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Alltag in Polen: So lebt Jan Kowalski


7.9.2009
Wie und wo lebt der Durchschnittspole? Brigitte Jäger-Dabek beschreibt Lebensgewohnheiten und Lebensbedingungen des polnischen Otto Normalverbrauchers. Sie gewährt damit einen Einblick in den polnischen Alltag.

Eine Plattenbausiedlung in Polen.Eine Plattenbausiedlung in Polen. (© cc_Songkran_nc_sa/flickr.com)

Es gibt ihn auch in unserem Nachbarland, den typischen Durchschnittspolen und die durchschnittliche polnische Familie. Jan Kowalski heißt er, der polnische Otto Normalverbraucher. Er ist verheiratet, Mitte 40, hat zwei Kinder und lebt in einer mittelgroßen Stadt mit vielleicht 100.000 Einwohnern. Herr Kowalski ist Ingenieur in einer Baufirma, und ist in seinem Berufsleben bisher von Arbeitslosigkeit anders als beispielsweise sein Bruder verschont geblieben.

Seine Frau Anna Kowalska ist Anfang 40 und arbeitet erst seit ein paar Jahren wieder in einem großen Bekleidungsgeschäft, derzeit halbtags. Wie es in Polen üblich war, haben die Kowalskis früh geheiratet, Anna war gerade 21 Jahre alt. Ihre Tochter Ewa, das mit 15 Jahren jüngere ihrer beiden Kinder, will sich da mehr Zeit lassen. Wie es heute gängig ist, will sie frühestens mit Mitte oder Ende 20 heiraten und dann auch nicht gleich Kinder haben, vielleicht aber auch sowieso nur ein Kind. Sohn Adam ist 18 Jahre alt, besucht das Lyzeum und macht im nächsten Jahr Abitur. Während seine Schwester noch überlegt, was sie studieren will, sieht Kowalski junior seinen Weg schon vor sich. Wirtschaft will er studieren, am liebsten natürlich in Warschau, und am allerliebsten an der renommierten Warsaw School of Economic. Nach Warschau drängt in Polen jeder, der jung, dynamisch und erfolgshungrig ist oder sich dafür hält. An Polens 420 Hochschulen studieren rund zwei Millionen junge Polen, jeder zweite seines Geburtsjahrgangs.

Jan Kowalski wohnt mit seiner Familie in einem "blok", einem großen Plattenbauwohnsilo, wie zwölf Millionen anderer Polen. Dabei haben Kowalskis es nicht schlecht getroffen. Wie der größte Teil dieser Wohnungen ist auch die von Jan Kowalski mittlerweile saniert und modernisiert.

Vor der Privatisierung hatte das ganze Hochhaus dem damaligen ersten Arbeitgeber von Jan Kowalski gehört. Nach einem komplizierten System von Bonuspunkten für die Dienstjahre, das Lebensalter und die Zahl der Kinder wurde damals für jeden Mitarbeiter ein individueller Preis errechnet, zu dem er seine Wohnung erwerben konnte. So kam Jan Kowalski wie ein hoher Prozentsatz aller Polen zu Wohneigentum. Das aber macht einen Umzug in eine andere Stadt heute ungeheuer schwierig, muss doch immer erst die Wohnung verkauft oder vermietet werden.

Inzwischen gibt es durch den Bauboom wieder mehr Mietwohnungen auf dem polnischen Wohnungsmarkt, doch die Mieten sind vor allem in den polnischen Großstädten sehr hoch. Im Durchschnitt zahlt man zwischen 5 und 12 Euro pro Quadratmeter. Die Eigentumspreise sind in den vergangenen Jahren ebenfalls gewaltig gestiegen und betragen zwischen 560 und 1.220 Euro für den Quadratmeter in den Innenstadtlagen der Großstädte bis zu 2.000 Euro. Das können die Polen nur etwas ausgleichen, indem sie sich mit weniger Wohnfläche begnügen.

Kowalskis haben eine knapp 80 Quadratmeter große Dreizimmerwohnung mit Küche und Bad sowie einem Minibalkon, der gerade groß genug ist, den Inhalt einer Waschmaschine zum Trocknen aufzuhängen. Die Kowalskis entsprechen damit ziemlich genau dem Durchschnitt, denn jedem Polen kommen statistisch 21 Quadratmeter Wohnfläche zu, gegenüber etwa 43 Quadratmetern, auf denen eine Deutscher sich ausbreiten kann.

Auch Kowalskis reicht ihr Platz aus, sie richteten sich ein, wie immer noch viele Polen: Die Eltern verzichten auf ein Schlafzimmer und nächtigen im Wohnzimmer auf der modernen Version eines typisch polnischen Möbels, dem Tapczan, einem Schlafsofa. Vor allem aber können sie jedem ihrer heranwachsenden Kindern ein eigenes Zimmer zur Verfügung stellen, in dem längst der Computer genauso Einzug gehalten hat, wie das Handy. Der Siegeszug des Handys war phänomenal in Polen, da hier der Nachholbedarf der Telekommunikation besonders groß war, denn es gab vor der Wende nur wenige Wohnungen mit Telefon. Heute benutzen bereits rund 96 von hundert Polen Handys.

Längst ist die Wohnung der Kowalskis aufwendig modernisiert, ein Laminatfußboden eingezogen und das Bad komplett erneuert, mit Waschmaschine, Trockner, Kacheln und Duschecke, danach die Küche mit Gefrierkühlkombi, neuem Herd und einer Mikrowelle ausgestattet. Das fehlende Geld für die Wohnungsmodernisierung hatten sie sich innerhalb der Familie geliehen, denn einen Kredit zu zweistelligen Zinsraten konnten sie sich nicht leisten.

Inzwischen ist alles bezahlt, und die Kowalskis haben sich vor zwei Jahren ein koreanisches Mittelklasseauto gekauft. Mittlerweile ist übrigens die Autodichte in Polen auf 420 Pkws pro 1.000 Einwohner gestiegen, gegenüber 486 im EU-Durchschnitt. Generell halten Kowalskis nicht viel von Krediten. Sie gehören nicht zu der im letzten Jahr um rund 70 Prozent gestiegenen Zahl der 1,5 bis 2 Millionen überschuldeten Polen. Die wieder auf 10,7 Prozent gestiegene Arbeitslosigkeit ist der eine Grund, der zweite der anhaltende Złoty-Hochstand. Viele Polen nahmen in den vergangenen Jahren für ihre Wohnung Kredite in Schweizer Franken auf, die erheblich zinsgünstiger waren, und das Ganze meist auch noch zu einer Zeit, als ein Schweizer Franken 3,5 Złoty kostete gegenüber 4,23 Złoty heute und können diese Differenz nun nicht mehr tragen.



 

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