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Analyse: Die drei Emanzipationswellen der Schwulen in Polen


20.2.2014
Verschiedene emanzipatorische Phasen lassen sich in Polen im Umgang mit homosexuellen Menschen erkennen. Seit 2003 rückte die Forderung von homosexuellen Menschen nach mehr Wahrnehmung ihrer Bedürfnisse seitens der Politik in den öffentlichen Diskurs. Der Kampf um gesellschaftliche und politische Anerkennung und gleiche Rechte für Homosexuelle ist nun mit homophoben Reaktionen und deren offener Politisierung konfrontiert.

Tolerance March in Cracow has been held by polish homosexual to express the urge for greater freedom. They were confrontated by the members of NOP - National Revival of Poland (Narodowe Odrodzenie Polski). Pictured in Cracow, Poland, on May 21, 2012. (CTK Photo/Michal Okla)
pixelMarsch der Toleranz in Krakau, am 21.05.2012: Verschiedene Menschen demonstrierten für mehr Freiheiten von Homo-, Bi-, Trans- und Intersexuelle in Polen. Es fanden gleichzeitig Gegendemonstrationen von konservativen und nationalistischen Gruppen, z.B. der NOP - Narodowe Odrodzenie Polski statt. (© picture-alliance/dpa)

Als die Ergebnisse der Parlamentswahlen im Jahr 2011 veröffentlicht wurden, zeigte sich eine ganz neue Qualität. Für die Palikot-Bewegung waren in der siebten Legislaturperiode Robert Biedroń, ein offen schwul lebender (out of the closet) und langjähriger Aktivist der Schwulenbewegung, und Anna Grodzka, Transfrau und Transgender-Aktivistin, in den polnischen Sejm eingezogen. An diesem für die nationale Vertretung so symbolischen Ort gibt es nun zwei so offensichtliche "Sonderlinge". Betrachtet man diese Tatsache als eine Art Zielpunkt, stehen dahinter mindestens drei Jahrzehnte des homosexuellen/schwulen Aktivismus. Seine Rekonstruktion ist keine leichte Sache, weil sich die polnische Zeitgeschichtsforschung fast überhaupt nicht mit Geschichte im homosexuellen Kontext befasst. Das ist ein weißer Fleck. Dabei wäre Polen ein überaus dankbarer Gegenstand für derartige Überlegungen. Schließlich bekam es 1932 ein recht liberales Strafgesetzbuch, das die sexuellen Beziehungen zwischen Erwachsenen entkriminalisierte. Doch, so die Strafrechtlerin Professor Monika Płatek, blieb trotz eines (im Vergleich zu anderen europäischen Ländern) überaus liberalen Gesetzes eine Art Bestrafung homosexueller Prostitution, und der Prostitution war bereits eine Einladung ins Café oder ins Theater verdächtig. Dieser Passus wurde jedoch aus dem Strafgesetzbuch von 1969, das 1970 in Kraft trat, gestrichen. Somit kam es, zumindest theoretisch, in der Volksrepublik Polen zu einer gänzlichen Entkriminalisierung von sexuellen Beziehungen zwischen gleichgeschlechtlichen Personen. Im Vergleich mit der europäischen oder amerikanischen war die polnische Gesetzgebung also ausgesprochen modern. Dennoch war das Leben nichtheterosexueller Menschen nicht rosig, denn Homosexualität wurde im Alltagsleben vollkommen pathologisiert und tabuisiert. Dieser Stand der Dinge verband zweifelsohne das Regime der Volksrepublik Polen mit den Amtsträgern der katholischen Kirche. Die emanzipatorischen Aktivitäten konzentrierten sich also nicht auf Fragen, die mit dem Sex zusammenhingen (denn der war in Polen legal), sondern auf eine Fülle von Problemen, die sich – in Hegelscher Tradition – als die "Anerkennung" eines andersartigen, aber würdigen Lebens bezeichnen lassen. Die drei Emanzipationswellen entsprechen in etwa drei aufeinanderfolgenden Jahrzehnten, die in grafischer Verkürzung folgendermaßen dargestellt werden könnten:
  • 1981–1990 – die frühe Emanzipationsphase, "die anderen"
  • 1990–2003 – die schwul-lesbische Emanzipation
  • 2003 bis heute – die Sichtbarkeit im öffentlichen Diskurs, die Politisierung der Homophobie.

Die 1980er Jahre – kein Wunsch sich zu outen



In den 1980er Jahren tritt in der Volksrepublik Polen eine Art soziokulturelle Liberalisierung ein und es werden Themen wieder aufgegriffen, die bis dato verdrängt worden waren (darunter beispielsweise die Frage der polnisch-jüdischen Beziehungen). Zu Beginn des Jahrzehnts erscheinen zwei Werke, die offen andere (wenn auch ähnliche) Versionen männlicher homosexueller Identität thematisieren. Das ist zum einen Julian Stryjkowskis Erzählung Tommaso del Cavaliere (1981), zum anderen der Roman Rudolf (1980) von Marian Pankowski, der im Exil in Brüssel geblieben war. Das erste Werk erzählt von dem genialen Künstler Michelangelo aus der Sicht eines von ihm ignorierten Schülers; das zweite Werk beschreibt die Begegnung eines vorbildhaften Professors mit einem deutschen Homosexuellen (in der polnischen Literatur waren die Homosexuellen oft Nicht-Polen), der es genießt, am Rande der Gesellschaft zu bleiben (womit er den Professor natürlich schockiert). Beide Werke kann man je für sich als Existenzmuster für homosexuelle Männer lesen, als im Grunde einzige Möglichkeiten, denn die Palette vorhandener Rollen war überaus dürftig. Kurz gesagt bot sie den Künstler und den Perversen. Kompensation in der Kunst oder ein Leben voller Heuchelei am Rande der Gesellschaft. Tertium non datur. Die Literatur Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre (beispielsweise in W ptaszarni (Im Vogelhaus) von Grzegorz Musiał, Ból istnienia (Existenzschmerz) von Marcin Krzeszowiec und Grecki bożek (Der griechische Götze) von Marek Nowakowski) zeigt, wie unzureichend diese Palette der Möglichkeiten war. Von besonderer Bedeutung ist hier der Roman von Krzeszowiec. Sein Hauptprotagonist ist weder Künstler noch Perverser. Krzeszowiec stellt ein neues Existenz- und Identitätsmuster vor, das unter echten Schmerzen entsteht: den Schwulen. Und damit läutet er das neue Jahrzehnt ein (sein Roman entstand Ende der 1980er Jahre und erschien 1992). Soviel zur Identitätsfrage in der Literatur. Die 1980er Jahre weisen zahlreiche Spuren des stärker werdenden Interesses an dieser Thematik auf. Agata Fiedotow hat in ihrem Artikel Początki ruchu gejowskiego w Polsce (1981–1990) diese Frage aus historischer Perspektive untersucht. Vor allem habe sich im öffentlichen Diskurs etwas verändert. Das Thema Homosexualität sei im Zeitraum 1981–1989 etwa 100 Mal aufgetaucht; das ist nicht viel im Vergleich damit, wie oft es allein im Jahr 1990 angesprochen wurde, aber es ist sehr viel im Vergleich damit, wie oft es vor den 1980er Jahren erwähnt wurde. Hier muss vor allem Barbara Pietkiewiczs Reportage Gorzki fiolet (Bitteres Violett) aus dem Jahr 1981 genannt werden, die in der Polityka veröffentlicht wurde, also in einem Mainstream-Wochenmagazin.



 

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