Dossierbild Polen

4.9.2009 | Von:
Sebastian Becker

Konsum und EU-Geld impfen Polen gegen Krise

Polen ist eines von nur drei Ländern in der EU, das trotz der weltweiten Finanzkrise noch wirtschaftliches Wachstum verzeichnen kann. Ein starker Verbrauch gibt der Gesamtwirtschaft ein stabiles Fundament und der zunehmende Zufluss von Auslandsinvestitionen wirkt ebenfalls stärkend.

Der polnische Ministerpräsident Donald Tusk spricht während einer Pressekonferenz auf der Warschauer Börse mit einer Karte von Europa mit dem aktuellen Wirtschaftswachstum im Hintergrund.Polens Premierminister Donald Tusk präsentiert vor einer Europakarte Zahlen zum polnischen Wirtschaftswachstum. Polen ist eines der wenigen Ländern in der EU, das trotz der weltweiten Finankrise wirtschaftliches Wachstum verzeichnen kann. (© AP)

WARSCHAU - Die reinen Zahlen zeigen es, auch wenn es noch viele Probleme gibt und die Regierung nicht in lauten Jubel ausbricht: Polen wehrt sich nach Leibeskräften gegen die weltweite Wirtschaftskrise und hat dabei die anderen Konkurrenzstaaten aus Mittel- und Osteuropa weit hinter sich gelassen. Und nicht nur das: Selbst im Vergleich mit dem großen etablierten Nachbarn Deutschland und den anderen westlichen Industrienationen schlägt sich das Land mehr als beachtlich.

Wie aus den neuesten Schätzungen des statistischen Amtes der Gemeinschaft Eurostat hervorgeht, ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Polen im zweiten Quartal sogar um 1,4 Prozent gewachsen. Die unmittelbaren Mitbewerber aus der Region Ungarn (minus 7,4 Prozent) und die Slowakei (minus 5,3 Prozent) haben hingegen spürbare Rückgänge zu beklagen. Außer Polen gibt es in der EU kein Land, das ein Plus aufweist – auch Deutschland nicht. Für viele Polen ist dies besonders wichtig, weil der westliche Nachbar für sie immer noch das Maß aller Dinge ist, wenn es um die wirtschaftliche Entwicklung geht.


"Wir können schon heute die Hoffnung haben, dass die Krise etwas ist, das wir schon bald als etwas betrachten können, das hinter uns liegt", drückt sich der stellvertretende Wirtschaftsminister Adam Szejnfeld allerdings noch vorsichtig aus. Grenzenlosen Optimismus wollte der liberale Politiker offenbar noch nicht versprühen. "Doch wir müssen klar sagen, dass das gesamte Jahr 2009 und mit Sicherheit auch noch das Jahr 2010 Jahre sind, die für die polnische Volkswirtschaft und für die Gesellschaft schwer sein werden." Seine Regierung müsse noch viele Anstrengungen unternehmen, damit das Wachstum andauere und sich weiter entwickele." Die Wachstumsprognose von 0,8 Prozent für das BIP im laufenden Jahr, die das Wirtschaftsministerium aufgestellt hat, ist nach wie vor reell", führt der 51-jährige Jurist seinen zurückhaltenden Optimismus weiter aus.

Allerdings hat die derzeitige Regierung um den liberalen Premierminister Donald Tusk auch eine Schwierigkeit: "Das größte Problem ist die wachsende Verschuldung der öffentlichen Haushalte", erklärt Finanzexperte Stanislaw Gomulka. Im vergangenen Jahr habe das Minus bei 50 Milliarden Zloty (12,2 Milliarden Euro) gelegen. "Im laufenden Jahr kann es sogar 70 bis 80 Milliarden Zloty (17 bis 19,5 Milliarden Euro) betragen", so der Fachmann. Das sei ein großer Anstieg und die Begrenzung der Ausgaben dürfte nicht allzu groß ausfallen. Die Regierung versucht nun, diese finanziellen Mittel durch den verstärkten Verkauf von staatlichen Unternehmen einzutreiben.

Dabei überraschte der zuständige Schatzminister Aleksander Grad die internationalen Investoren, als er in der Sommerpause plötzlich seinen Privatisierungsplan änderte. Grad wollte dabei auf einmal zehn Prozent mehr als geplant einnehmen. Und halbierte zusätzlich die Zeit, innerhalb derer Polen die Unternehmen veräußern will. Doch damit nicht genug: Der Minister setzte auch noch die Firmen wie den niederschlesischen Kupferkonzern KGHM auf die Verkaufsliste, die eigentlich aus politischen Gründen als unantastbar galten. Starke Gewerkschaften mit großen Traditionen wehren sich hier gegen den Verkauf an private Investoren, da sie um ihre Arbeitsplätze fürchten. Aus der Sicht von Experten dürfte diese Privatisierung kaum zu leisten sein. Deshalb werden dem Haushalt wohl wichtige Einnahmen fehlen.

Doch immerhin hat sich die Regierung, die seit dem Herbst 2007 im Amt ist, in der Bevölkerung und bei den anderen EU-Staaten weitestgehend etabliert. Vorbei sind die Zeiten, in denen die nationalkonservative Vorgängerregierung um die Zwillingsbrüder Lech und Jaroslaw Kaczynski mit geringer fachlicher Kompetenz und emotionalen Auftritten in der Öffentlichkeit die europäische Presse in Erstaunen versetzt hat.

Das Glück für Polen: Diese Regierungszeit hat der polnischen Volkswirtschaft kaum geschadet, und die Gesamtwirtschaft verzeichnete von Jahr zu Jahr ein moderates Plus. Ein Grund: Der Beitritt zur EU hat dem Land überwiegend Vorteile gebracht. Und die finanziellen Zuschüsse der Gemeinschaft sind vielen Unternehmen zugute gekommen. Eigentlich gibt es niemandem mehr im Land, der am grundsätzlichen Sinn der Mitgliedschaft zweifelt. Eine weitere Ursache für dieses stetige Wachstum und die relative Stabilität während der Krise liegt in der Struktur der Gesamtwirtschaft. "Die Ökonomie stützt sich auf eine stabil wachsende Binnennachfrage", erklärt Aneta Patkowska, Wirtschaftsexpertin im polnischen Wirtschaftsministerium.

Der Anteil des Konsums am BIP sei mit 60 Prozent vergleichsweise hoch, und die Verschuldung der privaten Haushalte entwickelt sich dabei relativ moderat. "Dadurch ist unsere Wirtschaft wesentlich widerstandsfähiger gegen Turbulenzen an den Kreditmärkten", analysiert Patkowska. Da der Außenhandel relativ gering ist, haben sich auch die negativen Einflüsse aus den westlichen Ländern, die von der Krise stark erfasst worden sind, in Grenzen gehalten. Doch das sei noch nicht alles: Immer mehr Polen hätten in der Vergangenheit Arbeit gefunden und dabei zunehmend verdient. Das habe das Wachstum weiter stabilisiert.

Polens stellvertretender Wirtschaftsminister Adam SzejnfeldPolens stellvertretender Wirtschaftsminister Adam Szejnfeld
Damit entwickelt sich das Land so, wie es vor 25 Jahren zur kommunistischen Zeit niemand für möglich gehalten hätte. Gerade in der damaligen Volksrepublik Polen war die materielle Notlage besonders groß. Politisch gab es zwar einige Freiheiten, die es den Polen erlaubten, im wohlhabenden Westen zu arbeiten. Doch dort hatten sie oft nur schlechtbezahlte Jobs bekommen, die ihnen gerade einmal das Überleben sicherten. Volle Lebensmittelläden, Luxusartikel und Reisen in exotische Länder waren aus ihrer Sicht nur den wohlhabenden Deutschen und Westeuropäern vorbehalten. Und nun ist das Vergangenheit, und das alles steht auch ihnen selbst zur Verfügung.

"Mich überrascht diese Entwicklung überhaupt nicht", urteilt hingegen die Wirtschaftsexpertin Malgorzata Krzysztoszek von der privaten Unternehmervereinigung PKPP Lewiatan. Schließlich sei das BIP doch seit dem EU-Beitritt stabil gewachsen. "Der Großteil der kleinen und mittleren Unternehmen, die wie in allen Ländern das Rückgrat der Wirtschaft bilden, hat sich überwiegend aus Eigenmitteln finanziert", führte die Fachfrau weiter aus. Das sei ein Grund, warum die Wirtschaft so stabil gewachsen sei.

Der steigende Wohlstand zeigt sich auch darin, dass die Tourismusindustrie sich in den vergangenen Jahren immer mehr etabliert hat. Dabei macht sie aktuell mit sieben Prozent einen spürbaren Anteil an der Gesamtwirtschaft aus. Wichtig: Nicht nur die Superreichen leisten sich teurere Fernreisen, sondern auch Vertreter aus anderen Berufsgruppen, die weniger verdienen. "Wir beobachten seit fünf bis sechs Jahren, dass die Zahl der Auslandsfahrten in solche Länder wie Ägypten oder Tunesien größer wird", sagt der Sprecher vom einheimischen Reisenveranstalter Exim Tours, Piotr Czorniej. Der Dienstleister hat sich auf die polnischen Kunden spezialisiert. In Ägypten, wo die Tourismusindustrie für die Wirtschaft eine wichtige Rolle spielt, haben sich die Hotels auf die Polen eingestellt und bieten ihr Angebot auch auf Polnisch an – neben Deutsch und Russisch. So lernen die Hotelangestellten in Kairo während ihrer Ausbildung diese slawische Sprache, die für Ausländer nur sehr schwer zu erlernen ist. Das allein zeigt, wie ernst die Polen mittlerweile international als Kunden wahrgenommen werden.

Auch der Krankengymnast Rafal Krasicki aus Warschau bemerkt den Wandel in den vergangenen Jahren. Der Physiotherapeut arbeitet in einer privaten Praxis in der polnischen Hauptstadt. Das staatliche Gesundheitssystem ist marode und bietet den Patienten kaum Hilfe. Wer ein akutes gesundheitliches Problem hat, muss deswegen in die privaten Praxen und Kliniken gehen. "Früher habe ich ausschließlich Ausländer behandelt, die sich das leisten konnten", sagt Krasicki. "Doch nun kommen immer mehr Landsleute in meine Stunden. "

Doch nicht nur die Polen zeigen sich optimistisch, sondern auch die ausländischen Investoren wie der deutsche Nachwuchsmanager Tobias Jerschke vom internationalen Logistikdienstleister Kühne+Nagel: "Die Investmentzahlen (FDI) sind doch phänomenal", jubelt der 36-Jährige. Jerschke ist seit sechs Monaten in Polen und war früher schon für Kühne+Nagel in Frankreich aktiv. Der Manager hat dabei die französische Tochter des Unternehmens restrukturiert. "Seit Jahren strömen zwischen 5 und 15 Milliarden Euro nach Polen." Das Land sei immer unter den Top-Ten der besten Investmentstandorte weltweit - egal, welche Studie man zugrunde lege. Für den Gesamtkonzern Kühne+Nagel, der pro Jahr mehr als 14 Milliarden Euro umsetzt, sei Polen ein strategisch wichtiger Markt. Das Unternehmen werde proaktiv in moderne Infrastruktur und in das bestmögliche Personal investieren. Und: "Wir wollen den polnischen Kollegen das Selbstvertrauen vermitteln, dass hier noch viel möglich ist." Dieses Selbstvertrauen ist gerade am entstehen. Und es sieht auch danach aus, dass Polen der Krise die Stirn bieten kann.


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