Basilius-Kathedrale

7.6.2018 | Von:
Dr. Kristian Naglo

Facetten globaler Fußballkultur

Die Weltmeisterschaft ist nur ein Aspekt der umfassenden Globalisierung des Fußballs. Bedeutsam ist dabei vor allem die Verschränkung globaler, nationaler und lokaler Aspekte, bei der die beteiligten Akteure ganz unterschiedliche Interessen zur Geltung bringen.

Jürgen Klopp und Mohamed Salah beim Halbfinale der Champions-League 2018Jürgen Klopp und Mohamed Salah beim Halbfinale der Champions-League 2018 (© picture alliance / empics)

"Created by a German and given a dusting of genius by an Egyptian, Liverpool are oddly indigenous in their style.” (Sinngemäß etwa: Von einem Deutschen geschaffen und von einem Ägypter verfeinert, ist es trotzdem der unverkennbare Liverpool-Stil.) (Barney Ronay, 4.5.2018) Dieses Zitat aus der englischen Zeitung The Guardian soll hier als Ausgangspunkt zur Diskussion der Frage dienen, was unter einer globalen Fußballkultur zu verstehen ist und ob und wie sich diese von nationalen und womöglich lokalen Fußballkulturen unterscheiden lässt. Denn nimmt man den Senegalesen Sadio Mané und den Brasilianer Roberto Firmino noch hinzu – der Ägypter Mohamed Salah ist ja bereits, wenn auch nicht namentlich, im Zitat genannt –, die ebenfalls prägende Figuren der Mannschaft des FC Liverpool in der Saison 2017/18 sind, auf die das Zitat rekurriert, stellt sich die Frage, wie diese doch sehr internationale Gruppe von Spielern unter Leitung des deutschen Trainers Jürgen Klopp eine englische Art zu spielen verkörpern kann. Wie unterscheidet man im medial geprägten, professionellen Fußball von heute also zwischen globalen, nationalen oder lokalen Ebenen?

Zum Kontext dieser Diskussion des Spiels auf dem Platz gehören dabei zunächst eher diffuse Diskurse und schwer greifbare Aspekte wie Trainings- und Ausbildungsphilosophien, Spielstrategien, Einstellungen der Spieler und soziale Beziehungen innerhalb des jeweiligen Teams. Solche schwer definierbaren Verbindungen, Begriffe und Gegensätze werden dann häufig mit dem Konzept des Stils gefasst und zusammengeführt (siehe das Zitat oben) – einzelne Spieler und Trainer können entsprechend einen Stil haben, Mannschaften über einen gewissen Stil verfügen. Diese Stilbildung und die dazu notwendigen Narrative werden im global geprägten Profifußball medial hergestellt, vermittelt und durch Prozesse zunehmender Kommerzialisierung verstärkt. Der Stil ist in diesem Sinne eine lokale Interpretation globaler Versatzstücke und Zusammenhänge, die zwangsläufig medial zirkulieren.[1] Unter globaler Fußballkultur wird demnach die gegenseitige Beeinflussung globaler, nationaler und lokaler Bereiche verstanden, die sich nicht klar voneinander trennen lassen und immer unterschiedlichen Interpretationen unterliegen.

Das gilt auch für den Bereich jenseits des Platzes: Ein Beispiel wäre etwa, um beim FC Liverpool zu bleiben, das zur Vereinshymne aufgewertete Lied You’ll never walk alone“: Komponiert und getextet für das Broadway-Musical "Carousel“ im Jahr 1945 wurde es als Coverversion ein Nummer-Eins-Hit in den britischen Charts im Jahr 1963, gesungen von Gerry & the Pacemakers, und fand so den Weg in die englischen Fußballstadien der Swinging Sixties. Die Fans an der Anfield Road schufen in der Folge ihre eigene Erkennungsmelodie mit einem pop-kulturellen Versatzstück aus der globalen Musikindustrie. Der Liedtitel wurde zum Leitspruch, der heute in der Regel weltweit mit dem FC Liverpool und dem Stadion an der Anfield Road in Verbindung gebracht wird. Seit der Tragödie im Hillsborough-Stadion von Sheffield beim Halbfinale des FA-Cups zwischen dem FC Liverpool und Nottingham Forest, als im April 1989 96 vor allem Liverpool-Fans ums Leben kamen, nachdem die Polizei durch diverse Fehlentscheidungen die Fanströme in besonders enge Teile des Stadions lenkte, wird mit dem Motto im vereinsinternen Diskurs der Opfer gedacht. Anfang der 1990er Jahre wurde der Wahlspruch dann in das Vereinswappen des FC Liverpool integriert und damit seiner partikularen Bedeutung als Songtitel vollends enthoben. Das Lied wird gleichzeitig aber auch in vielen anderen Stadien der Welt insbesondere vor Spielbeginn von Fans zelebriert (Celtic Glasgow, Borussia Dortmund), und es existieren weitere Coverversionen (etwa von den Toten Hosen), was wiederum eine Beeinflussung des Globalen durch das Lokale andeutet.

Weltfußball: global – national – lokal

Das Beispiel des FC Liverpool zeigt, dass kulturelle Phänomene wie Fußball Bedeutungszuschreibungen unterliegen, mit denen Individuen versuchen, ihrer jeweiligen Lebenswelt Sinn zu verleihen. Fußball ist somit in der Lage, auch nicht-sportliche Inhalte zu integrieren, zu transportieren oder zu übermitteln. Diese Konstruktion von Sinn ist eingebettet in eine Vielzahl kollektiver Interpretationsmuster und bezieht sich auf eine große Bandbreite sozialer Praktiken. Fußball ist dabei zu verstehen als Teil einer "glokalisierten“ Welt, in der lokale Akteure globale Prozesse und Phänomene so interpretieren, damit diese ihren partikularen Bedürfnissen entsprechen.[2] So organisieren nationale Systeme das Spiel beispielsweise nach (global) standardisierten Prinzipien, nämlich in einem Ligasystem, jedoch interpretieren sie es in diesem System jeweils national und massenmedial unterschiedlich, etwa mit oder ohne Winterpause, Play-Offs usw. Weitere Beispiele für gegenseitige Einflüsse zwischen Globalem und Lokalem sind kommerzielle Bestrebungen von Golfstaaten wie Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten, Partnerschaften mit europäischen Spitzenvereinen zu etablieren (z.B. CF Barcelona, Manchester City, Paris Saint-Germain, Arsenal London), gleichsam als Beispiel zur Realisierung werbewirksamer Staats- bzw. Stadtmarken. In der japanischen J-League (z.B. Yokohama F. Marinos) oder in der südafrikanischen Premier Soccer League (z.B. Bloemfontein Celtic, Kaizer Chiefs) verbinden die Namen der Mannschaften indes häufig lokale und transnationale Bezeichnungen.[3] Das Image des FC Bayern München beinhaltet wiederum die ökonomische Einbindung der Vereinsmarke in den Weltmarkt bei gleichzeitiger Betonung des Lokalkolorits ("Mia san mia“). Bedeutsam für die Vorstellung einer globalen Fußballkultur sind also vor allem die Massenmedien, die für die Zirkulation von Inhalten und kulturellen Versatzstücken verantwortlich sind. Sie helfen gleichzeitig, eine große Anzahl Anderer vorauszusetzen, die die gleichen Praktiken ausüben, die gleichen Geschichten erzählen, dabei die gleichen oder vergleichbare Ziele entwickeln. Die Inhalte dieser Vorstellung eines irgendwie zusammenhängenden Weltfußballs und seiner Ausprägungen sind wiederum stark beeinflusst von Kommerzialisierungsprozessen, Diskursen, symbolischen Bezeichnungen und deren Interpretationen. Eine spezifische, medial dominante Interpretation der Fußball-WM 2006 in Deutschland wäre etwa die des "Sommermärchens“.

Medialisierung und Kommerzialisierung

Als populäre Kultur des Globalen und Nationalen ist Fußball also stark medial inszeniert und ohne die modernen Massenmedien schlechthin nicht vorstellbar. Historisch kann man seit den späten 1980ern und dem Aufkommen des Privatfernsehens, vor allem aber mit Beginn der 1990er Jahre und der schrittweisen Übernahme der Übertragungsrechte des Profifußballs durch Pay TV-Sender etwa in Deutschland und Großbritannien von einem tiefgreifenden Wandel im Sinne einer Beschleunigung von Kommerzialisierungsprozessen sprechen. Meilensteine sind etwa die Gründung der englischen Premier League im Jahr 1992 und die Integration einer Gruppenphase in den Spielmodus des Europapokals der Landesmeister durch den europäischen Fußballverband UEFA, ebenfalls seit 1992. Der neue, aufgestockte Wettbewerb wurde in der Folge in "Champions League“ umgetauft. Später konnten auch die Zweitplatzierten der Ligen in den Mitgliedsverbänden teilnehmen. Weitere Restrukturierungen führten 1999 zur Gründung einer aufgeblähten Gruppenphase mit 32 Mannschaften, für die sich in den Top-Ligen auch die Dritt- und Viertplatzierten qualifizieren können.

Als weitere Grundlage für die zunehmende Unübersichtlichkeit des globalen Fußballmarktes ist das so genannte Bosman-Urteil zu nennen. Das Bosman-Urteil geht auf die Klage des gleichnamigen Spielers vor dem Europäischen Gerichtshof im Jahr 1995 zurück, der darin argumentierte, dass die Transferregeln des belgischen Fußballverbands, der UEFA und FIFA die freie Wahl des Arbeitsplatzes verhinderten. Der Erfolg des Spielers in diesem Verfahren bedeutete die Aufhebung der geltenden Beschränkungen für ausländische Spieler in Europa, bekannt als "3+2-System“, und erlaubte fortan die freie Wahl des Arbeitsplatzes für Spieler, deren Verträge auslaufen, ohne dass eine Transfersumme von dem neuen Verein zu zahlen wäre. Parallel zu diesen Entwicklungen im Vereinsfußball sind vor allem die Weltmeisterschaften 1990 in Italien und 1994 in den USA zu nennen, die neue Dimensionen im Hinblick auf kulturelle Interpretationen und mediale Durchdringung des Spiels erreichten.[4] Indessen werden die Informationen über und die mediale Darstellung von den die globale Fußballkultur prägenden Wettbewerben wie etwa Weltmeisterschaften, Europameisterschaften, Champions League, der englischen Premier League oder auch der deutschen Bundesliga exklusiv durch die jeweils verantwortlichen Verbände (FIFA, UEFA, FA, DFB) bestimmt. In Kombination mit einer kaum bemerkenswerten kritischen Berichterstattung lässt sich festhalten, dass diese Events heutzutage vor allem durch und für die Massenmedien konzipiert werden und sie die Realität nicht abbilden, sondern vielmehr interessengeleitet konstruieren, bestenfalls noch mit losen Bezügen zu dem, was wirklich passiert.[5] Fraglos hat die Form der Darstellung des professionellen Fußballs im Fernsehen und Internet wesentliche Auswirkungen darauf, wie die Beteiligten das globale Spiel wahrnehmen, was sie darüber wissen, und auch, wie sie sich dem Spiel gegenüber verhalten.

Die symbolische Bedeutung von Kunstrasen

Das führt direkt in den Bereich des nicht-professionellen Fußballs. Aufgrund des oben Gesagten erscheint es angesichts der medialen Bedeutung des Fußballs in der Gegenwart fragwürdig, den Amateurfußball als rein lokales Phänomen zu betrachten und ihn von einer Darstellung globaler Fußballkultur auszunehmen. Der Amateurfußball und seine Akteure sind vielmehr in die Vorstellung und Praktiken eines medial geprägten, professionellen (globalen, europäischen, nationalen) Fußballs eingebunden. Dabei bleiben die Amateure in ihrem Selbstverständnis der lokalen Gemeinschaft verpflichtet. Diese beiden Orientierungen müssen jedoch nicht zwangsläufig im Widerspruch zueinanderstehen, wie das Beispiel des deutschen Amateurfußballs zeigt.[6] Zur Illustrierung soll im Folgenden die symbolische Bedeutung von Kunstrasenplätzen herangezogen werden, die in der Regel als Ausdruck eines Modernisierungsprozesses der Vereine und existenzsichernde Maßnahme gedeutet werden. Die Krise, die es dabei aus Sicht der entscheidenden Akteure zu überwinden gilt, wird in der Regel durch die nicht mehr zeitgemäßen "Tennenflächen“ (Aschenplätze) ausgelöst, die durch die neuen Kunstrasen ersetzt werden. Diese werden häufig durch gemeinschaftliche Aktionen wie Party-Events, Spendenläufe, Patenschaftsmodelle mit Quadratmeterverkauf usw. durch den jeweiligen Verein mitfinanziert.

Im sportpolitischen Diskurs hat der Kunstrasen in den Verbänden FIFA und DFB prominente und vehemente Fürsprecher, was ihn schon allein deswegen zu einem Teil globaler Sportkultur macht. Aus soziologischer Perspektive stehen diese Plätze für eine Rationalisierung alltagskultureller Räume und beinhalten zwei Komponenten: Sie unterstellen eine zunehmende Attraktivität des Spiels, das vermeintlich schneller und sauberer und in dem das unwägbare Element sowie der Schmutz weiter zurückgedrängt wird. Damit bietet der Kunstrasen das ideale Umfeld für die zunehmende kommunikative und rituelle Modernisierung und Professionalisierung des Spiels auch in den untersten Amateurbereichen, die, nach dem kläglichen Ausscheiden der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der WM 1998 und der darauf folgenden EM 2000, im Bereich der Nationalmannschaft (z.B. durch Jürgen Klinsmann und Jogi Löw) und in der Nachwuchsförderung des DFB (z.B. durch Berti Vogts und Matthias Sammer) bereits in den frühen 2000er Jahren eingeleitet wurde. Dies schließt in mehrfacher Hinsicht an den professionellen Fußball an: Der Bau dieser Kunstrasenplätze wird dann im Rahmen spezifischer Diskurse ("Existenzsicherung durch Konkurrenzvorteil“ bzw. "Gleichziehen mit der lokalen Konkurrenz“, "Grundlage für zukünftigen sportlichen Erfolg“, "Möglichkeit der Anwerbung besserer Spieler durch attraktiven Bodenbelag“) als alternativlos und als Errungenschaft des Vereins und seiner Mitglieder dargestellt. Gleichzeitig tritt der lokale Verein als Unternehmer auf: Durch strategisches Handeln werden Möglichkeiten geschaffen, das eigene Kapital erhöht und in ein neues Produkt, das vermeintlich beste auf dem Markt, investiert. Kunstrasen bieten in dieser Hinsicht ein ideales Umfeld für die zunehmende kommunikative, unternehmerische und praktische Modernisierung des Spiels, auch in den untersten Amateurbereichen bzw. im Jugendfußball. Damit ermöglicht ihre Betrachtung unterschiedliche Perspektiven auf Ausprägungen einer globalen Fußballkultur.

Fußnoten

1.
Vgl. William W. Kelly: Is baseball a global sport? America’s ‚national pastime‘ as global field and international sport. In Giulianotti, R. / Robertson, R. (Hrsg.), Globalization and sport. Oxford 2007, S. 85.
2.
Vgl. Richard Giulianotti und Roland Robertson: Globalization & Football. London 2009.
3.
Vgl. Richard Giulianotti und Roland Robertson: Globalization and Sport. Oxford 2007, S. 71f.
4.
Vgl. Steve Redhead: Post-Fandom and the Millenial Blues. The Transformation of Soccer Culture. London 1997.
5.
Stefan Gmünder und Klaus Zeyringer: Das wunde Leder. Wie Kommerz und Korruption den Fußball kaputt machen. Berlin 2018.
6.
Vgl. Kristian Naglo: Professioneller und Amateurfußball in Deutschland und England: Diskursverschränkungen, Praktiken und implizite Kollektivität. In: Waine, A. / Naglo, K. (Hg.): On and Off the field. Fußballkultur in England und Deutschland – Football Culture in England and Germany. Wiesbaden 2014, S. 239-264.
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Autor: Dr. Kristian Naglo für bpb.de


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