Dossierbild Polen

27.7.2009 | Von:
Wolfgang Quaisser

Wirtschaftssystem und Wirtschaftspolitik

Wirtschaftsentwicklung

Das polnische Wirtschaftssystem nach 1989 war zunächst ein "Niemandsland" zwischen Planwirtschaft und Marktwirtschaft. Doch Balcerowicz hat es langfristig geschafft, trotz schwieriger Ausgangsbedingungen eine kapitalistische Marktwirtschaft aufzubauen und die Währung zu stabilisieren.

Arbeitslose beim Besuch des Arbeitsamtes  in Warschau, in der Hoffnung Arbeit zu finden.Das Arbeitsamt in Warschau. (© AP)

Es war wohl eine der mutigsten Entscheidungen des ersten nichtkommunistischen Regierungschefs Tadeusz Mazowiecki, im Herbst 1989 einem jungen und in praktischer Wirtschaftspolitik unerfahrenen Mitarbeiter der führenden Warschauer Wirtschaftsuniversität (Szkola Glowna Handlowa) die Aufgabe zu übertragen, Polens Wirtschaft nicht nur aus der Krise, sondern auch in Richtung Marktwirtschaft zu führen. Letztlich verlangte die schwierige wirtschaftliche Ausgangslage einen radikalen Bruch mit der Vergangenheit, denn gerade in Polen mangelte es in den achtziger Jahren nicht an halbherzigen Reformversuchen, die das Land allerdings nicht aus der wirtschaftlichen Agonie zu befreien vermochten.


Im Gegenteil: Die Einführung verschiedener Marktelemente, unter anderem die Abschaffung der üblichen Zentralplanung zugunsten so genannter Regierungsaufträge, kombiniert mit einer teilweise dezentraleren Preisbildung, hatten aus Polens Wirtschaftssystem ein "Niemandsland" zwischen Plan- und Marktwirtschaft geschaffen, auf das weder die disziplinierende Rolle des Planes noch die des Marktes einwirkte. Effizienz und Innovationskraft dieser "Mixed Economy" sind so sicherlich noch ungünstiger zu beurteilen als in anderen sozialistischen Wirtschaftssystemen. Einziger Lichtblick war, dass sich in der Landwirtschaft, in der Kleinproduktion und im Handel bereits eine Privat- und Schattenwirtschaft entwickelte. Diese rudimentären Erfahrungen mit dem Kleinkapitalismus sind ein häufig herangezogener Erklärungsansatz für die beachtliche Wirtschaftsdynamik in Polen in den neunziger Jahren.

Die schwierige Ausgangslage zu Beginn der Transformation verschärfte sich noch dadurch, dass die Schwäche der kommunistischen Elite gegenüber der Arbeiterbewegung zu Lohnzugeständnissen geführt hatte, die in keiner Weise volkswirtschaftlich zu verantworten waren. In normalen Marktwirtschaften löst dies eine Inflationsspirale aus, die schließlich in einer galoppierenden Inflation oder sogar einer Hyperinflation endet. In typischen Planwirtschaften führen exzessive Lohnsteigerungen normalerweise zu Versorgungsengpässen, da feste Preise das volkswirtschaftliche Güterangebot mit der Nachfrage nicht ausbalancieren.

In Polen bestand Ende der achtziger Jahre eine Kombination von aufgestauter und offener Inflation, das heißt von Preissteigerungen und Versorgungsengpässen. Daraus entwickelte sich 1989 nach weiterer Preisfreigabe eine Hyperinflation, die jedem rationalen Wirtschaften abträglich ist. Hinzu kam die extrem hohe Auslandsverschuldung des Landes, deren volle Bedienung jegliche binnenwirtschaftlichen Erfolge zunichte machen konnte.

Balcerowicz-Plan

Es bedurfte also eines mutigen und visionären Schrittes, um tatsächlich die Preise freizugeben, den Außenhandel zu liberalisieren sowie die Unternehmen wirklich in die Selbstständigkeit zu entlassen, und dies in einer Zeit, in der keine Erfahrungen im Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft vorlagen. Dem nicht genug: Eine einschneidende Stabilitätspolitik (restriktive Geld- und Fiskalpolitik, das heißt hohe Zinssätze kombiniert mit Kürzungen im Staatshaushalt sowie Lohnkontrollen) nach den Richtlinien des IWF war notwendig, um die Hyperinflation innerhalb kürzester Frist einzudämmen. Die Außenhandelsliberalisierung zog zudem eine drastische Abwertung des Zloty und die Teilkonvertibilität der Währung nach sich bei gleichzeitiger Fixierung des Wechselkurses (externer Anker).

Nur in der Kombination und raschen Abfolge dieser Schritte konnten die marktwirtschaftlichen Reformen Wirkung zeigen, die Inflationserwartungen gebrochen und die staatlichen Unternehmen über eine "harte Budgetschranke", also über eine eingeschränkte Nachfrage, zu ersten marktkonformen Anpassungsreaktionen wie Kostenreduzierungen, Produktionsanpassungen und Arbeitsplatzabbau gezwungen werden. Mit einem solchen Programm – und nur so – ließen sich zugleich die ausländischen Gläubiger überzeugen, durch Umschuldungen (zeitliche Streckung der Tilgung) und Schuldenreduzierungen einen erdrückenden Schuldendienst zu vermeiden, ließ sich die Kreditwürdigkeit mittelfristig wiederherstellen und die Wirtschaft auf einen soliden Wachstumspfad lenken.

Vor diesem Hintergrund hatte Polen Glück, mit Leszek Balcerowicz keinen Zauderer, sondern einen entschlossenen Mann an der Spitze zu haben, der innerhalb der kurzen Zeit von zwei bis drei Monaten auch die organisatorische Leistung erbrachte, dieses radikale Wirtschaftsprogramm durch das Parlament zu bringen und schließlich am Stichtag 1. Januar 1990 auf einen Schlag zu implementieren. Sicherlich spielte die ausländische Unterstützung schon damals eine wichtige Rolle, wie zum Beispiel durch den bekannten Ökonomen Jeffrey Sachs, der mit der Bekämpfung der Hyperinflation in Lateinamerika über viel Erfahrung verfügte, sowie den IWF, der nicht nur mit Expertisen, sondern auch mit einem Stabilitätskredit von circa einer Milliarde US-Dollar die Regierung Mazowiecki unterstützte. Zudem gewährte die EU Polen frühzeitig weitreichende Handelserleichterungen.

Wie sahen nun die Ergebnisse dieses kühnen Versuches aus, unter schwierigsten Ausgangsbedingungen den Sprung in die kapitalistische Marktwirtschaft zu wagen? Kurzgefasst: Alle wichtigen Ziele wurden erreicht, allerdings in den ersten zwei Jahren (1990 und 1991) mit hohen wirtschaftlichen und sozialen Opfern. Die Produktion ging stark zurück, die Reallöhne (Nominallöhne korrigiert um die Preissteigerung) wurden drastisch gesenkt und die Arbeitslosigkeit stieg. Positiv zu bewerten ist, dass die Stabilitätspolitik die Hyperinflation eindämmen konnte. Die "korrektive Inflation", also der durch die Preisliberalisierung entstandene Preisschub, fiel in den ersten Monaten 1990 höher als erwartet aus, dauerte indes kürzer als befürchtet.

Die Preisliberalisierung brachte die Märkte ins Gleichgewicht, Versorgungsengpässe verschwanden und durch die Liberalisierung des Außenhandels gelang es, sowohl die inländische Konkurrenz zu beleben als auch Exportmöglichkeiten zu schaffen. Nicht erwartet hatte man den hohen Außenhandelsüberschuss und den geringfügig positiven Staatshaushalt des Jahres 1990. Tiefe und Dauer der "Übergangsrezession" übertrafen jedoch das erwartete Ausmaß (1990: Bruttoinlandsprodukt, BIP, minus zwölf Prozent; Industrieproduktion: minus 27 Prozent) und die Reallöhne sanken um fast ein Drittel.

Im Jahr 1991 setzte sich der Negativtrend fort (BIP: minus acht Prozent), was auch auf den Zusammenbruch des Handels mit den ehemaligen sozialistischen Partnerländern, insbesondere Russland, zurückzuführen war. Gleichzeitig stieg die Arbeitslosigkeit auf circa elf Prozent an. Selbst wenn man eine statistische Überzeichnung dieser Anpassungskrise zugrunde legt, waren die Opfer in der Gesellschaft hoch. Der Unmut seitens der Bevölkerung stieg. Linke und rechte Politiker waren sich einig, dass die Geld- und Fiskalpolitik zu restriktiv und der Übergang zur Marktwirtschaft zu radikal ausgefallen war. Doch dieser Übergang war durchgeführt und der Zloty entwickelte sich zu einer relativ stabilen Währung. Dass diese schwierige Anpassungsphase dennoch von der sonst so streikbereiten polnischen Arbeiterschaft und der Bevölkerung ertragen wurde, war Ausdruck ihrer Erkenntnis, ohne radikalen Einschnitt in Zukunft noch höhere Anpassungskosten zahlen zu müssen.




Auszug aus: Informationen zur politischen Bildung, "Polen"


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