Basilius-Kathedrale

1.2.2013 | Von:
Felix Hett
Reinhard Krumm

Russlands Traum: Gerechtigkeit, Freiheit und ein starker Staat

83 Prozent der Russen empfinden die Einkommensverteilung in ihrem Land als ungerecht. Dies ergab eine Studie der Russischen Akademie der Wissenschaften und der Friedrich-Ebert-Stiftung. Gegenstand der Umfrage: Der "Russische Traum" oder die Frage, in was für einer Gesellschaft Russlands Bürger künftig leben wollen. Demnach hat soziale Gerechtigkeit für die Mehrheit der Befragten höchste Priorität. Ihr Garant kann nach Meinung vieler nur ein starker Staat sein, der die Rechte der Schwachen gegen die Ansprüche der Starken verteidigt. Im persönlichen Leben wünscht die Mehrzahl der Befragten jedoch keine staatliche Einmischung. Die Qualität einer Demokratie wird weniger an der Achtung politischer als an der Wahrung sozialer und rechtsstaatlicher Grundrechte gemessen.

Protest und Traum

Die Protestwelle, von der Russland im Winter und im Frühjahr dieses Jahres erfasst wurde, hat eines deutlich gemacht: Russlands Bürger werden zu einem immer wichtigeren Faktor in der Politik des Landes. Die Ämter-Rochade zwischen Dmitrij Medwedew und Wladimir Putin, die nunmehr als Ministerpräsident beziehungsweise Präsident Russland führen, galt vielen als eklatante Missachtung des Wählerwillens. Manipulationen bei der Parlamentswahl am 4. Dezember 2012 waren dann nur noch der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte: Die generelle Unzufriedenheit mit den gesellschaftlichen Verhältnissen hatte sich lange aufgestaut. Nun entlud sie sich auf den Straßen Moskaus und anderer Städte. Anzeichen für die wachsende Frustration hatten Soziologen des Moskauer Zentrums für strategische Ausarbeitungen bereits Monate zuvor registriert. Für die Mehrzahl der Beobachter kam jedoch vor allem das Ausmaß der Protestwelle überraschend. Grund genug, Russlands Gesellschaft künftig stärker in den Blick zu nehmen. Der oft gemachte Vorwurf an die Bürgerbewegung lautet: Demonstriert wird nur gegen Putin und die "Partei der Macht" Einiges Russland. Alternative Politikentwürfe habe die Straße nicht zu bieten. Der Vorwurf ist zum Teil berechtigt und zugleich ungerecht. Denn unabhängig organisierte Formen der politischen Willensbildung wurden in den vergangenen Jahren durch den Staat verhindert. Nachdem als Reaktion auf die Proteste die Neuregistrierung von Parteien stark vereinfacht wurde, könnten sich hier in Zukunft neue Möglichkeiten auftun. Nötig ist in jedem Fall eine intensive Debatte über die künftige Ausgestaltung von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund hat die Friedrich-Ebert-Stiftung gemeinsam mit dem Institut für Soziologie der Russischen Akademie der Wissenschaften im Frühjahr 2012 eine Studie zum "Russischen Traum" angefertigt. 1750 Russinnen und Russen in 20 Regionen Russlands – von Archangelsk im Norden bis zum Kaukasus im Süden, von Tula im Westen bis nach Chabarowsk im Fernen Osten des Landes – wurden repräsentativ befragt, in was für einem Land und in was für einer Gesellschaft sie künftig leben wollen. Die Konturen eines russischen Traums, verstanden als Vision einer wünschenswerten Zukunft, sollen im Folgenden knapp nachgezeichnet werden.

Russlands Träume

Die überwiegende Mehrheit der Befragten hat einen Traum: Nur fünf Prozent gaben an, für sie sei das Träumen untypisch, und weitere acht Prozent haben früher geträumt, dieses aber nunmehr aufgegeben. Je höher der sozioökonomische Status der Interviewten, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass diese träumen. Im Umkehrschluss bedeutet dies: Wer nicht träumt, gehört in der Regel den ärmeren Schichten an. Das Fehlen jeglicher Zukunftsträume ist in Verbindung mit einer in dieser Gruppe dominierenden Wahrnehmung zu sehen, dass sich die meisten Lebenspläne nicht realisieren lassen. Hier gibt über die Hälfte an, kaum eine Möglichkeit zu sehen, reich zu werden oder einen prestigeträchtigen Arbeitsplatz zu erhalten. Insgesamt scheint ein gutes Zehntel der Bevölkerung desillusioniert, ohne Hoffnung auf eine Besserung der persönlichen Lebensumstände. Dabei ist wichtig zu bedenken, dass nur Menschen im Alter von 16 bis 55 Jahren befragt wurden. Es ist zu vermuten, dass eine Beteiligung der in Russland vielfach verarmten Rentner an der Umfrage die Gruppe der Desillusionierten erheblich vergrößert hätte. Wenn geträumt wird, dann sind die Träume der russischen Bürger vor allem auf das individuelle Wohlergehen bezogen: Für drei Viertel aller Befragten steht dies an erster Stelle. 40 Prozent wünschen sich Wohlstand, verstanden als die Möglichkeit, Geld auszugeben, ohne jede Kopeke umdrehen zu müssen. 33 Prozent träumen von Gesundheit, 23 Prozent von familiärem Glück und 21 Prozent von einem Eigenheim. Werden die Antworten offen gelassen, sind die Ergebnisse ähnlich: Hier steht die eigene Gesundheit sowie die der Verwandten und Freunde an erster Stelle (43 Prozent), dann folgen Wohlstand (39 Prozent) und das Glück nahestehender Personen (25 Prozent). Romantische Träume wie der, die wahre Liebe zu finden oder berühmt und schön zu werden, werden nur von einer Minderheit geteilt (siehe Grafik 1 auf S. 7). Eine Mehrheit versucht, sich ihre Träume durch eigene Anstrengung zu erfüllen (siehe Grafik 2 auf S. 8). Ein Drittel der Befragten wünscht sich, in einer gerechteren und rationaler aufgebauten Gesellschaft zu leben – dies allerdings nur, wenn die Antwortmöglichkeit durch den Interviewer vorgegeben wird.


Opposition activists carry the Ukrainian national flag during an action of protest against the current regime in Kiev, Ukraine, Saturday, May 18, 2013. (AP Photo/Efrem Lukatsky)
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