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2.7.2009 | Von:
Irena Borowik

Religion und Politik in Polen

Die katholische Kirche unterstützte vor 20 Jahren den Widerstand gegen das kommunistische Regime: Sie trug zu seinem Zusammenbruch bei und verteidigte die nationale Identität Polens. Heute hält die katholische Kirche in Polen an konservativen Mustern fest und verfolgt eigene politische Ziele.

Polnische Bischöfe beten in einer Kirche In Warschau am 7. Januar 2007. Zwei Tage nach Amtseinführung und noch vor der geplanten feierlichen Amtseinführung am 7. Januar 2007 trat Erzbischof Stanisław Wielgus wegen seiner Kontakte zum polnischen Geheimdienst in den 1970er-Jahren zurück.)Polnische Bischöfe beten in einer Kirche in Warschau. (© AP)

Geschichte, Kultur und gesellschaftliche Eigen­heiten bringen in jedem Land eigene Charakteristika hervor. Polens religiöse Einzigartigkeit besteht vor allem in der sehr großen Zahl derer, die sich selbst als religiös bezeichnen, in der Identifikation der Polen mit dem Katholi­zismus und in der religiösen Homogenität der Gesellschaft.

Religiosität in Polen

Die Zahl derer, die sich selbst als religiös bezeichnen, ist seit Jahrzehnten stabil: Acht von zehn Polen geben in repräsentativen Erhebungen an, dass sie religiös oder sehr religiös sind. Etwa 95 Prozent der erwachsenen Polen identifizieren sich mit dem Katholizismus; das Klischee "Pole = Katholik" trifft noch immer zu. Trotz des wachsenden Interesses an anderen religiösen Traditionen - insbesondere das Interesses jüngerer Menschen am Buddhismus nimmt zu - gehören der empirischen Forschung zufolge nicht mehr als drei Prozent der Bevölkerung einer religiösen Minderheit an. In Zeiten des zunehmenden Pluralismus und der wachsenden Globalisierung ist diese – zumindest allgemein betrachtet – unverändert starke Rolle einer einzelnen Religion bereits Grund genug, um zu fragen: Welche Bedingungen liegen diesem Phänomen zugrunde? Dies gilt umso mehr, da Überlegungen in Bezug auf gegenläufige Tendenzen des religiösen Wandels, und der Säkularisierung nach wie vor populär sind.


Religionen und Politik in Mittel- und Osteuropa vor 1989

Trotz dieser Einzigartigkeit Polens gibt es wiederkehrende Merkmale, die beim Vergleich verschiedener Länder helfen: Diesbezüglich existieren einige gemeinsame Merkmalen in Mittel- und Osteuropa. Die Länder in diesem Teil Europas sind offensichtlich und in vielerlei (auch in religiöser) Hinsicht verschieden. Jedes dieser Länder ist geprägt durch eine eigene, unverkennbare Mischung historischer, kultureller und nationaler Charakteristika. Trotzdem teilen sie die prägenden Erfahrungen des Kommunismus, der Zwangsatheisierung und in jüngerer Zeit – seit fast zwei Jahrzehnten – der Demokratisierung und der raschen und mehrdimensionalen Veränderungen des politischen und sozialen Wandels.

Vor dem demokratischen Umbruch, der 1989 in Polen eingeleitet wurde, war die katholische Kirche ein zentrales Element in der dualistischen Struktur der Gesellschaft. Sie war gespalten in die in die "bösen" Kommunisten, die zur kommunistischen Partei und deren Apparat gehörten, und in die "guten" polnischen Patrioten, die zur römisch-katholischen Kirche gehörten. Der Widerstand gegen die totalitäre Herrschaft fand große Unterstützung seitens der Kirche, die ihrerseits mit der Verteidigung der nationalen Identität Polens, der Freiheit, der Menschenrechte und der Demokratie verbunden wurde.

Führt man sich die Lage Mittel- und Osteuropas unter der sowjetischen Vorherrschaft vor Augen, so war die Position der Kirche in Polen sowohl in ihrer institutionellen als auch in ihrer gesellschaftlichen Dimension außergewöhnlich stark. Ende der 80er Jahre vertraute die Bevölkerung der Kirche mehr als jeder anderen Institution. Folglich sah die Partei in der Kirche nach wie vor einen politischen Akteur, der auf der Bühne des sich wandelnden Geschehens eine entscheidende Rolle spielte. Diese Faktoren prägten das Verhältnis zwischen Religion und Politik und nahmen Einfluss auf die Gestaltung der neuen Ordnung in der postkommunistischen Ära.

Vom Kommunismus zur Demokratie

Erster Besuch von Papst Johannes Paul II in Polen, Warschau 1979. Auf dem Plakat steht: "Patriotische Einheit der ganzen Nation". (Foto: AP)Erster Besuch von Papst Johannes Paul II in Polen, Warschau 1979. Auf dem Plakat steht: "Patriotische Einheit der ganzen Nation". (Foto:AP) (© AP )
Der Übergang zu Demokratie und Kapitalismus brachte viele Heraus- forderungen für alle gesellschaftlichen Subsysteme und deren Beziehungen zueinander mit sich – natürlich auch für Religion und Politik. Hier trat die politische Freiheit auch in einem neuen Gesetz in Erscheinung: Religiöse Belange werden ähnlich wie in der Mehrheit der demo- kratischen Gesellschaften gehandhabt, d. h. indem sichere Rahmenbedingungen gewährleistest werden, in denen die Bürger, Gemeinden und religiösen Organisationen ihre Religion und ihre religiösen Handlungen frei und ungestört ausüben können.

In Polen waren entsprechende Gesetze zur Religionsfreiheit bereits im Mai 1989 verabschiedet worden. Dadurch wurde ein Raum geschaffen, in dem moderne Beziehungen zwischen Religion und Politik Gestalt annahmen und zwar auf institutioneller Ebene, d. h. zwischen der Regierung und den Kirchen (insbesondere der größten Kirche des Landes). Der andere wichtige Faktor in dieser Beziehung war ein Wandel in den Erwartungen der Gesellschaft. Da unter der totalitären Herrschaft keine echte politische Gesellschaft existierte, trat die römisch-katholische Kirche in Polen an ihre Stelle und vertrat die politischen Interessen der unterdrückten Bevölkerung.

Aufgrund des politischen Übergangs konnte eine politischen Gesellschaft in Polen entstehen – die Bürger fingen an sich so zu verhalten, wie es für eine Demokratie typisch ist: Sie traten bewusst in eine politische Partei ein oder gingen aus Überzeugung wählen. In der Folge sanken die Erwartungen der Gesellschaft in Bezug auf das politische Handeln der Kirche. Vielmehr gab es, und gibt es noch immer, eine stark ablehnende Haltung gegenüber und sogar Kritik an dem "politischen Engagement der Kirche". Diese fundamentale Metamorphose fand jedoch bei den Vertretern der Kirche, die auch weiterhin dem Modus Operandi der totalitären Ära folgten, keine Beachtung. Die Bischöfe sprachen nach wie vor im Namen des Volkes und gaben den Bürger auch weiterhin Anweisungen, beispielsweise Wahlempfehlungen.

Die katholische Kirche verstrickt in alte Muster?

In den ersten Jahren des Transformationsprozesses waren diese Einmischungen von Seiten der katholischen Kirche – nicht nur inhaltlich sondern auch formal – nicht zu übersehen. Die Bischöfe verkündeten ihr paternalistisches Wort ex cathedra, erwarteten, dass man sie in allen politischen Angelegenheiten als Autoritätspersonen behandelte, und duldeten keine Kritik. Ein äußerst symbolträchtiges Beispiel für diese Zeit war die Rede des polnischen Primas, Kardinal Józef Glemp, im Jahre 1992: "Wir wollen dem Volk stets auf jede uns mögliche Art und Weise dienen, und niemand kann uns vorschreiben, wie wir dies zu tun haben. Wir verstehen das Volk und wollen ihm nach besten Kräften dienen." (Gazeta Wyborcza, 28. Juni 1992). Nicht einmal das Volk konnte den die Kirchenoberen erklären, wie es verstanden werden wollte, und sie davon überzeugen, dass nicht nur die Allgemeinheit, sondern sogar die römisch-katholische Bevölkerung selbst unterschiedlicher politischer Meinung war und die "Postkommunisten" unterstützte.

Andererseits verhielten sich auch die hochrangigsten Vertreter der früheren Opposition, die später Regierungsmitglieder wurden und, in der Vergangenheit eng mit der Kirche zusammengearbeitet hatte, genauso wie es die Partei früher getan hatte. Ein treffendes Beispiel hierfür ist der Religionsunterricht, der wieder in den Lehrplan der öffentlichen Schulen aufgenommen wurde.[1] Dies geschah fast heimlich: Weder die Kirche noch die Regierung informierten die Öffentlichkeit im Vorhinein, um keine Diskussionen über diese Problematik anzustoßen. Der Religionsunterricht wurde einfach mit der Anweisung des Bildungsministers vom 3. August 1990 (also kurz vor dem offiziellen Beginn des Schuljahres am 1. September) wieder in den öffentlichen Schulen eingeführt.

Kirche, Gesellschaft und die politischen Veränderungen nach 1989

Abtreibungsgegner in Warschau, März 2007. Auch der Vorsitzende der polnischen Bischofskonferenz, Erzbischof Jozef Michalik, und die damalige Regierungspartei Liga Polnischer Familien (LPR) wollten das ohnehin restriktive Abtreibungsrecht 2006 weiter einschränken. (Foto: AP)Abtreibungsgegner in Warschau, März 2007. Auch der Vorsitzende der polnischen Bischofskonferenz, Erzbischof Jozef Michalik, und die damalige Regierungspartei Liga Polnischer Familien (LPR) wollten das ohnehin restriktive Abtreibungsrecht 2006 weiter einschränken. (Foto: AP) (© AP )
Dieser Fall zeigt, mit welchen Mitteln die katholische Kirche versucht hat, ihre eigenen Ziele zu erreichen. Darüber hinaus ist er ein Beweis dafür, dass diese Vorgehensweise von der Regierung unterstützt wird. Weder die Kirche noch die Regierung hörten auf die Stimme des Volkes im Allgemeinen bzw. die Stimme von Interessengruppen, wie z. B. anderen Kirchen oder Nichtregierungsorganisationen, im Besonderen. Wie das Beispiel zeigt, galt die Gesellschaft zum damaligen Zeitpunkt nicht als ernstzunehmender und aktiver Partner im Entscheidungsfindungsprozess. In ähnlicher Weise lehnten die Vertreter der katholischen Kirche auch eine öffentliche Debatte über das Abtreibungsgesetz ab. In jüngerer Zeit wich die katholische Kirche einer breiten und offenen Diskussion über die Mitglieder des Klerus aus, die im Kommunismus mit der Geheimpolizei zusammengearbeitet hatten, die Kinder missbraucht oder andere Arten des sexuellen Missbrauchs betrieben haben.

Wie ist dieses Verhalten zu interpretieren? Handelt es sich hierbei um die lokale polnische Version eines universellen und weit verbreiteten "katholischen Programms"? Oder handelt es sich um Spätfolgen der kommunistischen Ära, als selbst die oberflächliche Einigkeit Bestandteil jeder Überlebensstrategie war? Oder ist das heutige Schweigen gar eine Folge der einstigen Angst, die heute einem Gefühl von Sicherheit und Allmacht gewichen ist? Dieselben Fragen gelten heute für die römisch-katholischen Kirchenmänner, die auf eine Rhetorik der Angst und des Krieges zurückgreifen, wenn sie von der Europäischen Union sprechen.

Die Schwäche, die mit der Instrumentalisierung der bürgerlichen Gesellschaft einher­geht, wird in ihrem Ergebnis sichtbar: Die Nation und die Gesellschaft sind den Empfehlungen, Vorschlägen und Lehren der römisch-katholischen Kirche nicht gefolgt. Die links-orientierten und die demokratisch-liberalen Parteien erhalten heute mehr Unterstützung als die katholischen Parteien. Aleksander Kwaśniewski, der von der katholischen Kirche aus ideolo­gischen Gründen abgelehnte "postkommunistische" Präsidentschaftskandidat, setzte sich nicht nur gegen Lech Wałęsa durch, sondern wurde auch für eine zweite Amtszeit wiedergewählt. Das war für die Kirchenoberen eine sehr bittere Lektion in Sachen Demokratie.

Damit gingen die wachsende Vielfalt und ein zunehmender Pluralismus innerhalb der katholischen Kirche selbst einher: einerseits die mangelnde Unterordnung des ultra-konservativen Radiosenders Radio Maryja (der im politischen Bereich sehr aktiv kommentiert und agiert) und andererseits die Forderung nach Klarheit und Lustration (Überprüfung von Priestern hinsichtlich ihrer Kollaboration mit dem bisherigen System). Die Aufregung um die inneren Angelegenheiten der Kirche ist ein Beleg für die reale Vielfalt ihrer Gemeinde. Dabei wird immer deutlicher, dass der Erhalt der Homogenität und der Einheit innerhalb einer so großen gesellschaftlichen Institution unter demokratischen Verhältnissen nicht möglich ist. Unter anderem hat die Haltung der Vertreter der katholischen Kirche gegenüber der europäischen Integration ein zunehmend komplexer werdendes Bild gezeichnet.

Hat die Politik die Religion für ihre Zwecke benutzt?

Die politischen Akteure der Zeit nach 1989 haben die Religion auch für ihre eigenen Ziele genutzt. Eine in den Jahren der Transformation immer wieder auftretende Problematik war die Debatte um Abtreibung. Das Konkordat (eine Vereinbarung zwischen dem Staat und dem Vatikan) war – wie auch der Wortlaut der Präambel der polnischen Verfassung mit dem christlichen Verweis auf Gott – ein weiteres, politisch heftig diskutiertes Thema in Polen.

Später, ab Ende der 90er Jahre, verlängerte sich die Liste der Themen, in denen Religion und Politik maßgeblich zusammentrafen, um die Probleme der Integration Polens in die Europäische Union und der Erwähnung von religiösen Werten im Entwurf der EU-Verfassung. Die Stimme Polens in den Beratungen zur Bezugnahme auf das Christentum in der EU-Verfassung spiegelte klar das Gleichgewicht wider, das in der Beziehung zwischen Religion und Politik erreicht worden war. Der damalige Staatspräsident Alexander Kwaśniewski erklärte zwar offen, er sei Atheist, setzte sich aber entschieden für die Bezugnahme auf das Christentum ein. Dies ging so weit, dass die Präambel der polnischen Verfassung als eine gute Lösung für die EU vorgeschlagen wurde – als Kompromiss, der sowohl Gläubigen als auch Nichtgläubigen gerecht wird. Die Präambel der Verfassung von Polen, die spät (erst 1997) ratifiziert wurde, enthält Formulierungen, auf die Politiker Bezug nahmen:

"Wir, das Polnische Volk - alle Staatsbürger der Republik, sowohl diejenigen, die an Gott als die Quelle der Wahrheit, Gerechtigkeit, des Guten und des Schönen glauben, als auch diejenigen, die diesen Glauben nicht teilen, sondern diese universellen Werte aus anderen Quellen ableiten."

Normalisierung der Beziehungen zwischen Religion und Politik

Im Laufe des politischen Übergangs, der mittlerweile fast zwei Jahrzehnte andauert, hat sich gezeigt, dass die Beziehung zwischen Religion und Politik und die Handlungs­formen der beiden Hauptakteure – Staat und Kirche - eine Erneuerung vertragen würden. Die Lektionen in Demokratie, die alle Beteiligten, inbegriffen der Gesellschaft, erhalten haben, wurden und werden von den Schwarz-Weiß-Mustern der Vergangenheit beeinflusst. Die institutionellen Vertreter der römisch-katholischen Kirche scheinen, im ersten Jahrzehnt der Transformation doch einiges gelernt zu haben. Am deutlichsten wird dies im Rückgang der ganz offen geäußerten kirchlichen "Wahlempfehlungen". Dennoch lässt sich eine "Normalisierung" der Beziehungen zwischen Religion und Politik – wie es Patrick Michel bezeichnete – nach knapp einem halben Jahrhundert der totalitären Herrschaft der Sowjetunion nicht so einfach realisieren. Der tief verwurzelte historische und symbolische Beitrag des Katholizismus zur nationalen Identität der Polen ist in den Übergangsjahren nach wie vor wichtig; sein Einfluss ist in der Mobilisierung der religiösen Rhetorik im politischen Bereich greifbar.


[1] Im Kommunismus war der öffentliche Religionsunterricht in allen Ländern der Region verboten. "Wiederaufnahme" bezeichnet den Zeitpunkt, ab dem der Religionsunterricht in öffentlichen Schulen möglich war.
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