Flaggen - Türkei und Europa

Europa ist ein Konstrukt – die Türkei gehört dazu

Drei Fragen an Meliha Benli Altunişik


14.5.2006
Die Türkei ist das einzige Land in der muslimischen Welt, das auch die kulturellen Aspekte der Modernisierung übernommen hat, meint Meliha Benli Altunisik. Sie gehöre zu Europa.

Professor Meliha Benli AltunisikProfessor Meliha Benli Altunisik
Wo verlaufen Europas Grenzen?

Es gibt keine natürlichen Grenzen. Regionen werden konstruiert und politisch bestätigt, und ihre Grenzen verändern sich mit der Zeit. In der Zeit des Kalten Krieges meinten die Leute, wenn sie über Europa redeten, lediglich Westeuropa. Im Mittleren Osten haben wir das gleiche Problem: Wo sind die Grenzen des Mittleren Ostens? Im Moment reden alle vom "größeren" Mittleren Osten, aber wo beginnt er, und wo endet er? Diese Fragen sind normal, und wir sollten uns von ihnen nicht gestört fühlen. Wir sollten uns aber auch nicht zu sehr auf sie beschränken. Grenzen mögen sich mit der Zeit verändern. Nehmen wir Zypern: Historisch gesehen war Zypern Teil von Anatolien und Teil des Mittleren Ostens, und nicht wirklich ein Teil von Europa. Aber jetzt ist es Teil Europas und der Europäischen Union. Wie ich schon sagte: Diese Dinge werden sich im Laufe der Zeit ändern, sie sind nicht fixiert. Deswegen plagen mich Fragen über Europas Grenzen auch nicht sonderlich. Europa ist ein historisches und politisches Konstrukt. Es gibt nicht das eine, abgespaltene Europa. Und für mich gehört die Türkei zu Europa.

Wenn Sie die politische Entwicklung der Türkei vor allem im 20. Jahrhundert betrachten: Wo sehen Sie Unterschiede beim Vergleich mit anderen EU-Staaten, wo Übereinstimmungen?

Die Türkei ist das einzige Land in der muslimischen Welt, das auch die kulturellen Aspekte der Modernisierung übernommen hat. Die Geschichte der türkischen Verwestlichung ist eine lange Geschichte und ich bin der Ansicht, dass die Türkei ihr Projekt, Mitglied der Europäischen Union zu werden, als Teil ihrer eigenen Geschichte sieht. Es ist sozusagen eine Fortsetzung dieser Geschichte. Aus dieser Perspektive ist festzuhalten, dass sich die Türkei in Richtung aller Normen und Prinzipien entwickelt hat, die in Europa über die Jahrunderte hinweg eine Rolle spielten und heute noch spielen. Die politische Geschichte Europas bzw. die jeweiligen politischen Geschichten und Geschichtsschreibungen sind sehr unterschiedlich. Man kann die britische Geschichte nicht mit der Geschichte Griechenlands oder der Tschechischen Republik vergleichen. Es gibt in Europa so viele verschiedene politische Geschichten und Institutionen, aber alle entwickeln sich auf ein gemeinsames Ziel hin. Dieses gemeinsame Ziel heißt: Einen Raum zu schaffen, der auf Demokratie, Menschenrechten, dem Prinzip des freien Marktes und Frieden gründet. Das ist ein Kernelement der Europäischen Union und der europäischen Integration. Die Entwicklung der türkischen Politik geht genau in diese Richtung. Deswegen ist sie schon um ihrer selbst Willen von Bedeutung, unabhängig davon, ob es zu einer Mitgliedschaft kommt.

Mit der EU-Mitgliedschaft der Türkei würde Europa an Syrien, Iran, Irak, Armenien und Georgien grenzen. Wie schätzen Sie die damit verbundenen Chancen und Risiken ein?

Ich weiß, dass es in Europa eine große Angst davor gibt, Nachbar dieser Länder zu werden. Ich verurteile Europa deswegen nicht, denn wir in der Türkei sind seit vielen Jahren Nachbar dieser Länder und kennen die damit verbundenen Probleme. Aber ich sehe das Problem differenziert, denn: Selbst wenn die Türkei kein EU-Mitglied werden und die EU nicht an diese Länder grenzen sollte, kann sie dennoch nicht den Problemen entkommen, die in dieser Region ihren Ursprung haben. Probleme wie Einwanderung und Instabilität beeinflussen die EU bereits. Falls die Türkei kein Mitgleid werden sollte, könnte es sein, dass diese Instabilität auf sie übergreifen könnte. Dann würde die EU an eine instabile Türkei grenzen. Deswegen kann die Flucht vor diesen Problemen nicht die Antwort sein. Die EU sollte Mechanismen entwickeln, um der Instabilität in dieser Region zu begegnen. Meiner Meinung nach ist es sehr wichtig für die EU, die Rolle einer Weltmacht zu spielen. Alles, was im Mittleren Osten passiert, hat Auswirkungen auf Europa. Mit der Aufnahme der Türkei könnte die EU jedoch wesentlich effektivere Mechanismen entwickeln, um mehr Stabilität in dieser Region zu schaffen.

Das Interview entstand auf der Konferenz "The Importance of Being European: Turkey, the EU, and the Middle East" vom 13. - 15. Mai 2006 in Berlin.


 

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