Opposition activists carry the Ukrainian national flag during an action of protest against the current regime in Kiev, Ukraine, Saturday, May 18, 2013. (AP Photo/Efrem Lukatsky)

13.6.2013 | Von:
Dr. Kerstin Zimmer

Analyse: Die fortwährende Rückkehr

Arbeitsmigration betrifft direkt oder indirekt weite Teile der ukrainischen Bevölkerung. In den Hauptaufnahmeländern westlich der Ukraine lassen sich mittlerweile zahlreiche Ukrainer permanent nieder, andere haben sich im Pendeln eingerichtet. Das Rückkehrpotenzial ist geringer als von der ukrainischen Regierung gewünscht. Die staatliche Politik unterstützt (potenzielle) Rückkehrer kaum – diese Aufgabe wird von internationalen und zivilgesellschaftlichen Organisationen übernommen.

Ukraine - Nationaleinkommen um ein Viertel gesunkenUkrainische Arbeiter - Wegen einem desolaten Nationaleinkommen ist die Arbeitsmigration sehr hoch. (© picture-alliance/dpa)

1. Ukrainische Arbeitsmigranten im Ausland

Während des wirtschaftlichen Niedergangs der 1990er Jahre wanderten immer mehr Ukrainer und Ukrainerinnen (zeitweise) aus auf der Suche nach besserer Entlohnung oder Beschäftigungsmöglichkeiten. Dabei eroberten sie schließlich auch neue Arbeitsmärkte in Südeuropa, in denen die Nachfrage nach billigen Arbeitskräften im informellen Sektor hoch ist. Die Weltbank geht davon aus, dass fast 15 Prozent der ukrainischen Bevölkerung zumindest zeitweise im Ausland gearbeitet haben. 2008 lebten nach Schätzungen der ukrainischen Caritas 500.000 Ukrainer in Italien, 450.000 in Polen, je 200.000 in Spanien und Tschechien, 75.000 in Portugal, 60.000 in Griechenland und bis zu zwei Millionen in Russland – nur etwa ein Drittel davon mit Genehmigung. Die Rücküberweisungen betrugen nach Angaben der Weltbank 2010 mehr als fünf Milliarden Dollar. Ukrainische Wissenschaftler sprechen gar von 20–25 Milliarden Dollar. Etwa die Hälfte des Geldes kommt aus Russland, ein Drittel aus den EU-Staaten. Die meisten Rücküberweisungen tätigen Pendelmigranten. Der Anteil der Rücküberweisungen am ukrainischen Bruttoinlandsprodukt beträgt fast vier Prozent – und ist damit etwa doppelt so hoch wie im klassischen Entsendeland Mexiko. Die jährlichen Rücküberweisungen sind ebenso hoch wie Auslandsinvestitionen. Allerdings werden sie – bislang – fast ausschließlich für Konsumzwecke ausgegeben. Die Migranten, die seit 1991 die Ukraine (zeitweise) verlassen haben, sind eine sehr heterogene Gruppe. Es gibt verschiedene Typen von Arbeitsmigranten: 1) junge, oft Studierende, die für eine Weile – oft in den Semesterferien – ins Ausland gehen, um dort Geld zu verdienen und Erfahrungen zu sammeln. 2) Personen, die langfristig ins Ausland gehen, manchmal mit der ganzen Familie, und dort eine angemeldete Arbeit aufnehmen. Auch dabei handelt es sich oft um junge Leute, die etwas Neues ausprobieren wollen. Junge Leute pendeln weniger, da sie seltener Angehörige in der Ukraine haben, um die sie sich kümmern müssen. Zumeist senden sie auch wenig Geld in die Ukraine. Und 3) Personen, die aus finanzieller Notwendigkeit ins Ausland gehen und häufig unterhalb ihres Qualifikationsniveaus arbeiten.

Viele pendeln zwischen der Ukraine und dem Aufnahmeland. Ein Großteil arbeitet im grauen Sektor, viele bleiben über den Gültigkeitszeitraum ihres Touristenvisums im Land und rutschen damit in die aufenthaltsrechtliche Irregularität. Nur wenige nutzen bestehende Programme der zirkulären Migration und andere Formen der Arbeitsvermittlung, die auf zwischenstaatlichen Abkommen beruhen. Sie verlassen sich eher auf private Netzwerke oder Vermittlungsfirmen, die sich für Geld auch um Transport und Formalitäten kümmern. Jene ohne Papiere im Ausland fühlen sich häufig ungeschützt und lassen sich auf den Schutz von (kriminellen) Netzwerken ein. Da die Migranten im Ausland mehr verdienen, steigen sie im Vergleich zur Herkunftsgesellschaft sozial auf. Gleichzeitig steigen sie sozial ab, denn auch gebildete Personen müssen unqualifizierte Arbeiten annehmen wie Tätigkeiten im Bausektor, der Landwirtschaft oder Fürsorgeleistungen in Privathaushalten. Wenn sie irregulär beschäftigt sind, genießen sie weder Arbeitsschutz noch Arbeitszeitregelungen. In den vergangenen Jahren haben sich die Struktur und das Verhalten der ukrainischen Arbeitsmigranten in der Europäischen Union derart gewandelt, dass man auf Bleibeabsichten zahlreicher Migranten schließen kann. Vor allem jüngeren Migranten gelingt es, qualifiziertere Beschäftigungen anzunehmen. Zudem steigt die Zahl der Legalisierungen. Spanien und Italien führen regelmäßig Legalisierungswellen durch, von denen auch Ukrainer profitieren – zuletzt in Italien im Jahr 2012. Polen und Tschechien bemühen sich, legale Wege für ukrainische Migranten zu eröffnen. Auch in Italien, Spanien und Portugal versuchen Ukrainer, reguläre Arbeit zu bekommen. In allen Aufnahmeländern haben sie inzwischen zahlreiche Nichtregierungsorganisationen (NRO) gegründet, besonders in Spanien und Italien. Viele entstanden rund um Versammlungszentren der Griechisch-Katholischen Kirche und dienen der gegenseitigen Hilfe und dem kulturellen Leben. Auch Samstagsschulen für Kinder wurden eingerichtet. Während die sogenannte vierte Welle der 1990er und 2000er Jahre Arbeitsmigranten bezeichnet, die aufgrund ihres prekären Status zumeist alleine zwischen dem Aufnahmeland und der Ukraine pendeln, zeichnet sich eine fünfte Welle zunehmend durch Familienmigration aus. Allerdings führt dies nicht zu einem Abebben der (temporären) Auswanderung. Die Dynamik der Arbeitsmigration erfasst immer mehr Menschen, die im Heimatland relativ depriviert werden. Durch die Rücküberweisungen steigen die Preise, so dass zusätzliches Einkommen für alle erforderlich wird, welches wiederum zum Teil im Ausland verdient wird. Für Migranten, die bereits mehrfach im Ausland waren, steigt mit jedem neuen Aufenthalt die Wahrscheinlichkeit für weitere Aufenthalte. Pendelmigration wird zur Lebensform, die Menschen lassen sich sozusagen in der Mobilität nieder.

2. Die Rückkehr

Hinsichtlich ihres Rückkehrpotenzials lassen sich grob drei Generationen von Migranten unterscheiden: eine ältere Generation (50–60 Jahre) unterstützt ihre Familie in der Ukraine für einige Jahre und kehrt dann zurück, um ihren Lebensabend in gewohnter Umgebung zu verbringen. Die zweite Generation ist 36–45 Jahre alt und hat in der Regel Familie in der Ukraine. Im Aufnahmeland oft fremd, fühlen sie sich bei Besuchen in der Ukraine auch zunehmend als Außenstehende. Die jüngste Generation umfasst Personen unter 30 Jahren, die ungebunden und anpassungsfähig sind. Ihre Rückkehr ist unwahrscheinlich, da sie gute Integrationsmöglichkeiten in verschiedenen Ländern haben. Speziell bei der zweiten Gruppe ist die Diskrepanz zwischen Rückkehrabsicht und Umsetzung groß. Untersuchungen zeigen, dass mehr als zwei Drittel der Migranten im Prinzip in die Ukraine zurückkehren wollen, aber oft keinen Zeitpunkt dafür angeben können. Einstweilen schicken sie Geld, das insbesondere für die Ausbildung der Kinder, die Anschaffung dauerhafter Konsumgüter oder den Immobilienerwerb verwendet wird. 90 Prozent setzen so ihre Zukunftspläne in der Ukraine um. Allerdings kehrt nur weniger als ein Viertel der Arbeitsmigranten dauerhaft zurück. Die Gründe dafür sind vielfältig. Oftmals ist ihr Kontakt in die Ukraine geschwächt, weil sie sich im Aufnahmeland irregulär aufhalten und daher nicht einfach zu Besuchen in die Ukraine ausreisen können. Dies betrifft vor allem Migranten in Südeuropa, die nach Ablauf ihres Touristenvisums in die aufenthaltsrechtliche Irregularität geraten. Je weiter entfernt von der Ukraine sich das Aufnahmeland befindet, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Migranten dort bleiben. Es ist teuer, den Kontakt aufrecht zu erhalten, da sowohl Reisen als auch Telefonate kostspielig sind. Migranten in Polen, Ungarn, Slowakei, Tschechien halten eher den Kontakt und kehren zurück. Als die internationale Finanzkrise 2009 die EU-Staaten erfasste, hofften viele ukrainische Politiker, die Arbeitsmigranten würden aufgrund mangelnder oder ungünstiger Arbeitsbedingungen und Entlassungen massenhaft in die Ukraine heimkehren. Es kamen jedoch weniger zurück als erhofft. Und nur etwa 10 Prozent der Rückkehrer tun dies aufgrund der sich verschlechternden ökonomischen Lage in den Aufnahmeländern. Die meisten (80 Prozent) kommen aus familiären Gründen zurück oder weil sie ihre (finanziellen) Ziele zunächst erreicht haben. Die Ukraine war selbst massiv von der Finanzkrise betroffen. Steigende Arbeitslosenzahlen und sinkende Einkommen verringerten die Attraktivität einer Rückkehr. Außerdem nahmen zahlreiche Migranten Arbeit zu niedrigeren Löhnen an, die aber die ukrainischen Löhne immer noch bei weitem überstiegen. Manche wanderten in andere Städte oder in Nachbarländer weiter, so zum Beispiel von Portugal nach Spanien. Die Arbeitsmigranten passen sich also an sich verändernde Rahmenbedingungen an. Auch für diejenigen, die aufgrund der Krise zurückkehren, könnte es nur ein temporärer Aufenthalt sein. Die meisten planen weitere Auslandsaufenthalte. Einige Staaten wie Spanien, die Tschechische Republik oder Belgien haben seit 2008 Programme für die freiwillige Rückkehr von Migranten implementiert. Spanien führt beispielsweise ein Programm durch, das sich an jene regulären Arbeitsmigranten wendet, die den Gesamtbetrag ihrer Arbeitslosenleistungen sofort mitnehmen wollten. 40 Prozent werden in Spanien ausgezahlt, um die Rückreise zu ermöglichen, und 60 Prozent im Heimatland. Die Migranten sollen die Möglichkeit erhalten, nach drei Jahren wieder nach Spanien zu kommen. Die Krux ist, dass das Programm sich nur an gemeldete Arbeitsmigranten wendet und begleitende Maßnahmen wie die Vorbereitung auf die Rückkehr – vor allem für die Kinder – fehlen. Außerdem geht es einigen Migranten, selbst wenn sie arbeitslos sind, in Spanien unter Umständen besser als in der Ukraine, weil sie kostenlosen Zugang zur Gesundheitsversorgung haben, ihre Kinder zur Schule schicken können und an Umschulungsmaßnahmen teilnehmen können, unabhängig von ihrem Status. Je länger sie sich in Spanien aufgehalten haben, desto mehr Rechte werden ihnen zugestanden. Viele rückkehrwillige Ukrainer wissen aber nichts von diesen Programmen. Studien zeigen, dass nur etwa 11 Prozent der Rückkehrer entsprechende Programme kennen. Ihnen fällt es schwer, überhaupt heimzukehren, häufig aufgrund mangelnder finanzieller Ressourcen.


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