Dossierbild Polen

4.7.2012 | Von:
Prof. Dr. habil. Marek S. Szczepański, Prof. Dr. habil. Anna Śliz, Soziologin

Analyse: Die Bewegung für die Autonomie Schlesiens (RAŚ)

Die Vorstellungen von Autonomie

Ideell beruft sich RAŚ deutlich auf die Autonomie, die die Woiwodschaft Schlesien in der Zeit der II. Republik besaß und die ihr im »Organischen Statut« vom Gesetzgebenden Sejm zugesprochen worden war. Gleichzeitig sind deutliche Referenzpunkte auch die Situation Spaniens in der Gegenwart, insbesondere Kataloniens. Hervorgehoben werden muss, dass RAŚ sich von separatistischen Ideen verabschiedet hat und die Ansicht vertritt, dass eine breite Autonomie innerhalb der Republik Polen für Schlesien am günstigsten ist. Deshalb stellt RAŚ die Notwendigkeit einer strukturellen Reform heraus, bei der die regionalen Unterschiede berücksichtigt und das Identitätsgefühl der regionalen, ethnischen und nationalen Gruppen sowie die Bestrebungen, Formen politischer Autonomie zu manifestieren, respektiert werden sollen. Zu diesem Zweck knüpft RAŚ Kontakte mit ähnlichen Gesellschaften in anderen Regionen Polens, der Bewegung für die Autonomie Masurens (Ruch Autonomii Mazur) oder der Bewegung für die Autonomie Podlachiens (Ruch Autonomii Podlasia). In Hinblick auf die Zukunft des alten Kontinents setzt sich RAŚ für ein Europa der hundert Fahnen ein, was Europa erlauben würde, zu seinen Wurzeln zurückzukehren. »[…] Das Europa der großen Staaten, das man kennt, ist nicht und war nie das natürliche Europa. Es ist das Ergebnis imperialistischer Rivalität und Eroberungen und sowohl militärischer als auch gesellschaftlich-ökonomischer Aggressionen. Ihr Europa ist ein künstliches Europa, das einer umfassenden Erneuerung bedarf. Das echte, natürliche Europa setzt sich aus vielen kleinen Staaten, vielen nationalen Gemeinschaften, Kreisen und freien Städten zusammen, die über die Teilungen und die Unterschiede hinweg die gemeinsame, seit zwei Jahrtausenden geschmiedete Zivilisation verbindet« (Fouéré 1990: 22).

In den ersten Jahren war die Tätigkeit von RAŚ nicht sehr ausgeprägt, erst unter der Leitung von Jerzy Gorzelik wurden die Aktivitäten der Gesellschaft intensiver. Ein Beispiel dafür sind die jährlich organisierten »Märsche für Autonomie« für Aktivisten und Sympathisanten von RAŚ in Kattowitz, aber auch in Oppeln (Kijonka-Niezabitowska 2009: 97). Hervorgehoben werden muss – darauf wies einer der Aktivisten von RAŚ in Oppeln hin –, dass RAŚ einen ausschließlich regionalen Charakter hat, dessen grundlegendes Ziel die administrative Modernisierung Polens in Richtung einer Republik der autonomen Regionen ist, was auch in einem Projekt von RAŚ zur Änderung der Verfassung der Republik Polen zum Ausdruck kam: »Die Verfassung gründet sich auf die unauflösbare Einheit der Republik Polen, auf das gemeinsame und unteilbare Vaterland für alle seine Bürger, zugleich anerkennt und garantiert sie das Recht auf territoriale Autonomie der Regionen, die die Republik Polen bilden, sowie die Solidarität zwischen ihnen allen. Per Gesetz werden auch Einheiten der territorialen Selbstverwaltung gebildet werden, die an der Ausübung der öffentlichen Gewalt [Behörden – d. Red.] teilhaben.« Das Niveau der Autonomie der Regionen wäre den Grundsätzen entsprechend differenziert (spanisches Muster) in: Ausdruck der kulturellen Identität (Sprache, Religion, Tradition) und Grad der wirtschaftlichen Entwicklung. Gleichzeitig sind die Aktivisten von RAŚ bemüht, die Organisation vom nationalen oder ethnischen Stigma zu befreien, wobei alle Gesellschaften mitwirken können, zum Beispiel die Gesellschaft der Menschen Schlesischer Nationalität (Stowarzyszenie Osób Narodowości Śląskiej – SONŚ), die amtlich registriert ist und über 600 eingetragene Mitglieder hat (gegenwärtig stellt die Staatsanwaltschaft in Oppeln die Rechtmäßigkeit der Registrierung von SONŚ infrage). Ziel von SONŚ ist die Pflege der Tradition, der Sprache und ethnischer und nationaler Elemente derjenigen, die sich mit der schlesischen Nationalität identifizieren: »[…] die Idee, an die polnische Regierung und das polnische Parlament mit einem Antrag auf Anerkennung der ethnischen Minderheit heranzutreten. Das Ergebnis der Volkszählung im vergangenen Jahr, bei der über 800.000 Personen ihre Zugehörigkeit zur schlesischen Nationalität oder zu einer ethnischen Gruppe angaben, sollte in der polnischen Gesetzgebung berücksichtigt werden.« Die schlesische nationale Identität hatten damals 809.000 Personen angegeben, davon 362.000 ausschließlich die schlesische Identität, und 415.000 sowohl die schlesische als auch die polnische Identität. 418.000 nannten die schlesische Identität an erster Stelle. SONŚ will mit solchen Erklärungen, die die Richtung ihrer Aktivitäten vorgeben, alle Fragen in Sachen Minderheit aus den Aktivitäten von RAŚ herauslösen und RAŚ ausschließlich das regionale Engagement überlassen. Inzwischen geht es SONŚ nicht allein um die Anerkennung der Schlesier als ethnische Minderheit, sondern auch darum, dem Schlesischen den Status einer Regionalsprache zu verleihen. Im in Polen geltenden »Gesetz über nationale und ethnische Minderheiten und über die Regionalsprache« werden die Schlesier nicht als ethnische Minderheit aufgeführt und Schlesisch nicht als Regionalsprache, anders als die kaschubische Sprache [vgl. Polen-Analysen Nr. 95 – d. Red.]. Im Sejm dauern die Arbeiten an einer Gesetzesnovelle über den Eintrag einer Regionalsprache in Hinblick auf die Anerkennung der schlesischen Sprache als Regionalsprache an. Sie würde die Kriterien einer Regionalsprache, die in der Europäischen Charta der Regional- und Minderheitensprachen (1992) angegeben sind, erfüllen. Darin heißt es, dass eine Regionalsprache traditionell von den Bürgern des betreffenden Staates benutzt wird, die dort eine Minderheit stellen; sie ist kein Dialekt der offiziellen Sprache, also im konkreten Fall des Polnischen, und auch nicht die Sprache von Immigranten.


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