Dossierbild Polen

10.8.2009 | Von:
Michał Maliszewski

Wem gehören die Medien?

Längst sind die polnischen Medien nicht mehr nur in polnischer Hand: Vor allem deutsche Medienkonzerne haben in die Medienlandschaft investiert - und damit eine Diskussion um Monopolbildung entfacht.

Die Titelseite der neuen Tageszeitung "Dziennik" am ersten Tag der Ausstellung an einem Kiosk in Warschau. Der deutsche Verleger die Axel Springer AG startete die zweite Zeitung in Polen, "Dziennik", eine täglich erscheinende Zeitung, die Nachrichten der nationalen Politik und der Welt liefert.Neben der Tageszeitung "Dziennik" bringt Axel Springer Polska die Boulevardzeitung "Fakt" und die Wochenzeitung "Newsweek" heraus. (© AP)

Gehören Fernsehen und Rundfunk den Bürgern oder den Politikern? Das ist eine Schlüsselfrage, nach der man die Entwicklung der öffentlich-rechtlichen Medien in Polen seit dem Jahr 1989 zu beurteilen hat. Die Frage ist besonders wichtig, wenn es um die Entwicklung einer Demokratie und den Aufbau einer Zivilgesellschaft geht. Öffentlich-rechtliches Fernsehen und Rundfunk erleben eine doppelte Krise. Einerseits verlieren sie Zuschauer und Hörer an Privatsender, anderseits wird von politischer Seite ständig versucht, Kontrolle über die elektronischen Medien auszuüben. Das macht die polnische Debatte um Fernsehen und Rundfunk sehr heikel. Die aktuelle Frage lautet: Überleben öffentlich-rechtliche Medien überhaupt ohne die Rundfunkgebühren, die abgeschafft werden sollen und reichen nur nebulöse staatliche Zuschüsse?


Die Polnische Presselandschaft entwickelt sich äußerst dynamisch. Besonders deutsche Verleger spielen eine marktdominante Rolle. Wem gehört also die Presse? Die Frage ist leicht zu beantworten: Die große Mehrheit der Presse gehört deutschen Verlegern. Ähnlich wie in anderen europäischen Ländern ist in Polen derzeit eine Konzentration des Medienmarktes zu beobachten. Besonders schnell schreitet diese bei den Betreibern von Kabelnetzen und lokalen Radiosendern voran.

Presselandschaft

Hinsichtlich Auflage und Gewinn bilden der Bauer-Verlag (Zeitschriften mit tv-guides), die zur Verlagsgruppe Passau gehörende Verlagsgruppe Polskapresse (regionale Tageszeitungen), die Agora S.A. sowie Axel Springer Polska (überregionale Tageszeitung Dziennik, Boulevardzeitung Fakt, Wochenzeitung Newsweek) die "großen Vier" der führenden Verlage. Es handelt sich dabei um drei Unternehmen deutscher Herkunft und ein polnisches (Agora). Den lokalen Zeitungsmarkt teilen sich die Verlagsgruppe Passau (mit neun Titeln) und Investmentfond Mecom mit 12 Titeln.

Den größten Marktanteil unter den Zeitschriften im Hinblick auf die verkaufte Auflage halten der Bauer Verlag (53,2 Prozent) und Axel Springer Polska (7,7 Prozent). Den größten Marktanteil bei den verkauften Auflagen von Tageszeitungen halten Axel Springer Polska (20,4 Prozent), Agora (18,3 Prozent) und Polskapresse (18 Prozent). Die höchsten Werbeeinnahmen erzielen die Gazeta Wyborcza (Agora), Fakt (Axel Springer Polska) und Rzeczpospolita (Presspublica).

Eine typische Auswahl an polnischen Zeitungen. Foto: cc_ajok_sa/flickr.comEine typische Auswahl an polnischen Zeitungen. Foto: cc_ajok_sa/flickr.com
Die Entwicklung der polnischen Medien unter den Bedingungen der Marktwirtschaft verdeutlicht das Beispiel der Gazeta Wyborcza. Die erste Ausgabe einer legal herausgegebenen, unabhängigen Tageszeitung konnte man am 8. Mai 1989 kaufen. Ihr heutiger Herausgeber Agora ist ein börsennotierter Multimediakonzern, zu dem neben der größten polnischen Tageszeitung ein Internetportal, zahlreiche Radiosender und die größte Firma für Innenwerbung sowie zehn Illustrierte zählen. Ein weiteres Beispiel ist das Tabloid Fakt aus dem Springer Verlag. Es ist ein Klon der Bild-Zeitung. Das Blatt nahm schnell die Führungsposition unter den Tageszeitungen ein. Interessanter Weise ist Fakt immer wieder für deutschlandfeindliche Texte verantwortlich, genauso wie die Bild-Zeitung für polenfeindliche. Einige Beobachter halten dies für eine gezielte PR-Strategie des Konzerns. Ein drittes Beispiel ist der Verlag Polskapresse, ein großer Medienanbieter aus dem Haus Neue Passauer Presse. Dieser ebenfalls deutsche Investor ist vor allem auf dem regionalen Tagespressemarkt engagiert. Polskapresse versuchte, eine landesweite Zeitung namens Polska zu etablieren. Das ist nicht gelungen daher bleibt Polska ein Zusammenschluss von neun Regionalzeitungen unter diesem Titel.

Elektronische Medien

Seit der demokratischen Wende von 1989 hat es in Polen noch keine einzige Regierung gegeben, die mit den Medien und vor allem mit dem Fernsehen zufrieden gewesen wäre. Der Kampf um das Fernsehen, insbesondere um das öffentlich-rechtliche, hat hohe politische Priorität, weil nach wie vor mehr als die Hälfte aller polnischen Zuschauer regelmäßig die öffentlich-rechtlichen Programme schauen. Neu ist, dass die Politik versucht, ihren Einflussbereich auch auf die kommerziellen Medien auszuweiten - bis heute allerdings vergeblich.

Die Hauptakteure auf dem Markt der elektronischen Medien sind das öffentlich-rechtliche Fernsehen Telewizja Polska (TVP), die kommerziellen Sender TVN, tvn24 und Polsat. Im Bereich des Radios sind es die kommerziellen Sender RMF FM und Radio ZET sowie das (öffentlich-rechtliche) Polskie Radio. Das Polnische Fernsehen TVP besitzt 16 regionale Studios, die lokale Programme ausstrahlen. Sie sind jedoch kaum mit so profilierten regionalen Sendern wie etwa dem Bayerischen Rundfunk oder dem Westdeutschen Rundfunk vergleichbar.

Radio

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk besteht aus dem überregionalen Sender Polskie Radio S.A. und 17 verschiedenen regionalen Rundfunkanstalten. Anders als das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist der Rundfunk in Polen also dezentralisiert. Polskie Radio S.A. strahlt von Warschau aus vier landesweite Programme aus. Das Erste Programm hat ein sehr allgemeines Profil und zielt auf den durchschnittlichen Radiohörer, wobei es besonders bei älteren Hörern beliebt ist. Neben einer starken Informationskomponente liegt ein weiterer Schwerpunkt des Programms auf Hörspielserien. Zwei Serien sind allein schon deshalb legendär, weil sie die ältesten ohne Unterbrechung ausgestrahlten Rundfunkserien der Welt sind (Matysiakowie Sendestart 1956 und W Jezioranach 1960). Ein Spezifikum des polnischen Radios ist das Teatr Polskiego Radia (Theater des Polnischen Radios), dessen breites Repertoire Hörspiele, Dramen-Adaptationen, literarische und publizistische Programme umfasst.

Das erste Privatradio Polens, Radio RMF FM (Radio Muzyka Fakty), ging Anfang 1990 in Krakau auf Sendung. Heute ist RMF FM einer der größten und modernsten Rundfunksender Europas. Er gehört zusammen mit einigen anderen Unternehmen zur Medienholding Broker FM, die Ende Oktober 2006 von der Bauer Media Incest GmbH übernommen wurde. Nach jüngsten Umfragen hält RMF FM den größten Höreranteil von allen privaten Radiosendern (26,2 Prozent). An zweiter Stelle steht Radio ZET mit 16,3 Prozent, der zweite landesweit empfangbare kommerzielle Radiosender. Inhaber von Radio ZET ist die internationale Medienholding Eurozet. Es folgt das Erste Programm von Polskie Radio mit einem Anteil von 11,7 Prozent. Diese Ergebnisse belegen, dass in der Popularität des polnischen Publikums die privaten Radiosender am höchsten rangieren.

Fernsehen

Der Startschuss für das polnische Privatfernsehen fiel am 5. Dezember 1992. Zu diesem Zeitpunkt ging Polsat auf Sendung. Hauptteilhaber von Polsat (Telewizja Polsat S.A.) ist der Gründer des Senders Zygmunt Solorz-Zak, der praktisch die volle Kontrolle über den Sender hat. Polsat will mit seinem Programm den Massengeschmack treffen und seiner Zielgruppe vor allem Spaß und Unterhaltung bieten. Entsprechend machen Spielfilme, ausländische Sitcoms und polnische Serien den Löwenanteil des Programms aus.

Zu den Sendern mit der größten Dynamik und Popularität gehört TVN, der ebenso wie der Nachrichtensender TVN24 und weitere Sender zur Medienholding ITI gehört. ITI hält einen Anteil von 52,7 Prozent an TVN. Die Gruppe ITI ist auch Eigentümer der Internetplattform Onet.pl des Verlags Pascal sowie eines Netzes von Multiplex-Kinos. Seit der Gründung des Senders 1997 wächst die Zahl der Zuschauer kontinuierlich. Hauptzielgruppe sind Personen mit höherer Bildung und überdurchschnittlichem Einkommen. TVN übernimmt bewährte Programmformate wie Big Brother, Milionerzy (Wer wird Millionär?), Taniec z gwiazdami (Tanz mit Stars), präsentiert aber auch eigene Produktionen. Im Unterschied zu Polsat setzte TVN von Anfang an auf ein doppeltes Profil aus Unterhaltung und Information (Infotaiment).

Besondere Erwähnung verdient der Sender TV Trwam (wörtlich "ich halte durch, ich harre aus"), der seit Mitte 2003 via Satellit und Kabel zu empfangen ist. TV Trwam ist ein religiöser Sender, eine weitere Gründung des bekannten Redemptoristenpaters Tadeusz Rydzyk, von der sich die Amtskirche distanziert. TV Trwam ist das Pendant zum katholischen Rundfunksender Radio Maryja, das auch dem Redemptoristenorden gehört. Den Kern der Zuhörerschaft bilden Personen über 55 Jahre. Dank seines Chefs, des Radio Maryja Redemptoristenpaters Tadeusz Rydzyk, der aus seiner politischen Haltung keinen Hehl macht, gilt Radio Maryja als Bollwerk des strengsten Konservatismus.

Fazit

Polen, das ist ein Medienmarkt mit 40 Millionen Konsumenten, drittgrößter Zeitungsmarkt in Osteuropa. Zurzeit hat jeder dritte Pole einen Internetzugang. Die starke Dominanz großer, zumeist ausländischer Medienkonzerne auf dem polnischen Pressemarkt hat immer wieder die Diskussion um drohende Monopolbildungen befeuert. Zuvor hatte sich der Bauer Verlag die Mediengruppe Broker FM einverleibt, die unter anderem den Radiosender RMF betreibt. Der Bauer-Verlag avancierte dadurch mit einem Schlag zum Marktführer auf dem Polnischen Radiomarkt. Diese Übernahmen zeigen, in welche Richtung sich der polnische Medienmarkt entwickelt: Die Konsolidierung ist in vollem Gange.




Literatur

Axel Gundolf, Transformation des polnischen Mediensystems: Eine Analyse der polnischen Medien vom Kommunismus bis heute, Saarbrucken 2008.

Johanna Möller, die Presselandschaft in Polen. Strukturelle Rahmenbedingungen und zentrale Konfliktlinien, in: Polen-Analysen 50 (2009) S. 2-8.

Michal Maliszewski, Fernsehen und Rundfunk in Polen. Marktentwicklung und politische Einbettung, in: Polen-Analysen 6 (2007) S. 2-8.

Michal Maliszewski, Mediale Machtspiele. Fernsehen und Rundfunk in Polen, in: Fernsehen und Rundfunk in Polen 11-12 (2006), S. 271-281.

Olaf Sundermeyer, Zwischen Markt und Macht. Deutsche Medienkonzerne in Polen, in: Osteuropa 11-12 (2006), S. 261-269.


Links

www.bauer.pl

www.gazetawyborcza.pl

www.poland.gov.pl/prasa

www.polskieradio.pl/matysiakowie

www.radio.com.pl/jeziorany

www.polskieradio.pl/80lat/teatr_pr.asp

www.press.pl

SMG/KRC, Radio Track: /http://www.smgkrc.pl/index_med.htm

www.wirtualnemedia.pl


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