Dossierbild Polen

7.9.2009 | Von:
Brigitte Jäger-Dabek

Alltag in Polen: So lebt Jan Kowalski

Jan Kowalski verdient monatlich 830 Euro das entspricht genau dem Durchschnittseinkommen, seine Frau bringt dazu noch einmal 370 Euro mit nach Hause. Damit gehören sie in Polen zum Mittelstand. Das entspricht derzeit etwa 1.200 Euro, also einem nach deutschen Maßstäben nicht eben berauschenden Monatseinkommen. Der polnische Lebensstandard entspricht heute dem von Spanien, in den Zentren wie Warschau gar dem der Neuen Bundesländer. Es gibt durchaus Produkte des täglichen Bedarfs, die teurer sind als in Deutschland wie beispielsweise Kaffee, aber auch einige Elektrogeräte wie Mixer und Kaffeemaschinen. Generell kosten Lebensmittel wie Fleisch und Fisch weniger als in Deutschland. Jan Kowalski und seiner Familie geht es nicht schlecht, man kommt über die Runden und kann sich sogar das eine oder andere Extra leisten – solange nicht doch womöglich Anna Kowalski ihre Arbeit verliert. Dann würde es knapp werden, denn das polnische Arbeitslosengeld beträgt nur rund 135 Euro.

In den letzten Jahren sind die Kowalskis mehrfach ins Ausland gereist– man hat sich die Welt angesehen. Das ist heute anders, mal fahren sie nach Masuren mal an die polnische Ostseeküste, mal in die Berge das ist billiger und liegt ganz im Trend, 51 Prozent der Polen die in Urlaub fahren machen das so. Die Familienbande sind noch stark in Polen, so verbrachten auch Kowalskis den Sommerurlaub zusammen mit Jan Kowalskis Bruder an der Ostsee in zwei benachbarten Ferienhäuschen.

Die Eltern von Jan Kowalski wohnen in einer kleinen Zweizimmerwohnung in derselben Stadt. Diese ältere Generation ist noch stärker an die Kirche gebunden als Jan Kowalski und seine Familie. Sie halten den Kirchbesuch zwar auch noch für eine wichtige Glaubenspflicht, aber wie die Elterngeneration jeden Sonntag in die Kirche zu gehen, käme Jan Kowalski nicht in den Sinn. Die alten Kowalskis versuchen mit ihren Renten zu überleben, Herr Kowalski senior bekommt kaum mehr als die Durchschnittsrente in Höhe von umgerechnet 315 Euro, seine Frau nur die Mindestrente von 156 Euro. Damit können anspruchslose Senioren in ihrer kleinen Eigentumswohnung zwar überleben, größere Präsente an die Enkel sind aber kaum drin.

Der Alltag beginnt früh in Polen, das ist noch ein Relikt aus sozialistischen Zeiten, als allgemein der Arbeitstag um sieben Uhr früh anfing, in vielen Firmen und Büros ist es aus Gewohnheit dabei geblieben. Lebensmittelläden öffnen vielfach schon um sechs Uhr und manche kleinen Läden aber auch fast alle großen Supermärkte haben rund um die Uhr geöffnet. Auch Jan Kowalskis Tag beginnt um sieben Uhr, seine Frau Anna fängt später an, das Bekleidungsgeschäft, in dem sie arbeitet, öffnet erst um zehn Uhr. Mittagspausen sind in Polen relativ unüblich, wer um sieben anfängt, hat gegen drei Uhr nachmittags Feierabend und erst dann gibt es das warme Mittagessen.

Hala Mirowska in Warschau. Foto: cc_jaime.silva_nc_nd/flicker.comHala Mirowska in Warschau. Foto: cc_jaime.silva_nc_nd/flicker.com
Danach ist Zeit für die Hausarbeit und diverse Erledigungen und Einkäufe. Die Kowalskis kaufen Obst und Gemüse grundsätzlich auf dem Markt, wo die Bauern aus der Umgebung ihre frische Waren anbieten. Aber auch die modernen, rund um die Uhr geöffneten Supermärkte sind für die Kowalskis längst Selbstverständlichkeit. Nur die schicken, glitzernden Konsumtempel und Shoppingmalls besuchen sie wegen der Preise eher zum Schauen.

Vieles in Polen ist technisch auf dem allerneuesten Stand, weil schlicht alles neu installiert wird, manche Entwicklungsstufen wurden dabei einfach übersprungen. Geldgeschäfte sind ein Beispiel dafür. Selbst wiederkehrende Zahlungen wie Energiekosten oder die Telefonrechnung wurden bis vor kurzem noch so erledigt: Jan Kowalski geht mit jeder Rechnung extra zur Bank und zahlt den Betrag dort bar ein, was viel Zeit und Wege kostet. Inzwischen ist Onlinebanking und Plastikgeld längst eine Selbstverständlichkeit, Kreditkarten werden in jedem größeren Supermarkt, bei jeder neueren Tankstelle akzeptiert. Und das Bargeld holen die Kowalskis auch nicht mehr vom Schalter ab, sondern im Vorbeigehen draußen am Bankomat.

Manchmal tun die Kowalskis ihren Kindern den Gefallen und beschließen den Einkaufsbummel beim örtlichen McDonalds, dem Treffpunkt der städtischen Jugend. Einer mittlerweile wieder entdeckten polnischen Leidenschaft wird sogar in diesem Tempel westlicher Lebensart ganz selbstverständlich Tribut gezollt: Der Tee erlebt eine Renaissance. War Tee vor der Wende das polnische Getränk, ging die Tendenz nach 1989 stark zum Kaffee, denn Kaffee war westlich, war modern. Nun besinnt man sich wieder auf liebe alten Gewohnheiten, überhaupt achten nicht nur die Kowalskis vermehrt auf polnische Produkte, die wieder gern gekauft werden.

Den Abend beschließt Jan Kowalski ähnlich wie Otto Normalverbraucher im Familienkreise meist vor dem Fernseher. Selbst die Programme sind den deutschen nicht so unähnlich, Kabelfernsehen oder die Satellitenschüssel gehören längst zum Standard. Die Familie isst meist am Couchtisch vor dem Fernseher, abends durchwegs kalt, und dazu gibt es – richtig, Tee.
Alle Zahlen von Główny Urząd Statystyczny http://www.stat.gov.pl/


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