Europa aus dem All. Aufgenommen vom Satelliten "Envisat"

22.11.2010 | Von:
Prof. Dr. Paul Gans
Dr. Ansgar Schmitz-Veltin

Demografischer Wandel in Europa

Standpunkt Paul Gans & Ansgar Schmitz-Veltin

Europa ist zwar vielfältig - auch demografisch - eine Entwicklung findet dennoch überall statt: die Alterung der Gesellschaften. Paul Gans und Ansgar Schmitz-Veltin zeigen, wie Regionen damit umgehen sollten und fordern eine bessere Kooperation regionale Akteure.

Prof. Dr. Paul GansProf. Dr. Paul Gans (© Paul Gans)
Bevölkerungsrückgang, Alterung, Vereinzelung und Internationalisierung kennzeichnen die zukünftige demografische Entwicklung in Europa. Jeder dieser vier Trends stellt unterschiedliche gesellschaftliche Herausforderungen, deren Dimensionen eng miteinander in Beziehung stehen. Im Fokus des Beitrages stehen die zukünftige Bevölkerungsentwicklung und -alterung. Beide beeinflussen in hohem Maße die Wettbewerbsfähigkeit der Ökonomie und die Qualität der Daseinsvorsorge auf regionaler Ebene.

Die regionalisierte Bevölkerungsvorausberechnung von Eurostat für den Zeitraum von 2010 bis 2030 gibt Hinweise auf die räumliche Vielfalt des demografischen Wandels.

Zwar können die Länder der EU gemäß der Basisvariante eine Zunahme von 499,4 Mio. auf 519,9 Mio. Einwohner oder von etwa 4,1 % erwarten, doch ist dieser mittlere Wert auf Länderebene wenig aussagekräftig wie beispielsweise die gegenläufige Entwicklung in Bulgarien und Irland dokumentiert. Auffallend sind großräumige Verteilungsmuster mit zu erwartenden steigenden Einwohnerzahlen in Skandinavien, mit Stagnation im westlichen und südlichen Europa sowie mit zum Teil deutlichen Bevölkerungsrückgängen in den Beitrittsländern der Jahre 2004 und 2007.
Bevölkerungsentwicklung in den NUTS-II-Regionen der EU (2010-2030). Datenquelle: EurostatBevölkerungsentwicklung in den NUTS-II-Regionen der EU (2010-2030). Datenquelle: Eurostat (© Paul Gans)
Der zukünftige Trend in den ehemals sozialistischen Ländern ist vor allem durch einen Gegensatz zwischen Metropole (Hauptstadt) und Peripherie gekennzeichnet. In den früheren EU-15-Staaten spielen dagegen die Siedlungsstrukturen eine geringere Rolle, wenngleich sich auch hier differenzierte regionale Muster zeigen: in Schweden das Gefälle zugunsten der Agglomerationen in den südlichen Landesteilen, in Deutschland die Unterschiede zwischen Ost und West mit den positiven Trends im Süden und Nordwesten, in Frankreich die günstige Entwicklung entlang des Mittelmeers, der Pyrenäen sowie des Atlantiks, in Spanien das Gefälle von den Küstenregionen im Südosten zu den ländlich geprägten und teilweise altindustrialisierten Gebieten im Nordwesten, in Italien, wo sich das sogenannte Dritte Italien positiv vom Mezzogiorno abhebt.

Dr. Ansgar Schmitz-VeltinDr. Ansgar Schmitz-Veltin (© Ansgar Schmitz-Veltin)
Die Alterung, die Zunahme der Zahl und/oder des Anteils älterer Menschen an der Bevölkerung ist in Europa überall zu beobachten. Bildhaft ausgedrückt zeigt sich die Alterung in einer Verbreiterung der Spitze der Alterspyramide als Folge der weiterhin steigenden Lebenserwartung sowie einer sich gleichzeitig verjüngenden Basis aufgrund der Geburtenhäufigkeit unter dem natürlichen Reproduktionsniveau. Der Altenquotient, die Zahl der mindestens 60-Jährigen bezogen auf 100 Personen zwischen 20 und unter 60 Jahren, hat 2010 in vielen westeuropäischen Regionen hohe Werte von mindestens 40 Punkten erreicht, während er in den osteuropäischen Ländern unterdurchschnittliche Anteile aufweist.

Ein Vergleich mit den Werten für das Jahr 2030 zeigt, dass die Alterung in allen Regionen weiter fortschreiten wird. Ihr Anstieg hängt von verschiedenen Kombinationen der Geburtenhäufigkeit, Sterblichkeit sowie der altersspezifischen Selektivität der Zu- und Abwanderungen ab. Unterschiede in der Intensität der Alterung bestehen zwischen Agglomerationen und ländlichen Räumen, aber auch zwischen Regionen mit vergleichbarer Siedlungsstruktur. So wandern z. B. aus strukturschwachen Regionen vor allem junge Erwachsene auf der Suche nach Ausbildungs- oder Arbeitsplätzen ab. In wachstumsstarken Gebieten dämpft deren Zuzug die Alterung und wirkt sich positiv auf die Zahl der Geburten aus. Dagegen beschleunigt sich der Alterungsprozess in den Abwanderungsgebieten, aber auch in landschaftlich und/oder klimatisch attraktiven Räumen aufgrund des überproportionalen Zuzugs älterer Menschen.

Altenquotient und seine Veränderungen in den NUTS-II-Regionen der EU (2005). Datenquelle: Eurostat.Altenquotient und seine Veränderungen in den NUTS-II-Regionen der EU (2005). Datenquelle: Eurostat. (© Paul Gans)
Welche Herausforderungen und welche Handlungsfelder können für die regionale Entwicklung abgeleitet werden? Rückgang und Alterung der Bevölkerung verringern das Arbeitskräftepotential, insbesondere das jüngerer Erwachsener. Zudem gefährdet die Alterung in Gebieten mit geringer Bevölkerungsdichte die Lebensqualität der Menschen. Denn in ländlichen Gebieten wird eher als in städtischen Räumen die Tragfähigkeit von sozialen, kulturellen und technischen Infrastrukturen sowie von privaten Dienstleistungen unterschritten. Der Zugang zu vorhandenen Angeboten wird zusätzlich durch die größeren Distanzen zwischen den verschiedenen Standorten erschwert.

In Finnland implementierte die Regierung Anreize, damit ältere Erwerbspersonen länger arbeiten, fördert Weiterbildungsmaßnahmen, zeichnet "best practice"-Beispiele zur Propagierung der Weiterbeschäftigung Älterer aus und hat 2005 das offizielle Renteneintrittsalter abgeschafft. Zum Erhalt der Infrastruktur sowie zur Verbesserung von Beschäftigungschancen startete die Regierung ein Pilotprojekt in der dünn besiedelten Region Kainuu. Sie übertrug dem Regional Council 2004 die Verantwortung für die regionale Entwicklung, bei der Nachfrage-Angebot-Überlegungen die Grundlage bilden sollen.

Eine regionale Bevölkerungsvorausberechnung ergab eine ab 2010 stark ansteigende Zahl von Personen, die das Rentenalter erreichen. Die hieraus abgeleitete Nachfrage zum Beispiel nach sozialen und gesundheitlichen Infrastrukturen stellt die Gemeinden vor finanzielle Probleme - zum einen aufgrund erhöhter Nachfrage nach Dienstleistungen im regionalen Zentrum, zum anderen aufgrund des Wegbrechens der Nachfrage in den kleineren Siedlungen, da viele ältere Menschen bevorzugen, in zentralen Orten mit ihrer besseren Infrastruktur zu leben. Der Regional Council organisierte in Abstimmung mit den Kommunen beispielsweise gemeindeübergreifende Angebote in der Gesundheitsversorgung.

Zudem baute man auf der Basis von Pilotprojekten die Informations- und Kommunikationstechnologie aus, um älteren Menschen Zugang zu Versorgungsangeboten von zu Hause aus zu ermöglichen. Ziel ist, dass Ältere möglichst lange im eigenen Haus wohnen und sich selbst versorgen. Gegenwärtig dient die Vernetzung mit Breitbandkabel dazu, ein Kompetenzcluster Seniorpolis aufzubauen. In Kooperation mit Forschungseinrichtungen will man zum Beispiel Produkte, Wissen und Konzepte zur Verbesserung von Dienstleistungsangeboten für Ältere entwickeln.

Dass der demografische Wandel aber auch in dicht besiedelten Regionen zu einem immer bedeutsameren Thema wird, zeigt das Beispiel der Metropolregion Rhein-Neckar. Aufbauend auf einer Analyse zur zukünftigen Bevölkerungsentwicklung wurde hier 2007 die Regionalstrategie Demografischer Wandel entwickelt. Ihr Ziel ist es, für die durch den demografischen Wandel entstehenden Herausforderungen zu sensibilisieren und die Region zukunftsfest zu machen.

Dabei setzt die auf Initiative des Verbands Region Rhein-Neckar, verschiedener Kammern und Unternehmen ins Leben gerufene Strategie auf die Einbeziehung aller regionalen Akteure aus Wirtschaft, Verwaltung und Wissenschaft. Durch den Aufbau von Strukturen wie einem zentralen Lenkungskreis, Themenkoordinatoren und verschiedenen Expertengruppen und Arbeitskreisen soll die Abstimmung und Kommunikation innerhalb der Region gestärkt werden. Darüber hinaus hat die Regionalstrategie das Ziel, durch die Bündelung von Informationen und Aktivitäten sowie den Aufbau einer eigenen Homepage möglichst viele Akteure zu erreichen. Schließlich sollen in ausgewählten zentralen Handlungsfeldern zukunftsweisende Produkte entwickelt werden, um die Region für den demografischen Wandel fit zu machen.

Die beiden Beispiele zeigen, dass der demografische Wandel Herausforderungen für Regionen mit ganz unterschiedlichen Wirtschafts- und Siedlungsstrukturen stellt und dass generelle Handlungsempfehlungen nur schwer zu treffen sind. Ziel sollte die Implementierung regionaler Kooperation und Koordination in mehreren aufeinander folgenden Schritten sein. Zuerst sollte bei allen Akteuren aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und freier Trägerschaften sowie auch bei der Bevölkerung auf regionaler Ebene ein Problembewusstsein geschaffen werden.

In einem zweiten Schritt sind Kommunikationsstrukturen zu implementieren, die einen Informationsaustausch zwischen den Akteuren über die regionalen Stärken und Schwächen ermöglichen. Aus gemeinsamen Zielvorstellungen zur zukünftigen regionalen Entwicklung wären dann in einem dritten Schritt konkrete Handlungskonzepte abzuleiten, die zwischen den Akteuren abgestimmt sind. Ihre Umsetzung in den verschiedenen Handlungsfeldern kann in unterschiedlichen Formen institutionalisiert werden.


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