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20.10.2010 | Von:
Prof. Dr. Stefan Plaggenborg

Geschönte Vergangenheit

Inhaftierung in Lagern, Deportation und Erschießungen: Die Geschichte der UdSSR war vor allem unter Stalin von Repressionen geprägt. Die Aufarbeitung findet nur in den Nischen der Gesellschaft statt, eine staatliche Vergangenheitsbewältigung gibt es nicht.
Für viele Sowjetbürger bedeutete der Zusammenbruch der Sowjetunion die Befreiung von einem freiheitsberaubenden, lähmenden und amoralischen System. Mit dem Wandel verbanden sie große Hoffnungen auf mehr Konsum, bessere und größere Wohnungen, die repressionsfreie Ausübung von Grundrechten, politische Partizipation und Abschaffung der Kontrolle durch Partei und KGB. Andere hingegen sahen das Ende der UdSSR als eine schmerzliche Zäsur, deren Konsequenzen sie auch am eigenen Leibe spürten. Präsident Putin unterstützte diese Sicht, als er bedauernd meinte, der Zusammenbruch der Sowjetunion sei die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts gewesen.

Zwar weinten die ehemals zum "Ostblock" gehörigen Polen, Tschechen und Ungarn, die baltischen Völker und die Georgier und so manche Ukrainer sowie die Dissidenten in der Sowjetunion und viele andere dem untergegangenen System keine Träne nach, aber Putins Worte waren Balsam für den verletzten Stolz so mancher ehemaligen Sowjetbürger, welche die plötzlich vorhandene Freiheit als sozialen Niedergang erfuhren und die sowjetischen Propagandaklischees vom Kapitalismus angesichts der nach 1991 einsetzenden wild wuchernden Privatisierung als milde Untertreibungen empfanden. Sie hingen der so genannten guten alten Zeit an, als die UdSSR ein Sechstel der Erdoberfläche bedeckte, als das Sowjetimperium in Osteuropa noch existierte und einige Länder der "Dritten Welt" zum "sozialistischen Weltsystem" zählten, als es Arbeit, Lohn, Ordnung und scheinbar keine Kriminellen gab. Diese Assoziationen eines positiv gefärbten Geschichtsbildes beschwor Putin mit seiner Formulierung herauf.

Der Zynismus in Putins Phrase ist angesichts der Millionen Opfer des Sowjetsystems im eigenen Lande sowie im Ausland kaum zu übertreffen. Was aber ist das Problem? Nichts weniger als die Geschichte des Landes im 20. Jahrhundert.

Das Erbe, welches tief in die Gegenwart hineinreicht, ist die zu wenig aufgearbeitete Geschichte der Gewalt. Die Jahrzehnte zwischen 1917 und 1953 gehören zu den blutigsten in der Geschichte der Menschheit überhaupt. Von Anfang an nahmen Gewalt und Terror epidemische Ausmaße an. Unter Stalin wurden sie schrankenlos. Wenn im heutigen Russland das während der Perestrojka-Periode zerstörte positive Image Stalins wieder aufpoliert wird, dann fällt die Geschichte des von ihm initiierten Terrors dabei unter den Tisch.

Diese Geschichte kann hier nicht wiedergegeben werden. Nur wenige Beispiele seien kurz genannt, welche die zahlenmäßigen Dimensionen der Vernichtung verdeutlichen. Obwohl es unmöglich ist, eine gesicherte Opferzahl zu errechnen, lässt sich nach dem heutigen Kenntnisstand von circa acht Millionen Opfern des Terrors zwischen 1928 und 1941 sprechen. Allein in den Jahren des sogenannten großen Terrors 1937/38 wurden über 1,7 Millionen Menschen verhaftet, ca. 700 000 von ihnen wurden erschossen. Der von Stalin initiierte Geheimbefehl Nr. 00447 vom Juli 1937 legte Erschießungsquoten für einzelne Regionen der Sowjetunion fest. Erhöhungen der Zahl in den Regionen mussten mit Moskau abgestimmt werden. Bei Charkow, Kalinin (Twer) und Katyn wurden auf Beschluss des Politbüros im April und Mai 1940 15.000 polnische Offiziere erschossen, zusätzlich noch einmal 7.305 Polen in Gefängnissen. Von den 108.000 verhafteten polnischen Zivilisten in den nach dem geheimen Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt 1939 bis 1941 annektierten Gebieten wurden 18.000 von Erschießungskommandos getötet.
Als Stalin 1953 starb, saßen rund 2,5 Millionen Menschen in den Lagern (Gulag); Ende der 1930er-Jahre waren es etwa zwei Millionen gewesen. Zusätzlich lebten 1953 circa 2,7 Millionen Menschen (1939: circa 1,2 Millionen) in "Sondersiedlungen", d. h., sie waren dorthin verschleppt worden. Insgesamt sind in der Zeit des Stalinismus (1929 - 1953) etwa 20 Millionen Menschen in den Lagern gewesen. Die Sterblichkeit im Gulag schwankte je nach Region und Periode: Sie lag durchschnittlich bei 4 %. Zwischen 1931 und 1953 zählte die Lager-Hauptverwaltung 1,7 Millionen Tote.

Mit den Zahlen allein ist die Gewaltgeschichte der Sowjetunion nicht erfasst. Zu ihr gehörten auch: Strafverfolgungsorgane, denen die Angeklagten völlig ausgeliefert waren, Prozesse mit fingierten Anklagen, aber realen Verurteilungen, Folter, Denunziationen en masse, völlige Rechtlosigkeit der Angeklagten und Opfer, Zerstörung und Entwertung des Individuums, das gegenüber Willkürentscheidungen der Führungsclique um Stalin und lokaler Potentaten aus Partei, Staatsanwaltschaft und Geheimdienst vollständig schutzlos war. Hinzu kamen die zahlreichen Todeslisten, die Stalin persönlich unterschrieben hat. Zwangsarbeit für Millionen Menschen war Teil des stalinistischen Industrialisierungsprogramms. Gefangene starben nicht nur infolge der Willkür der Lagerverwaltung und Wachen, sondern auch wegen der miserablen Versorgung mit Lebensmitteln.

Zur Gewaltgeschichte gehören weiterhin die Deportation der Polen und Koreaner innerhalb der Sowjetunion bereits vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges, schließlich ganzer Völker nach dem deutschen Überfall, darunter der Tschetschenen, denen Moskau auch nach 1991 noch immer das Selbstbestimmungsrecht vorenthält. Zu den Erscheinungsformen des Antisemitismus nach dem Zweiten Weltkrieg, der sich besonders gegen jüdische Intellektuelle und Künstler richtete, gehört auch das zu Sowjetzeiten andauernde Beschweigen der Vernichtung der europäischen Juden, von denen der größte Opferanteil in Osteuropa lebte.

An all diesen Aktivitäten war die Geheimpolizei an zentraler Stelle beteiligt. Unter der Abkürzung NKWD wurde sie in den 1930er-Jahren zum Synonym des Schreckens. Terror hatte sie schon seit ihrer Gründung im Dezember 1917 (damalige Abkürzung: Tscheka) verbreitet, unter Stalin dann aber in einem bis dahin ungekannten Ausmaß. Diese mörderische staatliche Organisation, die zu den blutigsten gehört, welche die Geschichte jemals hervorgebracht hat, ist zu keiner Zeit abgeschafft, sondern lediglich umbenannt und in einigen Punkten rechtlich und institutionell an die Kandare genommen worden. Der Geheimdienst des heutigen russischen Staates steht in unmittelbarer Nachfolge der staatlichen Terrororganisation in ihren unterschiedlichen Bezeichnungen aus Sowjetzeiten (Tscheka, GPU, OGPU, NKWD, MGB, KGB). Auch der erste postsowjetische Präsident Russlands, Boris Jelzin, löste den Geheimdienst nicht auf. Er suchte ihn zu kontrollieren, inthronisierte dann aber den KGB-Mitarbeiter und zeitweiligen KGB-Chef Putin als seinen Nachfolger. Darin und in dem weiter oben zitierten Ausspruch von Putin kommt die systematische, absichtliche Ausblendung der Gewaltgeschichte der Sowjetunion zum Ausdruck. Von den staatlichen Repressalien, ausgeführt vom KGB in der Zeit nach Stalin, namentlich gegen Dissidenten, und von den damit in Zusammenhang stehenden illegalen Akten und verletzten Menschenrechten ist in der obigen Aufzählung nicht einmal die Rede.

Während der Perestrojka jedoch und einige Zeit danach sah die Lage ganz anders aus als fast 20 Jahre nach dem Zusammenbruch der UdSSR. Nie zuvor durfte so offen über die "weißen Flecken" der sowjetischen Geschichte geschrieben und gesprochen werden. Plötzlich begannen große Teile der Gesellschaft, vorwiegend die Intellektuellen und Künstler, weniger die Historikerzunft, sich der Geschichte zu vergegenwärtigen. So wichtig die Neugier auf die Geschichte in der Öffentlichkeit war, so halbherzig half der Staat bei dem, was im deutschen Sprachgebrauch hölzern "Vergangenheitsbewältigung" genannt wird, wofür es im Russischen keine Entsprechung gibt. Zwar öffnete er die Archive, aber beileibe nicht alle, und er rehabilitierte Opfer des Stalinismus (Leo Trotzki, 1929 in die Emigration gezwungen und 1940 von einem NKWD-Agenten im Exil ermordet, ist bis heute nicht rehabilitiert). Halbherzig waren auch schon die ersten Rehabilitierungen unter Chruschtschow Ende der 1950er, Anfang der 1960er-Jahre gewesen. Kein einziger NKWD-Mitarbeiter wurde jemals zur Rechenschaft gezogen. Das Höchstmaß an Sanktion für einige wenige war die vorzeitige Versetzung in den Ruhestand (mit Pension).
Die Opfer hingegen blieben für immer stigmatisiert: Ihr Leben und ihre Gesundheit waren häufig zerrüttet, ihre Habe war konfisziert worden, eine Entschädigung erhielten sie in der Regel nicht, nicht einmal eine finanzielle Unterstützung, wenn sie als ehemalige Lagerhäftlinge bedürftig waren. Was für die Handlungen der Täter während des Stalinismus gilt, trifft auch für die Aktivitäten danach zu: Weder Mitarbeiter des KGB noch Ärzte und Wissenschaftler in den psychiatrischen Kliniken, wo Dissidenten zwangspsychiatrisiert wurden, weder Folterer noch Richter noch Denunzianten sind belangt worden. Es gibt keinerlei juristische Bewertung der Taten, sei es die Stalins oder die eines anderen Täters.

Heute wird in Russland dieses unauslöschlichen Erbes der Geschichte, das hier nicht einmal in Ansätzen angedeutet werden konnte, nur wenig gedacht. Zwar existieren einige lokale Erinnerungsorte und Mahnmale, doch eine zentrale Gedenk- und Dokumentationsstätte, die in Anbetracht des von der Zentrale ausgehenden Terrors notwendig wäre, ist nicht einmal beabsichtigt. Auch sieht sich der Staat nicht veranlasst, die Vergangenheit als eine Verpflichtung zu demokratischem und rechtsstaatlichem Handeln zu betrachten. Was die öffentliche und institutionalisierte Erinnerung angeht, so war sie über mehrere Jahre hinweg die Angelegenheit gesellschaftlicher Gruppen. Mittlerweile aber hat der Staat seine Erinnerungspolitik so angelegt, dass er die öffentliche Erinnerung zu steuern versucht. Seine Strategie ist deutlich: Da die Schrecken der Vergangenheit nicht rundweg geleugnet werden können, werden sie relativiert; auf diese Weise lässt sich auch jegliche Interpretation, die Terror und Gewalt moralisch verwirft, an den Westen zurückreichen, aus dem sie angeblich stammt:

"Problematische Seiten der Geschichte", so Putin, habe es in jedem Staat gegeben, "bei uns weniger als in gewissen anderen." Man solle sich durchaus an "die Ereignisse, die 1937 begannen, erinnern", schlug er vor und übersah in schlechter Tradition die Gewaltgeschichte vor diesem Jahr. "Aber auch in anderen Ländern gab es das [die problematischen Seiten - S. P.] nicht weniger, es war sogar furchtbarer. Jedenfalls haben wir keine Atomwaffen gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt. Wir haben nicht Tausende von Kilometern chemisch verseucht und nicht auf ein kleines Land siebenmal mehr Bomben geworfen als im ganzen Zweiten Weltkrieg zusammen, wie das in Vietnam der Fall war [...] Bei uns gab es keine schwarzen Seiten wie zum Beispiel den Nazismus." Den für die Zivilbevölkerung verheerenden Krieg der Sowjetunion in Afghanistan (1979 - 1985) sowie die beiden ebenfalls äußerst brutal geführten Tschetschenienkriege Russlands nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vergaß er zu erwähnen.

Die Aufarbeitung der Geschichte findet in den Nischen der Gesellschaft statt. Die Gruppe "Memorial" betreibt sie nach wie vor, ganz im Unterschied zu vielen Historikern in den staatlichen Forschungs- und Lehrinstitutionen, die sich für ein patriotisches, die "ruhmreichen" Leistungen des Stalinismus in den Mittelpunkt stellendes Geschichtsbild entschieden haben und sich damit auf der Linie des Staates befinden. Wenn die Historiker von "Memorial" mahnen, neben Auschwitz und Hiroschima gehörten Begriffe wie "1937" (als blutiges Terrorjahr des Stalinismus) und Kolyma (Lagerkomplex in Nordostsibirien, nördlich des Polarkreises, in dem besonders qualvolle Lebens- und Arbeitsbedingungen herrschten) zur Signatur des 20. Jahrhunderts, so wollen sie, anders als Putin, nicht den Mantel des Schweigens über die Verbrechen der Vergangenheit legen, sondern die Dimensionen des Ungeheuerlichen benennen.

Wie sich jedoch eine Gesellschaft, die sich ihrer Geschichte nur wenig erinnern möchte und sich ihrer nur unzureichend bewusst zu werden vermag, wie sich ein Staat, der nicht imstande ist, sich von der Gewaltpolitik seines Vorgängers zu distanzieren und der die wichtige Machtsäule der Geheimpolizei trotz ihrer Geschichte als Organisatorin von Vernichtung beibehält, demokratisch, rechtsstaatlich und zivilgesellschaftlich entwickeln sollen, steht in den Sternen. Im heutigen Russland sind die lebendigen Ansätze der Geschichtsbewältigung aus den Perestrojka-Jahren und danach weitgehend zum Erliegen gekommen. Mit Stalin sollen andere historische Erinnerungen in Verbindung gebracht werden als die hier genannten: der Sieg im Zweiten Weltkrieg und das Imperium.

Auszug aus: Stefan Plaggenborg: Das Erbe: Von der Sowjetunion zum neuen Russland, in: Pleines, Heiko/Schröder, Hans-Henning (Hrsg.): Länderbericht Russland, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2010, S. 29ff.
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