Dossierbild Polen

2.7.2009 | Von:
Irena Borowik

Religion und Politik in Polen

Kirche, Gesellschaft und die politischen Veränderungen nach 1989

Abtreibungsgegner in Warschau, März 2007. Auch der Vorsitzende der polnischen Bischofskonferenz, Erzbischof Jozef Michalik, und die damalige Regierungspartei Liga Polnischer Familien (LPR) wollten das ohnehin restriktive Abtreibungsrecht 2006 weiter einschränken. (Foto: AP)Abtreibungsgegner in Warschau, März 2007. Auch der Vorsitzende der polnischen Bischofskonferenz, Erzbischof Jozef Michalik, und die damalige Regierungspartei Liga Polnischer Familien (LPR) wollten das ohnehin restriktive Abtreibungsrecht 2006 weiter einschränken. (Foto: AP) (© AP )
Dieser Fall zeigt, mit welchen Mitteln die katholische Kirche versucht hat, ihre eigenen Ziele zu erreichen. Darüber hinaus ist er ein Beweis dafür, dass diese Vorgehensweise von der Regierung unterstützt wird. Weder die Kirche noch die Regierung hörten auf die Stimme des Volkes im Allgemeinen bzw. die Stimme von Interessengruppen, wie z. B. anderen Kirchen oder Nichtregierungsorganisationen, im Besonderen. Wie das Beispiel zeigt, galt die Gesellschaft zum damaligen Zeitpunkt nicht als ernstzunehmender und aktiver Partner im Entscheidungsfindungsprozess. In ähnlicher Weise lehnten die Vertreter der katholischen Kirche auch eine öffentliche Debatte über das Abtreibungsgesetz ab. In jüngerer Zeit wich die katholische Kirche einer breiten und offenen Diskussion über die Mitglieder des Klerus aus, die im Kommunismus mit der Geheimpolizei zusammengearbeitet hatten, die Kinder missbraucht oder andere Arten des sexuellen Missbrauchs betrieben haben.

Wie ist dieses Verhalten zu interpretieren? Handelt es sich hierbei um die lokale polnische Version eines universellen und weit verbreiteten "katholischen Programms"? Oder handelt es sich um Spätfolgen der kommunistischen Ära, als selbst die oberflächliche Einigkeit Bestandteil jeder Überlebensstrategie war? Oder ist das heutige Schweigen gar eine Folge der einstigen Angst, die heute einem Gefühl von Sicherheit und Allmacht gewichen ist? Dieselben Fragen gelten heute für die römisch-katholischen Kirchenmänner, die auf eine Rhetorik der Angst und des Krieges zurückgreifen, wenn sie von der Europäischen Union sprechen.

Die Schwäche, die mit der Instrumentalisierung der bürgerlichen Gesellschaft einher­geht, wird in ihrem Ergebnis sichtbar: Die Nation und die Gesellschaft sind den Empfehlungen, Vorschlägen und Lehren der römisch-katholischen Kirche nicht gefolgt. Die links-orientierten und die demokratisch-liberalen Parteien erhalten heute mehr Unterstützung als die katholischen Parteien. Aleksander Kwaśniewski, der von der katholischen Kirche aus ideolo­gischen Gründen abgelehnte "postkommunistische" Präsidentschaftskandidat, setzte sich nicht nur gegen Lech Wałęsa durch, sondern wurde auch für eine zweite Amtszeit wiedergewählt. Das war für die Kirchenoberen eine sehr bittere Lektion in Sachen Demokratie.

Damit gingen die wachsende Vielfalt und ein zunehmender Pluralismus innerhalb der katholischen Kirche selbst einher: einerseits die mangelnde Unterordnung des ultra-konservativen Radiosenders Radio Maryja (der im politischen Bereich sehr aktiv kommentiert und agiert) und andererseits die Forderung nach Klarheit und Lustration (Überprüfung von Priestern hinsichtlich ihrer Kollaboration mit dem bisherigen System). Die Aufregung um die inneren Angelegenheiten der Kirche ist ein Beleg für die reale Vielfalt ihrer Gemeinde. Dabei wird immer deutlicher, dass der Erhalt der Homogenität und der Einheit innerhalb einer so großen gesellschaftlichen Institution unter demokratischen Verhältnissen nicht möglich ist. Unter anderem hat die Haltung der Vertreter der katholischen Kirche gegenüber der europäischen Integration ein zunehmend komplexer werdendes Bild gezeichnet.

Hat die Politik die Religion für ihre Zwecke benutzt?

Die politischen Akteure der Zeit nach 1989 haben die Religion auch für ihre eigenen Ziele genutzt. Eine in den Jahren der Transformation immer wieder auftretende Problematik war die Debatte um Abtreibung. Das Konkordat (eine Vereinbarung zwischen dem Staat und dem Vatikan) war – wie auch der Wortlaut der Präambel der polnischen Verfassung mit dem christlichen Verweis auf Gott – ein weiteres, politisch heftig diskutiertes Thema in Polen.

Später, ab Ende der 90er Jahre, verlängerte sich die Liste der Themen, in denen Religion und Politik maßgeblich zusammentrafen, um die Probleme der Integration Polens in die Europäische Union und der Erwähnung von religiösen Werten im Entwurf der EU-Verfassung. Die Stimme Polens in den Beratungen zur Bezugnahme auf das Christentum in der EU-Verfassung spiegelte klar das Gleichgewicht wider, das in der Beziehung zwischen Religion und Politik erreicht worden war. Der damalige Staatspräsident Alexander Kwaśniewski erklärte zwar offen, er sei Atheist, setzte sich aber entschieden für die Bezugnahme auf das Christentum ein. Dies ging so weit, dass die Präambel der polnischen Verfassung als eine gute Lösung für die EU vorgeschlagen wurde – als Kompromiss, der sowohl Gläubigen als auch Nichtgläubigen gerecht wird. Die Präambel der Verfassung von Polen, die spät (erst 1997) ratifiziert wurde, enthält Formulierungen, auf die Politiker Bezug nahmen:

"Wir, das Polnische Volk - alle Staatsbürger der Republik, sowohl diejenigen, die an Gott als die Quelle der Wahrheit, Gerechtigkeit, des Guten und des Schönen glauben, als auch diejenigen, die diesen Glauben nicht teilen, sondern diese universellen Werte aus anderen Quellen ableiten."

Normalisierung der Beziehungen zwischen Religion und Politik

Im Laufe des politischen Übergangs, der mittlerweile fast zwei Jahrzehnte andauert, hat sich gezeigt, dass die Beziehung zwischen Religion und Politik und die Handlungs­formen der beiden Hauptakteure – Staat und Kirche - eine Erneuerung vertragen würden. Die Lektionen in Demokratie, die alle Beteiligten, inbegriffen der Gesellschaft, erhalten haben, wurden und werden von den Schwarz-Weiß-Mustern der Vergangenheit beeinflusst. Die institutionellen Vertreter der römisch-katholischen Kirche scheinen, im ersten Jahrzehnt der Transformation doch einiges gelernt zu haben. Am deutlichsten wird dies im Rückgang der ganz offen geäußerten kirchlichen "Wahlempfehlungen". Dennoch lässt sich eine "Normalisierung" der Beziehungen zwischen Religion und Politik – wie es Patrick Michel bezeichnete – nach knapp einem halben Jahrhundert der totalitären Herrschaft der Sowjetunion nicht so einfach realisieren. Der tief verwurzelte historische und symbolische Beitrag des Katholizismus zur nationalen Identität der Polen ist in den Übergangsjahren nach wie vor wichtig; sein Einfluss ist in der Mobilisierung der religiösen Rhetorik im politischen Bereich greifbar.


[1] Im Kommunismus war der öffentliche Religionsunterricht in allen Ländern der Region verboten. "Wiederaufnahme" bezeichnet den Zeitpunkt, ab dem der Religionsunterricht in öffentlichen Schulen möglich war.


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