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20.10.2010 | Von:
Prof. Dr. Stefan Plaggenborg

Geschönte Vergangenheit

Die Opfer hingegen blieben für immer stigmatisiert: Ihr Leben und ihre Gesundheit waren häufig zerrüttet, ihre Habe war konfisziert worden, eine Entschädigung erhielten sie in der Regel nicht, nicht einmal eine finanzielle Unterstützung, wenn sie als ehemalige Lagerhäftlinge bedürftig waren. Was für die Handlungen der Täter während des Stalinismus gilt, trifft auch für die Aktivitäten danach zu: Weder Mitarbeiter des KGB noch Ärzte und Wissenschaftler in den psychiatrischen Kliniken, wo Dissidenten zwangspsychiatrisiert wurden, weder Folterer noch Richter noch Denunzianten sind belangt worden. Es gibt keinerlei juristische Bewertung der Taten, sei es die Stalins oder die eines anderen Täters.

Heute wird in Russland dieses unauslöschlichen Erbes der Geschichte, das hier nicht einmal in Ansätzen angedeutet werden konnte, nur wenig gedacht. Zwar existieren einige lokale Erinnerungsorte und Mahnmale, doch eine zentrale Gedenk- und Dokumentationsstätte, die in Anbetracht des von der Zentrale ausgehenden Terrors notwendig wäre, ist nicht einmal beabsichtigt. Auch sieht sich der Staat nicht veranlasst, die Vergangenheit als eine Verpflichtung zu demokratischem und rechtsstaatlichem Handeln zu betrachten. Was die öffentliche und institutionalisierte Erinnerung angeht, so war sie über mehrere Jahre hinweg die Angelegenheit gesellschaftlicher Gruppen. Mittlerweile aber hat der Staat seine Erinnerungspolitik so angelegt, dass er die öffentliche Erinnerung zu steuern versucht. Seine Strategie ist deutlich: Da die Schrecken der Vergangenheit nicht rundweg geleugnet werden können, werden sie relativiert; auf diese Weise lässt sich auch jegliche Interpretation, die Terror und Gewalt moralisch verwirft, an den Westen zurückreichen, aus dem sie angeblich stammt:

"Problematische Seiten der Geschichte", so Putin, habe es in jedem Staat gegeben, "bei uns weniger als in gewissen anderen." Man solle sich durchaus an "die Ereignisse, die 1937 begannen, erinnern", schlug er vor und übersah in schlechter Tradition die Gewaltgeschichte vor diesem Jahr. "Aber auch in anderen Ländern gab es das [die problematischen Seiten - S. P.] nicht weniger, es war sogar furchtbarer. Jedenfalls haben wir keine Atomwaffen gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt. Wir haben nicht Tausende von Kilometern chemisch verseucht und nicht auf ein kleines Land siebenmal mehr Bomben geworfen als im ganzen Zweiten Weltkrieg zusammen, wie das in Vietnam der Fall war [...] Bei uns gab es keine schwarzen Seiten wie zum Beispiel den Nazismus." Den für die Zivilbevölkerung verheerenden Krieg der Sowjetunion in Afghanistan (1979 - 1985) sowie die beiden ebenfalls äußerst brutal geführten Tschetschenienkriege Russlands nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vergaß er zu erwähnen.

Die Aufarbeitung der Geschichte findet in den Nischen der Gesellschaft statt. Die Gruppe "Memorial" betreibt sie nach wie vor, ganz im Unterschied zu vielen Historikern in den staatlichen Forschungs- und Lehrinstitutionen, die sich für ein patriotisches, die "ruhmreichen" Leistungen des Stalinismus in den Mittelpunkt stellendes Geschichtsbild entschieden haben und sich damit auf der Linie des Staates befinden. Wenn die Historiker von "Memorial" mahnen, neben Auschwitz und Hiroschima gehörten Begriffe wie "1937" (als blutiges Terrorjahr des Stalinismus) und Kolyma (Lagerkomplex in Nordostsibirien, nördlich des Polarkreises, in dem besonders qualvolle Lebens- und Arbeitsbedingungen herrschten) zur Signatur des 20. Jahrhunderts, so wollen sie, anders als Putin, nicht den Mantel des Schweigens über die Verbrechen der Vergangenheit legen, sondern die Dimensionen des Ungeheuerlichen benennen.

Wie sich jedoch eine Gesellschaft, die sich ihrer Geschichte nur wenig erinnern möchte und sich ihrer nur unzureichend bewusst zu werden vermag, wie sich ein Staat, der nicht imstande ist, sich von der Gewaltpolitik seines Vorgängers zu distanzieren und der die wichtige Machtsäule der Geheimpolizei trotz ihrer Geschichte als Organisatorin von Vernichtung beibehält, demokratisch, rechtsstaatlich und zivilgesellschaftlich entwickeln sollen, steht in den Sternen. Im heutigen Russland sind die lebendigen Ansätze der Geschichtsbewältigung aus den Perestrojka-Jahren und danach weitgehend zum Erliegen gekommen. Mit Stalin sollen andere historische Erinnerungen in Verbindung gebracht werden als die hier genannten: der Sieg im Zweiten Weltkrieg und das Imperium.

Auszug aus: Stefan Plaggenborg: Das Erbe: Von der Sowjetunion zum neuen Russland, in: Pleines, Heiko/Schröder, Hans-Henning (Hrsg.): Länderbericht Russland, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2010, S. 29ff.
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