Dossierbild Polen

10.9.2009 | Von:
Paul Flückiger

Wie sich Stadt und Land im Fluss der Zeit verändern

Allerdings ist Arbeitslosigkeit in Polen oft ein strukturelles Problem – Zehntausende suchen bereits seit mehreren Jahren eine Stelle, denn ihre meist noch vor der Wende erworbenen Qualifikationen genügen den neuen Ansprüchen nicht mehr. Auf der andern Seite herrscht schon jetzt ein Mangel an guten Fachkräften. Viele sind im Zuge des EU-Beitritts nach Irland und Grossbritannien ausgewandert, die beide ihren Arbeitsmarkt sofort für EU-Neumitglieder geöffnet hatten. Bis zu zwei Millionen junge, gut ausgebildete Polen sollen bereits das Weite gesucht haben. Vor allem Ingenieure, aber auch Schweisser, Bauarbeiter, Ärzte und Krankenschwestern werden inzwischen in Polen händeringend gesucht. Dies hat in ausgesuchten Branchen die Löhne hochschnellen lassen. Wenig erfolgreich sind dagegen die Rückanwerbeversuche von Firmen und Stadtverwaltungen.

Lodz könnte eigentlich von seiner Nähe zum politischen und Finanz-Zentrum Warschau profitieren, doch die da niederliegende Infrastruktur verhindert große Sprünge. Zwar werden seit Jahren Flughafenausbau, Schnellbahn und Autobahnen auf dem Reissbrett gebaut, doch bis mindestens 2012 müssen die 140 Kilometer in die polnische Hauptstadt noch mühsam mit der Bahn in zweieinhalb Stunden oder mit dem Auto zwar etwas schneller, aber auch wesentlich gefährlicher, zurückgelegt werden. Eine Autobahn von der zweitgrößten Stadt Polens in die Hauptstadt gibt es noch nicht – in ganz Polen gibt es gerade einmal knapp über 750 Autobahnkilometer.

Dennoch sieht sich, wer in Warschau nach all dieser mühseligen Fahrerei eine verschlafene, post-sozialistische Hauptstadt erwartet, arg getäuscht. Hier, wo der Löwenanteil der Investitionen hinfließt, werden Geschäftshäuser und Luxushotels hochgezogen. Hier boomt nicht nur der Immobilienmarkt, sondern auch die Börse. Auch dem Bankensektor, der erst zu gut drei Vierteln in ausländischer Hand ist, werden noch Zuwachsraten vorhergesagt, besitzt fast jeder zweite Pole noch kein Girokonto. Gerade in Warschau zeigt sich die Wirtschaft der politischen Launen gegenüber als ausgesprochen resistent.

Anders sieht es dagegen in Czeremcha, drei Kilometer von der weissrussischen Grenze aus. Hier am Rande des letzten Urwalds in Europa, der Puszcza Bialowieska, sind die Holzkombinate längst geschlossen, die staatlichen Großfarmen zerfallen. Fast jeder zweite Daheimgebliebene hat hier keine Arbeit – keine Seltenheit in der sogenannten "Ostwand", die von den Masuren an der russischen Grenze zum Kaliningrader Gebiet bis nach Podkarpatien an der ukrainischen Grenze im Südosten reicht. Viele Bewohner dieser Gebiete leben von kleinem Grenzschmuggel und dem Sammeln von Pilzen und Beeren. Lebensqualität und Löhne sind in Ostpolen weniger als halb so hoch wie im Warschauer Umland. Kein Wunder, wenn man in Czeremcha auch Stimmen hört, die behaupten unter Lukaschenko wäre das Leben einfacher.

Rund zwanzig Einheimische, fast ausnahmslos Rentner wollen an diesem nebligen Herbstmorgen mit dem alten Schienenbus ins knapp zehn Kilometer entfernte Vysokolitovsk fahren. Umgerechnet etwa über drei Euro kostet die Reise über die Grenze nach Weissrussland – viel Geld in einem Dorf wie Czeremcha. Dass sich diese Investition lohnt, wird jedoch klar, sobald sich der Zug holpernd in Bewegung setzt. Ich solle nur Zigaretten und Wodka kaufen, alles andere lohne sich heutzutage nicht mehr, erklärt eine ältere Frau. Nur eine knappe Stunde stünde der Zug im Bahnhof, bevor er wieder zurück nach Polen fahre. "Wer den verpasst, muss bis zum Abend warten", warnt die Alte. Kaum sind die weissrussische Grenzpolizisten ausgestiegen und der Zug in dem schmucklosen Bahnhof eingetroffen, wackelt die Gruppe mit Säcken und Taschen über den matschigen Vorplatz auf eine unverputzte Häusergruppe zu. Dass dort Einkaufsläden sein könnten, kann nur der Eingeweihte erahnen. "Was wollen Sie? Von irgend etwas müssen die Leute ja leben", kommentiert der mitgereiste polnische Grenzbeamte.


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