Basilius-Kathedrale

8.10.2012 | Von:
Agnieszka Łada

Analyse: Das Bild des Westens. Russische Ansichten zu Polen und Deutschland

Zusammenfassung

Das Bild des Westens in Russland verändert sich langsam, aber stetig. Das in Deutschland weit verbreitete Klischee, dass die Russen deutschlandfreundlich und polenkritisch sind, trägt nicht mehr. Die Russen sind vor allem russlandkritisch geworden und sehen die westlichen Nachbarn differenziert. Acht Jahre nach der Osterweiterung der EU sind die ersten Auswirkungen der tektonischen Veränderungen in der europäischen Kartenlandschaft auch in der russischen Gesellschaft spürbar geworden. Die Zivilgesellschaft in Russland entwickelt sich weiter. Deutschland ist für die Russen der wichtigste europäische politische und wirtschaftlicher Akteur, aber Polen ist Teil des Westens geworden. Erschütterten noch 2006-7 die polnisch-russischen Konflikte die Beziehungen Russlands zur erweiterten EU, dominieren heute der steigende Handel und die steigende Aktivität der russischen Zivilgesellschaft. Die historischen Verwerfungen spielen eine wichtige Rolle bei der Gestaltung des nachbarschaftlichen Verhältnisses, aber vielmehr zählen die gegenwärtige Entwicklung und wirtschaftliche Interessen. Der Besuch des russischen Patriarchen Kyrill in Polen und der gemeinsame Brief der russisch-orthodoxen und der katholischen Kirche in Polen dokumentieren diese positive Entwicklung. Zwanzig Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion betrachtet die russische Gesellschaft die polnische und deutsche Entwicklung positiver als die im eigenen Lande.
Informeller Trialog des deutschen Außenministers Guido Westerwelle, des polnischen Außenministers Radoslaw Sikorski und des russischen Außenministers Sergey Lavrov am 21. März 2012 in Berlin.Informeller Trialog des deutschen Außenministers Guido Westerwelle, des polnischen Außenministers Radoslaw Sikorski und des russischen Außenministers Sergey Lavrov am 21. März 2012 in Berlin. (© picture-alliance/AP, Michael Sohn)

Polen - wie das Land so die Leute?

Die primären Assoziationen der Russen zu Polen (siehe Tabelle 1 auf S. 13-14) haben nicht mit Politik (14 %) oder Geschichte (9 %) zu tun, sondern allgemein mit dem Land und seiner Bevölkerung (32 %). Erst danach denkt man beim polnischen Nachbarn an seine Wirtschaft (9 %) und Kultur (5 %). Knapp ein Viertel (24 %) der Befragten vermag auf die Frage nach Assoziationen keine Antwort zu geben, während 8 % eingestehen, überhaupt keine Vorstellungen zu Polen zu haben. Die meisten Assoziationen deuten darauf hin, dass in der russischen Gesellschaft ein positives Erscheinungsbild Polens und seiner Einwohner herrscht. Bezüglich der Kategorie "Land und Bevölkerung"findet man folgende Charakterisierungen: Polen ist ein direkter europäischer Nachbar sowie ein Land mit schönen Landschaften, Städten und Naturräumen, die man zu Erholungs- und Tourismuszwecken besucht. Außerdem leben in Polen schöne Frauen. Die Polen selbst gelten unter den befragten Russen als Brudervolk, die "Unseren", "slawische Brüder"sowie als verwandte, sprachlich und mental nahestehende "befreundete Nation". Unter den erwähnten Merkmalen finden sich zahlreiche positive Einschätzungen: gutmütige, wohlwollende Einwohner, gutes und offenherziges bzw. kultiviertes und intelligentes Volk. Abgesehen von ausgesprochen positiven Bewertungen tauchen auch neutrale Meinungen auf, wie z. B. gewöhnliches Land, Volk, Nation, einfache Menschen - sowie einige negative Konnotationen, denen zufolge die Polen ein undankbares, hochmütiges Volk sind, das sich durch Hinterlist und Boshaftigkeit auszeichnet. Unter den polnischen Städten werden vor allem Warschau und Krakau genannt, während man Polen als Nation auch mit Katholizismus und Verwandtschaftsverhältnissen assoziiert. Die Assoziationskategorie "Politik"liegt an zweiter Stelle (14 %), ist aber nicht sehr ausdifferenziert. Es dominieren die Flugzeugkatastrophe von Smolensk und der Tod des polnischen Präsidenten Lech Kaczyński und die Person Lech Kaczyński selbst. Andere Assoziationen werden selten genannt. Unter diesen gibt es sowohl positive Äußerungen, denen zufolge Polen der ehemalige Verbündete Russlands ist, als auch negative Einschätzungen, laut derer sich Polen gegenüber Russland aggressiv und unfreundlich verhält, wobei die beiderseitigen Beziehungen angespannt seien. Weniger, aber zumeist positive Assoziationen haben russische Bürger in Bezug auf die polnische Volkswirtschaft, die man für gut entwickelt hält (9 %). Polen gilt als wohlhabendes Land mit hohem Lebensstandard - mit Waren und Dienstleistungen hoher Qualität. Besonders gerne weisen die Befragten dabei auf Dinge hin, die mit dem äußeren Erscheinungsbild der Menschen zusammenhängen, wie z. B. Kleidung, Mode oder gute Kosmetikartikel. Polnische Erzeugnisse werden als günstig bezeichnet, wobei man auf den alltäglichen Schmuggel derartiger Waren durch "Ameisen"(mrówki) hinweist. Entgegen der Befürchtung, im Erscheinungsbild Polens würden historische Aspekte vorherrschen, stammen lediglich 9 % der Assoziationen russischer Bürger zum polnischen Nachbarland aus dem Bereich Geschichte. Dabei knüpft man sowohl an weit zurückliegende Jahrhunderte (russisch-polnischer Krieg, Militärintervention im 17. Jahrhundert, Iwan Susanin, Pseudo-Dimitri I., Schlacht bei Poltawa), aber auch an die jüngere Vergangenheit - Zweiter Weltkrieg - an. Dabei sind die Assoziationen sowohl positiv (gemeinsamer Kampf/Krieg 1941-1945, "Befreiung"Polens im Jahre 1945), als auch negativ (Katyn - Massenerschießungen polnischer Offiziere). Ferner wird auch daran erinnert, dass beide Staaten in der Vergangenheit zahlreiche Konflikte miteinander ausgetragen haben und verfeindet gewesen sind - wobei ein Teil des polnischen Staates einst vom Zarenreich annektiert wurde (1772-1918). Relativ wenig verbinden russische Bürger mit der polnischen Kultur (5 %). Denn abgesehen vom "Polka«-Tanz nennen sie lediglich die Filme Czterej pancerni i pies [Vier Panzersoldaten und ein Hund] und Tawerna "13 krzeseł"[Die Taverne "13 Stühle"] - und unter den bekannteren Kulturschaffenden Polens Anna German, Barbara Brylska und Fryderyk Chopin. Diese Assoziationen offenbaren, dass Polen bzw. die polnische Nation für die heutigen Russen vor allem als recht sympathisches Nachbarland erscheint. Politische und historische Aspekte stehen eher im Hintergrund. Auch mit der polnischen Kultur weiß man oftmals - trotz der von einigen Befragten deklarierten Kenntnis polnischer Bücher oder Filme - nicht viel anzufangen.

Deutschland - das Musterland der Russen?

Die Assoziationen der Russen zu Deutschland unterscheiden sich von der Wahrnehmung Polens recht deutlich (siehe Grafik 1 auf S. 12). Denn in Bezug auf Deutschland (siehe Tabelle 2 auf S. 15-16) dominieren vor allem historische Reminiszenzen (36 %), die im Falle Polens weitaus seltener sind (9 %). Erst an zweiter Stelle denkt man bei der Bundesrepublik an Land und Bevölkerung (29 %) - übrigens ebenso häufig wie in Hinblick auf Polen. Die Befragten äußerten sich ferner erheblich öfter zur deutschen (20 %) als zur polnischen (9 %) Wirtschaft, während politische Konnotationen eher die Ausnahme bildeten (3 %). Wenn man jedoch die Flugzeugkatastrophe von Smolensk aus der Assoziationskategorie der polnischen Politik herausnimmt, bringen die russischen Respondenten auch Polen weitaus seltener mit politischen Aspekten in Verbindung. Im Gegensatz zum Stichwort "Polen"war bei der Frage nach Deutschland auch die Zahl derjenigen russischen Bürger geringer, die keine Antwort zu geben vermochten oder eingestand, keine Assoziationen zu diesem Thema zu haben (12 %). Die am häufigsten auftauchende Kategorie von Assoziationen, die russische Bürger zu Deutschland haben, betrifft die gemeinsame Geschichte (36 %). Dabei werden vorrangig bestimmte Aspekte des Zweiten Weltkrieges genannt: "Großer Vaterländischer Krieg"/Angriff auf die UdSSR, Faschisten (Faschismus, Nationalismus), Adolf Hitler, Sieg im Jahre 1945, nahestehende Menschen, die im Krieg kämpften oder ums Leben kamen, Konzentrationslager und Kriegsfilme. Dennoch geben die Befragten aber auch Hinweise auf die jüngste deutsche Geschichte in Zusammenhang mit dem Prozess der Wiedervereinigung. Die zweithäufigste Kategorie betrifft Assoziationen zu Deutschland als Land und Bevölkerung (29 %). Die befragten Russen nennen dabei die nach ihrer Ansicht positiven Eigenschaften der Deutschen, wie z. B. Pünktlichkeit, Präzision, Pedanterie (nicht unbedingt positiv bewertet), Ordnungsliebe, Gründlichkeit, Fleiß, Sauberkeit, Disziplin oder Ehrlichkeit. Das deutsche Volk wird als weise, groß und gebildet bezeichnet. Positive Konnotationen zeigen sich in der Einschätzung Deutschlands als politisch stabiles Land mit guter medizinischer Versorgung, hoch entwickelter Demokratie und schönen Städten. Darüber hinaus tauchen neutrale Assoziationen auf, denen zufolge die Bundesrepublik ein großer europäischer Staat ist. Ferner wird Deutschland mit der Wurst, bayerischem Bier und Fußball, aber auch mit Berlin und dem Reichstag in direkte Verbindung gebracht. Positive Assoziationen haben russische Bürger in Bezug auf die deutsche Wirtschaft (20 %), der eine starke Dynamik zugeschrieben wird. Daher hält man Deutschland für ein wohlhabendes Land mit hohem Lebensstandard. Die Befragten nennen in diesem Zusammenhang auch deutsche Automarken, die gut bewertet werden. Deutschland wird ferner mit Technik und Hightech in Verbindung gebracht. Sehr wenig weiß man indessen über die deutsche Politik zu sagen (3 %). Dabei fielen die Schlagworte "freundschaftliche Beziehungen", "Feinde"und der Name von Angela Merkel. Entgegen der weitverbreiteten Meinung, dass die Russen im Allgemeinen Deutschland und seine Kultur kennen, weckt dieses Stichwort bei den Befragten nur sehr wenige Assoziationen. Genannt werden lediglich Johann Wolfgang von Goethe, Johann Sebastian Bach und Ludwig van Beethoven sowie die Kunstgalerie Dresden.


Gesellschaft und Kultur

Das Russlandbild in den deutschen Medien

Putin- und Moskaufixiertheit dominiert die deutsche Berichterstattung über das riesige Land. Gelingt die kritische Darstellung zwischen Selbstinszenierung des Regimes und Lebenswirklichkeit im Land? Es gilt: vor Ort wird meist ein differenziertes Bild gezeichnet. Doch welche Medien können sich sowas überhaupt noch leisten?

Mehr lesen

Opposition activists carry the Ukrainian national flag during an action of protest against the current regime in Kiev, Ukraine, Saturday, May 18, 2013. (AP Photo/Efrem Lukatsky)
Dossier Ukraine

Ukraine

Die Ukraine-Analysen bieten einen aktuellen Einblick in die politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklungen in der Urkaine. Sie machen aktuelles Wissen von Wissenschaft und Forschung verfügbar.

Mehr lesen

Polen-Analysen: Chronik
Dossier: Polen

Polen-Analysen

Die Polen-Analysen widmen dem größten östlichen Nachbarn Deutschlands regelmäßig einen Themenschwerpunkt. Dabei beleuchten sie aktuelle gesellschaftliche und politische Entwicklungen in Polen.

Mehr lesen

Angesichts der Ukraine-Krise wollen einige Nato-Mitglieder den Kurs gegen Russland verschärfen und fordern dauerhafte Truppenstützpunkte in Osteuropa. Zwingt Putin die Nato zu einem Strategiewechsel?

Mehr lesen auf eurotopics.net

Kiew wirft Russland eine Invasion in die Ostukraine vor. Laut Nato-Angaben sollen bis zu 1.000 russische Soldaten auf ukrainischem Territorium operieren. Wer kann Moskau Einhalt gebieten?

Mehr lesen auf eurotopics.net