Sinti & Roma in Europa

24.2.2014 | Von:
Udo Engbring-Romang

Ein unbekanntes Volk? Daten, Fakten und Zahlen

Zur Geschichte und Gegenwart der Sinti und Roma in Europa

Nationalsozialismus: Rassismus als Staatsdoktrin

Handabdruck, numeriert und mit Namen versehen. (© Paula Bulling)
Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung im Januar 1933 wurden nicht nur die Juden, sondern auch die Sinti und Roma systematisch entrechtet. Gegenüber den Sinti und Roma konnten die Nationalsozialisten zum Teil an die Gesetzgebung und die Verwaltungspraxis des Kaiserreichs und der Weimarer Republik anknüpfen. In den ersten Jahren der NS-Herrschaft wurden die verschiedenen Ländergesetze gegen Sinti und Roma aber weiter verschärft.[8]

1936 wurden Sinti und Roma in den Nürnberger Gesetzen als "Artfremde" aufgenommen und ihnen wurde die Eheschließung mit "Deutschblütigen" verboten: "Artfremden Blutes sind in Europa regelmäßig nur Juden und Zigeuner", hieß es im offiziellen Kommentar.[9] Seit 1936 begannen einige deutsche Städte Internierungslager für Sinti und Roma einzurichten, so in Berlin, Düsseldorf oder Frankfurt.

Ab 1938/39 wurde ein kriminalpolizeilicher Apparat aufgebaut, der eigens der "Zigeunerbekämpfung" diente. Er erstreckte sich von der "Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens" in Berlin bis hinunter zu den Ortspolizeibehörden.
Die institutionellen Voraussetzungen für eine reichseinheitliche Unterdrückung der Sinti und Roma waren gegeben.[10]


Systematische Verfolgung

Am 8. Dezember 1938 begründete Heinrich Himmler in seinem Runderlass die weiteren Verfolgungsmaßnahmen gegen die in Deutschland lebenden Sinti und Roma. Himmler verlangte eine "Regelung der Zigeunerfrage aus dem Wesen dieser Rasse heraus".[11]

Mit dem Festsetzungserlass vom 17. Oktober 1939 wurde den Sinti und Roma jede Bewegungsfreiheit genommen. Die Betroffenen wurden an den Orten, an denen sie sich zu den Stichtagen aufhielten, festgesetzt. Familien wurde so auseinandergerissen. Ein Verwandtenbesuch außerhalb des Wohnsitzes musste behördlich beantragt und genehmigt werden. Jede Übertretung der Festsetzung konnte sofort mit der Einweisung in ein Konzentrationslager bestraft werden. Organisierte Vertreibungen von Sinti und Roma hatte es zuerst im Sommer 1938 gegeben, als einige Hunderte Sinti und Roma aus dem deutschen Südwesten – ohne Ziel – nach "Osten" verschoben wurden.

Im Mai 1940 wurden etwa 2.800 Sinti und Roma aus Norddeutschland, dem Rheinland und dem deutschen Südwesten nach Polen deportiert. Dies sollte der Beginn der Deportation aller Sinti und Roma aus Deutschland und Österreich sein. Die Mehrheit der Deportierten wurde im Generalgouvernement, dem besetzten Polen, unter SS-Bewachung in Zwangsarbeiterkolonnen zusammengefasst und zum Bau von Militäreinrichtungen oder KZs genötigt und auch interniert. Die Deportationen wurden nach wenigen Wochen eingestellt. Aber die deutschen Behörden hatten bewiesen, dass sie in der Lage waren, innerhalb kürzester Zeit viele Menschen "geordnet" zu deportieren.[12][13]


Der Völkermord

Die Erinnerung an den nationalsozialistischen Völkermord ist für viele Roma und Sinti als kollektives Trauma von größter Bedeutung. Im September 1942 wurde der Völkermord beschlossen. Gemäß einem Befehl von Heinrich Himmler vom 16. Dezember 1942 sollten schließlich die Sinti und Roma aus Deutschland und angrenzenden Staaten in das Vernichtungslager Auschwitz verschleppt werden. Mit dem Schnellbrief vom 29. Januar 1943 verfügte das Reichssicherheitshauptamt die Deportation. Seit Ende Februar/Anfang März 1943 wurden Sinti und Roma verhaftet, an Sammelstellen zusammengeführt und dann in Zügen der Reichsbahn nach Auschwitz deportiert. Doch nicht alle deutschen Sinti und Roma wurden nach Auschwitz deportiert. Sinti und Roma, die mit sogenannten "Deutschblütigen" verheiratet waren, blieben von der Deportation ausgenommen. Sie wurden in der Regel – wie auch die meisten ihrer Kinder – zwischen 1943 und 1945 sterilisiert. Gemäß einem ergänzenden Erlass des Reichsministers des Inneren vom 26. Januar 1943 wurde das Eigentum der nach Auschwitz verschleppten Personen für den deutschen Staat eingezogen.[14]

Im "Zigeunerfamilienlager" in Auschwitz-Birkenau wurden etwa 23.000 Menschen zusammengepfercht. 20.078 der dort registrierten Sinti und Roma wurden ermordet. Von April bis Juli 1944 wurden die noch arbeitsfähigen Sinti und Roma in die KZs Buchenwald, Ravensbrück und Flossenbürg überstellt und dort zur Sklavenarbeit ("Vernichtung durch Arbeit") gezwungen. Insgesamt wurden etwa 70 Prozent aller deutschen Sinti und Roma ermordet.[15]

Die meisten Roma wurden in Südost- und Osteuropa, vor allem in der besetzten Sowjetunion, von Einsatztruppen oder von Mitgliedern der Wehrmacht, zum Teil von Kollaborateuren der mit Deutschland verbündeten Staaten, ermordet. Insgesamt liegt die Opferzahl der europäischen Sinti und Roma bei etwa einer halben Millionen Menschen.


Sinti und Roma in Deutschland

Zwischen 70.000 bis 150.000 Sinti und Roma leben heute in der Bundesrepublik Deutschland. Die genaue Zahl ist nicht bekannt, da es keine offiziellen Erhebungen gibt; die Zahlen beruhen auf Schätzungen der verschiedenen Sinti- und Roma-Verbände.[16] Die Sinti sind als Gruppen im 14./15. Jahrhundert nach Mitteleuropa und Deutschland, die Roma im 19. Jahrhundert nach der Aufhebung der Leibeigenschaft in Ost- und Südosteuropa eingewandert. Weitere Roma-Gruppen sind einmal in den 1960/70er-Jahren als sogenannte Gastarbeiter, vor allem aus dem damaligen Jugoslawien gekommen, zudem oft als Flüchtlinge nach dem Zerfall Jugoslawiens in der 1990er-Jahren und schließlich als EU-Binnenwanderer nach 2004, als die weiteren ostmitteleuropäischen und südosteuropäischen Staaten in die EU aufgenommen wurden.

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Weiterführende Links:


Roma im neuen Europa

EuropaEuropa (© Paula Bulling)


Von den acht bis zwölf Millionen Roma Europas leben die meisten im Osten und Südosten Europas. Nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Gesellschaftssysteme verloren Roma eher als andere Menschen ihre Arbeit und gerieten dadurch noch stärker in Armut als große Teile der jeweiligen Mehrheitsbevölkerung.

Eine Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) von 2009 bestätigt ältere Untersuchungen, nach denen Roma die am stärksten diskriminierte Gruppe in Europa sind. Etwa die Hälfte der Befragten berichteten von Diskriminierungserfahrungen. Antiziganistische Zuschreibungen, Ressentiments und Vorurteile werden benutzt, um den Ausschluss aus der Gesellschaft zu rechtfertigen.[17]

Quellentext

Diskriminierungserfahrungen werden nicht gemeldet

Von den 3 500 in sieben Mitgliedstaaten für die EU-MIDIS-Erhebung befragten Roma haben 1 641 angegeben, sich in den vorangegangenen 12 Monaten diskriminiert gefühlt zu haben, und 1 282 von ihnen haben dies nirgendwo gemeldet.

Quelle: Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA), 2009

Die Europäische Union hat selbst die Roma-Frage auf die Tagesordnung gesetzt: Die Verbesserung der Lebensgrundlagen der Roma sei ein Gradmesser für den selbstgestalteten Anspruch auf Humanität. Die Lage vieler Roma in den Staaten der Europäischen Union wie auch außerhalb der EU, zum Beispiel in Serbien, Mazedonien oder im Kosovo, ist äußerst prekär. Armut und soziale Isolation, Chancenlosigkeit und gesellschaftliche Ausgrenzung prägen den Alltag vieler europäischer Roma. Ihre Lebenserwartung ist geringer, da sie kaum Zugang zur Gesundheitsversorgung haben, viele Roma-Kinder gehen nicht oder unregelmäßig zur Schule oder werden in Sonderschulen abgeschoben.

Neben der schwierigen humanitären Lage werden Sinti und Roma in Ländern wie Ungarn, Italien, Tschechien, aber auch Deutschland immer wieder zur Zielscheibe rassistischer Hetze rechtspopulistischer Gruppierungen bis hin zur gewaltsamen Bedrohung ihres Lebens.[18]

Die Staaten der EU haben 2009 ein Europäisches Forum für die Inklusion der Roma organisiert, das die EU, die nationalen Regierungen, internationale Organisationen und Vertreter der Roma zusammenführen sollte. Nationale Strategien mit dem Zieljahr 2010 wurden von allen Staaten der Europäischen Union verlangt und nur zum Teil geliefert. Der Bericht der Bundesrepublik Deutschland wurde 2011 veröffentlicht.


Selbstorganisationen und Anerkennung der Roma und Sinti



Seit Beginn der 1970er-Jahre organisierten sich Roma und Sinti weltweit, um gegen Diskriminierung aufzutreten, die Verbrechen des Nationalsozialismus bekannt zu machen, Entschädigungen zu fordern, ihre Rechte und ihre Kultur zu fördern und zu schützen.[19]

In einigen Staaten der Europäischen Union sind die Roma und Sinti als nationale Minderheiten anerkannt und seit 1995 in das Europäische Rahmenübereinkommen zum Schutz und zur Förderung nationaler Minderheiten einbezogen. Die konkrete Umsetzung obliegt aber den Einzelstaaten beziehungsweise in der Bundesrepublik Deutschland den Ländern. In Schleswig-Holstein wurden die Sinti und Roma nach Dänen und Friesen in die Landesverfassung aufgenommen 20, in Baden-Württemberg wurde am 28. November 2013 vom Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann und dem Landesvorsitzenden Daniel Strauß erstmals in der Bundesrepublik Deutschland ein Staatsvertrag zwischen dem Land und dem Verband Deutscher Sinti und Roma unterzeichnet.



Fußnoten

8.
Zimmermann, Michael: Rassenutopie und Genozid. Die nationalsozialistische "Lösung der Zigeunerfrage". Göttingen 1996; Beispiel für Regionalgeschichtliche Forschung: Engbring-Romang, Udo: Die Verfolgung der Sinti und Roma in Hessen zwischen 1870 und 1950. Frankfurt am Main 2001; Fings, Karola / Opfermann, Ulrich F. (Hrsg.): Zigeunerverfolgung im Rheinland und in Westfalen 1933 - 1945. Paderborn u. a. 2012
9.
Schreiben des Reichsinnenministers vom 3. Januar 1936. Abgedruckt in: Rose, Romani: (Hrsg.): "Den Rauch hatten wir täglich vor Augen ..." Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma, Heidelberg 1998
10.
Zimmermann, Michael: Rassenutopie und Genozid. Die nationalsozialistische "Lösung der Zigeunerfrage". Göttingen 1996
11.
Runderlass des Reichsführers SS und Chefs der deutschen Polizei im Reichsministerium des Innern zur Erfassung der Sinti und Roma, 8. Dezember 1938 abgedruckt bei: Vorbereitung und Durchführung der Deportationen in Konzentrations- und Vernichtungslager 1938 bis 1944 auf: www.digam.net/?str=213, siehe dort auch weitere Dokumente. Der Schnellbrief zur Deportation 1943 ist abgedruckt bei: Engbring-Romang, Udo: Verfolgung (s. Anm. 14)
12.
Zimmermann, Michael: Rassenutopie und Genozid. Die nationalsozialistische 'Lösung der Zigeunerfrage'. Göttingen 1996
13.
Internetausstellung mit Dokumenten aus dem Hessischen Staatsarchiv Marburg www.digam.net/?str=213
14.
Engbring-Romang, Udo: Die Verfolgung der Sinti und Roma in Hessen zwischen 1870 und 1950. Frankfurt am Main 2001
15.
Die in Auschwitz zurückgehaltenen Sinti und Roma wurden in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 ermordet. Eine kleinere Gruppe von jugendlichen Sinti und Roma, die im Juli nach Buchenwald verbracht worden war, dort als "arbeitsunfähig" eingestuft worden war, wurde im Oktober 1944 nach Auschwitz zur Ermordung zurücktransportiert. Engbring-Romang, Udo: Die Verfolgung der Sinti und Roma in Hessen zwischen 1870 und 1950. Frankfurt am Main 2001
16.
Open Society Institute: Monitoring des Minderheitenschutzes in der Europäischen Union: Die Lage der Sinti und Roma in Deutschland. Göttingen 2003
17.
Agentur der Europäischen Union für Grundrechte: Erster Bericht der Reihe: Daten kurz gefasst. Die Roma. 2009 http://fra.europa.eu/sites/default/files/fra_uploads/413-EU-MIDIS_ROMA_DE.pdf
18.
Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg: Dokumentation. Antiziganismus in Europa. Erscheinungsformen. Auswirkungen. Gegenstrategien. Stuttgart 2013
19.
bspw. Rose, Romani: Bürgerrechte für Sinti und Roma. Das Buch zum Rassismus in Deutschland. Heidelberg 1987
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Autor: Udo Engbring-Romang für bpb.de
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