Die junge Generation wird profitieren
Drei Fragen an Ali Çarkoglu
Eine demokratische Umgebung fördere den Anpassungsprozess der Türkei an Europa. Insbesondere Jugendliche sollten laut Ali Çarkoglu für das Projekt Europa mobilisiert werden, da diese von der EU profitieren werden.Um welche Fragen dreht sich die Debatte um den EU-Beitritt in der Türkei selbst?
In der der Türkei gibt es eine naive Vorstellung über den ökonomischen Nutzen, den eine EU-Mitgliedschaft einbringen würde. Die Menschen dort glauben, dass sie von einer EU-Mitgliedschaft zum einem wirtschaftlich profitieren würden, und dass sie zum anderen eine Verbesserung der demokratischen Praxis bringen wird. Aber ich denke, dass der Aspekt der Demokratiesierung einer EU-Mitgliedschaft in der Debatte weiter an Bedeutung gewinnen wird, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass sich die türkische Ökonomie in den letzten Jahren stabilisiert hat. Tatsächlich gilt die Aufmerksamkeit der Menschen im Moment den demokratischen Verbesserungen, die auf der anderen Seite auch eine Verbesserung vor allem der Situtation der Kurden bedeutet. Auf Gesetzesebene hat sich dort schon sehr viel getan, aber bei der praktischen Umsetzung gibt es noch einiges zu tun.
Eine andere grundsätzliche Frage ist die nach den Minderheitenrechten der Aleviten in der Türkei. Wir haben im Moment eine islamisch-verwurzelte Regierung an der Macht, und für die Eliten in der AKP [Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung des regierenden Premierministers Erdogan, Adalet ve Kalkınma Partisi, AKP, Anm. d. Red.] ist es eine große Herausforderung, dies wahrzunehmen und etwas für die Rechte der Aleviten und ihre Gemeinschaft zu tun.
Die wichtigste Frage in der türkischen Bevölkerung dreht sich jedoch um den Verlust der nationalen und religiösen Identität. Wenn man aber die Oberfläche durchstößt, so wird man feststellen – so ist zumindest meine Einschätzung –, dass in den kommenden Jahren diese Frage mehr und mehr an Bedeutung verlieren wird, weil besonders die jüngere Generation erkennen wird, wie viel die Türkei von einer EU-Mitgliedschaft profitieren würde.
Welche Gruppen in der Türkei profitieren vom geplanten Beitritt, wer sind die Verlierer?
Die jüngeren Menschen in der Türkei werden von einer EU-Mitgliedschaft der Türkei profitieren und ich denke, dass wissen sie auch. Die wirkliche Herausforderung ist im Moment, dass gerade diese Generation die EU und eine Mitgliedschaft der Türkei nicht besonders unterstützt. Sie werden momentan vor allem von den nationalistischen und religiösen Bewegungen angezogen, die linken Parteien hingegen haben ihren Reiz in den vergangenen zwei Jahrzehnten verloren. Besonders die EU-feindlichen, reaktionären Kräfte und die religiösen Gruppen haben an Attraktivität für die Jugend gewonnen. Für die türkische Politik der kommenden Jahre heißt diese große Aufgabe, die Jugendlichen aktiv für das Projekt Europa zu gewinnen und ihnen zu signalisieren, dass ihre Zukunft in Europa liegt und sie davon in hohem Maße profitieren werden.
Das betrifft nicht den Bereich Landwirtschaft. Dort ist man sich darüber im Klaren, dass eine EU-Mitgliedschaft keine Vorteile bringen wird. Deswegen schrumpft der agrarische Sektor in der Türkei, Urbanisierung und Abwanderung in die Städte sind die Folge. Die Städte wiederum werden sich umformen in Richtung EU, den Anforderungen anpassen. Die Geschäftswelt hat schon lange erkannt, dass ihre Zukunft in Europa liegt. Die wirklichen, großen Verlieren sind die Bürokraten und der eingesessene Militär- und Polizeiapparat. Sie sind sehr mächtig und können nur durch die junge Generation entthront werden, da die ältere Generation oftmals bestechlich ist. Es liegt auf der Hand, dass die gutsituierten, alten Herren aus der Geschäftswelt nicht in Oppoistion zu den Bürokraten gehen würden. Dafür bestehen viel zu viele Verflechtungen. Nur eine kleine, europäisch-orientierte Gemeinschaft in der Geschäftswelt kümmert sich kraftvoll und aktiv um die Annäherung an Europa. Der Großteil der "business community" wartet ab. Eine Gefahr stellt das Aufkommen einer islamistischen Gemeinschaft unter den Geschäftsleuten dar. In kleineren anatolischen Städten gibt es sie, die so genannten "islamischen Calvinisten".
Womit werden sich die Diskussionen in den nächsten Jahren beschäftigen?
In den kommenden Jahren werden die Menschen anfangen, sich über die wirklichen Herausforderungen einer EU-Mitgliedschaft auseinanderzusetzen. Meiner Ansicht nach ist die wirkliche Aufgabe die, zum Steuerraum der EU zu gehören. Die Frage nach der Identität, auch wenn sie sehr bedeutsam ist, wird meiner Einschätzung nach langfristig an Bedeutung verlieren. In einer demokratischen Umgebung zu leben ist das einzige Heilmittel, um auch diese Herausforderungen zu meistern. Wenn einmal die institutionellen Voraussetzungen geschaffen sind, werden Fragen nach der nationalen Identität eventuell recht schnell von der Agenda verschwinden.
Das Interview entstand auf der Konferenz "The Importance of Being European: Turkey, the EU, and the Middle East" vom 13. - 15. Mai 2006 in Berlin.
weitere Inhalte:
- Der EU-Beitritt aus dem Blickwinkel der Türkei
- Die europäische Debatte
- Die feministische Debatte
- Die juristische Debatte
- Die politische Praxis: Institutionen und Verfahren
- Die religiöse Debatte
- Die Türkei als Modell für die arabischen Staaten?
- Die Türkei in der EU: Heftiger Ausschlag des Stimmungsbarometers
- Die Türkei und die europäische Identität
- "Europa muss positiver auf die Umbrüche reagieren"
- Herausforderungen im 21. Jahrhundert
- Konfliktstoff Kopftuch
- Menschen- und Minderheitenrechte: die Türkei und die europäischen Standards
- Nicht nur "ein Stück Stoff"
- Religionsfreiheit oder Neutralitätsgebot?
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