Basilius-Kathedrale
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Russland unter den Präsidenten Putin und Medwedew

1999 - 2012


6.7.2012
Seit 2000 nimmt Wladimir Putin wichtige Positionen in der russischen Politik ein: erst als Präsident, dann als Ministerpräsident und schließlich wieder als Präsident. Seit 2008 bildet er ein "Tandem" mit Dmitrij Medwedew. Die Sicherung der eigenen Macht ist ein Kernpunkt der Politik Putins.

Dmitrij Medwedew (links) und Wladimir Putin (rechts) besuchen gemeinsam die Wettkampfstätten der olympischen Winterspiele 2014.Dmitrij Medwedew (links) und Wladimir Putin (rechts) besuchen gemeinsam die Wettkampfstätten der olympischen Winterspiele 2014. (© AP)

Das letzte Jahr der Amtszeit Jelzins war von den fieberhaften Bemühungen der "Familie" bestimmt, einen Nachfolger zu finden, der ihren sozialen Status und ihren Besitz sichern würde. Zur "Familie" zählte man die Tochter Jelzins, seinen engeren Stab und die Finanzgruppen, die mit ihm verbunden waren. Diese verfielen schließlich auf den in der Öffentlichkeit weithin unbekannten Geheimdienstler Wladimir Putin, der auf Verwaltungsposten in St. Petersburg und Moskau Loyalität und Kompetenz bewiesen hatte, und machten ihn im September 1999 zum Ministerpräsidenten.

Nach dem Amtsantritt konnte man ein erstaunliches Phänomen beobachten: Innerhalb von vier Monaten stiegen die Beliebtheitswerte Putins, zuletzt Chef des Inlandsgeheimdienstes und Sekretär des Sicherheitsrates, der im Juli noch in keiner Prognose aufgetaucht war, von 2 Prozent auf über 40 Prozent. Zum Jahreswechsel trat Jelzin zurück und Putin wurde amtierender Präsident. Am 26. März erzielte er bei den Präsidentenwahlen mit 52,9 Prozent einen Erdrutschsieg. Erreicht wurde das mit einer massiven, intelligent konzipierten und verschwenderisch finanzierten Imagekampagne, die bei der Wahl der Mittel keine Skrupel kannte.

Ein wichtiges Element der Kampagne war die systematische Diffamierung potentieller Mitbewerber als korrupt, unfähig und krank. Auch der Einmarsch russischer Truppen in Tschetschenien im September 1999, Reaktion auf die Aktivitäten tschetschenischer Guerilla und die Attentate auf Wohnhäuser in Moskau und anderen russischen Städten, diente der Imagebildung für Putin. Hinter der Kampagne stand eine heterogene Allianz, zu der neben der "Familie" und dem Finanzmagnaten Beresowskij, Gruppen im Inlandsgeheimdienst FSB und eine Reihe regionaler Machthaber zählten.

Diese Verbindung stellte den neugewählten Präsidenten allerdings vor ein Dilemma: Putin war eine "Erfindung" "der Familie" und der "Oligarchen". Doch diese hatten ihn mit dem Image eines ehrlichen, volksnahen, dynamischen, starken Mannes ausgestattet, der mit dem Nepotismus und der Misswirtschaft der Jelzin-Ära aufräumen würde. Zwischen den Erwartungen der Wähler und denen der Koalition, die ihm zum Wahlsieg verholfen hatte, bestand ein offenbarer Gegensatz.

Insofern stand der neue Präsident bei der Entwicklung eines eigenen politischen Kurses vor einer schwierigen Aufgabe. Einerseits musste er seine Machtstellung absichern, andererseits galt es, für die vielfältigen Probleme in Wirtschaft und Gesellschaft Lösungen zu finden. Bei der Konsolidierung seiner Machtposition musste der Präsident sich mit jenen Kräften auseinandersetzen, die schon in der Jelzin-Ära die Politik entscheidend mitgestaltet hatten: den "Apparaten", d. h. vor allem mit der Präsidialverwaltung und mit der Regierungsbürokratie, den großen Kapitalgruppen und mit den regionalen Machthabern.

Die Föderalreform



Die ersten Schritte, die die Putin-Administration unternahm, dienten der Konsolidierung der eigenen Machtstellung. Durch eine Föderalreform wurde der politische Spielraum der regionalen Machthaber drastisch eingeengt: Durch Präsidialerlass wurden sieben Föderalbezirke gebildet, die jeweils eine Anzahl von Föderationssubjekten umfassten. An die Spitze jedes Föderalbezirks wurde ein bevollmächtigter Vertreter des Präsidenten gestellt. Seine Aufgabe war es, die Umsetzung der Politik der Zentralregierung und der präsidialen Personalpolitik in den Regionen zu kontrollieren sowie die Föderationsbehörden (also die örtlichen Dienststellen der Zentrale) zu koordinieren, die Umsetzung der föderalen (d. h. zentralen) Gesetzgebung zu überwachen und an der Arbeit der regionalen Exekutive und Legislative teilzunehmen.

Darüber hinaus verabschiedete die Duma ein Gesetz, das dem Präsidenten das Recht gab, regionale Vertretungskörperschaften aufzulösen, sofern die Duma diesem Vorgehen zustimmte, und das Oberhaupt der Exekutive (den Gouverneur bzw. Präsidenten der Region) abzusetzen oder zu suspendieren, wenn dieser gegen Rechtsvorschriften verstieß. Von nun an galt der Grundsatz, dass föderales (Bundes-)Recht regionales Recht bricht. Diese Regelungen, die noch im Laufe des Jahres 2000 durchgesetzt wurden, führten zu gravierenden Änderungen im Verhältnis von Zentrum und Regionen. Der Einfluss der Gouverneure auf föderale Politik wurde beschnitten, Zugleich wurden die rechtlichen und praktischen Möglichkeiten des Präsidenten, auf die Tätigkeit der Regionen einzuwirken, erheblich ausgeweitet. Allerdings gelang es nicht überall, den Einfluss des Zentrums durchzusetzen. Oft genug erwiesen sich regionale Politiknetzwerke gegen Druck aus dem Zentrum resistent. Insofern blieb die regionale Politik ein wichtiger Gesprächspartner der Putin-Administration.

Der Kampf gegen die "Oligarchen"



Putin ging auch gegen die "Oligarchen" vor. Ab März 2000 wurden Untersuchungsverfahren gegen eine Reihe von Großunternehmern eingeleitet. Das rief insbesondere in Führungskreisen der Wirtschaft erhebliche Unruhe hervor. Bald zeigte sich, dass Putin eine Doppelstrategie verfolgte: während er scharf gegen einzelne "politische" Unternehmer wie Beresowskij und Gusinskij vorging, die über Massenmedien politischen Einfluss ausübten, bezog er die Mehrheit der Unternehmer in einen fortgesetzten Dialog ein. Nachdem Gusinskij und Bersowskij das Land verlassen hatten und die von ihnen kontrollierten Massenmedien in die Hand der Putin-Administration geraten waren, verfügte sie über große Möglichkeiten, die öffentliche Meinung zu beeinflussen.

Das Verhältnis von Präsident und Unternehmern wurde abermals auf die Probe gestellt, als die Staatsanwaltschaft wenige Monate vor den Dumawahlen 2003 gegen Michail Chodorkowski vorging, den reichsten Mann Russlands, der an der Spitze des Mineralölunternehmens JUKOS stand. Chodorkowskij hatte eine Reihe von oppositionellen Parteien und Bewegungen unterstützt, und die Presse sagte ihm nach, er habe Ambitionen auf das Präsidentenamt. Insofern wurden die Strafverfahren, die gegen ihn und einige seiner Mitarbeiter eingeleitet wurden, als Signal interpretiert, dass die großen Finanzgruppen sich tunlichst aus der Politik herauszuhalten hätten.

Der Charakter des Putin-Regimes



Die Schwächung der Regionen und die Verdrängung der Hochfinanz aus den politischen Entscheidungsprozessen veränderte die Kräftekonstellation innerhalb der russischen Politik. Im Laufe von zwei Jahren war es Putin gelungen, seine Machtposition zu konsolidieren und die politischen Kräfteverhältnisse grundlegend zu verändern. Putin war ohne eigene Hausmacht angetreten und musste sich anfangs auf ein heterogenes und daher instabiles politisches Bündnis stützen. Ende des Jahres 2001 war seine Stellung deutlich gefestigt. In den folgenden Jahren baute er sie weiter aus.

Ein wichtiger Faktor war eine Personalpolitik, die nach und nach Personen seines Vertrauens in Schlüsselstellungen der Exekutive brachte. Unter ihnen waren zahlreiche Angehörige des Inlandsgeheimdienstes FSB, mit denen Putin aus seiner früheren Tätigkeit im KGB oder seiner Zeit als FSB-Vorsitzender bekannt war, und denen er offenbar Vertrauen entgegenbrachte. Die Invasion der "Petersburger" - viele von den Aufsteigern stammten aus Putins Heimatstadt - wurde in der Öffentlichkeit aufmerksam verfolgt. Die Verbindung mit den Sicherheitsapparaten, die in diesen Stellenbesetzungen zum Ausdruck kam, gab dem Präsidenten aber einen starken Rückhalt in der Auseinandersetzung mit potentiellen Gegnern.

Ein weiteres Element der Putinschen Machtbasis war die Unterstützung durch den überwiegenden Teil der Unternehmerschaft. Zwar ging der Präsident gegen einzelne - Beresowskij, Gusinskij oder Chodorkowskij - mit aller Schärfe vor, doch ließ er der übrigen Kapitalgruppen große Spielräume, soweit es um ihre Wirtschaftsaktivitäten ging. Schließlich ist noch ein wichtiger Punkt zu berücksichtigen - Putins breiter Rückhalt in der Bevölkerung - sein Bündnis mit den "Massen". Die Popularität der Person Wladimir Putin, die in der zweiten Jahreshälfte 1999 mit Hilfe einer Imagekampagne aufgebaut worden war, ging auch nach den Wahlen nicht zurück. Betrachtet man die regelmäßigen Umfragen des Allrussischen Meinungsforschungszentrums VCIOM, so wird deutlich, dass es zwischen 2000 und 2003 keinem russischen Politiker gelang, auch nur annähernd ein so großes Vertrauen bei den Wählern zu erwerben, wie es der Präsident genoss. Mit diesem Rückhalt bei Eliten und Bevölkerung war es der Putin-Administration möglich, das politische System umzugestalten.

Die Reform des politischen Systems



Die Dumawahlen im Dezember 2003 brachten der kremlnahen Partei "Einiges Russland" zwar nur 38 Prozent der Stimmen, doch konnte sie ihre Fraktionsstärke durch Einbeziehung der Einzelkandidaten auf 304 erhöhen. Damit verfügte sie über 67 Prozent der Abgeordneten. Im März 2004 erreichte Putin bei den Präsidentenwahlen 71 Prozent. Mit diesem Wahlergebnis im Rücken und mit der Zweidrittelmehrheit im Parlament verfügte er über eine sichere Position, um das politische System nach seinen Vorstellungen umzugestalten.

Anlass gab ihm das Versagen der Sicherheitskräfte und der regionalen Apparate bei der Geiselnahme in Beslan, Anfang September 2004. Im Bestreben, die "Machtvertikale" - den Durchgriff des Präsidenten bis in die regionalen Verwaltungen hinunter - zu sichern, kündigte Putin die Abschaffung der Direktwahl der Gouverneure, eine Novellierung des Parteiengesetzes und eine Reform des Wahlsystems an. Die entsprechenden Regelungen wurden rasch von der Duma verabschiedet. Die Oberhäupter der 89 Föderationssubjekte (Gouverneure bzw. Präsidenten) wurden nun vom Präsidenten vorgeschlagen und dann von den Regionalparlamenten durch einen Wahlakt bestätigt. Damit waren die politischen Eliten in den Regionen nun weit stärker von der Zentrale abhängig als vorher.

Das neue Parteiengesetz ließ Parteien nur noch zu, wenn sie wenigstens 50.000 Mitgliedern nachweisen konnten und in der Hälfte der Regionen Organisationen mit jeweils mindestens 500 Mitgliedern hatten. Das Wahlgesetz führte anstelle des gemischten Systems (225 Abgeordnete durch Listenwahl und 225 durch Direktwahl) ein reines Verhältniswahlrecht ein und erhöhte die Sperrklausel auf sieben Prozent (vorher fünf Prozent). Durch diese Regelungen wurde die Mehrheit der oppositionellen Parteien marginalisiert. Es setzten sich vier "Systemparteien" durch: neben den vom Kreml geförderten Parteien "Einiges Russland" und "Gerechtes Russland" gehörten dazu die Kommunisten (KPRF) und Schirinowskijs Liberaldemokraten (LDPR). Mit dieser Reform sicherte sich die Putin-Administration ein politisches Monopol: Sowohl die politischen Eliten in den Regionen als auch das Parlament stand nun unter ihrer Kontrolle.

Medwedew und seine Modernisierungspolitik 2008-2010



"Einiges Russland", das von Putin offen unterstützt wurde, gewann bei den Dumawahlen im Dezember 2007 mit 64 Prozent der Listenstimmen eine Zweidrittelmehrheit bei den Abgeordnetenmandaten. Dies war der Testlauf für die Präsidentenwahlen im März 2008, die deshalb brisant waren, weil Putin in Einhaltung der Verfassung nach zwei Amtszeiten nicht mehr antrat. Lange hatte Unsicherheit geherrscht, wer die Nachfolge übernehmen würde. Ende Dezember kündigte Putin an, dass Dmitrij Medwedew, sein langjähriger Mitarbeiter, zuletzt Stellvertretender Ministerpräsident, für das Präsidentenamt kandidieren würde, während Putin selbst als Ministerpräsident antreten würde.

Medwedew wurde am 2. März 2008 mit 70 Prozent der Stimmen zum Präsidenten gewählt und ernannte Putin umgehend zum Premier. Damit war das "Tandem" geschaffen, das in den nächsten vier Jahren die Geschicke Russlands lenken sollte. Die Situation war nicht ohne Reiz: Putin verfügte über die größeren politischen Ressourcen, während Medwedew das mit den größten Vollmachten ausgestattete Amt innehatte.

Es kam zwischen 2008 und 2011 jedoch zu keinen wirklichen Konflikten, beide arbeiteten im Rahmen der durch die Verfassung vorgegebenen Arbeitsteilung reibungslos zusammen. Dies war um so leichter, als Medwedew das inhaltliche Programm Putins weitgehend übernahm. Der neue Präsident benannte die zahlreichen Probleme, die seine Administration zu lösen hatte, mit großer Klarheit: die Schwäche des Rechtssystems (den allgemeinen "Rechtsnihilismus"), die in der staatlichen Verwaltung verbreitete Korruption, die demographische Krise mit hohen Sterberaten und niedrigen Geburtenraten, die Rohstoffabhängigkeit der Wirtschaft, die vernachlässigte Infrastruktur in allen Bereichen des Verkehrs und der kommunalen Versorgung, der Kapitalmangel der russischen Wirtschaft und die Schwäche der "Zivilgesellschaft" und des Parteiensystems sowie der demokratischen Institutionen auf kommunaler und regionaler Ebene.

Als wenn diese vom Vorgänger vererbte Problemlast nicht genug gewesen wäre, geriet auch die russische Wirtschaft, die sich im Gefolge steigender Ölpreise seit 2000 im Aufwind befand, in eine Krise. Der Einbruch der Energiepreise und die internationale Finanzkrise des Jahres 2008 wirkten massiv auf Russland zurück. Das Wachstum der Industrieproduktion stockte: Lag der Zuwachs 2007 noch bei 6,3 Prozent, waren es 2008 nur noch 2,1 Prozent, um 2009 um 10,8 Prozent zu sinken. Die Investitionen, die 2007 um 21,1 Prozent gestiegen waren, nahmen 2008 nur noch um 9,1 Prozent zu und gingen 2009 um 17 Prozent zurück. Die Krise unterstrich noch einmal, wie sehr Russland mit seiner rohstoffabhängigen Volkswirtschaft den Schwankungen auf dem Weltmarkt ausgeliefert war.

In Reaktion darauf leitete Medwedew nach der Sommerpause 2009 eine umfassende Modernisierungsoffensive ein. Grundlage der Modernisierungsstrategie sollte die technologische Erneuerung der gesamten Produktionssphäre sein - mit Hilfe ausländischer Investoren und importierten know hows. Um die Entwicklung voranzutreiben, forderte Medwedew eine Modernisierung des Staatssektors sowie eine behutsame Privatisierung. Die staatlichen Unternehmen und solche mit staatlicher Beteiligung sollten unabhängigen Betriebsprüfungen unterworfen und nach modernen Konzepten der Unternehmensführung umgestaltet werden. Der Staat sollte ein umfassendes Programm zur Förderung von Wissenschaft und Forschung auflegen, in dem sich auch der Privatsektor engagieren sollte. Genehmigungsverfahren für Investitionsprojekte wollte man verkürzen, Steuersystem und der Pflichtversicherungen reformieren, um vorteilhafte Bedingungen für Investoren zu schaffen. Medwedew forderte auch den Ausbau und die Verbesserung des Schulwesens und die Verbesserung der Arbeitsbedingungen von karitativen Stiftungen und Nichtregierungsorganisationen.

Vor politischen Reformen scheute der Präsident aber zurück. Er erklärte: "Jegliche Versuche, durch demokratische Losungen die Situation zu erschüttern, den Staat zu destabilisieren, die Gesellschaft zu spalten, werden unterbunden." Wenn die Medwedew-Administration also nicht bereit war, die Gesellschaft zur Durchsetzung ihrer Reformpolitik zu mobilisieren, so muss man fragen, wer diese sonst tragen sollte. Große Teile der Eliten hatten sich im status quo eingerichtet, eine Veränderung musste Unruhe schaffen und ihren Ressourcenzugriff beschneiden. Ein funktionierendes Rechtssystem etwa beschränkte die Möglichkeiten von Beamten, Politikern und Wirtschaftsführern, auf Gerichtsentscheidungen Einfluss zu nehmen. Bekämpfung von Korruption verstopfte Einnahmequellen für Angehörige des Staatsapparates. Unabhängige Betriebsprüfungen von Staatsunternehmen und eine straffere Unternehmensführung erschwerten den Ressourcenzugriff für Beamte und Politiker. So gab es denn bis Ende 2010 in den meisten Politikfeldern keine nachhaltigen Modernisierungserfolge. Fortschritte waren allerdings bei der Reform der Streitkräfte erkennbar, in der es zu tiefgehenden Umstrukturierungen kam, während die umfassende Reform des Innenministeriums und der Polizei bis zum Ende von Medwedews Amtszeit keine fühlbaren Verbesserungen erbrachte.

Die politische Krise 2011/2012 und der Präsidentenwechsel



Im letzten Jahr der Amtzeit Medwedews stand die Politik im Zeichen der Wahlen und der Frage der Nachfolgeregelung. Die Privatisierung großer Staatsbetriebe, die Medwedew 2009 angekündigt hatte, wurde zurückgestellt, dagegen wurden die Gehälter von Staatsbediensteten und die Renten angehoben, zugleich Maßnahmen zur Dämpfung der Inflation getroffen. Trotzdem wuchs die Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Die hohe plebiszitäre Zustimmung, auf die Putin über die Jahre bauen konnte, ging zurück, "Einiges Russland", die dominante Partei, verlor deutlich an Ansehen. Das Schlagwort von der "Partei der Gauner und Diebe", das der Blogger Alexej Nawalnyj für sie geprägt hatte, war in aller Munde.

Als Medwedew am 24. September 2011 auf dem Parteitag von "Einiges Russland" bekannt gab, dass bei den Präsidentschaftswahlen im März 2012 Putin und nicht er als Kandidat des Regierungslagers antreten würde, führte dies nicht zu einer Wende, wie die Führung erwartet hatte. Im Gegenteil: die Ratings von Partei und politischen Führern stürzten noch weiter ab. Um ein Desaster bei den Dumawahlen am 4.12.2011 zu verhindern, griff die politische Führung in einer Reihe von Regionen zum Mittel direkter Fälschung. Auf diese Weise erreichte die Partei "Einiges Russland" immerhin noch 49,3 Prozent der Stimmen (gegenüber 64,3 Prozent 2007). Doch die offenkundige Manipulation löste breiten Unmut aus, der sich in Massendemonstrationen in Moskau und einigen anderen Städten manifestierte. In Moskau gingen am 10. und am 24. Dezember jeweils deutlich über 30.000 Menschen (die Veranstalter sprachen für den 24. Dezember von 120.000) auf die Straße.

Diese Politisierung der Gesellschaft setzte die Administration, die sich auf die politisch entscheidenden Präsidentenwahlen vorbereitete, unter erheblichen Druck. Die Ursache dieser Entwicklung waren der soziale Wandel der letzten Jahre, der eine neue urbane Mittelschicht hervorgebracht hatte, und die Entstehung einer alternativen Öffentlichkeit via Internet und sozialen Netzwerken. Die Führung Putin-Medwedew hatte ihr Informationsmonopol eingebüßt und war zudem mit einer starken gesellschaftliche Gruppe konfrontiert, die politische Mitsprache einforderte. Im Angesicht dieser Situation gelang es der Administration aber durch Einsatz aller administrativer Ressourcen mittels einer massiven Gegenmobilisierung am 4. März 2012 die Wahl Wladimir Putins zu sichern. Er erreichte mit 63,6 Prozent ein mäßiges Ergebnis (2004: 75,03 %; Medwedew 2008: 70,28 %). Im Vergleich mit der Dumawahl war das Ausmaß der Fälschungen aber erkennbar geringer - es lag etwa auf dem Niveau der Wahlen 2004 und 2008.

Nach Putins Wahl, doch noch vor seiner Amtseinführung brachte der noch amtierende Präsident Medwedew zwei Entscheidungen auf den Weg, die das politische System punktuell liberalisierten. Ende März wurde das Parteiengesetz modifiziert. Danach mussten Parteien für die Registrierung nur noch 500 Mitglieder nachweisen statt wie vorher 40.000. Das Justizministerium wurde zudem angewiesen, bei unvollständigen Anträgen von Parteien, diese zu unterstützen, statt wie bisher den Antrag einfach abzulehnen. Ende April beschloss die Duma dann eine Novelle zum Wahlgesetz, das die Sperrklausel wieder auf 5 Prozent herabsetzte und die Zahl der für die Registrierung von Direktkandidaten und nicht im Parlament vertretenen Parteien notwendigen Unterschriften deutlich verminderte. Zeitgleich verabschiedete sie auch ein Gesetz, das die Direktwahl der Gouverneure wieder einführte - allerdings mit einem "Präsidentenfilter": Der Präsident erhielt das Recht, die Kandidaten zur Konsultation vorzuladen. Mit diesen Maßnahmen reagierte die Führung auf die Massenproteste der Vorwahlzeit und versuchte, der Kritik am politischen System die Spitze zu nehmen.

Am 6. Mai 2012 wurde der neue "alte" Präsident in sein Amt eingeführt. Die Inauguration wurde wieder von Massendemonstrationen begleitet, die trotz massiven Polizeieinsatzes auch an den nächsten Tage andauerten. Die Politisierung in den urbanen Zentren ließ sich vom Regime nicht ohne weiteres unter Kontrolle bringen.

Die neue Regierung unter Dmitrij Medwedew, die Putin einsetzte, bestand vorwiegend aus Technokraten. Die profilierten Minister des ehemaligen Kabinett Putin wechselten in die Präsidialadministration, die wieder zum eigentlichen Machtzentrum Russlands wurde. Die neue Administration führte die Politik zur Stabilisierung der Situation fort, die unter Medwedew mit der Novellierung des Parteiengesetzes und der Wiedereinführung der Gouverneurswahlen begonnen hatte. Bereits in den ersten Tagen setzte Putin die sozialen Versprechungen der Wahlkampfzeit in Erlasse um. Parallel dazu initiierten Vertreter der putin-nahen Partei "Einiges Russland" Gesetzesinitiativen, die die Opposition zurückdämmen sollten. Auf ihre Veranlassung verabschiedete die Duma ein Gesetz, das außergewöhnlich hohe Geldstrafen für Rechtsverletzungen bei Demonstrationen festsetzte. Noch im Juli 2012 ging eine Gesetzesinitiative durch, die schärfere Kontrollen für Nichtregierungsorganisationen vorsah. Insbesondere sollten sie im Fall der Finanzierung durch nichtrussische Geldgeber als "inoagenty" (ausländische Agenten) identifiziert werden - eine offensichtliche Diskriminierung. Schließlich wurden unter dem Stichwort Jugendschutz auch Maßnahmen vorbereitet, das Internet besser zu kontrollieren und gegebenenfalls Webseiten zu sperren. Mit solchen Schritten, die darauf zielten, Kritik aus der Gesellschaft einzudämmen, leitete die dritte Putin-Administration ihre sechsjährige Amtszeit ein (2012-2018).

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