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Basilius-Kathedrale

20.10.2010 | Von:
Prof. Dr. Stefan Plaggenborg

Geschönte Vergangenheit

Als Stalin 1953 starb, saßen rund 2,5 Millionen Menschen in den Lagern (Gulag); Ende der 1930er-Jahre waren es etwa zwei Millionen gewesen. Zusätzlich lebten 1953 circa 2,7 Millionen Menschen (1939: circa 1,2 Millionen) in "Sondersiedlungen", d. h., sie waren dorthin verschleppt worden. Insgesamt sind in der Zeit des Stalinismus (1929 - 1953) etwa 20 Millionen Menschen in den Lagern gewesen. Die Sterblichkeit im Gulag schwankte je nach Region und Periode: Sie lag durchschnittlich bei 4 %. Zwischen 1931 und 1953 zählte die Lager-Hauptverwaltung 1,7 Millionen Tote.

Mit den Zahlen allein ist die Gewaltgeschichte der Sowjetunion nicht erfasst. Zu ihr gehörten auch: Strafverfolgungsorgane, denen die Angeklagten völlig ausgeliefert waren, Prozesse mit fingierten Anklagen, aber realen Verurteilungen, Folter, Denunziationen en masse, völlige Rechtlosigkeit der Angeklagten und Opfer, Zerstörung und Entwertung des Individuums, das gegenüber Willkürentscheidungen der Führungsclique um Stalin und lokaler Potentaten aus Partei, Staatsanwaltschaft und Geheimdienst vollständig schutzlos war. Hinzu kamen die zahlreichen Todeslisten, die Stalin persönlich unterschrieben hat. Zwangsarbeit für Millionen Menschen war Teil des stalinistischen Industrialisierungsprogramms. Gefangene starben nicht nur infolge der Willkür der Lagerverwaltung und Wachen, sondern auch wegen der miserablen Versorgung mit Lebensmitteln.

Zur Gewaltgeschichte gehören weiterhin die Deportation der Polen und Koreaner innerhalb der Sowjetunion bereits vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges, schließlich ganzer Völker nach dem deutschen Überfall, darunter der Tschetschenen, denen Moskau auch nach 1991 noch immer das Selbstbestimmungsrecht vorenthält. Zu den Erscheinungsformen des Antisemitismus nach dem Zweiten Weltkrieg, der sich besonders gegen jüdische Intellektuelle und Künstler richtete, gehört auch das zu Sowjetzeiten andauernde Beschweigen der Vernichtung der europäischen Juden, von denen der größte Opferanteil in Osteuropa lebte.

An all diesen Aktivitäten war die Geheimpolizei an zentraler Stelle beteiligt. Unter der Abkürzung NKWD wurde sie in den 1930er-Jahren zum Synonym des Schreckens. Terror hatte sie schon seit ihrer Gründung im Dezember 1917 (damalige Abkürzung: Tscheka) verbreitet, unter Stalin dann aber in einem bis dahin ungekannten Ausmaß. Diese mörderische staatliche Organisation, die zu den blutigsten gehört, welche die Geschichte jemals hervorgebracht hat, ist zu keiner Zeit abgeschafft, sondern lediglich umbenannt und in einigen Punkten rechtlich und institutionell an die Kandare genommen worden. Der Geheimdienst des heutigen russischen Staates steht in unmittelbarer Nachfolge der staatlichen Terrororganisation in ihren unterschiedlichen Bezeichnungen aus Sowjetzeiten (Tscheka, GPU, OGPU, NKWD, MGB, KGB). Auch der erste postsowjetische Präsident Russlands, Boris Jelzin, löste den Geheimdienst nicht auf. Er suchte ihn zu kontrollieren, inthronisierte dann aber den KGB-Mitarbeiter und zeitweiligen KGB-Chef Putin als seinen Nachfolger. Darin und in dem weiter oben zitierten Ausspruch von Putin kommt die systematische, absichtliche Ausblendung der Gewaltgeschichte der Sowjetunion zum Ausdruck. Von den staatlichen Repressalien, ausgeführt vom KGB in der Zeit nach Stalin, namentlich gegen Dissidenten, und von den damit in Zusammenhang stehenden illegalen Akten und verletzten Menschenrechten ist in der obigen Aufzählung nicht einmal die Rede.

Während der Perestrojka jedoch und einige Zeit danach sah die Lage ganz anders aus als fast 20 Jahre nach dem Zusammenbruch der UdSSR. Nie zuvor durfte so offen über die "weißen Flecken" der sowjetischen Geschichte geschrieben und gesprochen werden. Plötzlich begannen große Teile der Gesellschaft, vorwiegend die Intellektuellen und Künstler, weniger die Historikerzunft, sich der Geschichte zu vergegenwärtigen. So wichtig die Neugier auf die Geschichte in der Öffentlichkeit war, so halbherzig half der Staat bei dem, was im deutschen Sprachgebrauch hölzern "Vergangenheitsbewältigung" genannt wird, wofür es im Russischen keine Entsprechung gibt. Zwar öffnete er die Archive, aber beileibe nicht alle, und er rehabilitierte Opfer des Stalinismus (Leo Trotzki, 1929 in die Emigration gezwungen und 1940 von einem NKWD-Agenten im Exil ermordet, ist bis heute nicht rehabilitiert). Halbherzig waren auch schon die ersten Rehabilitierungen unter Chruschtschow Ende der 1950er, Anfang der 1960er-Jahre gewesen. Kein einziger NKWD-Mitarbeiter wurde jemals zur Rechenschaft gezogen. Das Höchstmaß an Sanktion für einige wenige war die vorzeitige Versetzung in den Ruhestand (mit Pension).


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