Europa aus dem All. Aufgenommen vom Satelliten "Envisat"

23.3.2011 | Von:
Klaus Bingler
Prof. Dr. Gerd Bosbach

Die Demografie als Sündenbock: Wie Rechnungen ohne den Wirt gemacht werden

Standpunkt Gerd Bosbach & Klaus Bingler

Gerd Bosbach und Klaus Bingler warnen vor demografischen Horrorszenarien: Die Modellrechnungen zur Bevölkerungsentwicklung würden zu oft als Fakten missverstanden, fehlinterpretiert und könnten künftige Veränderungen nicht wirklich vorhersagen.

Prof. Dr. Gerd BosbachProf. Dr. Gerd Bosbach (© Gerd Bosbach)
Demografie gilt manchem als eine trockene Wissenschaft, die mit abstrakten Zahlen und Statistiken operiert und ein größeres Interesse allenthalben bei einem kleinen Kreis von Fachleuten hervorruft. Betrachtet man jedoch die öffentlichen Debatten der letzten Jahre, könnte man eines anderen belehrt werden. Denn gewisse Ergebnisse dieser angeblich so nüchternen Forschungsdisziplin scheinen einen emotionalen und ideologischen Sprengstoff zu bergen, wie ihn in früheren Jahrhunderten vielleicht nur die Theologie enthielt.

So drohen alle Dämme des kühlen Sachverstands besonders dann zu brechen, wenn es um die zukünftige Bevölkerungsentwicklung geht. Die damit zusammenhängenden Fragen beschäftigen die Gemüter in Deutschland in bestimmten Intervallen bereits seit mehr als einem Jahrhundert. In den letzten Jahren hat die Debatte wieder an Sprengkraft gewonnen. Politiker und scheinbar seriöse Medien malen regelrechte Horrorszenarien an die Wand: Man spricht von einer vergreisenden und aussterbenden deutschen Bevölkerung und droht gar mit dem Krieg der Generationen. Denn es gebe zu wenig Kinder und Jugendliche, um die immer mehr werdenden Rentner zu ernähren. Da würden nur Einschnitte bei den Rentenzahlungen, etwa durch ein höheres Renteneinstiegsalter, weiterhelfen. Und auch im Gesundheitsbereich komme man ohne deutliche Einschnitte nicht aus.

Eine Rechnung, die ohne den Volkswirt gemacht wird

Klaus BinglerKlaus Bingler (© Klaus Bingler)
Auch wenn eine solche Sichtweise viele Menschen zu bestechen vermag - die Rechnung, die hier aufgestellt wird, ist fehlerhaft, da sie ohne den Wirt - und zwar, genauer gesagt, den Volkswirt - gemacht wurde. Denn bei dieser Argumentation wird ausgeklammert, dass der prekäre Zustand unserer Sozialsysteme von bestimmten volkswirtschaftlichen Bedingungen abhängt. Dazu gehören vor allem der zu geringe Anteil der Vollbeschäftigten und das relativ niedrige Lohnniveau in Deutschland. Daraus ergibt sich ein negativer Effekt auf das Beitragsvolumen der Sozialkassen. Es ist also nicht die zu geringe Zahl an Erwerbsfähigen und die zu hohe Zahl an Rentnern, die wie unterstellt unseren Sozialsystemen zu schaffen macht.

Ähnlich einseitig und verkürzt verläuft die Debatte, wenn es um den angeblich demografisch bedingten Facharbeitermangel geht. Gerne wird argumentiert, dass die Ursache dafür der Rückgang der Zahl junger Menschen ist. Der wirkliche Grund liegt aber darin, dass vor allem in den Jahren 1995 bis 2005 viel zu wenig ausgebildet wurde. Die damals abgewiesenen Jugendlichen wären heute 25 bis 35- jährige Facharbeiter und stünden dem Arbeitsmarkt selbst ohne Rentenanhebung noch 30 bis 40 Jahre zur Verfügung! Statt über Nachwuchsmangel zu klagen, sollten die existierenden Jugendlichen bestens ausgebildet werden. Davon sind wir aber weit entfernt, wie ein Blick in Schulen und Hochschulen eindrücklich belegt.

Die demografischen Veränderungen im letzten Jahrhundert waren enorm

Wer davor warnt, dass die demografische Entwicklung Deutschlands auf einen Abgrund zusteuert, sollte den Blick einmal zurückwenden und sich klarmachen, welche gewaltigen Veränderungen in Deutschland bereits im letzten Jahrhundert stattgefunden haben:
  • Die Lebenserwartung hat sich um mehr als 30 Jahre erhöht.
  • Der Anteil von Jugendlichen und Kindern an der Gesamtbevölkerung ist von 44 auf 21 Prozent gesunken.
  • Der Anteil der Menschen, die über 65 Jahre alt sind, ist von weniger als 5 Prozent auf über 16 Prozent gestiegen, also auf mehr als das Dreifache.
Angesichts solcher Umwälzungen hätte es nach Auffassung der heutigen Dramatisierer eigentlich zu einem totalen Zusammenbruch der Sozialsysteme kommen müssen. Wir alle wissen, dass dies nicht geschehen ist, dass innerhalb des letzten Jahrhunderts die sozialen Sicherungssysteme stattdessen entscheidend ausgebaut werden konnten und der Lebensstandard der deutschen Bevölkerung deutlich verbessert wurde, und das bei einer massiven Reduzierung der Arbeitszeit!


Möglich sind nur Modellrechnungen, aber keine Prognosen

Wenn es um die drohende "Schrumpfung und Überalterung" der Bevölkerung geht, stützt man sich in der öffentlichen Diskussion vor allem auf die Berechnungen des Statistischen Bundesamtes. Dabei wird jedoch allzu gerne unterstellt, dass es sich hierbei um regelrechte Prognosen handelt. Die Verfasser des Statistischen Bundesamtes selbst tun dies mitnichten und sprechen ihren Berechnungen lediglich Modellcharakter zu. Sie legen dabei bestimmte Annahmen zu Lebenserwartung, Geburtenzahl und Wanderungssalden zugrunde. Von diesen Annahmen gibt es mehrere Varianten, die dementsprechend auch zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen führen. So wurden in der 12. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung von 2009 zwölf Modellrechnungen erstellt, die für das Jahr 2060 eine Bevölkerungszahl zwischen 61,8 und 76,9 Millionen Menschen ergeben. Es handelt sich also um eine Abweichung zwischen den Varianten von gut 15 Millionen, von Sicherheit also keine Spur. Vernünftige Zukunftsprognosen über einen Zeitraum von 30 oder gar 50 Jahren sind eben nicht möglich. Man ist lediglich dazu in der Lage, bestehende Trends fortzuschreiben. Dabei werden Strukturbrüche notwendigerweise ausgeklammert. So konnte 1950 niemand bei einer Schätzung für 2000 wissen, welche Auswirkungen etwa der Pillenknick oder der Zuzug ausländischer Arbeitnehmer und ihrer Familien, der Zuzug von Aussiedlern aus Osteuropa in den nächsten Jahrzehnten mit sich bringen sollte. Auch die veränderten Einstellungen zu Familie und Kindern - erst die geburtenstarken Jahrgänge, dann der Trend zu Kleinfamilie oder Single-Dasein - ahnte 1950 keiner. So werden auch zukünftige Strukturbrüche die heutigen langfristigen Vorhersagen zu Makulatur werden lassen.

Eine einseitige Sichtweise führt zu Panik

Leider werden in der Öffentlichkeit Modellrechnungen allzu häufig als Fakten verkauft und obendrein einseitig interpretiert. Dies lässt sich in besonderer Weise am Beispiel des sogenannten Altenquotienten verdeutlichen. Öffentlich wird damit eine unbezahlbare Belastung der Erwerbstätigen durch steigende Rentnerzahlen suggeriert. Dieses Ergebnis erhält man allerdings nur, wenn man übersieht, dass Erwerbstätige auch die Kinder, die nichterwerbstätigen Erwachsenen und vor allem sich selbst zu ernähren haben. Berücksichtigt man all dies, steigt die Belastung durch die Zunahme Älterer gerade mal um 18% in 50 Jahren. Das entspricht weniger als 0,4 % pro Jahr. Durch Fokussierung auf nur einen Ausgabeanteil und Zusammenrechnen von 50 Jahren Steigerungen wird für die Dramatisierer daraus eine Verdopplung der Belastung. Übrigens ist der Bierpreis in den letzten 45 Jahren um gut 300 % gestiegen, ohne dass Bier ein Luxusgetränk geworden wäre.[1]

Die Demografie soll von den eigentlichen Problemen ablenken

Es drängt sich der Eindruck auf, dass mit Hilfe der Demografie von wirklichen Problemen abgelenkt wird. Dazu zählt beispielsweise die immer noch hohe Arbeitslosigkeit. Sie führt zum einen dazu, dass es den Sozialkassen an Einnahmen fehlt und zum anderen hohe Kosten für die Sozialversorgung anfallen. Dass sich zudem die Arbeitgeber immer mehr aus der Parität zurückziehen, trägt sicher auch nicht zur Entschärfung der Situation bei. Zu guter Letzt eine einfache volkswirtschaftliche Betrachtung. Wenn das Bruttoinlandsprodukt, wie alle Experten annehmen, auch in Zukunft wächst, wenn die Anzahl der Menschen in Deutschland sinkt, trifft ein größerer Kuchen auf weniger Esser. Weshalb sollen dann die meisten den Gürtel enger schnallen?[2].
[1] s. dazu "Lügen mit Zahlen", S. 163.

[2] Uns liegt als pessimistischste Annahme für die BIP-Entwicklung ein durchschnittliches Wachstum von 1% vor. Die Überlegung gilt aber selbst bei einem kaum vorstellbaren längerfristigen "0-Wachstum".


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