Basilius-Kathedrale

22.6.2011

Analyse: Armut in Russland

Einkommensschwache

Als eine weitere Gruppe, die besondere Beachtung bei der Auseinandersetzung mit dem Problem der Armut in Russland verdient, tritt jene bedeutende Gruppe der russischen Bevölkerung auf, welche in Russland heute als einkommensschwach bezeichnet wird.

In entwickelten Marktwirtschaften werden Einkommensschwache nicht als besondere soziale Gruppe betrachtet, da die Einkommensschwachheit einerseits als unmittelbare Folge der Zugehörigkeit zu einem bestimmten beruflichen Status gesehen wird und die Einkommensschwachen, im Unterschied zu den Armen, nicht als Objekt der Sozialpolitik betrachtet werden. Einkommensschwachheit hängt in Russlandnicht direkt mit dem beruflichen Status zusammen, vielmehr spielen Faktoren wie Wohnort, Alter, Haushaltsstand u. a. eine bedeutende Rolle für eine Zugehörigkeit zur Gruppe der Einkommensschwachen. Für diese Gruppe ist die situationsabhängige Armut in höchstem Maße charakteristisch. Der Umfang dieser Gruppe verändert sich deshalb relativ schnell, was die Schwankungen der Armutszahlen in den letzten Jahren zu einem großen Teil erklärt.

In Abhängigkeit von den Besonderheiten dieser Gruppe schwanken die Einschätzungen über den Anteil der Einkommensschwachen an der russischen Bevölkerung sehr stark, belaufen sich jedoch in der Regel auf 20-30%, plus jenem Bevölkerungsteil, der unterhalb der Armutsgrenze eingeordnet wird. Dabei wird, bei Anwendung des sogenannten relativen Verfahrens zur Einschätzung der Armut, die Gruppe der Einkommensschwachen größtenteils zu den Armen hinzu gezählt. Das relative Verfahren basiert auf einem Vergleich der Durchschnittseinkommen der Haushalte mit dem Durchschnittseinkommen der Gesellschaft und wird in westlichen Ländern zur Bestimmung von Armut angewandt. Als arm werden dann Menschen betrachtet, deren Einkommen 50-60% unter dem Durchschnittseinkommen liegt. Aus diesem Grund sind die Einkommensschwachen in Russland eine besondere Untergruppe der Armen, obwohl sie von der russischen Sozialpolitik nicht als solche anerkannt werden.

Die Lebensweise und das Lebensniveau der Einkommensschwachen hat im Vergleich zu den erfolgreicheren Bevölkerungsschichten ausgeprägte Merkmale. Ihr Lebensstandard lässt darauf schließen, dass ihnen ihr Einkommen im Großen und Ganzen ermöglicht, die grundlegenden Bedürfnisse - Ernährung, Anschaffung notwendiger Kleidung - zu befriedigen. Hierin liegt der Unterschied zu jenen, deren Einkommen unterhalb des in Russland festgesetzten Existenzminimums liegt. Gleichzeitig jedoch verlangt die Erneuerung langfristiger Gebrauchsgüter (Kühlschrank, Fernseher u. a.) von ihnen strengstes Sparen in allen anderen Ausgabenbereichen, was ihnen nicht den rechtzeitigen Austausch selbst der einfachsten Haushaltsgegenstände ermöglicht. Die Lebensdauer solcher Neuanschaffungen beträgt in Haushalten diesen Typs ca. 20 Jahre. Jegliche Investitionen in das Humankapital (Bildung für sich oder die Kinder, Krankenbehandlungen, Erholung) erweisen sich hierbei im Prinzip als unmöglich. Von der Mittelschicht unterscheidet sie vor allem das Fehlen jeglicher Ressourcen, auf welche im Falle einer Verschlechterung der Einkommenssituation zurückgegriffen werden kann: »Sicherheitsreserven« fehlen. Dies betrifft rein wirtschaftliche Ressourcen (Immobilien, Ersparnisse), soziale Ressourcen (Möglichkeit, notwendige Beziehungen zu aktivieren) und, in größerem Ausmaß, das Humankapital.

In diesem Zusammenhang sollte hervorgehoben werden, dass sich gleichzeitig mit dem veränderten Bild der Armen auch das Bild der Einkommensschwachen gewandelt hat. In den vergangenen Jahren glich es sich dem traditionellen Bild der ökonomisch Schwachen in entwickelten Marktwirtschaften immer weiter an - im allgemeinen sind dies Rentner, aber auch gering- und unqualifizierte Arbeiter. Wenn man die Zusammensetzung der einzelnen Berufsgruppen betrachtet, so liegt die Wahrscheinlichkeit, in arme und einkommensschwache Schichten abzurutschen, im heutigen Russland nur unter den unqualifizierten Arbeitern, Arbeitslosen und nicht arbeitenden Rentnern über 50%. Dies hängt damit zusammen, dass die Einkommensschwachen im heutigen Russland auf dem Arbeitsmarkt allein ihre physische Arbeitskraft anbieten können, welche wegen der wachsenden Konkurrenz durch Arbeitsmigranten aus Zentralasien und dem Kaukasus unweigerlich ein nicht ausreichendes Einkommen bedeutet.

Gleichzeitig finden sich jedoch unter den Einkommensschwachen nicht wenige (mehr als 10%) Führungskräfte und Spezialisten, die in entwickelten Marktwirtschaften in der Regel gar nicht in diese Schicht fallen würden. Ihr Abrutschen in diese Gruppe ist jedoch nicht zufällig. Erstens haben sie im Durchschnitt ein niedrigeres Ausbildungsniveau im Vergleich zu den erfolgreicheren Vertretern ihrer Berufsgruppen und weniger Studienjahre trotz formell gleichem Ausbildungsniveau. Zweitens konzentrieren sie sich verhältnismäßig häufig im sogenannten »kleinen Russland« (Kleinstädte, Siedlungen städtischen Typs und Dörfer, in denen Einkommensschwache insgesamt viel häufiger zu finden sind). Im Vergleich zur Großstadt ist in der Kleinstadt oder auf dem Dorf die Gefahr für den Spezialisten oder den einfachen Händler viel größer, in die Schicht der Einkommensschwachen abzurutschen.


Russland

Opposition activists carry the Ukrainian national flag during an action of protest against the current regime in Kiev, Ukraine, Saturday, May 18, 2013. (AP Photo/Efrem Lukatsky)
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