Abgrenzung von Räumen ist zweckgebunden
Drei Fragen an Hans-Dietrich Schultz
Weder geografisch, noch kulturell gibt es eine einheitliche Auffassung über die Ausdehnung Europas – so Hans-Dietrich Schultz. Wie kann man also die Frage nach Europas Grenzen beantworten?Wo verlaufen Europas Grenzen?
Räume sind nicht, Räume werden gemacht, das gilt selbst für solche Räume wie die klassischen Kontinente, die angeblich von der Natur vorgegeben sind und sich, weil dies so in der Schule gelernt wurde, schon bei einem "Blick auf die Karte" wie von selbst aufdrängen. Die Geschichte der Geographie zeigt dagegen, dass Europa von Geographen in ganz unterschiedlicher Ausdehnung propagiert wurde. So schwankte die Ostgrenze zwischen dem 25. und 100. Breitengrad ö.L. [östliche Länge; Anm. d. Red.] hin und her, je nachdem, ob Russland überhaupt und wenn ja, wie viel von ihm dazugehören sollte oder nicht. Auch für die Süd- und Südostgrenze existieren weit auseinander gehende Varianten. Immer hat es Auffassungen gegeben, die Bosporus und Dardanellen übersprangen. Im Extremfall wurden große Teile Nordafrikas und Vorderasiens mit dem nördlich des Mittelmeeres gelegenen Raum zu einem "Groß-Europa" vereint, so wie überhaupt der gesamte Mittelmeerraum von Geographen als ein einheitlicher Erdraum von besonderer Individualität aufgefasst wurde.
Aber auch im Norden und Westen liegt die "geographische" Begrenzung nicht einfach durch die Wassergrenze fest, obwohl dies in den Geographie-Schulbüchern gerne behauptet wird; denn wenn Kontinente große, von Wasser umgebende Landmassen sein sollen, fallen entweder alle Inseln, die eine bestimmte, festzulegende Größe unterschreiten, aus dem Begriff heraus, oder sie müssen den Kontinenten zugeordnet werden. Letzteres wurde praktiziert, wobei die unterschiedlichsten Kriterien herangezogen wurden, darunter die politische Zugehörigkeit oder die Molluskenfauna, was nur die Willkürlichkeit dieser Art von Abgrenzung belegt. Geographen haben jedoch nicht nur einfache physische, aus Gestalt und Relief abgelesene Grenzen herangezogen, die nach dem üblichem Sprachgebrauch von Nicht-Geographen als die geographischen gelten, sondern auch eine Kombination von natürlichen und kulturellen Merkmalen. Europa reicht dann so weit, wie eine bestimmte konkrete Natur auf bestimmte (europäische) Weise zu Lebensräumen umgestaltet wurde.
Eine einheitliche Auffassung über die Ausdehnung dieses kulturell bestimmen Europas gibt es jedoch ebenso wenig wie über das rein physische. Kurzum, aus den Europabegriffen der Geographen lässt sich nicht ableiten, wie weit Europa reicht, so verführerisch einigen an der Türkei-Debatte Beteiligten das Schul-Europa erscheint. Für die moderne Geographie ist klar, dass die Abgrenzung von Räumen zweckgebunden ist und es ebenso viele Räume wie Zwecke gibt. Solche Raumkonstrukte sind weder "richtig" noch "falsch", sondern brauchbar oder unbrauchbar. Das klassische geographische Europa bietet keine Entscheidungsgrundlage, weil die Begrenzung des politischen Europas eine politische Frage ist, die auch mit politischen Argumenten entschieden werden muss, wenn man einen Kategorienfehler vermeiden will. Es können also, wenn dies politisch gewollt ist, auch Staaten zum EU-Europa gehören, die nach den üblichen Konventionen auf einem anderen Kontinent liegen.
Wenn Sie die politische Entwicklung der Türkei im 20. Jahrhundert betrachten: Wo sehen Sie Unterschiede beim Vergleich mit anderen EU-Staaten, wo Übereinstimmungen?
Der Staatsgründer der modernen Türkei, Mustafa Kemal Atatürk, hat den territorialen Kern des osmanischen Staates, der komplett vor der Auflösung stand, in siegreichen Abwehrkämpfen gerettet und ihn in umstürzenden Reformen, die alle politischen, ökonomischen, kulturellen, religiösen und gesellschaftlichen Bereiche des Lebens betrafen, fast vollständig umgekrempelt. Die neue demokratisch-republikanische Basis des türkischen Staates hat sich, obwohl sie gewaltförmig als "Revolution von oben" über die Menschen kam, bislang als erstaunlich überlebensfähig und einigermaßen stabil erwiesen. Innerhalb kurzer Zeit stellten sich auch wirtschaftliche und soziale Erfolge ein. Ein vergleichbar radikaler Bruch mit dem Hergebrachten ist m.E. in den EU-Staaten ohne Beispiel. Allerdings wurde die Masse der ländlichen Bevölkerung innerlich nicht "mitgenommen". Die mühselige Trennung von Religion und Staat, die zu den Errungenschaften des christlichen Europa gehört und auch nicht über Nacht kam, ist in der Türkei bei weitem noch nicht tief genug verankert, um vor der Gefahr einer Entsäkularisierung gefeit zu sein. Der gegen die europäische Entwicklung gerichtete Islam islamistischer Prägung gewinnt in der Türkei aufgrund der beschleunigten wirtschaftlichen und sozialen Dynamik und der dadurch hervorgerufenen Existenzprobleme an Boden und kann an die traditionellen Mentalitäten der von der laizistischen Entwicklung wenig berührten Teile der ländlichen und vom Lande abgewanderten städtischen Bevölkerung mühelos anknüpfen.
Die Rolle des türkischen Militärs in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft und seine Privilegien sind mit den demokratischen Strukturen und Gepflogenheiten der EU-Staaten nicht vereinbar, doch mag daran erinnert werden, dass einige EU-Staaten selbst noch vor nicht allzu langer Zeit durch Militärdiktaturen gekennzeichnet waren und die Regierung eines Gründungsmitgliedes bis vor kurzem sich nicht eben demokratisch gebärdete. Die repressive Art und Weise der kemalistischen Modernisierung durch Europäisierung hat zudem die Entwicklung der Menschen in der Türkei zu eigenständigen, die Autoritäten hinterfragenden Individuen erschwert oder blockiert: Noch immer dominieren repressive Vermittlungsformen, autoritäre Leitbilder und patriarchalische Verhaltensweisen. Hier haben die westeuropäischen Gesellschaften in den letzten Jahrzehnten eine deutlich andere Entwicklung genommen, die durch Stichworte wie Emanzipation von unbegründeten Gehorsamsansprüchen, Selbstbestimmung des eigenen Lebens und Toleranz gegenüber anderen Lebensweisen in ihrer Grundtendenz charakterisiert sind. Dazu gehört auch, das Religion eine Angelegenheit des Individuums ist und nicht des Staates, wie es der Islamismus will.
Mit der EU-Mitgliedschaft der Türkei würde Europa an Syrien, Iran, Irak, Armenien und Georgien grenzen. Wie schätzen Sie die damit verbundenen Chancen und Risiken ein?
Die Türkei hat als NATO-Mitglied bisher ihre Loyalität zum Bündnis bewiesen, so wie umgekehrt die NATO-Staaten, wozu die große Mehrheit der EU-Mitglieder zählt, dies im Falle einer Aggression gegen die Türkei auch tun müssten, wenngleich es eine automatische militärische Beistandspflicht nicht gibt. EU-Staaten wären also an den besagten Grenzen von einem durch die Türkei nicht selbst herbeigeführten Konflikt schon jetzt betroffen. Warum also sollten die für die EU neuen Außengrenzen eine völlig neue Situation gegenüber der bisherigen ergeben? Es kommt hinzu, dass die EU ohnehin in diesem konfliktreichen Raum des Nahen Ostens präsent ist und ihre Sicherheit nicht unabhängig von dem Geschehen dort ist. Möglicherweise aber würden sich die Chancen zu einem Dialog mit der arabisch-islamischen Welt verbessern, wenn durch die Vollmitgliedschaft der Türkei in der EU deutlich würde, dass Islam, Demokratie und bestimmte westliche Werte sich nicht prinzipiell ausschließen. Eine nicht zuletzt aufgrund ihrer Wasserressourcen als regionale Großmacht im Nahen Osten auftretende Türkei könnte, voll eingebunden in die EU, sehr viel nachdrücklicher eine friedenssichernde Rolle im Nahen Osten spielen.
Allerdings sollte vor einer Vollmitgliedschaft der Kurdenkonflikt weiter entschärft werden. Hier würde der Türkei ironischerweise zugemutet, die Idee vom homogenen Nationalstaat, der eine europäische "Erfindung" ist, zugunsten regionaler Autonomie aufzugeben. Eigeninteressen der Türkei gegenüber den zentralasiatischen Turkstaaten stehen dagegen einer Mitgliedschaft nicht unbedingt im Wege, solange diese nicht im Widerspruch zu EU-Interessen stehen. Große Einflussmöglichkeiten hat die Türkei angesichts des russischen, teils auch iranischen Druckes auf diese Staaten und der fehlenden direkten Verbindung zu ihnen sowieso nicht. Ob die Versorgung der EU mit Öl und Gas aus dem iranischen Raum und vom Kaspischen Meer durch einen EU-Beitritt der Türkei sicherer würde, ist schwer zu sagen. Bisher hat sie jedenfalls ihre Position als Transitland nicht als Druckmittel eingesetzt.
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- Die europäische Debatte
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