Basilius-Kathedrale

14.6.2018 | Von:
Prof. Dr. Hans-Henning Schröder

Gesellschaftliche Spannungen und Sturz des Zaren

(1850 - 1917)

Die Unzufriedenheit der Industriearbeiterschaft, die unter unerträglichen Bedingungen lebte und arbeitete, das wachsende Selbstbewusstsein des entstehenden Bürgertums, die verbreitete Missstimmung auf dem Dorfe, die sich aus der Landarmut und der hohen Steuerlast nährte, und nicht zuletzt wachsende nationale Spannungen im Vielvölkerstaat Russland bedrohten jedoch zunehmend die überkommene Ordnung. Das Regime erwies sich als unfähig, die auseinander strebenden Interessen der gesellschaftlichen Gruppen zu integrieren und die scharf hervortretenden sozialen und nationalen Konflikte zu mildern.

Die Revolution von 1905 bis 1907, bei der sich neben dem Industrieproletariat und der Intelligenz erstmals auch große Teile der Bauernschaft gegen den Zaren wandten, war ein letztes Warnzeichen. Durch den Einsatz von Militär gelang es noch einmal, das Zarenregime zu retten. Die Einrichtung eines Parlaments, der Duma, mit sehr beschränkten Rechten - Max Weber sprach von einem "Scheinkonstitutionalismus" - und eine Agrarreform setzten neue Veränderungen in Gang. Der Beginn des Ersten Weltkriegs im Jahre 1914 verhinderte, dass diese Maßnahmen zur Entfaltung kamen.

1914 erwies sich rasch, dass das russische Reich allen Modernisierungsschritten zum Trotz in einem Krieg technisierter Massenheere dem Deutschen Reich nicht gewachsen war. Die russischen Armeen erlitten katastrophale Niederlagen. In Reaktion auf den Bankrott des Versorgungssystems kam es 1916 in den Städten zu Streiks und Unruhen, die an Schärfe zunahmen und schließlich im Februar 1917 in Petersburg zum Zusammenbruch der Ordnung führten. Zar Nikolaus II. dankte am 15. März 1917 ab. Im Juli 1918 wurde er mit seiner Familie in Jekaterinburg von den Bolschewiki ermordet.

Mit der Abdankung des Zaren ging die Macht in die Hände einer Provisorischen Regierung über, die den Krieg fortsetzte und die Lösung der Landfrage an eine noch zu wählende Verfassunggebende Versammlung verwies. Damit stellte sie sich der bäuerlichen Bevölkerung entgegen, die mehrheitlich eine Vergrößerung ihrer Bodenanteile durch eine Aufteilung der Gutsländereien forderte. Neben der Regierung entwickelte sich der Petersburger Sowjet - der Arbeiter- und Soldatenrat - rasch zu einer eigenständigen Kraft. In ihm gewannen die Vertreter der Bolschewiki, des radikalen Flügels der russischen Sozialdemokratie, an Bedeutung und Profil, insbesondere nachdem Wladimir Iljitsch Lenin (1870-1924), die politische und ideologische Leitfigur dieser Gruppe, mit Unterstützung der deutschen Obersten Heeresleitung aus dem Schweizer Exil zurückgekehrt war.

Die Weigerung der Provisorischen Regierung, den Boden umzuverteilen und den Krieg zu beenden, spielte ihren Gegnern in die Hände. Am 6. November 1917 (24. Oktober nach dem Julianischen Kalender) initiierte die Sowjetmehrheit unter Führung der Bolschewiki einen Umsturz, der die Provisorische Regierung absetzte und einen Rat der Volkskommissare installierte. Indem die neue Führung Friedensverhandlungen einleitete und die Landnahme der Bauern legitimierte, verschaffte sie sich den notwendigen landesweiten Rückhalt, der es ihr erlaubte, die eben gewählte Konstituierende Versammlung am 18. Januar 1918 gewaltsam aufzulösen.

Auszug aus: Hans-Henning Schröder: Vom Kiewer Reich bis zum Zerfall der UdSSR, in: Russland (Informationen zur politischen Bildung, Heft 281), Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2003, S. 8ff., aktualisiert 2018.
zur Publikation