandene, aber denkbare, mögliche neue Technologien ausgelöst oder verstärkt werden.

In Deutschland ist hier das Bundeskriminalamt tätig geworden. Es arbeitet an einem "Technologieradar" für die Erfassung von technologisch induzierten Bedrohungen. Auch in anderen europäischen Ländern gibt es ähnliche Bemühungen. Doch man arbeitet bisher weitgehend unvernetzt und mit nur kleinen Budgets nebeneinander her. So gelingt zwar eine exemplarische Bewertung einzelner Technologien im Hinblick auf Gefährdungspotenziale, aber kein flächendeckendes Technologie-Screening und vor allem noch keine Diskussion, Entwicklung und Einführung möglicher präventiver Gegenmaßnahmen.

In diesem Kontext hat steht das von der EU-Kommission geförderte Projekt FESTOS (Foresight of Evolving Security Threats Posed by Emerging Technologies, siehe www.festos.org), in dem Zukunftsforschungsinstitute aus fünf Ländern (Israel, Deutschland, Großbritannien, Finnland, Polen) technologische Bedrohungslagen erforschen, präventive Gegenmaßnahmen entwickeln und durch den europäischen Charakter des Projekts implizit auch den Austausch und die Zusammenarbeit der nationalen (Polizei)Behörden anregen und unterstützen. Denn die fünf Institute arbeiten in dem europäischen Vorhaben in den nationalen Teilprojekten in unterschiedlicher Art und Weise mit den jeweiligen nationalen (Polizei-)Behörden zusammen. In Deutschland gehört der Leiter des Kriminalistischen Instituts des Bundeskriminalamts, Carl-Ernst Brisach, zum Beirat des FESTOS Projekts; mit seinen Mitarbeiter/innen im "Technologieradar" pflegt FESTOS einen intensiven Austausch.

In der Zukunftsforschung wird seit vielen Jahren mit sogenannten "Wildcards" oder auch "Black Swans" gearbeitet. So bezeichnet man Ereignisse, die zwar eine ganz geringe Eintrittswahrscheinlichkeit haben, aber eine sehr große, zum Teil dramatische Wirkung entfalten können. Das deutsche Teilprojekt ist in definierten Technologiefeldern auf der systematischen Suche nach solchen Wildcards. Dafür bedient es sich der Szenarienmethode. In den Szenarienprozessen schlüpfen technische und administrative Experten/innen in die Rolle von Terroristen und Verbrechern und versuchen, sich in möglichst dunkle, böse und extreme Missbräuche neuer, zum Teil futuristischer Technologien hineinzudenken. An der Szenarienentwicklung beteiligt ist der Zukunftsforscher und Science-Fiction Autor Karlheinz Steinmüller.


Dossier

Innere Sicherheit

Das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit sei wahrscheinlich ein Ewigkeitsthema, so Christoph Gusy in seinem Essay. Die Gewährung von Sicherheit gilt als eine Kernaufgabe des Staates. Wie dies umgesetzt wird, ist ein wichtiges und zugleich umstrittenes Politikfeld.

Mehr lesen

Die Leitvorstellung der Europäischen Union ist der Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts, der es den Bürgern der EU ermöglichen soll, in der gesamten Union so frei zu leben, wie man das traditionell aus dem Nationalstaat kennt.

Mehr lesen