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21.3.2011 | Von:
Carmen Eller

Trinken bis zum Tod

Über die russische Volksdroge Alkohol und ihre Auswirkungen

Witze über den "Mineralsekretär"

Michail Gorbatschow war der einzige Staatschef in der Geschichte der Sowjetunion, der dem Alkohol in großem Stil den Kampf ansagte. Bereits kurz nach seinem Amtsantritt als Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion im Jahr 1985 unterschrieb er eine entsprechende Verordnung. "Über Maßnahmen zur Überwindung der Trunksucht und des Alkoholismus" hieß das Papier. In seinem Feldzug gegen den Wodka ließ Gorbatschow Alkoholgeschäfte und Wodkafabriken schließen, verbot Alkohol bei Empfängen in den sowjetischen Botschaften im Ausland und ließ Bulldozer über Weinberge im Kaukasus und auf der Krim fahren. Die Anti-Alkoholismus-Kampagne ihres Staatsoberhaupts stieß bei den Russen auf wenig Unterstützung. Im Gegenteil: Die Mehrheit lehnte die Maßnahmen ab.

Die Wut auf den "Mineralsekretär", wie Gorbatschow im Volksmund mit einmal genannt wurde, machte sich auch in Witzen Luft, die in diesen Jahren im Umlauf waren. In seiner "Russischen Apokalypse" zitiert Jerofejew einen solchen; Gorbatschow selbst hatte ihm den Witz einmal bei einem persönlichen Treffen erzählt: "Eine lange Schlange steht um Wodka an. Ein Mann hält es nicht mehr aus und sagt: ´Ich gehe in den Kreml und bringe Gorbatschow um.´ Nach einer Stunde ist der Mann wieder zurück. Die Schlange steht immer noch da. `Hast du ihn umgebracht?`, fragt man ihn. ´Wie soll ich ihn umgebracht haben', antwortet der Mann, ´dort stehen noch mehr Leute Schlange.´"

Alkoholismus war im größten Staat der Welt auch auf der höchsten politischen Ebene immer wieder ein Thema. In der "Russischen Apokalypse" zitiert Jerofejew Gorbatschow mit den Worten: "In meiner politischen Karriere habe ich sehr viel Trunksucht in der Partei erlebt. Breschnew trank, besonders am Anfang. Und Jelzin hat sich bei den Frauen sogar Respekt verschafft, indem er trank: ´Er ist einer von uns!´ Im Westen jedoch hatte man Angst: Schließlich konnte er ja auf den Atomknopf drücken!" Mit Wladimir Putin kam ein neuer Präsidententypus in den Kreml. Der ehemalige KGB-Mann gibt sich enthaltsam und durchtrainiert. Gerne lässt er sich von der Presse beim Angeln, Skifahren oder Reiten ablichten. Auch sein Nachfolger Dmitri Medwedew präsentiert sich mit Vorliebe als sportliches Staatsoberhaupt.

Kampagne gegen Alkoholismus

Um alkoholische Getränke weniger attraktiv erscheinen zu lassen, ist es in Russland verboten, mit Menschen für Bier und Wein zu werben. Statt gut gelaunte Russen mit einem Gläschen unter Freunden zu zeigen, schlagen in den Werbespots deshalb nur Flaschen aneinander oder tanzen auf dem Tresen. Eine Maßnahme, die bislang wenig gefruchtet hat. Der russische Präsident Medwedew bezeichnete den Alkoholismus 2009 als "nationale Katastrophe". Zudem sagte er nach Angaben der Nachrichtenagentur RIA Nowosti bei einem Treffen mit Gesundheitsministerin Tatjana Golikowa: "Wir trinken mehr als in den Neunziger Jahren, als die Zeit wirklich hart war." 2009 forderte auch Gorbatschow in einer Fernseh-Talkshow eine neue Anti-Alkohol-Kampagne für Russland. "Ein Land, das 18 Liter Alkohol pro Kopf und Jahr produziert, vernichtet sich selbst", zitiert das Eurasische Magazin das ehemalige Staatsoberhaupt.

Im Januar 2010 unterschrieb Premierminister Putin einen Plan, der den Alkoholismus bekämpfen und den Wodkakonsum der Russen innerhalb von zehn Jahren halbieren soll. Nach den Vorstellungen der Regierung sollen die Russen bis zum Jahr 2012 15 Prozent weniger Alkohol trinken, bis 2020 soll der Verbrauch um weitere 55 Prozent gedrosselt werden. Der offizielle Mindestpreis für einen halben Liter Wodka wurde gleichzeitig auf 89 Rubel beziehungsweise zwei Euro angehoben. Zudem sagte die Regierung dem illegalen Wodka-Markt den Kampf an: Private Schnapsbrenner sollen künftig schärfer strafrechtlich verfolgt werden. Weitere angekündigte Maßnahmen beinhalten eine bessere medizinische Betreuung für Alkoholiker sowie eine Kampagne, die den Bürgern die schädlichen Auswirkungen des Alkohols vor Augen führen soll.

Als ein Teil dieses Plans warnte das russische Gesundheitsministerium 2010 mit dem "höllischen Eichhörnchen" vor den Folgen übermäßigen Alkoholkonsums. Der knapp einminütige Clip wurde rasch zu einem Hit auf YouTube. Über drei Millionen Menschen haben sich bis heute angesehen, wie ein zerzaustes Eichhörnchen wirre Monologe hält, singt und sich auf dem Boden windet. Es meint, den Teufel getötet zu haben und will diesen Sieg begießen. "Sauft ihr auch?", fragt das unheimliche Tier am Ende des Filmchens. "Dann komme ich zu euch!" Es ist kein Zufall, dass gerade ein halluzinierendes Eichhörnchen von exzessivem Alkoholgenuss abschrecken soll. Denn "belotschka", das "kleine Eichhörnchen" ist auch eine volkstümliche Bezeichnung der Russen für das Alkoholdelirium oder den Säuferwahnsinn.

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