Basilius-Kathedrale

22.6.2011

Analyse: Armut in Russland

Arme als neue Unterschicht

Insgesamt belegt die Einkommensstatistik, dass es in Russland nicht mehr um Armut als Folge der Wirtschaftstransformation geht, sondern dass sich vielmehr mittlerweile eine Unterschicht bildet. Die Anwendung unterschiedlichster Methoden zur Einteilung der Unterschicht innerhalb der russischen Bevölkerung gibt als stabilen Kern der Unterschicht etwa 7% der wirtschaftlich aktiven Bevölkerung des Landes an, welche in vielen ihrer Besonderheiten an das Präkariat/die Underclass erinnert. Weitere ca. 7-8% der wirtschaftlich aktiven Bevölkerung bilden die noch nicht deklassierte, »obere« Schicht der Unterschicht und ungefähr den gleichen Anteil macht die Peripherie der Unterschicht aus, d. h. ein bedeutender Anteil derer, die im heutigen Russland für gewöhnlich als einkommensschwach bezeichnet werden. Im Bereich der sich herausbildenden Unterschicht befindet sich so alles in allem ein Viertel der russischen Bevölkerung.

Diese, und vor allem den Kern der Unterschicht, zeichnet primär ein niedriges Ausbildungsniveau aus, ein immer weiteres Abschmelzen ihrer, aus Sowjetzeiten erhalten gebliebenen Besitzstände, schlechte Wohnbedingungen (ca. die Hälfte des Kerns der Unterschicht besitzt nicht einmal eine eigene Familienwohnung) und spezifische Familienmodelle, darunter eine Zunahme an nicht registrierten Ehen (Wohngemeinschaften). Als weitere Merkmale gelten ein großer Frauenanteil, ein niedriges Niveau an Human- und Kulturkapital, ein großer Anteil an Hilfsarbeitern und Arbeitslosen, weit verbreitete Langzeitarbeitslosigkeit und ein schlechter Gesundheitszustand.

Die Arbeitsplätze, die sich Angehörigen dieser sich herausbildenden Unterschicht bieten, zeichnen sich nicht nur durch eine geringe Qualität des Arbeitsinhaltes, ein hohes Entfremdungsniveau oder geringe Bezahlung aus, sondern auch durch eine viel geringere Beständigkeit. Sie bieten den Beschäftigten in den wenigsten Fällen eine soziale Absicherung, noch nicht einmal im Rahmen der durch die russischen Gesetze garantierten Vorgaben. In ca. der Hälfte der Fälle werden weder Krankheits- noch Urlaubsgelder bezahlt (entweder überhaupt nicht, oder nicht im vorgegebenen Umfang), häufig werden die Gehälter auch nicht rechtzeitig ausgezahlt, meist keine offiziellen Arbeitsverträge abgeschlossen, die Arbeitsphasen wechseln sich mit häufigen Phasen der Arbeitslosigkeit ab usw. All diese Erscheinungen waren zu Sowjetzeiten praktisch nicht existent und weder für die Armen jener Epoche noch für die in den 1990er Jahren charakteristisch.

Ihre Situation durch Schlüsselressourcen - wie dem Humankapital - zu verändern, liegt außerhalb der Möglichkeiten der Betroffenen, selbst ihren eigenen Einschätzungen zufolge können sie nötige Bildung und Qualifikationen nicht erreichen. All dies schließt für die überwiegende Mehrheit der Unterschicht die Möglichkeit aus, selbstständig an ihrem Leben etwas zum Besseren zu verändern. Somit geht es bei dieser Gruppe der russischen Bevölkerung nicht mehr nur um eine momentane oder sogar chronische »einkommensbezogene« Armut, wie dies in den 1990er Jahren der Fall war, sondern um ihre Zugehörigkeit zu einer schon in den Prozess der Selbstreproduktion eingetretenen Unterschicht. Hieraus resultiert die Notwendigkeit völlig anderer, und keinesfalls einfacher, sozialpolitischer Maßnahmen im Kampf gegen die Armut in Russland (Reintegration, gezielte Programme für Jugendliche aus den jeweiligen Familien u. a.), die jedoch in Russland bisher noch nicht angewendet werden, wodurch sich die Situation weiterhin verschlechtert.


Russland

Opposition activists carry the Ukrainian national flag during an action of protest against the current regime in Kiev, Ukraine, Saturday, May 18, 2013. (AP Photo/Efrem Lukatsky)
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