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4.7.2012 | Von:
Prof. Dr. habil. Marek S. Szczepański, Prof. Dr. habil. Anna Śliz, Soziologin

Analyse: Die Bewegung für die Autonomie Schlesiens (RAŚ)

Die Frage der schlesischen Nationalität

In diesem Zusammenhang muss der Bund der Bevölkerung Schlesischer Nationalität (Związek Ludności Narodowości Śląskiej – ZLNŚ) erwähnt werden, dessen gerichtliche Registrierung (Kattowitz, 24. Juni 1997) vom damaligen schlesischen Woiwoden infrage gestellt wurde. Die Registrierung wurde aufgehoben und der Kampf um die erneute Anerkennung von ZLNŚ ging an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg. Dieser urteilte im Februar 2004, dass von Seiten der polnischen Gerichte keine Rechtsverletzung bestanden hätte, als sie ZLNŚ die Registrierung entzogen haben. Die Entstehung von ZLNŚ und dessen Aktivitäten stießen auf starken Widerspruch vor allem in Schlesien. Ausdruck dessen ist die Entstehung der Bürgerbewegung Polnisches Schlesien (Ruch Obywatelski Polski Śląsk – ROPŚ), die am deutlichsten gegen ZLNŚ auftritt (Kijonka-Niezabitowska 2009: 98–99).

Als einschneidende Entwicklungen im Kampf um die Registrierung von ZLNŚ sind die Ergebnisse der Volkszählung von 2002 zu betrachten, als 173.000 Personen zum ersten Mal die Zugehörigkeit zur schlesischen Nationalität angegeben hatten, und aus dem Jahr 2011, als dies 809.000 Menschen taten. In diesem Zusammenhang lassen sich auch in der Haltung der führenden Köpfe von RAŚ Unterschiede in der Akzentuierung des strategischen Vorgehens der Organisation wahrnehmen. So stellt Krzysztof Kluczniok fest. »[…] die Frage der schlesischen Nationalität gehört nicht zu den wichtigsten Zielen von RAŚ. Das Hauptziel ist ein autonomes Oberschlesien in einem Polen der autonomen Regionen. Die Bedingungen sind die Entwicklung der Demokratisierung des Landes, die Dezentralisierung von Entscheidungen und Finanzen, die authentische Selbstverwaltung der Regionen. Daher sind konstitutionelle und administrative Änderungen notwendig, u. a. die Reduzierung der Anzahl der Woiwodschaften, das Ende der zweigliedrigen Struktur von Sejmik [Woiwodschaftsparlament – d. Red.] und Woiwode.« (Kijonka, 2005, S. 125) Des Weiteren weist er auf Folgendes hin: »Verwechseln wir nicht RAŚ und ZLNŚ. In RAŚ ist nicht nur für Schlesier Platz. Das wichtigste sind die Verbindung zur Region und das Engagement für das Wohl der Region und ihrer Einwohner. ZLNŚ stützt sich auf das Gefühl der nationalen Besonderheit.« (Kijonka 2005, S. 164, vgl. auch Sekuła 2010) Auch die übrigen Aktivisten von RAŚ, u. a. in Oppeln, unterstreichen die deutliche Abgrenzung des Engagements zugunsten des kulturellen Status der schlesischen Minderheit und ihrer Identität von der Idee der autonomen Regionen innerhalb der Republik Polen. Hier kann man von einer deutlichen Trennung von RAŚ und ZLNŚ sowie zwischen RAŚ und SONŚ sprechen.

Die Gestalt eines autonomen Schlesien

RAŚ versammelt Personen, die sich mit den kulturellen und zivilisatorischen Werten der Region verbunden fühlen, die aber nicht notwendig einheimischer Herkunft sind. Im »Informationsbulletin« von RAŚ liest man, dass das Ziel ist, »[…] dass Schlesien alle ihm zustehenden Rechte erhält, die sich vor allem aus dem wirtschaftlichen Potential, den Schätzen der Natur dieser Region, Mineralien und Kohle, herleiten. Der Weg, den wir beschreiten, gründet sich auf das Recht der Menschen dieses Landstrichs, über ihr Schicksal zu entscheiden.« RAŚ vertritt von Beginn an eine klare und deutliche Meinung zur Gestalt eines autonomen Schlesien und zu den Bedingungen seines Bestehens. Die Grundlage für künftige Entscheidungen zur Regionalisierung in diesem Teil Polens sollte nach Meinung von RAŚ die Wiederherstellung der Autonomie Schlesiens in Anlehnung an das Verfassungsgesetz vom 15. Juli 1920, insbesondere Art. 4 und 5 sein. Ersterer bestimmte die gesetzgeberischen Kompetenzen des Schlesischen Sejm; letzterer die Kompetenzen des Schlesischen Sejm im Bereich Finanzwesen (Schlesischer Fiskus). Ein Anhang zu Art. 5 legte fest, dass ein Teil der schlesischen Einnahmen für gesamtstaatliche Zwecke abgeführt und dass ein entsprechender Teil der Einnahmen in Schlesien dafür zurückgelegt werden musste. RAŚ bemüht sich außerdem darum, den künftigen Woiwoden von den Einwohnern der Region wählen und nicht durch Benennung durch den Vorsitzenden des Ministerrats der Republik Polen bestimmen zu lassen. Zu den Zielen von RAŚ hat sich der Vorsitzende Jerzy Gorzelik wiederholt geäußert: »RAŚ strebt ausschließlich nach einer breiten regionalen Autonomie Ober- und Niederschlesiens im Rahmen von zwei administrativen Einheiten. Der Bezug zu Niederschlesien hat eher symbolische Bedeutung, denn dort gibt es einige Dutzend RAŚ-Mitglieder und an eine politische Massenbewegung ist noch nicht zu denken. Das, was für die Mehrheit der Akteure von RAŚ am wichtigsten ist, ist die Autonomie Oberschlesiens in den historischen Grenzen, das ist vor allem die Schaffung einer Woiwodschaft Oberschlesien in Grenzen, die den historischen Grenzen am nächsten kommen, das heißt, dies hätte mit der aktuellen administrativen Einteilung nichts gemeinsam« (aus der Broschüre von RAŚ »Unia Europejska…«). Damit korrespondieren Aussagen zur Änderung der Grenzen der gegenwärtigen Woiwodschaften Schlesien und Oppeln, die von Vertretern von RAŚ in den Medien oder in direkten Gesprächen getätigt wurden. In Anlehnung an die Ergebnisse der Volksabstimmungen in den Landkreisen der Woiwodschaft Oppeln geht es um die Auflösung der Woiwodschaft Oppeln und die Integration bestimmter Landkreise – entsprechend dem Willen der Einwohner – in die Woiwodschaft Schlesien bzw. Oberschlesien. Es ergibt sich natürlich die Frage, ob die Wiederherstellung der schlesischen Region in den historischen Grenzen noch sinnvoll ist. Rechtfertigen die Veränderungen, die in den letzten Jahrzehnten eintraten, die Bevölkerungsmigration, die Zusammensetzung der Gesellschaft, ein solches Vorhaben? Diese offensichtlichen und grundlegenden Fragen erfordern eine gesellschaftliche Debatte und politischen Willen der regionalen und zentralen politisch Verantwortlichen.

Eine solcherart fundierte autonome Region Oberschlesien hätte die Ergebnisse der Volksbefragungen hinter sich und gleichzeitig die erwünschte/erhoffte Rückkehr zur vergangenen wirtschaftlichen Kraft und Rolle Schlesiens vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Die ersten Aktivitäten in Hinblick auf die Entstehung einer autonomen, großen Region Schlesien reichen in das Jahr 1991 zurück, als RAŚ »[…] aus begründeter tiefer Sorge um das vorsätzlich ruinierte Schlesische Land und die dauerhafte Verarmung seiner fleißigen Einwohner […]« einen offenen Brief an die Woiwoden der damaligen Woiwodschaften Kattowitz, Oppeln und Bielsko richtete und die Durchführung eines entsprechenden Referendums forderte. Auf der Grundlage seiner Ergebnisse sollten die Grenzen des autonomen Schlesien bestimmt und die Wahlordnung für den Schlesischen Sejm formuliert werden. Gleichzeitig forderten die Aktivisten von RAŚ, die Zahlungen an die Zentralregierung einzustellen »[…] in Anbetracht der notorischen Vergeudung jedes abgeführten Zloty, der Inventarisierung der unrechtmäßig aus Schlesien ausgeführten Güter mit hohem materiellen und künstlerischen Wert sowie der Anerkennung, dass die an Schlesiern verübten Verbrechen keiner Verjährung unterliegen.« Dies zeigt, dass die Idee eines autonomen Schlesien in seinen historischen Grenzen in gewissen zeitlichen Abständen mit doppelter Kraft wieder auftritt. Gegenwärtig ist dies wieder der Fall.

RAŚ zeigt auch sichtbare Aktivitäten auf internationaler Ebene. Seit 2003 gehört RAŚ zur European Free Alliance (EFA). Diese Organisation »[…] versammelt Parteien, die sich für die Autonomie europäischer Regionen und Minderheiten einsetzen« (aus der Broschüre von RAŚ »Unia Europejska…«). Im November 2001 wurde RAŚ der Beobachterstatus zuerkannt. Im Juni 2003 wurde RAŚ nach der statutarischen Frist gleichberechtigtes Mitglied der EFA. RAŚ hat auch eine Jugendorganisation, die Oberschlesische Jugend (Młodzież Górnośląska), die seit 2004 besteht. Sie gehört zur European Free Alliance Youth.

Rabelais zum Schluss

Als großer Erfolg für RAŚ erwiesen sich die Selbstverwaltungswahlen, die am 21. November 2010 stattfanden. Im Ergebnis entsandte RAŚ, die 8,49 Prozent der Stimmen der wählenden Einwohner der Woiwodschaft Schlesien erhalten hatte, drei Vertreter in den Sejmik der Woiwodschaft Schlesien. Gleichzeitig wurde der Vorsitzende von RAŚ, Jerzy Gorzelik, Mitglied der Woiwodschaftsleitung. All dies geschah zum ersten Mal, seitdem Polen auf den Weg der Demokratie und freien Marktwirtschaft zurückgekehrt ist.

Eine Analyse der Veränderungen Oberschlesiens, die vor über zwei Jahrzehnten begannen, zeitigt differenzierte Ergebnisse. Sowohl das wirtschaftliche Leben unterlag radikalen Veränderungen als auch die soziale und kulturelle Struktur der Region. Auch die Hauptakteure der politischen Veränderungen haben gewechselt und RAŚ strebt mit Konsequenz und mit dem Gefühl, eine Mission zu haben, die Umsetzung der Idee von autonomen Regionen an, darunter Oberschlesien in seinem historischen Rahmen vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Veränderungen in der Region dauern an und zeigen sowohl neue und vorteilhafte Trends als auch negative und ungünstige. »Glücklich ist der Arzt, den sie am Ende einer Krankheit rufen«, meint François Rabelais. Regionale Krankheiten erfordern, auch wenn sie gut diagnostiziert worden sind, noch viele Anstrengungen, um ihre Auswirkungen einzudämmen. Dies gilt auch für die Aktivitäten von RAŚ.

Übersetzung aus dem Polnischen: Silke Plate

Angeführte Literatur

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