Europa aus dem All. Aufgenommen vom Satelliten "Envisat"

23.3.2011 | Von:
Prof. Dr. Eckart D. Stratenschulte

Hilfe, wir werden weniger – oder ist das vielleicht gut? Die demografische Entwicklung in der Diskussion

Einleitung

Viele Faktoren beeinflussen die demografische Entwicklung: Geburten, Todesfälle, Migration. Ist die demografische Zukunft Europas daher unklarer als gedacht? Wird Europa schrumpfen? Ist das ein Problem? Wie muss Europa auf die demografische Entwicklung reagieren?

Frau mit Rollator in Karten-Miniatur.Frau mit Rollator in Karten-Miniatur. Lizenz: cc by-nc-sa/2.0/de (hebedesign)

Eigentlich ist es ganz einfach: Jede Frau, die 1981 nicht geboren wurde, bekommt 2011 kein Kind. Diese banale Aussage weist auf zweierlei hin: Die Demografie arbeitet mit langfristigen Trends. Und: Die politischen Folgen der demografischen Entwicklung sind nicht kurzfristig zu beheben.

Die Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland und in den meisten anderen Staaten der Europäischen Union schrumpft. "Deutschland schafft sich ab", meldete die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 13. Januar 2011 in Anlehnung an den Titel eines umstrittenen Buches und fuhr fort: "Immer weniger Menschen leben in der Bundesrepublik, und die Zuwanderung ändert daran nichts. Um 100.000 ist die Bevölkerung 2010 im Vergleich zum Vorjahr geschrumpft, und der Trend geht weiter."

Das ganze Ausmaß der Bevölkerungsentwicklung wird allerdings erst in einigen Jahren sichtbar werden, wenn die älteren und älter gewordenen Jahrgänge sterben. Die Erhöhung der Lebenserwartung hat den Trend zur Verringerung der Bevölkerungszahl nämlich bislang aufgehalten. Das zeigt schon, dass die Bevölkerungsentwicklung nicht allein von der Geburtenzahl, sondern auch von der Lebenserwartung abhängt. Hinzu kommen die Veränderungen der Bevölkerung durch Zu- oder auch Abwanderung.

Wie viele Menschen 2050 in Deutschland leben werden, lässt sich also nicht wirklich zuverlässig sagen. Hierauf weisen Klaus Bingler und Gerd Bosbach in ihrem Beitrag hin. Bei den von den Statistischen Ämtern angegebenen Zahlen für die Zukunft handele es sich keineswegs um Prognosen, sondern lediglich um Modellrechnungen. Diese basieren jeweils auf einem Kranz von Annahmen und verändern sich mit diesen. Wie viel Geburten nimmt man für künftige Jahre an, wie viele Zuwanderer werden erwartet, wie wird sich die Lebenserwartung in den nächsten 40 Jahren verändern? Die ehrliche Antwort lautet: Wir wissen es nicht. Aber wir können natürlich berechnen, wie hoch die Bevölkerungszahl sein wird, wenn man die verschiedenen Größen als gegeben annimmt.

In der Vergangenheit wurde die Bevölkerungsentwicklung stark von äußeren Ereignissen wie Seuchen und Kriegen geprägt. Wer im Krieg umkommt - und der Zweite Weltkrieg zählte deutlich über 50 Millionen Tote - fehlt nicht nur in der Gesellschaft, er fällt auch als Elternteil aus. Zudem erschweren Kriegswirren, Zerstörungen und Nahrungsmittelmangel die Familiengründung. Als nach dem Zweiten Weltkrieg neue Jahrgänge ins zeugungs- und gebärfähige Alter hineinwuchsen und sich gleichzeitig die gesellschaftlichen Verhältnisse verbesserten, zog die Geburtszahl deutlich an, es kam zu einem "Babyboom". Die zwischen 1955 und circa 1965 geborenen nennt man heute noch die "Baby Boomer", neutraler: die geburtenstarken Jahrgänge. In den USA fand diese Entwicklung schon fünf Jahre früher statt, der Babyboom begann 1950.

In den 1960er-Jahren ist jedoch eine neue Entwicklung in den westlichen Gesellschaften eingetreten. Die "Anti-Baby-Pille" hat eine Verhütung sehr viel zuverlässiger ermöglicht. Zum ersten Mal in der Geschichte konnten die Menschen in der Sexualität selbst entscheiden, ob sie Nachwuchs zeugen wollten oder nicht, und das auch bei spontanen sexuellen Kontakten. Die Folge war ein drastischer Rückgang der Geburtenrate, der als "Pillenknick" bekannt wurde. Die Bevölkerungswissenschaftlerin Thusnelda Tivig schreibt dazu in ihrem Artikel: "Nur so wenige Kinder haben zu können, wie man sich wünscht, und ein immer längeres Leben verbringen zu können, sind gewonnene Freiräume."

Aber die Bevölkerungsentwicklung wird, wie gesagt, nicht nur von der Geburtenrate bestimmt, sondern auch durch Lebenserwartung und Zu- oder Fortzüge. Jede dieser Entwicklungen hat jedoch Konsequenzen, erwünschte und unerwünschte. Um diese Konsequenzen geht der Streit, den die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler austragen, wenn sie über das Thema der demografischen Entwicklung diskutieren.

Dabei wird deutlich, dass die Entwicklung in verschiedenen europäischen Ländern sehr unterschiedlich ist, auch wenn die "einheimische Bevölkerung fast aller europäischen Länder altert" (Kröhnert) und Thusnelda Tivig polemisiert: "Der Begriff 'alte Welt' erhält eine demografische Bedeutung." Besonders betroffen sei der ländliche Raum, so Steffen Kröhnert vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, er werde durch die demografische Entwicklung ausbluten, allerdings vor allem in den Ländern Osteuropas, während in Frankreich, Großbritannien oder Irland auch die ländlichen Regionen von einer stabilen demografischen Situation profitieren könnten.

Allerdings ist die Europäische Union ein Raum der Freizügigkeit, kein Land kann seine Bürger am Wegzug und die der anderen EU-Länder am Zuzug hindern. Was hier an grenzüberschreitenden Wanderungsbewegungen stattfinden könnte, wird in den meisten Überlegungen noch gar nicht erfasst.

Was sind nun die Konsequenzen einer niedrigen Geburtenrate bei erhöhter Lebensqualität für die Gesellschaft als Ganze? Hier gehen die Meinungen weit auseinander. Während Steffen Kröhnert davon ausgeht, dass künftiges Wirtschaftswachstum "von den Kosten des demografischen Wandels aufgezehrt" werde, halten beispielsweise Bingler und Bosbach solche Aussagen für unzulässige Dramatisierungen, die von anderen Defiziten der gesellschaftlichen Entwicklung wie zum Beispiel der hohen Arbeitslosigkeit und der unzureichenden Ausbildung Jugendlicher ablenken sollten. Im Gegenteil sehen sie die Entwicklung positiv: "Wenn das Bruttoinlandsprodukt, wie alle Experten annehmen, auch in Zukunft wächst, wenn die Anzahl der Menschen in Deutschland sinkt, trifft ein größerer Kuchen auf weniger Esser. Weshalb sollen dann die meisten den Gürtel enger schnallen?"


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