Basilius-Kathedrale

8.10.2012 | Von:
Agnieszka Łada

Analyse: Das Bild des Westens. Russische Ansichten zu Polen und Deutschland

Im Westen ist es besser als in Russland

Die befragten Russen haben eine bessere Meinung über Deutschland und Polen als über ihr eigenes Land. Besonders gut wird dabei die Bundesrepublik eingeschätzt. Die Bundesrepublik ist nach Ansicht der Russen ein sehr bürgerfreundlicher Staat, der sich laut 92 % der Befragten um das Wohl seiner Bürger kümmert (siehe Grafik 2 auf S. 17). Gegenteilige Meinungen äußern lediglich 2 % der Befragten. In den Augen der Russen ist Deutschland in ökonomischer Hinsicht ein dynamisches Land (siehe Grafik 3 auf S. 17) - 85 % der russischen Bürger meinen, dass sich die deutsche Wirtschaft gut weiterentwickelt (eine andere Auffassung vertreten knapp 4 %). Das positive Erscheinungsbild Deutschlands wird von der Einschätzung der Russen hinsichtlich des niedrigen Korruptionsniveaus unter deutschen Staatsbeamten zusätzlich gefestigt (siehe Grafik 4 auf S. 18). Denn mehr als die Hälfte der Befragten (51 %) geht davon aus, dass Beamtenbestechung in der Bundesrepublik kein weitverbreitetes Problem darstellt. Anderer Auffassung ist ein geringerer Anteil der Befragten (21 %). Diese Ansichten sind seit etlichen Jahren unverändert - in einer einschlägigen Meinungsumfrage von 2008 hielten Deutschland lediglich 2 % der Russen für ein korruptes Land. Besonders positiv wird die Bundesrepublik von den Einwohnern Moskaus und der größten russischen Städte beurteilt. In der Hauptstadt Russlands ist man öfters als in anderen Regionen des Landes der Meinung, dass sich der deutsche Staat um seine Bürger kümmert. Größer ist auch die Zahl der befragten Moskauer, die den Entwicklungsstand der deutschen Wirtschaft für gut halten (93 % im Vergleich zu 85 % der Gesamtbevölkerung). Die Deutschen verkörpern also für die Russen - insbesondere für die Einwohner der größten Städte - ein Musterland an staatlicher Organisationfähigkeit und ökonomischer Funktionstüchtigkeit. Die Ansichten der Russen zu Polen fallen im Vergleich zur Einschätzung Deutschlands weniger schmeichelhaft aus. Dennoch ist das Erscheinungsbild, das sich aus den Antworten der Befragten ergibt, insgesamt positiv. Polen wird ähnlich wie Deutschland als ein Staat wahrgenommen, der sich um seine Bürger kümmert. Diese Auffassung vertreten 67 % der Befragten, 28 % geben eine neutrale Antwort, während negative Meinungen sehr selten sind (5 %). Ähnlich ist die Bewertung der Volkswirtschaft Polens. Knapp die Hälfte der Befragten (46 %) ist der Ansicht, dass sich diese gut weiterentwickelt - eine gegenteilige Meinung vertreten lediglich 15 % der russischen Bürger. Auch in diesem Fall geben die Befragten oftmals die ausweichende Antwort "weder ja noch nein"(39 %). Vieldeutig bleibt indessen die Haltung der Russen zum Thema Korruption unter polnischen Beamten. Knapp die Hälfte der Befragten (41 %) nimmt dabei eine neutrale Position ein, während 15 % der Meinung sind, dass polnische Staatsbedienstete für Bestechungsgelder immun sind. 44 % der russischen Bürger sind hingegen mehr oder weniger davon überzeugt (12 % von ihnen sind sich ganz sicher!), dass unter polnischen Beamten im Allgemeinen Korruption herrscht. Die Frage nach der Bestechlichkeit erwies sich übrigens von allen vier Fragen über Polen als die schwierigste Thematik. Denn 47 % der Russen wählten dabei die Antwort "schwer zu sagen«. Die meisten russischen Bürger schätzen die Situation im eigenen Land sehr negativ ein. Nach Ansicht vieler Befragter kümmert sich der russische Staat nicht um das Wohl seiner Bürger. Darüber hinaus herrsche weithin Korruption, wobei die Zukunftsperspektiven der wirtschaftlichen Entwicklung Russlands stark beschränkt seien. Die Hälfte der Russen (46 %) meint, dass die staatlichen Machthaber für das Schicksal der Menschen im Lande keine Sorge tragen. Allenfalls jeder vierte Befragte (23 %) vertritt eine andere Auffassung. Als außerordentlich wesentliches Problem gilt hingegen die Korruption. Im Blick auf die russischen Staatsbeamten geben die Befragten eine eindeutige Antwort: Vier von fünf Russen (83 %) behaupten, dass russische Beamte bestechlich sind, während lediglich 5 % der Ansicht bestreiten, dass Korruption in ihrem Staat ein Problem darstellt. Trotz den von der gegenwärtigen russischen Regierung in Gang gesetzten "Aufklärungskampagnen"mit dem Ziel, die eigenen Bürger davon überzeugen, dass Russland von der aktuellen Wirtschaftskrise weniger stark betroffen ist wie die nationalen Volkswirtschaften der Europäischen Union, betrachten viele Russen derartige offizielle Mitteilungen eher skeptisch. Über ein Drittel der Befragten (39 %) widerspricht der These, dass die russische Wirtschaft auf einem guten Weg in die Zukunft ist. An deren Wachstumspotential glaubt jedoch weiterhin ein Viertel der Russen (26 %). 35 % der Befragten erklären hingegen, dass sich die einheimische Volkswirtschaft weder gut noch schlecht weiterentwickelt. Interessanterweise rekrutiert sich der größere Anteil derjenigen, die meinen, dass sich ihre Wirtschaft gut weiterentwickelt, aus den jüngsten Altersgruppen (35 % im Vergleich zum Mittelwert von 26 %). Dabei offenbaren die Bürger Moskaus die kritischste Einstellung: Nur 18 % von ihnen glauben an eine positive Weiterentwicklung der einheimischen Wirtschaft (26 % im landesweiten Durchschnitt). Zweifel hegt indessen die Hälfte aller Moskauer (39 % im landesweiten Durchschnitt). Die Einwohner Moskaus stufen auch das Korruptionsniveau der russischen Beamten besonders hoch ein (91 % - landesweiter Durchschnitt 83 %). Diese Umfrageergebnisse stehen sicherlich in Zusammenhang mit den jüngsten öffentlichen Protesten vieler Moskauer Bürger gegen die derzeitigen Machthaber im Kreml.

Russland - Polen - Deutschland

Beim vergleichenden Blick auf die Lage in den drei Staaten stellt sich heraus, dass Polen in den Augen der russischen Befragten den politisch-ökonomischen Standards in Deutschland näher steht als den gegenwärtigen Verhältnissen in Russland. Dies bestätigen die Antworten bezüglich der staatlichen Sorge um das Wohl der Bürger, aber auch die Einschätzung des Wachstumspotentials der polnischen Volkswirtschaft. Auch das Verhältnis der Russen zu Waren polnischer Herkunft weist sicherlich darauf hin, dass Polen in der russischen Gesellschaft zunehmend als Teil der westlichen Welt wahrgenommen wird. Denn ein Fünftel der Befragten fühlt sich durch den Hinweis, dass eine bestimmte Ware in Polen erzeugt wurde, zu deren Kauf ermuntert. Lediglich 8 % der russischen Bürger stößt eine derartige Information eher ab, während es für weit über die Hälfte der Befragten (61 %) keine Rolle spielt, ob ein im Angebot befindliches Produkt aus dem polnischen Nachbarland stammt. Das sich aus der Umfrage ergebende Erscheinungsbild Polens in der russischen Öffentlichkeit weist trotz generell positiver Grundzüge auch einzelne Bereiche auf, in denen Warschau näher an Moskau liegt als an Berlin. Ein bezeichnendes Beispiel bildet dabei die Frage der Bestechlichkeit von Staatsbeamten. Denn nach Ansicht vieler Russen weicht die Situation in Polen von den in Deutschland herrschenden Standards deutlich ab. Die Einschätzung des Korruptionsproblems in Polen mag vielleicht mit der Wahrnehmung Polens als ehemaliges kommunistisches Land zusammenhängen, da dieses Problem in den ehemaligen Ostblockstaaten für gewöhnlich von wesentlicher Bedeutung ist. Andererseits kann Polen hinsichtlich der Lauterkeit der Staatsbeamten nur schwer mit Deutschland konkurrieren, das in den Augen der Russen ein Musterbeispiel für Beamtenethik ist und eher mit Eigenschaften wie Ordnungsliebe in Verbindung gebracht wird. Die Auffassungen der russischen Bürger über das derzeit in Polen herrschende Korruptionsniveau bleiben also recht vage. Nichtsdestotrotz schätzt man die russischen Staatsbeamten noch negativer ein. Obwohl die russischen Bürger ihren Staat zwar überwiegend negativ bewerten, herrschen in Bezug auf die Freiheit der einheimischen Medien positivere Ansichten (siehe Grafik 5 auf S. 18). Knapp die Hälfte der Befragten (42 %) ist der Meinung, dass die Medien in Russland frei sind und die Regierung ungehindert kritisieren dürfen. Ein Drittel der Russen (32 %) hält sich in dieser Frage bedeckt, während jeder Vierte (26 %) der Auffassung ist, dass es keine freien Medien gibt. Diese Umfrageergebnisse mögen vielleicht überraschen, da in Westeuropa oftmals die Überzeugung vorherrscht, dass die russischen Medien überwiegend die Auffassungen der Regierungseliten repräsentieren. Die positiven Einschätzungen hinsichtlich der Medienfreiheit betreffen alle drei Länder der vorliegenden Untersuchung. Im Falle Deutschlands überwiegt der prozentuale Anteil derartiger Ansichten jedoch bei weitem, während sich die Antworten in Bezug auf Polen in etwa die Waage halten: 43 % der Russen meinen, dass die Medien in diesem Land frei sind - und 46 % der Befragten reagieren auf diese Frage mit der Formel "weder ja noch nein«. Erklären lassen sich die divergierenden Ansichten der russischen Bürger in Bezug auf den eigenen Staat und die Medienfreiheit wohl durch die unterschiedlich definierte Medienlandschaft. Denn wenn man unter dem Stichwort "Medien"nicht nur die traditionellen Massenkommunikationsmittel - also Fernsehen oder Rundfunk - versteht, sondern auch die durch das Internet zugänglichen "Neuen Medien"hinzuzählt (Nachrichtenportale, Blogs, Gesellschaftsportale, YouTube usw.), so deckt sich die Wahrnehmung der russischen Medien als unabhängige Quellen der öffentlichen Meinungsbildung mit der tatsächlichen Wirklichkeit in hohem Maße. Die Benutzung des Internets in Russland bleibt von der staatlichen Zensur nämlich weitgehend unbehelligt, so dass auf diesem Wege zahlreiche Materialien und Beiträge publik werden, die Kritik an den derzeitigen Machthabern im Kreml enthalten. Um das Verhältnis der Russen zur Lage der Medien im eigenen Lande besser zu verstehen, muss man näher auf die Antworten der einzelnen Altersgruppen eingehen. Denn an die Unabhängigkeit der Massenmedien in Russland glaubt etwa die Hälfte der jüngsten Befragten (51 %) im Alter von 18 bis 24 Jahren. Beeinflusst wird die Meinungsbildung junger russischer Bürger in erster Linie von modernen, digitalen Informationsquellen. Diese Altersgruppe unterrichtet sich über Polen fünf Mal so häufig wie Landsleute über 54 Jahre mit Hilfe des Internets. Das Internet gilt derzeit in Russland als Kommunikationsmittel, das gegenüber staatlichen Steuerungsbestrebungen oder etwaigen Kontrollen der Regierung weiterhin die größte Immunität aufweist. Weniger Vertrauen zum Internet zeigen hingegen ältere russische Bürger (über 40 Jahre), die beinahe ausschließlich auf traditionelle Medien zurückgreifen. Die kritische Haltung dieser mittleren Altersgruppe liegt wahrscheinlich auch darin begründet, dass man die 1990er Jahre noch gut in Erinnerung hat, als noch ein gewisser Pluralismus in der traditionellen Medienlandschaft herrschte.


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