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Analyse: Der Deutsche heute. Die Wahrnehmung der Anwohner in der Grenzwoiwodschaft Lebuser Land


4.12.2013
Welches Bild vom Deutschen haben die Einwohner der grenznahen Gemeinden der Woiwodschaft Lebuser Land? Hat der Beitritt Polens zur Europäischen Union Einfluss auf das Bild der Deutschen in Polen gehabt? Oder dominieren historische Ereignisse, insbesondere der zweite Weltkrieg, die polnische Wahrnehmung? Eine Reihe verschiedener Interviews mit Einwohnern aus dem Woiwodschaft Lebuser Land soll Aufschluss bringen.

"Nirgendwo in Europa hatten es zwei Nationen so schwer, wieder zueinander zu kommen." Foto: AP"Nirgendwo in Europa hatten es zwei Nationen so schwer, wieder zueinander zu kommen." (© AP)

Die Einstellung der Polen gegenüber den Deutschen als Nachbarn unterlag besonderen Einflüssen, was sich vor allem aus den politischen Konflikten ergab, die im Laufe der Jahrhunderte in unterschiedlicher Stärke auftraten. Der Höhepunkt der Antipathie trat während des Zweiten Weltkrieges und nach seinem Ende im Zusammenhang mit den Grenzverschiebungen, der Vertreibung der Deutschen aus den ehemaligen deutschen Gebieten und der Übersiedlung der polnischen Bevölkerung aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten und Zentralpolen auf. Hier stellt sich die Frage, inwieweit sich die negativen Erfahrungen auf das Bild des gegenwärtigen Deutschen auswirken. Welches Bild vom Deutschen wird heute im Bewusstsein der Polen gezeichnet, insbesondere derjenigen, die in grenznahen Gemeinden leben? Man könnte meinen, dass die Nähe der Grenze, ihre zeitweise Öffnung vor 1990 und schließlich der Beitritt Polens zur Europäischen Union 2004 und die immer intensiveren Kontakte der kulturellen und mentalen Annäherung von Polen und Deutschen dienen würden. Man könnte annehmen, dass die unmittelbaren Kontakte die Grundlage der Veränderungen in der Wahrnehmung unseres westlichen Nachbarn sind. Unterdessen zeigt die Analyse soziologischer Daten aus unterschiedlichen Quellen, dass die Angelegenheit nicht so eindeutig ist. Dies zeigen die Ergebnisse von Untersuchungen, die das Zentrum für die Untersuchung der Öffentlichen Meinung (CBOS 2011, 2012, 2013), das Institut für Öffentliche Angelegenheiten (ISP) und das Lebuser Zentrum für soziale Forschungen (Lubuski Ośrodek Badań Społecznych) durchgeführt haben. Aus ihnen geht hervor, dass die Deutschen trotz Zusammenarbeit auf unterschiedlichen Gebieten häufiger als andere Nationen mit einer ablehnenden Haltung von Seiten der Polen konfrontiert werden. Obgleich die Sympathie langsam wächst, hält sich die Antipathie beständig auf demselben Niveau. Im Ergebnis lässt sich feststellen, dass die Sympathie den Deutschen gegenüber zurückhaltend ist, obwohl Deutschland für die Polen als Reiseziel an erster Stelle steht, und zwar sowohl für Touristen als auch zu Erwerbszwecken. An der Tatsache ändert auch nichts, dass die Polen in den Deutschen immer häufiger einen guten Partner für Zusammenarbeit sehen. Um diese Situation zu erklären, werden hier Ergebnisse einer qualitativen Untersuchung des Jahres 2011 vorgestellt, die im Rahmen der "Lebuser Gesellschaftlichen Umfrage" durchgeführt und in der nach dem Bild vom durchschnittlichen Deutschen gefragt wurde. Ziel der qualitativen Untersuchung war zu zeigen, ob und wie dauerhaft und unveränderlich (unabhängig von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Generation von Einwohnern des Lebuser Land) die Meinungen der Grenzanwohner zum Thema Deutsche in unterschiedlichen Bereichen sind, als da wären das äußere Erscheinungsbild, Nachbarschaft, persönliche Eigenschaften, Arbeit in Deutschland und für Deutsche sowie die Meinungen darüber, wie die Beziehungen anderer Polen zu den Deutschen sind. Aus Platzgründen werden hier nur drei Aspekte dargestellt, das sind das äußere Erscheinungsbild der Deutschen, ihre persönlichen Eigenschaften und die Nachbarschaft, insbesondere hinsichtlich des Aspektes gegenseitiger Hilfe.

Das äußere Erscheinungsbild des Deutschen



Am sichtbarsten und daher auch mit entscheidend für die Charakterisierung eines Individuums ist das äußere Erscheinungsbild. Die Befragten der grenznahen Gemeinden äußern sich gern dazu, wenn ihre Urteile auch meistens wenig schmeichelhaft sind. Interessant ist, dass das Bild des Deutschen aus zwei einander entgegengesetzten Quellen generiert wird. Auf der einen Seite sind dies direkte Erfahrungen, aus denen heraus die Befragten das äußere Erscheinungsbild der Deutschen beschreiben, mit denen sie tatsächlich Kontakt hatten. Auf der anderen Seite wird auf dieses reale Bild ein Begriffsmuster gelegt, das sich aus historischen Vorurteilen aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges und der DDR speist. Im Ergebnis wird das reale Bild der Gestalt des Deutschen durch eine Antipathie modifiziert, die nicht vollständig objektiv begründet ist. Auffällig ist, dass die Gesprächspartner eine deutliche Aufteilung der Deutschen nach Geschlecht vornehmen und die deutschen Frauen als eine eigene, deutlich weniger attraktive Kategorie behandeln. Das heißt, die Befragten beschreiben das Aussehen des deutschen Mannes anders, nämlich weniger kritisch, als das der deutschen Frau. Über den durchschnittlichen deutschen Mann heißt es beispielsweise: "Klar, selbstverständlich. Die Deutschen sind dick. Die meisten sind wirklich dick. Sie haben sehr hässliche Frauen, es gibt keine schönen. […] Sie kleiden sich hässlich. […] Die schönen [Frauen, Anm. d. Red.] sind bei uns. So ist es. Rotblond und blass [der deutsche Mann, Anm. d. Red.]. […] Der Deutsche muss blond sein, blaue Augen wie Hitler (lacht). […] Sie sind selten sonnengebräunt, bestimmt die Mehrheit der Deutschen trägt immer einen Ohrring, die meisten, und irgendwie im Gothic-Stil, weiß nicht, die sind irgendwie emo. Die laufen immer finster rum." (Männlich) "Die wollen zuviel von diesem Kebab (lacht). […] McDonald’s usw., wenn ich das sehe – da laufen die Dickerchen. Und dann essen die noch solche Kebabs, zwei auf einmal trägt er, wenn man das sieht – mein Gott. […] Nicht bei allen, aber wenn er geht, sieht man, dass da ein Deutscher geht. Das sieht man erstens an ihrer Kleidung, zweitens am Gang. Und manche sind, alle, wenn ein rein Deutscher geht, dann meistens ein Rotblonder mit Kastenkopf. Aber hier an der Grenze ist es schon vermischt, der Pole mit einer Deutschen oder Russen – so ist das jetzt." (Männlich, 35–45 Jahre) "Gepflegt und elegant gekleidet. Wenn man einen Polen und einen Deutsche sieht, dann zieht sofort die Aufmerksamkeit an, dass der eine eben der Deutsche ist. Das ist so, dass sie gepflegter sind und besser gekleidet, und Autos haben sie schönere, manchmal wenn man ein elegantes Auto sieht, dann ist klar, das ist ein Deutscher." (Weiblich) Das Aussehen der Deutschen wird meistens negativ beurteilt, wenn die Gesprächspartner auch gleichzeitig unterstreichen, dass die genannten physischen Defizite über Gegenstände, mit denen sich die Deutschen umgeben, wie elegante, gute Kleidung oder Autos, kompensiert werden. Generell sind die Korpulenz der Deutschen, ihr Trübsinn, ihr Teint und die Haarfarbe Gegenstand der Kritik. Dagegen werden die Aspekte des Äußeren (außer der Korpulenz), die für einen hohen Status der Person stehen können, positiv bewertet. Dies scheint auf Vorurteile hinzuweisen, aber weniger auf historisch bedingte, als eher auf solche, die aus einem Komplex der Befragten, das heißt aus dem Gefühl, gesellschaftlich niedriger gestellt zu sein, resultieren.

Die deutsche Frau



Das Aussehen der deutschen Frauen wird deutlich stärker der Kritik unterzogen als das des durchschnittlichen deutschen Mannes. Auch im Vergleich zu polnischen Frauen schneiden sie eindeutig schlechter ab. "Wenn man zum Beispiel deutsche und polnische Frauen nimmt, macht das Äußere, das ist ja bekannt, viel, viel mehr her. Die deutschen Männer, die älteren, sehen noch irgendwie nach was aus, aber die Frauen, meiner Meinung nach ist das eine Katastrophe." (Männlich, 35–45 Jahre) "Wir waren einmal bei einem Tanztreff, aber die deutschen Frauen sind keine Polinnen und man hatte keine Lust, allzu oft dorthin zu gehen. Der Unterschied in der Anmut der Polinnen und der Deutschen war, ist und wird sein. […] Ja, ja, ein großer, großer Unterschied. Ein großer Unterschied und auch eine andere Persönlichkeit. Ihr Polinnen seid zart, kokett und verführerisch. Die Deutschen sind so … die in der DDR waren so indoktriniert, kann man sagen. […] Grob waren die. Na, und das hat ja auch nicht gerade bewirkt… keiner meiner Kollegen hatte eine deutsche Freundin, aber viele Deutsche haben sich in Polinnen verliebt. […]Und früher war da auch ein großer Unterschied bei der Körperfülle, das heißt die Deutschen, besonders die Mädchen, waren dicker als die Polinnen." (Männlich, 35–45 Jahre) "Sie unterscheiden sich über die Autos. Für den Alltag haben sie ein altes Auto und dann ein neues. Das alte nehmen sie jeden Tag, zur Arbeit, für x Kilometer. Das neue Auto nehmen sie für weitere Fahrten. Weil sie sich das ganz einfach leisten können. Nehmen wir mal die Kleidung, vor allem die des weiblichen Geschlechts. Bei ihnen, egal ob Sonntag oder nicht, solche sportliche, halbsportliche Kleidung. In der Stadt ist es klar – Stöckelschuhe müssen sein, denn das sind Angestellte und so." (Männlich, 35–45 Jahre) "In Rostock gibt es sehr viele junge Menschen, ich weiß nicht, was da in Deutschland passiert ist, solche Abgewrackten, sehr viele. Junge dicke Mädchen, solche fetten, sitzen im Rollstuhl, jedes zweite im Rollstuhl oder an Krücken – schockierend." (Männlich, 35–45 Jahre) Selten stößt man auf Aussagen, die das Äußere der Deutschen, insbesondere der Frauen, positiv beurteilen. Hier muss allerdings festgestellt werden, dass diese deutliche negative Tendenz vor allem die Deutschen der ehemaligen DDR betrifft. Die Deutschen, die aus anderen Landesteilen kommen, werden deutlich häufiger positiv bewertet und schlechterdings als eine andere Nation betrachtet. Trotz der so von den Befragten vorgenommenen Kategorisierung der deutschen Gesellschaft lässt sich schwer bewerten, inwieweit es sich um Voreingenommenheit handelt und inwieweit die Grenzanwohner eine wirklichkeitsnahe Einschätzung der äußeren Erscheinung abgeben.




 

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