Gesamteuropa politisch
Ein Kontinent ist klassischerweise eine Landmasse (und ihre vorgelagerten Inseln), die durch schwer überwindbare natürliche Grenzen von anderen Landmassen unterschieden ist. Bei Europa gibt es diese Grenzen in Richtung Osten und Südosten nicht. Tatsächlich liegen Europa und Asien auf derselben Landmasse. Oft hört man, der Bosporus sei die Grenze Europas im Südosten. Der stellt allerdings keine schwer überwindbare Grenze dar, da man ihn leicht auf zwei Brücken überqueren und auch durchschwimmen kann. Zypern, weit östlich des Bosporus gelegen, ist seit 2004 Mitglied der Europäischen Union. Europas Grenze im Osten, heißt es gelegentlich, sei der Ural, bei dem es sich allerdings um ein Mittelgebirge handelt. Hinzu kommt, sowohl bei Russland als auch bei der Türkei, die auch über Territorium westlich des Bosporus verfügt, die Frage, ob ein Land teilweise europäisch sein kann. Auch Georgien strebt die Mitgliedschaft in der Europäischen Union an und verweist dabei auf seine Geschichte, Kultur und auch Religion – das Land war bereits im 4. Jahrhundert christlich.
Im Westen hingegen gibt es schwer überwindbare Grenzen. Der Ärmelkanal zwischen Frankreich und Großbritannien ist sicherlich schwieriger mit eigener Körperkraft zu durchqueren, obwohl auch das gelegentlich geschieht. Aber dass Großbritannien, seit 1973 EU-Mitglied, zu Europa gehört, wird nicht bestritten. Dies ist auch bei Island nicht der Fall, das weit im europäischen Nordmeer liegt – und neuerdings mit der EU-Mitgliedschaft liebäugelt.
Auch über die Grenzen oder sogar die Staatlichkeit einiger Gebiete gibt es unterschiedliche Auffassungen. Kosovo hat sich 2008 für unabhängig erklärt und wird mittlerweile von über 60 Staaten diplomatisch anerkannt - allerdings von ca. 130 Staaten, darunter auch von fünf EU-Ländern, nicht. Über den Status von Berg-Karabach wird heftig gestritten. Während Aserbaidschan das Gebiet als Teil seines Territoriums reklamiert, hat das Gebiet sich 1991 als Republik Nagorny Karabach für unabhängig erklärt und wird darin von Armenien unterstützt. Allerdings ist das Gebiet bislang von niemandem völkerrechtlich anerkannt – auch von Armenien nicht. Ähnlich verhält es sich mit Abchasien und Südossetien, die sich 2008 von Georgien losgesagt haben und darin von Russland militärisch und diplomatisch unterstützt werden. Außer Russland hat jedoch lediglich Nicaragua die völkerrechtliche Anerkennung vollzogen. Ebenfalls international nicht anerkannt ist die Transnistrische Moldauische Republik, die sich 1992 von der Republik Moldau abgespalten hat – mit militärischer Unterstützung Russlands, aber ohne dessen diplomatische Anerkennung. Diese Sezessionsgebiete – Nagorny Karabach, Transnistrien, Südossetien und Abchasien – sind Zerfallsprodukte der 1991 aufgelösten Sowjetunion. Völkerrechtlich spricht man von De-facto-Regimen. Dies gilt auch für die Türkische Republik Nordzypern, die sich 1983 im nördlichen Teil der Insel Zypern gegründet hat, darin allerdings nur von der Türkei unterstützt wird. Zypern stellt für die EU eine besondere Situation dar. 2004 wurde nämlich die gesamte Insel in die Europäische Union aufgenommen, allerdings gelten die EU-Regeln bislang nur im südlichen Teil, der Republik Zypern, die das Land auch in den europäischen Institutionen repräsentiert.
Man könnte also die politische Karte Europas auch anders zeichnen. Eine Europakarte, auf die sich geografisch und politisch alle einigen können, gibt es nicht.
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