Dossierbild Polen
1|2 Auf einer Seite lesen

10.9.2009 | Von:
Paul Flückiger

Wie sich Stadt und Land im Fluss der Zeit verändern

Zu den großen Gewinnern des EU-Beitritts zählen in Polen die Bauern: Die Lebensmittelexporte sind massiv gestiegen. Doch auch Industriestädte wie Posen tragen zum Exportboom bei. Paul Flückiger über die Entwicklung von Stadt und Land.

Stadtansicht von LodzLodz gehört zu den Städten, die nach dem EU-Beitritt Investoren anlocken konnten. Lizenz: cc by-nd/2.0/de

Manchmal ist die E261 zwischen Worclaw (Breslau) und Poznan (Posen) mit Leitplanken versehen, die Fussgängerstreifen sind frisch gemalt und in der Nacht weisen Reflektoren den Weg. In Steszew, 30 Kilometer westlich von Poznan, befindet sich so eine Stelle. Hier durchschneidet die Verkehrsader das Dorf so, als würde sie gleichzeitig eine neue Zeit ankündigen - eine Zeit der eingehaltenen EU-Normen und europäischen Sicherheitsregeln. Doch biegt man nach Mosina ab, schaut Polen schon wieder so aus, als sei seit dem EU-Beitritt im Mai 2004 nichts oder nur sehr wenig geschehen. Eine löchrige Schotterstraße führt an einer alten, grauen Schweinmast vorbei ins Dorfzentrum von Stare Dymaczewo. Der Einkaufsladen hat seit der Wende nur sein Sortiment geändert. Und auch der Bauer Jasiu ist im Grunde immer noch gegen die EU. Wenn gleich - das muss der treue Wähler der konservativen Kaczynski-Partei "Recht und Gerechtigkeit" dann doch zugeben - sein Einkommen in den letzten fünf Jahren schon etwas gestiegen sei.


"Doch die Preise, Sie können sich das gar nicht vorstellen!", jammert der untersetzte, bärtige Mann. Tatsächlich stehen landesweit einem bäuerlichen Mehreinkommen von durchschnittlich 50 Prozent, bei den Düngemitteln Preiserhöhungen von gut 30 Prozent gegenüber. Doch zu den großen Gewinnern des EU-Beitritts zählen in Polen die Bauern dennoch, immerhin 2,35 Millionen oder mindestens jeder zehnte Erwerbstätige. Allerdings produziert nur jeder dritte Bauer in Polen für den Markt. Auch in Stare Dymaczewo ist dies zu sehen: In vielen Innenhöfen stehen neue Landmaschinen, viele Häuser wurden in den vergangen fünf Jahren renoviert. Doch die Gemeinde ist immer noch arm, die meisten Häuser haben keine Kanalisation, und von einer Asphaltstraße wagt Jasiu nicht zu träumen. Die braucht er auch nicht, denn seine erste große Investition gilt einem neuen Traktor. Die EU nämlich übernehme die Hälfte der Investitionssumme, sagt der Alte fast verschwörerisch. Brüssel traut er deswegen dennoch nicht über den Weg. Volkswirtschaftlich allerdings hat sich der Problemfall "polnische Bauern" in eine Erfolgsstory verwandelt: Seit dem EU-Beitritt hat Polen seine Lebensmittelexporte massiv steigern können. In die alte EU exportiert werden roh und verarbeitet vor allem Fleisch, Milch und Gemüse. Experten warnen allerdings, dass der polnische Bauer wegen der kleinen Anbauflächen pro Hof bald zu teuer produzieren wird.

Den Preis für die große Nachfrage polnischer Lebensmittel im Ausland zahlt man vor allem in den Städten. Doch in der Industriemetropole Poznan klagen trotz Preissteigerungen für Lebensmittel von über zehn Prozent nur wenige. Die hiesigen Industriebetriebe haben vielmehr mit zum Exportboom quer durch alle Branchen beigetragen, die Polens Wachstumsrate von 1,4 Prozent im zweiten Quartal 2009 mitten in der Wirtschaftskrise unterstützt. Für das ganze Jahr 2009 wird vor allem auch dank der hohen Inlandnachfrage mit einem Wirtschaftswachstum von 0,9 Prozent gerechnet, was einem Rekordplus in ganz Europa gleichkäme; noch 2007 allerdings wuchs die polnische Wirtschaft um 6,5 Prozent, 2008 waren es 4,8 Prozent.

Für den Export sind in Poznan Beiersdorf-Lechia, Nestle-Goplana oder Volkswagen wichtig. Die Namen sprechen für sich: Zu rund 60 Prozent ist ausländisches Kapital an der phänomenalen Exportsteigerung Polens um jährlich fast 25 Prozent zwischen dem EU-Beitritt 2004 und dem Beginn der Weltwirtschaftskrise 2008 beteiligt – darunter viele mittelständische Betriebe aus Deutschland, die ihre Produktion ins östliche Nachbarland ausgelagert haben. Poznan hat deshalb in den letzten drei Parlamentswahlen dezidiert liberal gewählt und sich 2005 bis 2007 vom landesweiten Kaczynski-Taumel nicht anstecken lassen. Die den Marktkräften misstrauisch gegenüberstehenden Zwillingsbrüder Lech und Jaroslaw Kaczynski (ersterer ist heute Polens Präsident, letzterer inzwischen Oppositionschef) fanden dagegen fast nur unter den Rentnern Unterstützung.

Seit dem Regierungswechsel zum liberalen Donald Tusk hat sich der Wind in der Wirtschaftspolitik gewendet; und wenn das Vertrauen der ausländischen Anleger nicht massiv angeschwollen ist, so liegt das vor allem an der abgekühlten Konjunkturlage. Die ausländischen Direktinvestition sind deshalb 2008 massiv eingebrochen, doch gerade vor nicht allzu langer Zeit noch als hoffnungslos eingestufte Krisenstädte mit Arbeitslosenraten von 20 Prozent und mehr wie etwa Lodz (Lodsch) konnten seit dem EU-Beitritt erhebliche Greenfield-Investitionen (bezeichnet die Gründung einer Tochterfirma) anziehen. Im Herbst 2006 entschloss sich der amerikanische Computerhersteller Dell, einen Teil seiner Europaproduktion von Irland nach Polen zu verlagern. Dell folgten der Rasierklingenhersteller Gilette, der in Lodz seine weltweit größte Produktionsstätte ansiedelte, sowie der Kosmetikhersteller Procter & Gamble, der seinen Fabrikneubau Ende September einweihen wird. Niedrige Immobilienpreise, gut ausgebildete Arbeitskräfte und Lohnkosten, die etwa ein Drittel unter jenen Poznans liegen, haben den Ausschlag für Lodz gegeben. Zuvor hatten sich bereits Bosch und Siemens in Lodz angesiedelt. Sie alle tragen dazu bei, die Arbeitslosigkeit von landesweit knapp elf Prozent auch in der Krise nicht weiter hochschnellen zu lassen.
Allerdings ist Arbeitslosigkeit in Polen oft ein strukturelles Problem – Zehntausende suchen bereits seit mehreren Jahren eine Stelle, denn ihre meist noch vor der Wende erworbenen Qualifikationen genügen den neuen Ansprüchen nicht mehr. Auf der andern Seite herrscht schon jetzt ein Mangel an guten Fachkräften. Viele sind im Zuge des EU-Beitritts nach Irland und Grossbritannien ausgewandert, die beide ihren Arbeitsmarkt sofort für EU-Neumitglieder geöffnet hatten. Bis zu zwei Millionen junge, gut ausgebildete Polen sollen bereits das Weite gesucht haben. Vor allem Ingenieure, aber auch Schweisser, Bauarbeiter, Ärzte und Krankenschwestern werden inzwischen in Polen händeringend gesucht. Dies hat in ausgesuchten Branchen die Löhne hochschnellen lassen. Wenig erfolgreich sind dagegen die Rückanwerbeversuche von Firmen und Stadtverwaltungen.

Lodz könnte eigentlich von seiner Nähe zum politischen und Finanz-Zentrum Warschau profitieren, doch die da niederliegende Infrastruktur verhindert große Sprünge. Zwar werden seit Jahren Flughafenausbau, Schnellbahn und Autobahnen auf dem Reissbrett gebaut, doch bis mindestens 2012 müssen die 140 Kilometer in die polnische Hauptstadt noch mühsam mit der Bahn in zweieinhalb Stunden oder mit dem Auto zwar etwas schneller, aber auch wesentlich gefährlicher, zurückgelegt werden. Eine Autobahn von der zweitgrößten Stadt Polens in die Hauptstadt gibt es noch nicht – in ganz Polen gibt es gerade einmal knapp über 750 Autobahnkilometer.

Dennoch sieht sich, wer in Warschau nach all dieser mühseligen Fahrerei eine verschlafene, post-sozialistische Hauptstadt erwartet, arg getäuscht. Hier, wo der Löwenanteil der Investitionen hinfließt, werden Geschäftshäuser und Luxushotels hochgezogen. Hier boomt nicht nur der Immobilienmarkt, sondern auch die Börse. Auch dem Bankensektor, der erst zu gut drei Vierteln in ausländischer Hand ist, werden noch Zuwachsraten vorhergesagt, besitzt fast jeder zweite Pole noch kein Girokonto. Gerade in Warschau zeigt sich die Wirtschaft der politischen Launen gegenüber als ausgesprochen resistent.

Anders sieht es dagegen in Czeremcha, drei Kilometer von der weissrussischen Grenze aus. Hier am Rande des letzten Urwalds in Europa, der Puszcza Bialowieska, sind die Holzkombinate längst geschlossen, die staatlichen Großfarmen zerfallen. Fast jeder zweite Daheimgebliebene hat hier keine Arbeit – keine Seltenheit in der sogenannten "Ostwand", die von den Masuren an der russischen Grenze zum Kaliningrader Gebiet bis nach Podkarpatien an der ukrainischen Grenze im Südosten reicht. Viele Bewohner dieser Gebiete leben von kleinem Grenzschmuggel und dem Sammeln von Pilzen und Beeren. Lebensqualität und Löhne sind in Ostpolen weniger als halb so hoch wie im Warschauer Umland. Kein Wunder, wenn man in Czeremcha auch Stimmen hört, die behaupten unter Lukaschenko wäre das Leben einfacher.

Rund zwanzig Einheimische, fast ausnahmslos Rentner wollen an diesem nebligen Herbstmorgen mit dem alten Schienenbus ins knapp zehn Kilometer entfernte Vysokolitovsk fahren. Umgerechnet etwa über drei Euro kostet die Reise über die Grenze nach Weissrussland – viel Geld in einem Dorf wie Czeremcha. Dass sich diese Investition lohnt, wird jedoch klar, sobald sich der Zug holpernd in Bewegung setzt. Ich solle nur Zigaretten und Wodka kaufen, alles andere lohne sich heutzutage nicht mehr, erklärt eine ältere Frau. Nur eine knappe Stunde stünde der Zug im Bahnhof, bevor er wieder zurück nach Polen fahre. "Wer den verpasst, muss bis zum Abend warten", warnt die Alte. Kaum sind die weissrussische Grenzpolizisten ausgestiegen und der Zug in dem schmucklosen Bahnhof eingetroffen, wackelt die Gruppe mit Säcken und Taschen über den matschigen Vorplatz auf eine unverputzte Häusergruppe zu. Dass dort Einkaufsläden sein könnten, kann nur der Eingeweihte erahnen. "Was wollen Sie? Von irgend etwas müssen die Leute ja leben", kommentiert der mitgereiste polnische Grenzbeamte.
1|2 Auf einer Seite lesen

Dossier

Deutsch-polnische Beziehungen

Deutsche und Polen verbindet eine schwierige Beziehung, die noch immer überschattet wird von den deutschen Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs. Wie stehen die beiden Staaten heute zueinander?

Mehr lesen