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Analyse: Der Kampf mit Wałęsa – der Kampf mit der Demokratie


5.4.2017
Die gegen Lech Wałęsa geführte Kampagne ziele aktuell auf die Umschreibung der Geschichte der Freiheitsbewegung Solidarność, so der Soziologe Ireneusz Krzemiński. Diese habe sich nach dem Wahlsieg der PiS im Herbst 2015 an Wucht gewonnen. In seiner Analyse widmet er sich deshalb den möglichen Gründen dieser Entwicklung.

Lech Wałęsa (R) spricht vor dem Obersten Gerichtshof in Warschau, Polen, 10. Februar 1981.Lech Wałęsa (R) spricht vor dem Obersten Gerichtshof in Warschau, Polen, 10. Februar 1981. (© picture-alliance)

Die vergangenen Wochen brachten in Polen viele Entscheidungen mit sich, die kontinuierlich die demokratischen Institutionen beschädigen. Der von Recht und Gerechtigkeit (Prawo i Sprawiedliwość – PiS) rücksichtslos geführte Kampf gegen jegliche Opposition, aber auch gegen die wichtigsten Symbole der polnischen Freiheit, richtete sich nun gegen Lech Wałęsa. Der Held der polnischen Solidarność-Bewegung, der außer dem "polnischen Papst" Johannes Paul II. auch der weltweit bekannteste Pole ist, wird seit Jahren vom politischen Lager um Jarosław Kaczyński (PiS) der Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst in der Volksrepublik Polen beschuldigt. Nach dem Tod von General Czesław Kiszczak, dem wichtigsten Mitarbeiter von General Wojciech Jaruzelski, tauchten Dokumente auf, die Wałęsas Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst in den Jahren 1970 bis 1976 bestätigen sollen.

Im Jahr 1976 war er offiziell aus der Liste der Vertrauensleute ausgetragen worden, er selbst aber hatte die weitere Zusammenarbeit schon früher, Ende 1975, aufgekündigt. Die vor einigen Monaten berufene Kommission von Graphologen stellte fest, dass ein Teil der Dokumente von Wałęsa geschrieben worden war und auf vielen anderen Unterschriften stehen, die auch von Wałęsa stammen. Für viele Menschen, insbesondere für die, die Wałęsa aus jener Zeit kannten, ist das Urteil der Graphologen zweifelhaft, denn in ihrer Erinnerung war seine Schrift sehr ungeübt. Die inzwischen veröffentlichten Fotos der Dokumente zeigen eine ziemlich saubere und viel ausgeschriebenere Handschrift als die fast kindliche "Krickelei", an die sich manche damalige Aktivisten der Opposition erinnern. Dem unbeirrten Urteil der Kommission wird auch vorgeworfen, dass sie nur eine bestimmte Gruppe von Experten mit der Untersuchung der Dokumente beauftragt hatte. Hinzu kommt, dass die Kommission mit Mitarbeitern des Prof. Dr. Jan Sehna-Instituts für Gerichtsexpertise (Instytut Ekspertyz Sądowych im. Prof. dra Jana Sehna) in Krakau (Kraków) besetzt worden war.

Dieses sehr verdienstvolle gerichtswissenschaftliche Institut untersteht jedoch dem Ministerium für Inneres und Verwaltung. In der gegebenen Situation und bei derart entschiedenen Verdikten, sagen die Kritiker, sollte noch eine Gruppe unabhängiger Experten berufen werden, um die Beurteilung jener Kommission zu bestätigen bzw. ihr zu widersprechen. Die Kommission des Sehna-Instituts wurde von der Staatsanwaltschaft berufen. Die Staatsanwaltschaft ist aber von der PiS-Regierung dem Justizminister, der gleichzeitig Generalstaatsanwalt ist, untergeordnet worden, und zwar bis zu einem Grad, der nicht einmal in der Zeit der Volksrepublik bestanden hatte. So ist nicht verwunderlich, dass solche formalen Vorwürfe eine gewisse Bedeutung bekommen.

Der Vorwurf…



Lech Wałęsa selbst widerspricht entschieden und behauptet, dass die Dokumente aufgrund von Verhörmitschnitten entstanden seien. Die Situation ist allerdings komplizierter geworden, als sie früher war. Der Kampf mit Wałęsa als Person und als Symbol dauert bereits seit vielen Jahren und gewann an Intensität, als die Brüder Lech und Jarosław Kaczyński aus der Kanzlei des Staatspräsidenten Lech Wałęsa entlassen wurden. Das war im Oktober 1991. Streng genommen aber haben sowohl die Gerüchte über die Zusammenarbeit des "jungen" Wałęsa mit dem Geheimdienst als auch seine etwas unklaren Bekenntnisse in seiner Autobiographie "Ein Weg der Hoffnung" ("Droga nadziei"), die bereits 1984 als Untergrundausgabe erschienen war, einen deutlich früheren Ursprung.

Da ich als Soziologe mit meinen Mitarbeitern in den letzten Jahren zu den Erfahrungen und der Erinnerung an die Solidarność geforscht habe, kann ich sagen, dass der Erzählstrang "Wałęsa als Mitarbeiter des Geheimdienstes" bereits in der Zeit der sogenannten ersten Solidarność, 1980–1981, auftauchte. Die Anschuldigungen waren damals von Menschen gekommen, die sehr hart mit ihm um Einfluss und Führung in der damals entstehenden Gewerkschaft Solidarność konkurriert hatten. Bereits vor einigen Jahren erzählte uns einer unserer Interviewpartner, ein ehemaliger Gewerkschaftsaktivist, von der Konkurrenz einer anderen bekannten Solidarność-Aktivistin, Anna Walentynowicz. Sie kam bei der Flugzeugkatstrophe von Smolensk im Jahr 2010 ums Leben und wurde umso mehr zu einer Ikone der PiS. Sie ist auch die Hauptfigur des deutsch-polnischen Films "Strajk. Die Heldin von Danzig" unter der Regie von Volker Schlöndorff. Unser Gesprächspartner erinnerte sich an einen Streit zwischen Walentynowicz und Wałęsa noch im Jahr 1981 und daran, dass sie ihm, weil sie seine Argumentation nicht hatte anerkennen wollen, aus Bosheit seine Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst vorgeworfen hatte. Dies hatte Wałęsa diskreditieren und die anderen an der Beratung Beteiligten dazu bringen sollen, sich nicht seinen Argumenten anzuschließen und die getroffene Entscheidung rückgängig zu machen. Unser Gesprächspartner sagte, alle hätten damals recht betreten reagiert, aber niemand habe die Vorschläge Wałęsas in Frage gestellt.

Unter der Führung von Andrzej Gwiazda, eines anderen wichtigen Gewerkschaftsaktivisten, der im Jahr 1980 die Wahl zum ersten Vorsitzenden der Unabhängigen Selbstverwalteten Gewerkschaft Solidarność (Niezależny Samorządny Związek Zawodowy – NSZZ Solidarność) gegen Wałęsa verloren hatte, hatte sich die "Anti-Wałęsa-Gruppe" formiert, noch bevor Jarosław Kaczyński zu ihr stieß. Dieser jedoch machte den Vorwurf gegenüber Wałęsa zu seiner politischen Waffe. Der Vorwurf der Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst, die, wie sich erwies, vor langer Zeit stattgefunden hatte, sollte nicht nur die Politik Wałęsas, sondern auch die der ganzen politischen Post-Solidarność-Elite Polens nach 1989 in Frage stellen.

Der Sturz eines Symbols, das Wałęsa bereits zu Lebzeiten wurde, sollte die demokratische Transformation Polens diskreditieren. Wałęsa sowie auch die anderen Regierungsmannschaften, die Polen seit 1989 regiert haben, wurden beschuldigt, dass sich der Wandel angeblich unter dem Einfluss verborgener "kommunistischer Kräfte" vollzogen habe und vor allem deren Interessen und nicht die "Interessen der Nation" gewahrt werden sollten. In dieser Rhetorik gibt es im Grunde keinen Begriff von "Gesellschaft", sondern immer nur die "Nation". Diese so lange geschliffene Waffe bekam überraschend besondere Schärfe, als Akten aus dem Archiv des letzten kommunistischen Innenministers und obersten Chefs des Geheimdienstes, General Kiszczak, in die Hände der Staatsanwälte des Instituts für Nationales Gedenken (Instytut Pamięci Narodowej – IPN) gelangten. Dies erleichterte, den Stoß auszuführen, von dem hier die Rede ist. Die Kommentare nach der Bekanntgabe der Beurteilungen der Graphologen hatten zum Ziel, die Integrität aller Tätigkeiten und Erfolge Lech Wałęsas in Frage zu stellen. Dies ist nicht weiter verwunderlich, denn das IPN wird zurzeit von Personen geführt, die PiS vollkommen untergeben sind und seit Jahren die Legende Wałęsa bekämpfen. Wird dieses Vorhaben jedoch zum Erfolg führen?

…und seine Entschärfung



Der Ausgang der Angelegenheit ist noch offen; glücklicherweise klärt sie sich immer mehr auf, was erlaubt, eindeutige und schlichte Schlüsse zu ziehen. Und diese scheinen keineswegs ungünstig für den polnischen Helden zu sein.

So hatte es sich ergeben, dass wenige Tage vor der in allen Medien zelebrierten Pressekonferenz, auf der die Ergebnisse der Graphologen-Kommission bekannt gegeben wurden, der Historiker Jan Skorzyński, dessen Forschungsgebiet die Solidarność ist, einen wichtigen Artikel zum Thema Wałęsa und der Geheimdienst veröffentlicht hatte. Er war in der von ihm mitherausgegebenen Zeitschrift "Wolność i Solidarność" (Nr. 9/2016) erschienen. Schon vorher hatten einige sehr bekannte und fachlich sehr versierte Historiker der Zeitgeschichte Polens, die Zugang zu den öffentlich gemachten Dokumenten Kiszczaks hatten, festgestellt, dass sie vermutlich echt seien. Das heißt, dass es tatsächlich schwer ist, die Tatsache der Zusammenarbeit Wałęsas mit dem Geheimdienst Anfang der 1970er Jahre anzuzweifeln. Hier hatten sich keine Historiker zu Wort gemeldet, die man irgendwie für PiS-nah halten könnte; hinzukommt, dass sie sehr auf wissenschaftliche Korrektheit achten.

Dennoch machte sich Skorzyński die Mühe, die Dokumente genau zu analysieren, und er stellte sehr klare, durch die Dokumente belegte Thesen auf. Tatsache ist, dass am 21. Dezember 1970 der junge festgenommene Streikführer der Danziger Lenin-Werft ein Dokument über die Zusammenarbeit unterzeichnet hatte. Dies war einige Tage nach der Erschießung von zwei Dutzend Arbeitern in Danzig (Gdańsk) und Gdingen (Gdynia) durch die Armee und die Miliz. Vorher, während der Proteste der Arbeiter, war er spontan einer der Anführer der streikenden Arbeiter geworden. Außerdem war er damals Vater eines zwei Monate alten Kindes. Die Repressionen gegenüber den Arbeitern und der Bevölkerung der "Dreistadt" nach den Protesten und Streiks waren sehr schmerzlich. Sicherlich war Wałęsa auch Zeuge, wie Festgenommene auf der Wache der Miliz malträtiert wurden. So ist es nicht verwunderlich, dass er sich von den Geheimdienstlern überreden ließ. Skorzyńskis Analyse zeigt weiter, dass Wałęsa ein bis anderthalb Jahre lang ein typischer "geheimer Mitarbeiter" war, danach beginnt sich die Situation zu verändern. Er fängt an, kritische Äußerungen der Leute gegenüber den Machthabern zu kolportieren. Er geht sogar noch weiter, denn – so Skorzyński in einem Fernsehinterview – er begann, geradezu kleine Denkschriften darüber zu erstellen, wie schlecht manche Bereiche der Werft und im Leben der Arbeiter allgemein funktionierten.

Es handelte sich also schlicht und einfach um Forderungen gegenüber den Machthabern, was sich ändern müsse. Dies stieß auf starke Reaktionen und Wut auf Seiten derer, die ihn verhörten, der sogenannten Führungsoffiziere. Wałęsa wich jedoch nicht zurück und setzte seine Mission fort, den Geheimdienst über die Unzufriedenheit in der Gesellschaft zu informieren. Sicherlich meinte er das, als er wiederholt in Interviews in den Medien kundtat, dass er "sein Spiel mit dem Geheimdienst veranstaltet" habe. Die Dokumente scheinen das zu bestätigen. So wurden die Treffen mit Wałęsa ab 1972 immer seltener und immer angespannter für die Führungsoffiziere. Hinzu kommt, dass sich Wałęsa 1973 zum ersten Mal aus der Schlinge des Geheimdienstes befreien wollte, was ihm aber nicht gelang. Er wurde erfolgreich eingeschüchtert, doch er hörte keineswegs mit seiner Tätigkeit auf, die negativen Entwicklungen auf der Werft, in Danzig und in Polen zu beobachten und die Geheimdienstoffiziere darüber zu unterrichten. Es ist nicht verwunderlich, dass diese von ihm genug hatten, und als er 1975 zum zweiten Mal die Zusammenarbeit aufkündigte, wurde er 1976 von der Liste der Mitarbeiter gestrichen. Gleich danach teilte der Geheimdienst der Direktion der Danziger Werft mit, dass keine Einwände bestünden, Wałęsa vom Arbeitsplatz zu entlassen, im Gegenteil, dass dies die richtige Entscheidung sei. Im Leben Lech Wałęsas begann eine neue Phase.

Wenn die Geschichte der Geheimdienstmitarbeit des Friedensnobelpreisträgers auf diese Weise erzählt wird, dann scheint er die Auszeichnung umso mehr verdient zu haben. Wie viel Mut muss man haben, um dem Geheimdienst ein "Nein" entgegenzusetzen! Zumal zu einer Zeit, als die Entstehung der Oppositionsbewegung in Gestalt des Komitees zur Verteidigung der Arbeiter (Komitet Obrony Robotników – KOR) und schließlich anderer oppositioneller Organisationen, die die demokratische Opposition bildeten, noch weit entfernt war. Anfang der 1970er Jahre hatte der neue Erste Sekretär der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (Polska Zjednoczona Partia Robotnicza – PZPR), Edward Gierek, noch eine starke Position inne; sein Charisma wirkte noch stark auf die Gesellschaft ein. Auch bedeutete die Öffnung gegenüber dem Westen Anfang der 1970er Jahre etwas mehr intellektuelle und künstlerische Freiheit und sicherlich auch für den gewöhnlichen Bürger, wenn auch nicht unbedingt in Danzig, insbesondere auf der Werft.

Der Partei- und Staatsapparat wandte verschiedene kollektive Repressionsmaßnahmen gegenüber den Einwohnern der protestierenden Städte an, was besonders deutlich nach den Arbeiterprotesten in Radom (1976) zutage trat. Doch auch vorher war dies bereits der Fall. Wałęsa hatte also noch keinerlei Rückhalt in Gestalt aufbegehrender und organisierter Systemgegner – Menschen, die für Freiheit und Demokratie kämpften. Trotzdem bewies er seinen Mut. Die Atmosphäre der 1970er Jahre war trotz der im Vergleich zu früher deutlich größeren Öffnung von der Tätigkeit des Geheimdienstes dominiert. Trotz der Rücknahme von Repressionen ergossen sich dessen Aktivitäten in die Breite. Das Ansinnen der Mächtigen unter Edward Gierek war, die gesamte Gesellschaft mit einem Netz administrativer Abhängigkeiten und Bindungen zu überziehen. Zwar wurden die Bürger überredet, Initiativen zu entwickeln, aber alles musste unter der allgegenwärtigen Kontrolle von Staat und Partei stattfinden. Erst im Herbst 1976 kam es zu einer Wende. Die alltägliche Angst, aktiv zu werden, ging verloren, was mit dem Vorgehen Wałęsas und um Wałęsa herum einherging. KOR entstand, eine außerordentlich wichtige Institution. Unverhüllt leistete sie den Arbeitern Hilfe, die infolge der Streiks im Juni 1976 in Radom, Ursus und, weniger bekannt, in Płock, Repressionen ausgesetzt waren. Und es ist ja bekannt, dass Wałęsa zum ersten Mal 1973 versucht hatte, die Zusammenarbeit abzubrechen, was ihm 1975 gelang – das heißt noch Monate vor den berühmten Protesten und vor der Entwicklung des neuen Phänomens, dass die Intelligenz und die Arbeiterschaft ihre Kräfte vereinten, um sich von der Macht der Kommunisten zu befreien.

Auf welchen Rückhalt kann Wałęsa bauen?



Die Unerbittlichkeit, mit der die Akteure von PiS und Jarosław Kaczyński persönlich Wałęsa bekämpfen, enthüllt noch einen weiteren wichtigen Aspekt der aktuellen Regierung in Polen. Die Feindseligkeit gegenüber politischen Gegnern und zivilgesellschaftlichen Regierungskritikern gründet sich häufig auf sehr persönliche Abneigungen, Ressentiments und Hass. So verhält sich der Justizminister, so reagiert auch der Parteivorsitzende Kaczyński. Das persönliche Element des seit vielen Jahren währenden Kampfes um die Erniedrigung und Abwertung Wałęsas ist überdeutlich. Offenkundig ist dies mit einer politischen Abrechnung verbunden: Sehr viele ältere Anhänger der gegenwärtigen Regierung sind gleichzeitig auch Menschen, die Wałęsa früher mit großem Enthusiasmus unterstützt hatten. Sie sind so frei, ihm seine unglückliche Präsidentschaft (1990 bis 1995) zu verzeihen, denn für sie ist er weiterhin das Symbol des erfolgreichen Kampfes für ein freies und demokratisches Polen. Deshalb ist Wałęsa auch als Symbol – ein lebendiges Symbol der polnischen Freiheit – sehr gefährlich. Gefährlich für die, die die Niederlage der bisherigen Ordnung verkünden und die demokratischen Strukturen zerstören.

Indessen muss die Situation, wie sie sich nun entwickelt hat, und die Ergebnisse, die man aus den veröffentlichten Dokumenten ableiten kann, ganz und gar nicht dem Ziel dienen, den Friedensnobelpreisträger endgültig zu unterdrücken. Wenn die Erzählung über Lech Wałęsa eine Geschichte darüber wird, was Jan Skorzyński in seiner Analyse entdeckte, kann das sein positives Image nur stärken – auch wenn das Wissen über die Situation der Gesellschaft unter der Regierung der PZPR, das heißt der Kommunisten, bei der jungen Generation sehr gering ist. Es ist schwer, ihr zu vermitteln, worauf die alltägliche Angst beruhte, das zu sagen, was man dachte, und wie viel Mut und Willen es in der Tat bedurfte, um die Zusammenarbeit mit dem allgegenwärtigen Geheimdienst aufzukündigen. Die Persönlichkeit Wałęsa könnte ein positives Beispiel sein. Erst recht, als Wałęsa behauptet, dass er nicht solch ein Mitarbeiter war, als der er hingestellt wird. Und dass er sein "Spiel mit dem Geheimdienst" gespielt habe, das schließlich bis zum Sieg der Ideale der Solidarność geführt habe… Unerlässlich ist es noch anzuführen, dass sich praktisch die ganze tatsächliche politische Opposition zugunsten Lech Wałęsas ausspricht. Als die Pressekonferenz stattfand, auf der die Bewertung der Dokumente durch die Graphologen-Kommission vorgestellt wurde, war Wałęsa im Ausland. Als er wieder in Polen war, beteuerte er erneut seine Unschuld. Unklar ist, ob und wann er seine Taktik ändern wird.

Der Reifeprozess eines großartigen Menschen



Zu guter Letzt möchte ich dem Leser noch einen eher persönlichen, aber auch soziologischen Blick auf Lech Wałęsa vorstellen. Ich war nicht sein Anhänger, denn während des Wahlkampfes um das Amt des Präsidenten, aus dem er als Sieger und erster frei gewählter Präsident der Republik Polen hervorging, war ich Mitglied des Wahlkampfstabes um seinen Gegner, Tadeusz Mazowiecki. Wie die Mehrheit der Polen übrigens bewerte auch ich die Phase seiner Präsidentschaft nicht positiv. Aber es fällt mir schwer, Wałęsa nicht als einen Menschen zu betrachten, der sich unaufhörlich weiterentwickelt hat, der nicht der blieb, der er einmal in jungen Jahren war. Dies zeigt sich bereits in der Erzählung über die Veränderung der Art und Weise, wie er mit den Offizieren des Geheimdienstes gesprochen hat. Er hat seine Position des Zuträgers vollkommen geändert, zwar trug er Informationen zu, jedoch solche über die Unzufriedenheit der Menschen und das, was für sie schlecht war.

Ich erinnere mich auch später an Wałęsa als Präsidentschaftskandidaten, der damit prahlte, dass er keine Bücher zu lesen bräuchte… Und trotz der missglückten Präsidentschaft entwickelte er sich und blieb nicht auf demselben Niveau, sondern wuchs intellektuell und moralisch. Wenn man heute auf den älteren Herrn Lech Wałęsa schaut, dann zeigt sich, dass er ein Mensch mit einem umfangreichen Wissen ist, der ganz selbstverständlich mit denen diskutieren kann, die ein Universitätsstudium absolviert haben. Er hat seine Schwächen überwunden und hat zum Beispiel seinen Blick auf die Rolle von Wissen und Bildung geändert. In diesem Sinne kann man wirklich sagen, dass Wałęsa ein großartiger Mensch ist. Seine Intuition, seine häufig überraschende Treffsicherheit bei Entscheidungen hat in unserer Geschichte viele Spuren hinterlassen. Bis heute erinnere ich mich, ebenso wie auch viele andere Polen, an die berühmte Diskussion zwischen Lech und dem Vorsitzenden der staatlichen Gewerkschaften, Alfred Miodowicz. Sie fand Ende 1988 statt und war mit Sicherheit eines der wichtigen Elemente des folgenden historischen Wandels. Auch heute, im Rückblick, kann man sagen, dass die damals kritisierten Vorschläge Wałęsas nicht so schlecht waren. Zumindest der, dass es – verkürzt gesagt – notwendig sei, einen "linken Fuß" in der Politik zu haben. Von Bedeutung ist auch die historische Tatsache, dass die kommunistischen Machthaber versuchten, Wałęsa zu kompromittieren, als er noch in der Isolationsinternierung in Südpolen war. Es wurde damals Fernsehmaterial von Gesprächen zusammengeschnitten, die angeblich mit seinem Bruder und seiner Familie geführt worden waren. Die Mühe zahlte sich nicht aus, weil sich herausstellte, dass Wałęsa gute und richtige Sachen gesagt hatte.

Es bleibt zu hoffen, dass auch der gegenwärtige Angriff auf Wałęsa gut ausgeht, obgleich die ganze Situation nicht leicht ist. Nicht vergessen werden darf die in Gang gesetzte Medienmaschinerie, die vollkommen verlogene Propaganda der "nationalen" Medien. Zu hoffen ist, dass es Wałęsa und seinen Beratern gelingen wird, eine solche Antwort zu finden, dass alle ihn abwertenden Vorwürfe ein für alle Mal ihre gefährliche Kraft verlieren. Dies wünsche ich Lech Wałęsa von ganzem Herzen und mit aller Kraft, denn eine grenzenlose Welle der Niedertracht – politischer Niedertracht – überflutet das öffentliche Leben in Polen.

Auch Helden sind nicht über den Dingen stehende Ideale. Vielmehr zählt, wie es ihnen gelang, Krisen und Momente der Schwäche zu überwinden, welche Schlüsse sie aus schwierigen Erfahrungen ziehen, wie sie trotz früherer Verfehlungen gewachsen sind. Und hier wird die Biographie Wałęsas zu einer Erzählung über einen wirklich großartigen Menschen, auch wegen seiner Arbeit an sich selbst.

In der polnischen Geschichte wird seit der Zeit der großen Romantiker das Bild von selbstzerstörerischen Kräften gezeichnet, angetrieben von Ressentiments, Missgunst und Hass gegenüber denen, die auf der Leiter der menschlichen Ambitionen ein wenig höher stehen. So war es bei dem herausragenden polnischen Schriftsteller Stanisław Brzozowski, so war es auch bei dem aktuell verehrten Józef Piłsudski, der von den politischen Gegnern aus dem nationalen Lager seinerzeit beschuldigt wurde, ein Spion zu sein… Dieser niederträchtige Zug der polnischen Tradition macht sich auch jetzt bemerkbar.

Übersetzung aus dem Polnischen: Silke Plate

Die Polen-Analysen werden gemeinsam vom Deutschen Polen-Institut Darmstadt, der Bremer Forschungsstelle Osteuropa und der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde herausgegeben. Die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb veröffentlicht sie als Lizenzausgabe.


 

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Inhalt:

Dossier

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